26. Juni 2013

20. Todestag Herbert Gruhl

Gastbeitrag

9783935063562(Text aus dem Band Vordenker des Staatspolitischen Handbuchs, Schnellroda 2012.)

von Reinhard Falter

Herbert Gruhl war als Parteipolitiker und Publizist eine der wichtigsten Figuren des Versuchs, eine Öko-Partei zu gründen. Ohne Gruhl hätte es die »Grünen« nicht gegeben, mit ihm wären sie etwas ganz anderes geworden.

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Der Bauernsohn Gruhl, der 1957 über Hugo von Hofmannsthal promoviert wurde, war als Vertreter bäuerlicher Interessen 1969 für die CDU in den Bundestag gelangt und hatte sich zusammen mit dem damaligen Bundesvorstandsbeauftragten für Umweltfragen, Richard von Weizsäcker, um eine Profilierung der Union im neuen Themenbereich bemüht.

Dies gelang zunächst auch für den Wahlkampf 1972 mit dem »Programm für Umweltvorsorge «, in dem u. a. die Aussage eines notwendigen Wertewandels und einer Ausrichtung »stärker auf kulturelle als materielle Werte« stand. 1975 erschien Gruhls Buch Ein Planet wird geplündert, das sich bald zu einem Bestseller entwickelte und Gruhls Namen deutschlandweit bekannt machte. Darin entwickelt Gruhl eine Generalkritik am westlichen Lebensstil, den er von Materialismus und Irrationalismus geprägt sieht. Er fordert die »planetarische Wende«, die wieder von den Grenzen, die die Erde vorgibt, denkt, um das Überleben der Menschheit zu sichern. Als Mittel dazu empfiehlt er einen starken Staat, der als Öko-Diktatur den Egoismus des einzelnen zugunsten des Ganzen zurückdrängt.

Innerhalb der CDU wurde das Buch kaum öffentlich diskutiert, und die Partei ging ohne umweltpolitische Aussage in den Wahlkampf 1976. Daß Gruhl anschließend nicht mehr als Sprecher für Umweltfragen von Partei und Fraktion fungieren durfte, führte zur endgültigen Entfremdung von Gruhl mit seiner Partei, die er nicht mehr als seine politische Heimat empfand. Damit hatten die »Konservativen« bereits zu diesem Zeitpunkt ihre »Kronjuwelen« (Peter Glotz), ihr ureigenstes Thema, aus der Hand gegeben. Nachdem Gruhl öffentlich über die Notwendigkeit einer vierten Partei gesprochen hatte, trat er am 12. Juli 1978 aus der CDU aus und gründete einen Tag später die GAZ (Grüne Aktion Zukunft), mit der sich dann die AUD (Aktion unabhängiger Deutscher) des ehemaligen CSU-Vize August Hausleitner zusammenschloß. Dabei erschien zum erstenmal der Name DIE GRÜNEN/AUD. Das Programm war rein auf ökologische Anliegen ausgerichtet. Ein Jahr später entstand 1979 schließlich unter Beteiligung von GAZ, AUD und anderer die SPV (Sonstige Politische Vereinigung) »Die Grünen«.

Auch hier sollten ideologische Richtungskämpfe zugunsten der Umweltthematik zurücktreten, wie der Slogan »Weder links noch rechts, sondern vorn« unterstrich. Nach der Parteigründung im Januar wurde im März 1980 in Saarbrücken das Bundesprogramm der Grünen beschlossen. Gruhl verzichtete auf ein Vorstandsamt, da dieses Programm mehr der Logik des Habens als der des Seins verpflichtet wäre. Schon hier gründete sich die AGÖP (Arbeitsgemeinschaft Ökologische Politik bei den Grünen), die aus Mitgliedern der Grünen bestand, die des Übergewichts sozial- und minderheitspolitischer Themen leid waren. Dieses Übergewicht hielt an und verstärkte sich im Zuge der Parteiwerdung der Grünen. Unpopuläre Haltungen wie Wachstumskritik, Sparforderungen in der Sozialpolitik und Forderung nach Nachhaltigkeit konnten sich gegen die Emanzipationsbestrebungen der Parteilinken nicht durchsetzen.

Gruhl trat im Januar 1981 aus der Grünen- Partei aus und gründete im Oktober1981 die ÖDP mit. Doch der kairos ließ sich nicht wiederholen, und der Erfolg blieb aus. Einen großen Anteil daran hatten frühzeitig erhobene Faschismusvorwürfe gegen die neue Partei, die insbesondere an der Kritik am Ausländerzuzug nach Deutschland (und der damit verhinderten Bevölkerungsschrumpfung als Voraussetzung der Verringerung des Ressourcenverbrauchs, die sich bereits in Gruhls Bestseller findet) festgemacht wurden. Daraus folgte die Verwässerung des Programms, aus dem die Bevölkerungsfrage verschwand. Gruhl wurde schließlich 1989 aus der Partei gedrängt. Seine Verbitterung darüber schlug sich in einem zunehmenden Pessimismus, wenn nicht gar Menschenfeindlichkeit, nieder.

Seine wenigen verbliebenen Getreuen gaben die Hoffnung, parteipolitisch reüssieren zu können, auf. Sie bildeten die Unabhängigen Ökologen (UÖD), die die kleine Zeitschrift Ökologie herausgaben. Es ist bezeichnend für den weiteren Abstieg derer, die noch an dem ursprünglichen Impuls – der Verbindung von Kulturkritik, Apokalyptik und Naturschutz – festhielten, daß die UÖD schließlich in einer Gruhl-Gesellschaft aufging. Damit war das, was als Ansatz zu einer planetarischen Wende angefangen hatte, endgültig eine Sache historischer (personenbezogener) Erinnerung.

Schriften: Ein Planet wird geplündert. Die Schreckensbilanz unserer Politik, Frankfurt a. M. 1975; Das irdische Gleichgewicht. Ökologie unseres Daseins, Düsseldorf 1982; Der atomare Selbstmord, München 1986; Überleben ist alles. Erinnerungen, München 1987; Himmelfahrt ins Nichts. Der geplünderte Planet vor dem Ende, München 1992.

Literatur: Volker Kempf: Herbert Gruhl. Pionier der Umweltsoziologie – im Spannungsfeld von wissenschaftlicher Erkenntnis und politischer Realität, Graz 2008; Silke Mende: »Nicht rechts, nicht links, sondern vorn«. Eine Geschichte der Gründungsgrünen, München 2011.


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