Dreimal Stanley Kubrick (1): Odyssee im Weltraum

Angeregt von Botho Strauß habe ich mir ein paar Filme von Stanley Kubrick wieder angesehen, einige davon bereits zum x-ten Mal.

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

Und wie stets fie­len mir dabei erneut Zusam­men­hän­ge auf, die ich bis­her nicht bemerkt hat­te. Ich lege des­halb hier eine Mini-Serie zu drei Kubrick-Fil­men vor – eine Skiz­ze nur, die aller­dings, wie man sehen wird, viel mit den Bret­tern zu tun hat, die regel­mä­ßig in die­sem Blog gebohrt werden.

Der Sci­ence-Fic­tion-Klas­si­ker 2001 – A Space Odys­sey (Odys­see im Welt­raum, 1968) ist der ers­te in einer Rei­he von Kubrick-Fil­men, der die Idee for­mu­liert, daß der Mensch ein äußerst pro­ble­ma­ti­sches Wesen, im Grun­de näm­lich ein “dres­sier­tes” und ver­fei­ner­tes Raub­tier ist. Die­ses Motiv ist frei­lich schon sei­nen frü­he­ren Fil­men inhä­rent, ins­be­son­de­re der Atom­kriegs­sa­ti­re Dr. Stran­ge­love Or How I Stop­ped Worry­ing  And Lear­ned To Love The Bomb (Dr. Selt­sam oder Wie ich lern­te, die Bom­be zu lie­ben, 1964).

In 2001 bekommt die­se Idee aller­dings eine dezi­diert phi­lo­so­phi­sche Dimen­si­on. Im Zuge der Kon­tro­ver­sen um sei­nen dar­auf fol­gen­den Film “A Clock­work Oran­ge” (Uhr­werk Oran­ge, 1971) äußer­te sich Kubrick unmiß­ver­ständ­lich über sein äußerst skep­ti­sches Menschenbild:

Der Mensch ist kein edler Wil­der, er ist ein uned­ler Wil­der. Er ist irra­tio­nal, bru­tal, schwach, dumm, und unfä­hig zur Objek­ti­vi­tät, sobald sei­ne Inter­es­sen auf dem Spiel ste­hen. Und jeder Ver­such, sozia­le Insti­tu­tio­nen auf einer fal­schen Sicht auf die Natur des Men­schen auf­zu­bau­en, ist zum Schei­tern ver­ur­teilt.  (…) Die Vor­stel­lung, daß sozia­le Zwän­ge samt und son­ders böse sei­en, basiert auf einem uto­pi­schen und unrea­lis­ti­schen Men­schen­bild. (…) Rous­se­aus roman­ti­scher Trug­schluß, daß die Gesell­schaft den Men­schen kor­rum­piert und nicht der Mensch die Gesell­schaft, legt einen betö­ren­den Schlei­er zwi­schen uns und die Wirk­lich­keit. Die­se Vor­stel­lung ver­kauft sich zwar gut an der Kino­kas­se,  aber am Ende füh­ren schmei­chel­haf­te Ideen wie die­se nur in die Verzweiflung.

Das ist ein Ton­fall, der an Arnold Geh­len und ande­re Klas­si­ker des Kon­ser­va­tis­mus erin­nert. Über wei­te Stre­cken wirkt 2001 gar wie ein fil­mi­sches Echo auf Oswald Speng­lers Schrift “Der Mensch und die Tech­nik” (1933).

Speng­ler schrieb darin:

Denn der Mensch ist ein Raub­tier. Fei­ne Den­ker wie Mon­tai­g­ne und Nietz­sche haben das immer gewußt. Die Lebens­weis­heit in alten Mär­chen und Sprich­wör­tern aller Bau­ern- und Noma­den­völ­ker, die lächeln­de Ein­sicht gro­ßer Men­schen­ken­ner- Staats­män­ner, Feld­her­ren, Kauf­leu­te, Rich­ter – auf der Höhe eines rei­chen Lebens, die Ver­zweif­lung geschei­ter­ter Welt­ver­bes­se­rer und das Schel­ten erzürn­ter Pries­ter waren weit davon ent­fernt, das zu ver­schwei­gen oder leug­nen zu wollen.

