Comics (3) – Jacques Martin und “Réfléchir & Agir”

Wie ich bereits in der letzten Folge meiner kleinen Serie über Comics vues de droite angemerkt habe, ...

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

… haben die ban­des desi­nées bzw. fum­et­ti in der popu­lä­ren Kul­tur Frank­reichs und Ita­li­ens einen weit­aus höhe­ren Stel­len­wert als in Deutsch­land. Beson­ders im fran­ko­pho­nen Raum erfreu­en sich die Bil­der­fol­gen gro­ßer Wert­schät­zung, und Gestal­ten wie Tin­tin, Aste­rix oder Spi­rou gel­ten als natio­na­le Klassiker.

Das läßt sich z.B. von Fix und Foxi und ähn­li­chen deut­schen Pro­duk­ten, deren Qua­li­tät deut­lich gegen­über den fran­zö­si­schen abfällt, nur sehr ein­ge­schränkt sagen. Kein Wun­der also, daß Comics auch in der “Meta­po­li­tik” der diver­sen Nou­vel­le Droi­tes eine nicht gerin­ge Rol­le spielen.

Gele­gen­heit, an die­ser Stel­le das Maga­zin Réflé­chir & Agir (“Über­le­gen und Han­deln”) vor­zu­stel­len, unter­ti­telt “revue auto­no­me de dés­into­xi­ca­ti­on idéo­lo­gi­que”, also etwa “auto­no­me Zeit­schrift für ideo­lo­gi­sche Ent­gif­tung”, der frei­lich eine “into­xi­ca­ti­on” ande­rer Art gegen­über steht. Die Hef­te sind nicht ganz leicht zu bekom­men, und die Inter­net­prä­senz des Maga­zins ist ziem­lich dürftig.

Ein Freund hat mir vor eini­ger Zeit ein paar Hef­te impor­tiert, und ich war erstaunt bis begeis­tert über Auf­ma­chung und Inhalt.  R&A ist auf­wen­dig pro­du­ziert, durch­ge­hend attrak­tiv bebil­dert und auf hoch­wer­ti­gem Papier gedruckt, dabei scharf­kan­tig rechts bis “fascisant”, zugleich aber ver­blüf­fend eklek­ti­zis­tisch und undog­ma­tisch. Vor allem eines ist das Maga­zin nicht: langweilig.

Man ver­steht sich als neu­heid­nisch, anti­christ­lich und “iden­ti­tär”, die The­men sind klas­sisch “neu­rechts”, wie etwa die obli­ga­te Pfle­ge von Iko­nen wie  Juli­us Evo­la, Ernst Jün­ger, René Gué­non, Emil Cior­an oder Jean Ras­pail und von Dau­er­bren­nern wie “Eth­nop­lu­ra­lis­mus”, Regio­na­lis­mus, Anti-Glo­ba­lis­mus und Eura­sien­be­we­gung (Alex­an­der Dugin);  dabei wird “libé­rons-nous des colo­nies” eben­so gefor­dert wie eine “jeu­nesse euro­péen­ne du sang et du sol” und ein “Euro­pe des patries”.

Die Autoren sind mit­un­ter hoch­ka­rä­tig. In Heft 21/2005 schrieb der Schrift­stel­ler Jean Par­vu­les­co, Evo­lia­ner und Weg­ge­fähr­te der Nou­vel­le Vague, über “Ange­la Mer­kel au pou­voir, un dan­ger pour Euro­pe”, ein wei­te­rer pro­mi­nen­ter Mit­ar­bei­ter des Hef­tes war der 2006 ver­stor­be­ne  Jean Mab­i­re. Gar­niert wird das Gan­ze mit Skur­ri­li­tä­ten wie einem Inter­view mit Bri­git­te Lahaie. Fixer Bestand­teil sind Dos­siers über Film­re­gis­seu­re wie Jac­ques Becker,  Pierre Schoe­n­do­erf­fer, Bert­rand Taver­nier oder auch Tim Bur­ton;  über Kult­bands wie Joy Divi­si­on und The Smit­hs und  Schrift­stel­ler wie Jack Lon­don, D. H. Law­rence oder James Ell­roy. Der Rezen­si­ons­teil behan­delt Neu­erschei­nun­gen im Bereich Pop, Neo­folk, Tech­no und Black Metal, eben­so Kin­der­bü­cher,  Sach­bü­cher, Bel­le­tris­tik, und eben auch Comics. Heft 17/04 stell­te den rech­ten Car­too­nis­ten und Sati­ri­ker Konk (geb. 1944) mit einem “ent­re­ti­en choc” vor.

