20. Todestag Herbert Gruhl

9783935063562(Text aus dem Band Vordenker des Staatspolitischen Handbuchs, Schnellroda 2012.)

von Reinhard Falter

Herbert Gruhl war als Parteipolitiker und Publizist eine der wichtigsten Figuren des Versuchs, eine Öko-Partei zu gründen. Ohne Gruhl hätte es die »Grünen« nicht gegeben, mit ihm wären sie etwas ganz anderes geworden.

 Gastbeitrag

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Der Bau­ern­sohn Gruhl, der 1957 über Hugo von Hof­manns­thal pro­mo­viert wur­de, war als Ver­tre­ter bäu­er­li­cher Inter­es­sen 1969 für die CDU in den Bun­des­tag gelangt und hat­te sich zusam­men mit dem dama­li­gen Bun­des­vor­stands­be­auf­trag­ten für Umwelt­fra­gen, Richard von Weiz­sä­cker, um eine Pro­fi­lie­rung der Uni­on im neu­en The­men­be­reich bemüht.

Dies gelang zunächst auch für den Wahl­kampf 1972 mit dem »Pro­gramm für Umwelt­vor­sor­ge «, in dem u. a. die Aus­sa­ge eines not­wen­di­gen Wer­te­wan­dels und einer Aus­rich­tung »stär­ker auf kul­tu­rel­le als mate­ri­el­le Wer­te« stand. 1975 erschien Gruhls Buch Ein Pla­net wird geplün­dert, das sich bald zu einem Best­sel­ler ent­wi­ckel­te und Gruhls Namen deutsch­land­weit bekannt mach­te. Dar­in ent­wi­ckelt Gruhl eine Gene­ral­kri­tik am west­li­chen Lebens­stil, den er von Mate­ria­lis­mus und Irra­tio­na­lis­mus geprägt sieht. Er for­dert die »pla­ne­ta­ri­sche Wen­de«, die wie­der von den Gren­zen, die die Erde vor­gibt, denkt, um das Über­le­ben der Mensch­heit zu sichern. Als Mit­tel dazu emp­fiehlt er einen star­ken Staat, der als Öko-Dik­ta­tur den Ego­is­mus des ein­zel­nen zuguns­ten des Gan­zen zurückdrängt.

Inner­halb der CDU wur­de das Buch kaum öffent­lich dis­ku­tiert, und die Par­tei ging ohne umwelt­po­li­ti­sche Aus­sa­ge in den Wahl­kampf 1976. Daß Gruhl anschlie­ßend nicht mehr als Spre­cher für Umwelt­fra­gen von Par­tei und Frak­ti­on fun­gie­ren durf­te, führ­te zur end­gül­ti­gen Ent­frem­dung von Gruhl mit sei­ner Par­tei, die er nicht mehr als sei­ne poli­ti­sche Hei­mat emp­fand. Damit hat­ten die »Kon­ser­va­ti­ven« bereits zu die­sem Zeit­punkt ihre »Kron­ju­we­len« (Peter Glotz), ihr urei­gens­tes The­ma, aus der Hand gege­ben. Nach­dem Gruhl öffent­lich über die Not­wen­dig­keit einer vier­ten Par­tei gespro­chen hat­te, trat er am 12. Juli 1978 aus der CDU aus und grün­de­te einen Tag spä­ter die GAZ (Grü­ne Akti­on Zukunft), mit der sich dann die AUD (Akti­on unab­hän­gi­ger Deut­scher) des ehe­ma­li­gen CSU-Vize August Haus­leit­ner zusam­men­schloß. Dabei erschien zum ers­ten­mal der Name DIE GRÜNEN/AUD. Das Pro­gramm war rein auf öko­lo­gi­sche Anlie­gen aus­ge­rich­tet. Ein Jahr spä­ter ent­stand 1979 schließ­lich unter Betei­li­gung von GAZ, AUD und ande­rer die SPV (Sons­ti­ge Poli­ti­sche Ver­ei­ni­gung) »Die Grünen«.