Speng­ler hob die Rol­le des Auges in der Orga­ni­sa­ti­on des Raub­tiers hervor:

Die höhe­ren Pflan­zen­fres­ser wer­den neben dem Gehör vor allem durch die Wit­te­rung beherrscht, die höhe­ren Raub­tie­re aber herr­schen durch das Auge. Die Wit­te­rung ist der eigent­li­che Sinn der Ver­tei­di­gung. Die Nase spürt Her­kunft und Ent­fer­nung der Gefahr und gibt damit der Flucht­be­we­gung eine zweck­mä­ßi­ge Rich­tung von etwas fort. Das Auge der Raub­tie­re aber gibt ein Ziel. Schon dadurch, daß die Augen­paa­re der gro­ßen Raub­tie­re wie beim Men­schen auf einen Punkt der Umge­bung fixiert wer­den kön­nen, gelingt es, das Beu­te­tier zu ban­nen. Im feind­li­chen Blick liegt für das Opfer schon das unent­rinn­ba­re Schick­sal, der Sprung des nächs­ten Augenblicks.

Das Fixie­ren der nach vorn und par­al­lel gerich­te­ten Augen ist aber gleich­be­deu­tend mit dem Ent­ste­hen der Welt in dem Sin­ne, wie der Mensch sie hat, als Bild, als Welt vor sei­nen Bli­cken, als Welt nicht nur des Lich­tes und der Far­ben, son­dern vor allem der per­spek­ti­vi­schen Ent­fer­nung, des Rau­mes und der in ihm statt­fin­den­den Bewe­gun­gen und an bestimm­ten Orten ruhen­den Gegen­stän­de. In die­ser Art des Sehens, wie sie nur die edels­ten Raub­tie­re besit­zen – Pflan­zen­fres­ser, z.B. Huf­tie­re, haben seit­wärts ste­hen­de Augen, von denen jedes einen ande­ren, unper­spek­ti­vi­schen Ein­druck hat –, liegt schon die  Idee des Herr­schens. Das Welt­bild ist die vom Auge beherrsch­te Umwelt.

Hat Kubrick die­ses Buch gekannt? Man kann sich gut vor­stel­len, daß sol­che Sät­ze eine star­ke Wir­kung auf einen Augen­men­schen wie Kubrick haben kön­nen (schon phy­sio­gno­misch domi­nie­ren sie auf­fäl­lig in sei­nem Gesicht), auf einen Foto­gra­phen und Film­re­gis­seur, der die Welt in ers­ter Linie durch das Auge – das Sehen, das Zei­gen und das Ver­de­cken – fixiert und in eine Form bringt, also: beherrscht. Von Kubrick ist bekannt, daß er ein beses­se­ner, kom­pro­miß­lo­ser Per­fek­tio­nist war, ein zuwei­len tyran­ni­scher “con­trol freak”, der noch über das aller­kleins­te Detail sei­ner Fil­me die abso­lu­te Kon­trol­le haben wollte.

Der noto­risch öffent­lich­keits­scheue Kubrick hat­te auch den Ruf eines Zyni­kers und Mis­an­thro­pen. Es gibt so man­che Zuschau­er, die von der “Käl­te” und der schein­ba­ren Mit­leid­lo­sig­keit sei­ner Fil­me abge­stos­sen sind. Es ist der Blick eines emo­ti­ons­lo­sen und distan­zier­ten Beob­ach­ters, der das Gesche­hen auf der Lein­wand eher regis­triert als wer­tet, und es stets im fes­ten Griff sei­ner Bildk­adrie­rung und der prä­zi­sen Cho­reo­gra­phie der Insze­nie­rung hält.

