Sezession
1. August 2012

Zehn Jahre in Schnellroda

Ellen Kositza

49pdf der Druckfassung aus Sezession 49 / August 2012

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

von Ellen Kositza und Götz Kubitschek

Zehn Jahre in Schnellroda, zehn Jahre Leben und Arbeit am und im Rittergut – vielleicht ein Zehntel der Leser war schon vor Ort, vor allem die jüngeren kennen das Gut, weil sie im »Großen Raum« an einer der Akademien des Instituts für Staatspolitik teilnahmen. Auch kommt jeden Monat wenigstens ein spontaner Besucher vorbei: rollt auf den Hof, steigt aus, schaut sich um, hat zwei Flaschen Wein dabei, quartiert sich im Gasthof »Zum Schäfchen« ein und bleibt bis zum andern Morgen

Man spricht über Politik, über »die Lage«, manchmal über Lektüre, meist über das Leben hier in Mitteldeutschland: über das Leben in dem Kaff fernab jener Boom-Regionen und Entwicklungsleuchttürme, an denen sich die Hoffnung und das Selbstwertgefühl des Ostens festmachen. Während wir erzählen und die Sache auf den Punkt zu bringen versuchen, pendelt die Waage hin und her. War es richtig? Aber wer ist schon objektiv, wenn er sich für dieses oder jenes Leben entschieden hat? Sind wenigstens die Zahlen objektiv?

Fünftausend Euro: Das ist der Preis für einen renovierungsbedürftigen, aber soliden Bauernhof, den sich ein Großgrundbesitzer unter den Nagel riß, um das teure Land zu bekommen. Die Gebäude samt Innenhof stößt er nun wieder ab: für fünftausend Euro, und man kann noch handeln. Wer solch einen Hof kauft, hat keine Schulden, aber eine Menge Arbeit und kaum Chancen, seinen Besitz irgendwann auf der Bank für einen Kredit einzusetzen. Nach »objektiven« Kriterien ist sein Eigentum wenig wert.

Ein Euro fünfzig: soviel kostet ein Bier in der Kneipe. Ein riesiger Teller Bratkartoffeln mit Spiegeleiern und Zwiebeln ist für vier Euro zu haben. In München oder Frankfurt – das Dreifache? Aber dort nimmt ein Klempner auch fünfzig Euro die Stunde, hier fünfundzwanzig, und geputzt wird im Krankenhaus für fünf Euro, während in Offenbach niemand für weniger als fünfzehn Euro einen Besen in die Hand nimmt. Der Maurer, der samt Frau und Kind vor Jahren nach Ulm zog, hat unterm Strich am Monats­ende nicht mehr oder weniger übrig als zuvor, er hat es uns bestätigt: Aber er wird pünktlich bezahlt und lebt in dem befriedigenden Gefühl, Stunde um Stunde nicht zwölf, sondern zwanzig Euro wert zu sein.

Reichten diese acht Euro aus, um eine ganz und gar in der Region verwurzelte Familie in den Süden zu locken, und zwar nicht an ein Forschungszentrum in Konstanz, sondern zum Mauern, Verputzen und Trockenbauen? Nein, so kommen wir nicht weiter.

Der Vergleich der Sitten und Gewohnheiten im südlichsten Sachsen-Anhalt mit denen, die wir aus unseren Heimatregionen kennen, fällt nicht mehr so pauschal aus, wie uns das zunächst vorkam. Vieles, was wir als typisch für den Osten begreifen wollten (bis heute kaum hinnehmbar manche Derbheit, positiv manches volkstümliche Derivat), hat seine Ursache in einem anderen Gegensatz – meist dem zwischen Stadt und Land, dem zwischen Bürgerlichkeit und Proletarisierung und gelegentlich dem zwischen eher nord- und eher süddeutschem Wesen. Protestantisch nüchtern ist unsere mitteldeutsche Region aber nicht: Hier, im Kernland Luthers, zwischen Eisleben und Merseburg, Halle und Querfurt sind die Spuren protestantischer Arbeitsethik längst getilgt. Und »nüchtern« mag man die ernüchterte Stimmung nicht nennen wollen.


Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

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