Gumbrecht: Nach 1945 – Latenz als Ursprung der Gegenwart

(Rezension aus Sezession 52 / Februar 2013)

von Karlheinz Weißmann

Der Rezensent liest Gumbrecht mit einem immer wiederkehrenden Gefühl der Enttäuschung.

 Gastbeitrag

Fremde Federn reichen Beiträge ein. Sind sie gut, bringen wir sie.

Es gibt garan­tiert irgend­ei­nen bril­lan­ten Gedan­ken, dem zu fol­gen sich lohnt, einen Sach­ver­halt, den er nennt und über den man gern Genaue­res wüß­te. Aber kei­ne Erwar­tung wird erfüllt, die Tex­te Gum­brechts ver­lie­ren sich rasch in Belang­lo­sig­kei­ten oder ver­stie­ge­ne Argu­men­ta­tio­nen. Lei­der gilt das auch für die­ses Buch, einer Mischung aus Auto­bio­gra­phie und lite­ra­tur­wis­sen­schaft­li­cher Exege­se, des­sen Leit­mo­tiv – die unglaub­li­che Men­ge der Mög­lich­kei­ten nach der »Ent­glei­sung der Geschich­te« – ein­fach nicht genug her­gibt, um den Lebens­weg in der Nach­kriegs­zeit mit dem grö­ße­ren Gan­zen zu ver­knüp­fen. Denn im Kern geht es nur dar­um, daß Gum­brecht wie die meis­ten kids von Marx und Coke kein Deut­scher mehr sein woll­te, und dar­um, daß die »Latenz« die­ses Wun­sches vom all­fäl­li­gen Kon­flikt mit dem Vater über die bereit­wil­lig akzep­tier­te ree­du­ca­ti­on und den Unsinn von ’68 bis zur Annah­me der ame­ri­ka­ni­schen Staats­bür­ger­schaft reichte.

Und selbst das muß man müh­sam her­aus­schä­len, wäh­rend Gum­brecht frü­her, unmit­tel­bar nach den Anschlä­gen vom 11. Sep­tem­ber, ganz unver­blümt gesagt hat, wie wohl ihm sei, end­lich aus sei­ner deut­schen Haut her­aus­zu­kom­men: »Die­se Bom­ben haben unser Land getrof­fen, wir fürch­ten uns davor, den Geruch unse­rer ver­brann­ten Toten ein­zu­at­men, und ich hof­fe, nie­mand wird die Geduld haben, mit denen zu ver­han­deln, die begie­rig sind, sich selbst zu sol­chen Bom­ben zu machen. Gefüh­le des Patrio­tis­mus, Gefüh­le der natio­na­len Ernied­ri­gung und der Hoff­nung auf Rache inner­halb von zwei Tagen ken­nen­zu­ler­nen hat mich über­wäl­tigt. Aber es macht mich auch stolz …«

Hans Ulrich Gum­brecht: Nach 1945. Latenz als Ursprung der Gegen­wart, Ber­lin: Suhr­kamp 2012. 355 S., 24.95 €

 Gastbeitrag

Fremde Federn reichen Beiträge ein. Sind sie gut, bringen wir sie.

Nichts schreibt sich
von allein!

Das Blog der Zeitschrift Sezession ist die wichtigste rechtsintellektuelle Stimme im Netz. Es lebt vom Fleiß, von der Lesewut und von der Sprachkraft seiner Autoren. Wenn Sie diesen Federn Zeit und Ruhe verschaffen möchten, können Sie das mit einem Betrag Ihrer Wahl tun.

Verein für Staatspolitik e.V.
DE86 5185 0079 0027 1669 62
HELADEF1FRI

Kommentare (0)

Für diesen Beitrag ist die Diskussion geschlossen.