Es gibt in Kubricks Fil­men ein visu­el­les Leit­mo­tiv, das sei­ne Fans lie­be­voll den “Kubrick sta­re”  getauft haben. Immer wie­der läßt er ver­schie­de­ne “Raub­tie­re” ein­dring­lich in die Kame­ra oder knapp an ihr vor­bei star­ren, manch­mal auch ins Lee­re, am Ran­de oder schon jen­seits der Klip­pe des Wahn­sinns wie Jack Nichol­son in “The Shi­ning” (1980).  Am berühm­tes­ten ist natür­lich der “tierisch”-perverse Blick von “Alex”, dem Anfüh­rer der gewalt­tä­ti­gen Jugend­gang, der “Uhr­werk Oran­ge” (1971) eröffnet.

2001 beginnt in einer unbe­stimm­ten Urzeit, der “Mor­gen­rö­te der Mensch­heit”, mit men­schen­af­fen­ar­ti­gen Wesen, Urur­ah­nen des homo sapi­ens, die zusam­men­ge­kau­ert an einem Fel­sen ins Dun­kel einer Wüs­ten­nacht star­ren, und endet mit dem Blick eines “Über­men­schen” im embryo­na­len Sta­di­um, der gleich einem Erlö­ser aus dem Welt­all über dem blau­en Pla­ne­ten erscheint und des­sen kos­mi­sche Bedeu­tung von den tri­um­pha­len Klän­gen von Richard Strauss “Also sprach Zara­thus­tra” unter­stri­chen wird.

Das Motiv des Bli­ckes wird mehr­fach vari­iert: als fun­keln­de Augen eines  Leo­par­den über sei­ner Beu­te, als Kame­ra­au­ge eines all­mäch­ti­gen Bord­com­pu­ters, als Licht­re­flek­tio­nen im Gesicht eines Astronauten.

 

Eine der ein­drucks­volls­ten Sze­nen des Films ist die Begeg­nung der Affen­men­schen mit einem rät­sel­haf­ten Mono­li­then. Urplötz­lich und ohne jeg­li­che Erklä­rung taucht er inmit­ten der grun­zen­den, krei­schen­den, zot­te­li­gen, kopf­los her­um­sprin­gen­den Hor­de auf: ein geo­me­trisch exak­tes, läng­li­ches Recht­eck, ein Arte­fakt von voll­ende­ter Per­fek­ti­on, schwarz, matt­glän­zend, poliert, auf­recht­ste­hend, scharf und prä­zi­se geschnit­ten. Die Epi­pha­nie einer rei­nen und absichts­lo­sen Form. Die Ver­kör­pe­rung einer abso­lu­ten Anti-Natur. (Es gibt nicht unplau­si­ble Spe­ku­la­tio­nen, daß dies ein Vor­bild für das Design des i‑phones war). Die Affen umrin­gen ihn, beschnup­pern ihn, fas­sen ihn an, tas­ten ihn ab, zuerst zöger­lich und ängst­lich, dann immer geziel­ter, for­schen­der, aber “begrei­fen” kön­nen sie das Ding nicht.

Der Mono­lith taucht gegen Ende von 2001 erneut auf, als “Ster­nen­tor”, durch das der Astro­naut Bow­man (“Bogen­mann”) in eine Art Geburts­ka­nal ein­tritt, um als “Ster­nen­kind” wie­der­ge­bo­ren zu werden,vielleicht als Pro­to­typ einer neu­en, den bis­he­ri­gen Men­schen über­stei­gen­den Spe­zi­es. Das Rät­sel der Her­kunft des Mono­li­then wird nicht gelöst (zu die­sem Zweck sind die Astro­nau­ten zu ihrer “Odys­see” auf­ge­bro­chen). Fest­zu­ste­hen scheint aller­dings, daß der Kon­takt mit ihm in den Lebens­we­sen beträcht­li­che Bewußt­s­eins­kri­sen und Evo­lu­ti­ons­sprün­ge hervorruft.

