Sezession
1. April 2012

Warum wir in Afghanistan nicht gewinnen können

Gastbeitrag

Das Zeitgemäße der Stammesstruktur

In einem Land wie Afghanistan nation-building betreiben zu wollen, nach Maßgabe moderner europäischer Staats- und Rechtsordnungen mit ihren Korrelaten Zivilgesellschaft, Parteienpluralismus, Säkularisierung, Individualismus und Menschenrechten, kommt dem Versuch gleich, den sprichwörtlichen Pudding an die Wand zu nageln. Dergleichen setzt eine spezifisch europäische Entwicklung voraus, die im Lehnswesen und seiner Auflösung ihren Ausdruck fand, wodurch die aus den alten Bindungen »freigesetzten« Individuen sich unter kapitalistischem Vorzeichen in Bürgertum und Arbeiterschaft neu formierten. Der säkulare, laizistische moderne Rechtsstaat trat an die Stelle der religiös legitimierten alten Feudalordnung und lieferte als Nationalstaat auf der Grundlage einer als je eigenständig wahrgenommenen und geförderten Kultur eine neue ideelle Klammer für die – unterschiedlichen Interessen verpflichteten – Bürger.

Keine dieser Bedingungen liegt in Afghanistan vor, in dem grenzüberschreitende, auf Verwandtschafts- und Clan­strukturen basierende Stammeskonföderationen das Sagen haben, wie sie im zentralasiatischen Raum seit jeher geschichtsbestimmend waren. Dabei handelt es sich nicht um feudale Gebilde, sondern um durch Religion und Brauchtum integrierte Rechts- und Loyalitätsgemeinschaften. Die einzelnen Segmente dieser Stämme schließen sich aufgrund von Stammbaumbeziehungen bei gegebener Interessenlage zeitweilig gegen ungefähr gleich große Gruppen innerhalb des Stammes zu größeren Verbänden zusammen, zerfallen aber ebenso schnell wieder in ihre Komponenten. Diese »komplementäre Opposition« manifestiert sich in erster Linie bei Rechtsstreitigkeiten und den häufig damit zusammenhängenden kriegerischen Konflikten, aber auch in anderen politischen Situationen wie bei der Besetzung vakanter Führungsämter. Dadurch wird ein gruppenweise organisiertes Aufgebot möglich. Gruppenziele lassen sich auf Kosten anderer Gruppen durchsetzen, mit denen man aber bei geänderten Verhältnissen wieder zusammengeht. Man könnte solchen Gruppen das Motto unterstellen: »Der Feind meines Feindes ist auch mein Feind.«

Die heute etwa 40 Millionen Paschtunen besitzen solch eine segmentäre Organisation. Sie gelten als größte Stammesgesellschaft der Welt. Sie führen sich auf einen gemeinsamen Stammvater zurück, Qais Abdur Raschid. Exakte Zahlen sind schwer zu bekommen, aber als Faustregel kann man von zwölf Millionen in Afghanistan (40 Prozent der Gesamtbevölkerung) und 25 bis 27 Millionen in Pakistan (ca. 15 Prozent der Gesamtbevölkerung) ausgehen. Die beiden großen paschtunischen Stammeskonföderationen der Ghilzai und Abdali spielen bis heute eine überragende Rolle. Mal gingen sie gegen einen gemeinsamen Gegner vor, um dann wieder gegeneinanderzustehen.

Der bewaffnete Widerstand gegen die Versuche Großbritanniens, Afghanistan im 19. Jahrhundert im Zuge des Great Game unter direkte Kontrolle zu bringen, wurde maßgeblich von den Ghilzai getragen. Das Muster ständig wechselnder Allianzen sogar innerhalb eines Stammes nach dem Prinzip der komplementären Opposition liegt auch gegenwärtigen Konfliktlagen zugrunde. Drei der prokommunistischen Präsidenten Afghanistans waren Ghilzai-Paschtunen (Muhammad Taraki, Hafizullah Amin, Muhammad Nadschibullah), aber auch die Taliban rekrutierten sich vornehmlich aus den Reihen der Ghilzai. Der heutige Präsident Afghanistans, Hamid Karzai, gehört dagegen dem Durrani-Unterclan der Popalzai an und ist ein Nachfahre von Achmad Schah Durrani.

Es wäre ein fataler Irrtum, solche Stammesstrukturen als »mittelalterlich« abzutun, denn damit ist ja die Vorstellung der Rückständigkeit verbunden und die Überzeugung, diese Strukturen im Zuge der »Modernisierung« durch nation-building überwinden zu können. Stammesstrukturen sind vielmehr in der Moderne angekommen. In Karatschi leben heute rund eineinhalb Millionen Paschtunen, die das private Transportwesen beherrschen. Paschtunen sind weltweit online vernetzt (www.pashtunforums.com).

Die transnationalen Stammesnetzwerke geben den Stammesgenossen Vorteile, die keine nationale Zugehörigkeit bieten könnte. Daher resümiert der Orientalist Olivier Roy: »Die Stämme sind zur Welt hin offen. Das Stammessystem verschwindet nicht, es paßt sich der Globalisierung und den supranationalen Ideologien an. Der Stamm existiert weiter und greift auf die ganze Welt über, was oft mit wirtschaftlicher Globalisierung einhergeht (Beteiligung am Drogenhandel, an Schmuggel, an Arbeitsmigration)«. Die Taliban nutzen jedenfalls die Vernetzung der Stammesstrukturen gewinnbringend zur Erhebung von Zöllen bei Drogenanbau und Schmuggel.


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