Auch hier soll­ten ideo­lo­gi­sche Rich­tungs­kämp­fe zuguns­ten der Umwelt­the­ma­tik zurück­tre­ten, wie der Slo­gan »Weder links noch rechts, son­dern vorn« unter­strich. Nach der Par­tei­grün­dung im Janu­ar wur­de im März 1980 in Saar­brü­cken das Bun­des­pro­gramm der Grü­nen beschlos­sen. Gruhl ver­zich­te­te auf ein Vor­stands­amt, da die­ses Pro­gramm mehr der Logik des Habens als der des Seins ver­pflich­tet wäre. Schon hier grün­de­te sich die AGÖP (Arbeits­ge­mein­schaft Öko­lo­gi­sche Poli­tik bei den Grü­nen), die aus Mit­glie­dern der Grü­nen bestand, die des Über­ge­wichts sozi­al- und min­der­heits­po­li­ti­scher The­men leid waren. Die­ses Über­ge­wicht hielt an und ver­stärk­te sich im Zuge der Par­tei­wer­dung der Grü­nen. Unpo­pu­lä­re Hal­tun­gen wie Wachs­tums­kri­tik, Spar­for­de­run­gen in der Sozi­al­po­li­tik und For­de­rung nach Nach­hal­tig­keit konn­ten sich gegen die Eman­zi­pa­ti­ons­be­stre­bun­gen der Par­tei­lin­ken nicht durchsetzen.

Gruhl trat im Janu­ar 1981 aus der Grü­nen- Par­tei aus und grün­de­te im Oktober1981 die ÖDP mit. Doch der kai­ros ließ sich nicht wie­der­ho­len, und der Erfolg blieb aus. Einen gro­ßen Anteil dar­an hat­ten früh­zei­tig erho­be­ne Faschis­mus­vor­wür­fe gegen die neue Par­tei, die ins­be­son­de­re an der Kri­tik am Aus­län­der­zu­zug nach Deutsch­land (und der damit ver­hin­der­ten Bevöl­ke­rungs­schrump­fung als Vor­aus­set­zung der Ver­rin­ge­rung des Res­sour­cen­ver­brauchs, die sich bereits in Gruhls Best­sel­ler fin­det) fest­ge­macht wur­den. Dar­aus folg­te die Ver­wäs­se­rung des Pro­gramms, aus dem die Bevöl­ke­rungs­fra­ge ver­schwand. Gruhl wur­de schließ­lich 1989 aus der Par­tei gedrängt. Sei­ne Ver­bit­te­rung dar­über schlug sich in einem zuneh­men­den Pes­si­mis­mus, wenn nicht gar Men­schen­feind­lich­keit, nieder.

Sei­ne weni­gen ver­blie­be­nen Getreu­en gaben die Hoff­nung, par­tei­po­li­tisch reüs­sie­ren zu kön­nen, auf. Sie bil­de­ten die Unab­hän­gi­gen Öko­lo­gen (UÖD), die die klei­ne Zeit­schrift Öko­lo­gie her­aus­ga­ben. Es ist bezeich­nend für den wei­te­ren Abstieg derer, die noch an dem ursprüng­li­chen Impuls – der Ver­bin­dung von Kul­tur­kri­tik, Apo­ka­lyp­tik und Natur­schutz – fest­hiel­ten, daß die UÖD schließ­lich in einer Gruhl-Gesell­schaft auf­ging. Damit war das, was als Ansatz zu einer pla­ne­ta­ri­schen Wen­de ange­fan­gen hat­te, end­gül­tig eine Sache his­to­ri­scher (per­so­nen­be­zo­ge­ner) Erinnerung.

Schrif­ten: Ein Pla­net wird geplün­dert. Die Schre­ckens­bi­lanz unse­rer Poli­tik, Frank­furt a. M. 1975; Das irdi­sche Gleich­ge­wicht. Öko­lo­gie unse­res Daseins, Düs­sel­dorf 1982; Der ato­ma­re Selbst­mord, Mün­chen 1986; Über­le­ben ist alles. Erin­ne­run­gen, Mün­chen 1987; Him­mel­fahrt ins Nichts. Der geplün­der­te Pla­net vor dem Ende, Mün­chen 1992.

Lite­ra­tur: Vol­ker Kempf: Her­bert Gruhl. Pio­nier der Umwelt­so­zio­lo­gie – im Span­nungs­feld von wis­sen­schaft­li­cher Erkennt­nis und poli­ti­scher Rea­li­tät, Graz 2008; Sil­ke Men­de: »Nicht rechts, nicht links, son­dern vorn«. Eine Geschich­te der Grün­dungs­grü­nen, Mün­chen 2011.

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