Kurz nach­dem das Arte­fakt aus dem All den Affen­men­schen gleich einem unbe­greif­li­chen Gott erschie­nen ist, beginnt einer von ihnen eine bahn­bre­chen­de Idee zu gebä­ren. Als er einen Kno­chen eines ver­en­de­ten Tapirs in die Hand nimmt und mit ihm zu spie­len beginnt, ent­deckt der Affe, daß er damit sei­ne Schlag­kraft um ein Viel­fa­ches erhö­hen kann, daß er ihn als Waf­fe benut­zen kann.

In fre­ne­ti­scher Eksta­se, mit aus dem Maul her­ab­trop­fen­dem Spei­chel, schlägt er das Ske­lett des Tie­res in Stü­cke (Kubrick benutzt hier eine Zeit­lu­pe, um das fei­er­li­che Pathos der Sze­ne zu erhö­hen). Der lang­sam her­an­rol­len­de, dann jäh her­vor­plat­zen­de Durch­bruch eines neu­en Bewußt­seins wird wie­der­um mit den Klän­gen des Zara­thus­tra unter­malt. Zugleich bricht aus einer Wol­ken­bank am Him­mel über dem Affen die Son­ne durch, ein wei­te­res Leit­mo­tiv des Films.

Speng­ler schreibt über das Ver­hält­nis der Hand zum Auge und sei­ner Bedeu­tung für den Pro­zeß der Menschwerdung:

Seit wann gibt es die­sen Typus des erfin­de­ri­schen Raub­tiers? Das ist gleich­be­deu­tend mit der Fra­ge: Seit wann gibt es den Men­schen? – Was ist der Mensch? Wodurch ist er zum Men­schen geworden?

Die Ant­wort lau­tet: Durch die Ent­ste­hung der Hand. Das ist eine Waf­fe ohne glei­chen in der Welt des frei­be­weg­li­chen Lebens. Man ver­glei­che sie mit der Tat­ze, dem Schna­bel, den Hör­nern, Zäh­nen und Schwanz­flos­sen ande­rer Wesen. Auf der einen Sei­te kon­zen­triert sich in ihr der Tast­sinn in dem Gra­de, daß man sie fast als Tast­or­gan neben das Seh- und das Hör­or­gan stel­len kann. Sie unter­schei­det nicht nur warm und kalt, fest und flüs­sig, hart und weich, son­dern vor allem Schwe­re, Gestalt und Ort der Wider­stän­de, kurz die Din­ge im Raum. Aber dar­über hin­aus sam­melt sich in ihr die Tätig­keit des Lebens so voll­stän­dig, daß sich die gesam­te Hal­tung und der Gang des Lei­bes – gleich­zei­tig – dar­auf­hin gestal­tet hat. Es gibt nichts in der Welt, was mit die­sem tas­ten­den und täti­gen Glie­de ver­gli­chen wer­den kann. Zum Raub­tier­au­ge, das die Welt »theo­re­tisch« beherrscht, tritt die Men­schen­hand als prak­ti­sche Beherrscherin.

Ich habe kei­nen Zwei­fel mehr: Kubrick muß die­sen Text Speng­lers gekannt haben.

Der erwach­te Affe beginnt nun, zu jagen und zum Fleisch­fres­ser zu wer­den. Bald ist auch sein Rudel bewaff­net. Am wild umkämpf­ten Was­ser­loch schlägt er mit dem neu­ent­deck­ten Instru­ment den Anfüh­rer eines riva­li­sie­ren­den Rudels tot, das dar­auf die Flucht ergreift.  Die Grup­pe des Ent­de­ckers hat gesiegt, und ist nun im Kampf ums Dasein im evo­lu­tio­nä­ren Vor­teil. Kubrick läßt also die Zivi­li­sa­ti­on bzw. die Ent­wick­lung der Tech­nik mit einem geziel­ten Akt des Tötens beginnen.