Heft 21/2005 prä­sen­tier­te als Cover-Sto­ry den 1921 gebo­re­nen Zeich­ner und lang­jäh­ri­gen Mit­ar­bei­ter von Her­gé Jac­ques Mar­tin mit einem lan­gen Inter­view. Mar­tin ist der Schöp­fer des Klas­si­kers Alix. Die anti­ken Aben­teu­er­ge­schich­ten im Stil der ligne clai­re kann man als  eine Art Bin­de­glied zwi­schen Tin­tin und Aste­rix beschrei­ben. R&A zitier­te den Schrift­stel­ler Jean-Lou­is Cur­tis, der die lite­ra­ri­schen Qua­li­tä­ten des Comics pries:

(Alix) war eine Offen­ba­rung. Ich habe dar­in den Atem der gro­ßen Roma­ne von Wal­ter Scott und von Lewis Wal­lace’ Ben-Hur wie­der­ge­fun­den, das Cine­ma­scope, das mich im Nach­kriegs­ki­no so ent­zückt hat. Es gibt in Alix kei­nen mora­li­schen Manichäis­mus, wenn man auch weiß, daß er alles Recht auf sei­ner Sei­te hat. Er zwei­felt, lei­det,  er fühlt, er pro­vo­ziert heroi­sche Glanz­leis­tun­gen, und zur glei­chen Zeit sucht er nach sei­nen Wur­zeln. Alles, was ich an der Lite­ra­tur und am Kino schät­zen gelernt habe, habe ich in Alix wiedergefunden.

Für bun­des­deut­sche Ver­hält­nis­se ist ver­blüf­fend, daß ein popu­lä­rer Künst­ler einem Maga­zin der äußers­ten Rech­ten offen­bar unbe­fan­gen ein Inter­view gibt und sich dafür nicht ein­mal Ärger ein­han­delt  – man stel­le sich vor Hier & Jetzt wur­de das­sel­be mit Hans­ru­di Wäscher tun, der alte Herr fän­de kei­ne Ruhe mehr. Bemer­kens­wert emp­fand ich aller­dings auch das “Unpo­li­ti­sche” des Inter­views mit Mar­tin, das sich fast aus­schließ­lich um des­sen Leben und Kunst dreht.

Für mich ist das ein gutes Bei­spiel für eine geglück­te meta­po­li­ti­sche Anbin­dung:  eine rech­te Sub­kul­tur darf sich nicht stän­dig krampf­haft fra­gen, wie man was poli­tisch ver­wer­ten könn­te, son­dern sich mit wachem und auf­rich­ti­gem Inter­es­se den Din­gen, und dabei vor allem der Kunst, nähern. Es geht weni­ger um “Ver­ein­nah­mun­gen”, als um das wache Fin­den von  “Berüh­rungs­flä­chen”, wie es Peter Glotz ein­mal im Hin­blick auf Hans-Diet­rich San­der for­mu­lier­te. Wer die Augen auf­macht, wird davon auf Schritt und Tritt ent­de­cken. So wird sich viel­leicht ein­mal durch­set­zen, was für die Lin­ke selbst­ver­ständ­lich gilt,  daß auch die Rech­te einen Teil der Wirk­lich­keit ver­tritt, der allen gehört und von allen ver­stan­den wird.

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

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