Millionengrab Abtreibung

philipp(Rezension aus Sezession 52 / Februar 2013)

Die Abtreibungsfrage ist eine heikle Sache. Man kann sich ihr auf verschiedenen Wegen annähern, aus ethischer, sozialer, frauenrechtlerischer, religiöser Sicht. Allein: Wer tut das schon? Das Thema, wiewohl wochentäglich hundertfache Praxis in Deutschland, wird ausgeklammert vom Diskursrauschen.

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

Die sich den­noch dazu äußern, argu­men­tie­ren gera­de auf­grund die­ser tabuar­ti­gen Ein­kap­se­lung des The­mas (»dar­über spricht man nicht«) emo­tio­nal. Appel­le an ver­leug­ne­te Mut­ter­ge­füh­le einer­seits, ande­rer­seits Selbst­be­stim­mungs­pa­ro­len und blan­ker Haß, ter­ti­um non datur. Man den­ke an die aggres­si­ven Gegen­de­mons­tran­ten, die all­jähr­lich in Ber­lin den Defensiv-»Marsch für das Leben« flankieren!

Der pen­sio­nier­te Wirt­schafts­an­walt Wolf­gang Phil­ipp ver­leug­net nicht, auf wel­cher Sei­te er steht; auf der des unge­bo­re­nen Lebens. Sein pro­fun­des Buch wid­met sich gleich­wohl (fast) nüch­tern der Rol­le des demo­kra­ti­schen Rechts­staats in der Abbruch­fra­ge. Daß Phil­ipp dabei knapp 150 Sei­ten Text in 38 Kapi­tel (etwa »Das Ver­hal­ten der gesetz­li­chen Kran­ken­kas­sen«, »Heb­am­men unter Druck«, »Die poli­ti­sche Indi­ka­ti­on«) auf­ge­teilt hat, gereicht dem dich­ten Büch­lein zum Vor­teil. Minu­ti­ös zeich­net der Autor die juris­ti­schen und poli­ti­schen Que­re­len rund um die Abtrei­bungs­fra­ge der ver­gan­ge­nen 40 Jah­re nach. Wie ver­druckst und para­dox doch die Begrün­dun­gen sind, die eine bis heu­te rechts­wid­ri­ge Tat zu einer nicht nur straf­frei gedul­de­ten, son­dern weit­hin aus staat­li­chen Mit­teln finan­zier­ten »medi­zi­ni­schen Ver­sor­gung« wer­den ließen!

»Wer ein Kind abtreibt, spart auf Jah­re des­sen Unter­halt. Dann ist ihm wenigs­tens zuzu­mu­ten, die Kos­ten der Abtrei­bung zu tra­gen und nicht der Soli­dar­ge­mein­schaft auf­zu­bür­den«, so Phil­ipp. Allein, daß er sei­ne eige­ne Per­son – Phil­ipp hat­te in den acht­zi­ger Jah­ren als Anwalt eine Redak­teu­rin ver­tre­ten, die mit ihren Kas­sen­bei­trä­gen kei­ne Abtrei­bun­gen finan­zie­ren woll­te – stets als »der Autor« ins Spiel bringt, erschwert den Lese­fluß auf man­cher Stre­cke. Immer­hin kom­men neben dem Autor unge­zähl­te ande­re Autoren ins Spiel. Etwa die Bun­des­re­gie­rung, die eine Klei­ne Anfra­ge des CDU-Abge­ord­ne­ten Hubert Hüp­pe beant­wor­te­te: Von 1996 bis 2003 hat­ten die Län­der den Kran­ken­kas­sen exakt 250.532352,60 Euro für die Tötung von 810947 Unge­bo­re­nen erstat­tet. Die paar Hun­dert Mil­lio­nen Euro dürf­ten dabei die bedeu­tungs­lo­se­re Sal­dos­tel­le ausmachen.

Wolf­gang Phil­ipp: Zer­stör­te Zukunft. Wie Deutsch­land sei­nem Nach­wuchs die Geburt ver­wei­gert. Eine fäl­li­ge Abrech­nung, Bad Schus­sen­ried: Ger­hard Hess Ver­lag 2012. 160 S., 16.80 €

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

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