Tri­um­phie­rend wirft der prä­his­to­ri­sche Pro­me­theus den Kno­chen in die Luft; die Kame­ra folgt ihm auf sei­ner Flug­bahn in den blau­en Him­mel. Im wohl kühns­ten har­ten Schnitt der Film­ge­schich­te schnei­det Kubrick abrupt auf ein wei­ßes, schwe­re­los im schwar­zen All schwe­ben­des Raum­schiff in der Form eines Kno­chens. Die Idee dahin­ter ist klar: der zur Waf­fe umfunk­tio­nier­te Kno­chen und das Raum­schiff sind letzt­lich Mani­fes­ta­tio­nen ein- und des­sel­ben Prinzips.

Nun folgt die “Signa­tur-Sequenz” des Films, die jeder kennt, das legen­dä­re, iro­ni­sche und iko­ni­sche “Bal­lett” der Raum­schif­fe zu den Klän­gen von Kara­jans Donau­wal­zer. Allein die­se ers­ten 20 Minu­ten von Odys­see im Welt­raum, in denen kein ein­zi­ges Wort gespro­chen wird, sind von einer stu­pen­den Genia­li­tät. Ich bekom­me jedes­mal von Neu­em eine Gän­se­haut davon, ob auf der gro­ßen Lein­wand oder dem schma­len Bild­schirm eines Laptops.

Nächs­te Fol­ge: A Clock­work Orange/ Uhr­werk Oran­ge (GB 1971)

 

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

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Kommentare (18)

Ein Fremder aus Elea

28. August 2013 09:22

Ich hatte auch einmal vor langer Zeit eine Kritik zu diesem Film geschrieben, etwas von der Art: "Scheißlangweiliger Film, nur die Affensequenz ist gut: Die Idee mit dem schwarzen Monolithen als Sinnbild des Abstrakten, an welche sich das Erwachen der Affen zum Abstrakten anschließt."

Übrigens das mit der Hand haben sicher mehrere tausend verschiedene Autoren vor Spengler genauso geschrieben, angefangen wohl mit Darwin.

Hmm, ja, das Düstere dieses Erwachens gefiel mir auch, nicht so sehr der Plausibilität wegen, sondern weil es so eindringlich ist. Ich denke allerdings, daß der Leitfaden bei gesellschaftlichen Zwängen jenseits des Gesetzes, welches sich ja direkt gegen die Kriminalität richtet, nicht die Schlechtigkeit der Menschen sein sollte, sondern mehr ihre Schwäche oder gleichbedeutetend damit die Komplexität ihrer Umwelt.

Es ist nämlich so, daß besonders strikte Systeme in ihrer Komplexität beschränkt sind. Wenn ich alle Menschen durch Furcht beherrsche, kann ich keine Hochzivilisation unterhalten.

M.L.: Ich habe den Film nun mindestens zum 20x gesehen (im Laufe von ebenso vielen Jahren), und er ist mir noch nie langweilig geworden.

ene

28. August 2013 10:00

Daß die "sinnlose" Aggression, Mord und Totschlag wahrscheinlich zu unserer genetischen Grundausstattung gehören, hat Mitte der 70er Jahre die Primatenforscherin Jane Goddall durch Langszeitbeobachtungen von freilebenden Schimpansen nachweisen können. Die jahrelange "Kriege" gegen andere Schimpansengruppen führen. Ich erinnere mich an ein Interview mit ihr, in dem sie berichtet, sie sei gebeten worden, diese Ergebnisse lieber nicht zu publizieren...
Spengler und die Raubtieraugen - das dürfte ein nicht zu haltender Rückschluß von unserer tradierten Präferenz des Gesichtssinnes auf die Tiere sein. (Stichwort: die höheren und die niederen Sinne). Das größte Raubtier z.B., der Eisbär, orientiert sich fast ausschließlich über den Geruchssinn. (Er besitzt sogar ein "Riechhirn"!)

