Nicht 1A – Sebastian Groß über das Selbstbild deutscher Gefangener in England

(Rezension aus Sezession 52 / Februar 2013)

von Olaf Haselhorst

Der Autor befaßt sich in seiner soziologischen Studie mit dem Selbstbild gefangener deutscher Soldaten in England anhand von Abhörprotokollen.

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Die Sol­da­ten wur­den dafür von den Bri­ten in einem Son­der­la­ger unter­ge­bracht und mit­tels Spit­zeln zu Gesprä­chen ermun­tert. Dabei fällt auf, daß Groß ohne Begrün­dung davon aus­geht, daß die­se Spit­zel uner­kannt blie­ben und die Sol­da­ten nicht merk­ten, daß man sie aus­hor­chen woll­te. Das erscheint selt­sam, denn die Memoi­ren­li­te­ra­tur ist voll von Schil­de­run­gen über die Kriegs­ge­fan­gen­schaft und dem Spit­zel­un­we­sen in den Lagern. Die­se wur­den rela­tiv schnell erkannt. War­um soll­te es hier nicht der Fall gewe­sen sein?

Die Art und Wei­se der Gefan­gen­schaft – kom­for­ta­ble Unter­brin­gung, üppi­ge Ver­pfle­gung, kei­ne Zwangs­ar­beit, Zeit für Muße und Gesprä­che – muß die Gefan­ge­nen mit der Nase dar­auf gesto­ßen haben: Hier woll­te man ihnen mili­tä­ri­sche Inter­na und all­ge­mein­po­li­ti­sche Ein­stel­lun­gen ent­lo­cken. Die­se Umstän­de soll­ten kei­nen Ein­fluß auf ihre Aus­sa­gen gehabt haben? Die Äuße­run­gen der Sol­da­ten wer­den nicht kri­tisch hin­ter­fragt. Ob Selbst­er­leb­tes oder Hören­sa­gen – sind die geschil­der­ten Ereig­nis­se veri­fi­zier­bar? Ein Offi­zier will 1943 in Sim­fero­pol eine Mas­sen­exe­ku­ti­on von 40000 Juden gese­hen haben, dabei waren die Mord­ak­tio­nen der Ein­satz­grup­pe D bereits im Früh­jahr 1942 mit der Mel­dung »Krim juden­rein« been­det wor­den. In bezug auf »irre­gu­lä­re Gewalt« gegen Par­ti­sa­nen ver­mei­det es Groß, die dama­li­ge Rechts­la­ge dar­zu­le­gen, so daß der Leser den Ein­druck gewin­nen muß, die stand­recht­li­che Erschie­ßung von zwei­fels­frei als Frei­schär­ler erkann­ten Kämp­fern sei per se nicht recht­mä­ßig gewe­sen. Ähn­li­ches gilt für die Geiselproblematik.

Auch macht der Autor kei­nen Unter­schied zwi­schen Requi­rie­rung, Dieb­stahl oder Plün­de­rung. Einen wesent­li­chen Punkt hat Groß völ­lig unbe­ach­tet gelas­sen: Men­schen sagen aus unter­schied­li­chen Grün­den die Unwahr­heit, etwa um sich wich­tig oder sym­pa­thisch zu machen oder um Aner­ken­nung zu fin­den. Sie pas­sen sich in ihren Aus­sa­gen ihrer Umwelt an. Groß’ man­geln­de Kennt­nis mili­tä­ri­scher Ter­mi­no­lo­gie fällt auf: Der Ers­te Gene­ral­stabs­of­fi­zier heißt nicht »1A«, son­dern »Ia«, Arme­en wer­den mit ara­bi­schen und nicht mit römi­schen Zif­fern nume­riert. Hier liegt der Grund für Groß’ feh­len­de Quel­len­kri­tik: Er ist kein Mili­tär­his­to­ri­ker und nicht kom­pe­tent genug, die Aus­sa­gen der Abge­hör­ten sach­ge­recht zu bewerten.

Sebas­ti­an Groß: Gefan­gen im Krieg: Front­sol­da­ten der Wehr­macht und ihre Welt­sicht, Ber­lin: bebra Ver­lag 2012. 335 S., 36 €

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