Martin

28. August 2013 10:54

Das "mit den Augen sehen" und die Welt damit schöpferisch ganzheitlich erfassen, betrachten und begreifen, das voll sinnliche Erfassen und die dahinter stehende Idee, nicht das analytische sezieren mit technischen Hilfsmitteln, die unsere Sinne über ihr eigentliches Erfassungsvermögen hinaus erweitern, die buchstäbliche "Anschauung" also, ist ja auch ein großes Thema bei Goethe, an dessen Farbenlehre in diesem Zusammenhang erinnert sei.

Kubrik ist Kulturschaffender, seine Filme von bleibendem Wert und damit ist er in der Tat in seiner Wirkung konservativ.

Couperinist

28. August 2013 12:14

Der Monolith wurde auch schon als Grabstein Gottes gedeutet, also sowohl Anregung zum Schöpferischen und Grabstein, beides assoziiert seine Form und beides scheint mit Blick auf "Gott" untrennbar. Genial. Da beide, Affe und Mensch, die Wesen vor und nach dem "Gottestod" hier eher düster dargestellt sind, steht Kubrick, glaube ich, zwischen den Stühlen, ist kein Romantiker (edle Wilde"), aber auch nicht das Gegenteil. Zynisch trifft es vll am besten.

Th.R.

28. August 2013 12:47

"Der erwachte Affe beginnt nun, zu jagen und zum Fleischfresser zu werden. Bald ist auch sein Rudel bewaffnet. Am wild umkämpften Wasserloch schlägt er mit dem neuentdeckten Instrument den Anführer eines rivalisierenden Rudels tot, das darauf die Flucht ergreift. Die Gruppe des Entdeckers hat gesiegt, und ist nun im Kampf ums Dasein im evolutionären Vorteil. "

Ähnliche Szenen können auch heute noch im Zoo, im Umfeld von Fußballspielen, in den Ghettos von Berlin oder sonstwo, wo Proll-Kultur vorherrschend ist, beobachtet werden. Richtet man den Blick auf die einschlägigen Milieus, dann werden Parallelen zum Affenkäfig im Zoo unweigerlich bewußt, wo stundenlang ein Affe neben dem anderen mißtrauisch und lauernd herumläuft, dann zwei miteinander zu raufen beginnen und schließlich das ganze Rudel, ohne Grund, schreiend, keifend und balgend durcheinander burzelt, bis nach einigen Minuten wieder das frühere lauernde Herumlaufen beginnt.

Ja, der Affe in Menschengestalt ist allgegenwärtig, und trotzdem finde ich, dass das auch gut so ist. Wenigstens pulsiert hier noch ein Wille zur Selbstbehauptung, was solche Affen wohltuend abhebt von diesen ganzen zivilisierten blut- und seelenlosen Roboterzombies, denen man jede innere Leidenschaft für den Exzess und jedwedes aus naturhafter Männlichkeit geborene Machtstreben ausgetrieben hat.

Julius

28. August 2013 16:56

Die zitierten Sätze sind tatsächlich erstaunlich, sie könnten ebenso von einem "Vordenker" (vgl. Staatspolitisches Handbuch, Band 3) stammen. Die damit in gewohnt routinierter Weise aufgeworfene Frage ist die nach dem Menschenbild, die gerade für die vielfach bereits als obsolet abgeschriebene Unterscheidung links-recht von grundsätzlicher Bedeutung ist. Das ist der Anknüpfungspunkt zu den Brettern, "die regelmäßig in diesem Blog gebohrt werden." Ob Kubrick Spengler kannte ist daher - hier wird mir Martin Lichtmesz wohl recht geben - sekundär. Im Gegenteil wäre es doch viel schöner, wenn er unbeeinflusst von sich aus zu den gleichen Feststellungen und Schlußfolgerungen gekommen wäre. Dies wäre ein Beleg, dass es sich eben um "self-evident truths" handelt - im Gegensatz zu jenen, die beispielsweise der Freimaurer Thomas Jefferson verkündet hat. (siehe Declaration of Independence)

Die philosophische Anthropologie ist Kern jeder Weltanschauung und muß daher ein Hauptkriegsschauplatz im metapolitischen Kampf sein. Diese An-, wenn nicht Einsicht, der ich uneingeschränkt zustimme, zieht sich, wie ich glaube erkannt zu haben, wie ein roter Faden durch Lichtmesz‘ Beiträge und wird immer wieder anlaßbezogen anschaulich gemacht. Der Mensch ist eben nicht von Natur aus gut und friedlich, nicht beliebig formbar, (um)erziehbar und verpflanzbar, sondern durch seine kulturelle und genetische Herkunft bestimmt usw. usf. Und vor allem: Er ist auch nicht nur Materie/Körper. Wenn ich mir eine Literaturempfehlung für Interessierte erlauben darf: Vu de droite sehr empfehlenswert und materialreich: Hans-Joachim Schoeps, Was ist der Mensch? Philosophische Anthropologie als Geistesgeschichte der neuesten Zeit. Schoeps zeigt in der Einleitung auf, dass die „Regenpfeifer“ des 19. Jahrhunderts, zu denen er ua. Donoso Cortes, Alexis de Tocqueville, Ernst von Lasaulx und Jacob Burckhardt zählt, aufgrund ihrer auf Erfahrung gegründeten Einsichten die Ungewitter des 20. Jahrhunderts vorhergesehen haben.

Phil

28. August 2013 17:59

Eine kleine Ergänzung zu dem ansonsten sehr guten Artikel:

Mir kommt es vor, als würde Kubrick bei seinem Kommentar zum Clockwork Orange das letzte Kapitel der Romanvorlage ignorieren. Es ist am Ende nicht der soziale Zwang, der Alex zum Nachdenken bringt, sondern seine freie Entscheidung - inspiriert von dem positiven Werdegang eines seiner ehemaligen Droogs.

In der Hinsicht wird der Film von Kubrik seinem eigenen Weltbild entsprechend verkürzt: Da der Mensch an sich böse ist, er ein unedler Wilder ist, hat die freie Entscheidung zum Guten keinen Platz.

Ich mag beide Werke: das Original von Burgess wegen der Hoffnung, die es aufzeigt und die Literaturverfilmung von Kubrick, weil sie zeigt, daß man den Menschen nicht zum Guten zwingen kann.

Stevanovic

28. August 2013 18:03

Die Odyssee 2001 ist ein Buch von Arthur C. Clarke. Wie der Film geht es von einer Menschheit aus, die sich zu einer immer höheren und komplexeren Daseinsform entwickelt. Der Knochen wird in die Luft geworfen und wird zur Raumstation. Und jetzt (2001) sind wir mit HAL an einen Punkt gelangt, an der wir die Möglichkeiten des Knochens ausgeschöpft haben und uns die Überwesen auf eine neue Bewusstseinsebene heben wollen. Film und Buch gehen von einer optimistischen Sicht aus, dass es nämlich im Kern des Menschen um Progression geht. Nachdem wir die Hardware optimiert haben, geht es nun um unsere Software, deswegen analog zu Bowman, dem Vertreter der Menschheit, die zur Zeit des Entstehung des Buches und des Films mit Atombomben aus ideologischen Gründen fast die Welt zerstörte, der Computer HAL, der die Besatzung tötet, um die Mission zu schützen. Wenn wir kein besseres Bewusstsein entwickeln, werden wir uns selbst töten.

Film und Buch sind Hippie und Linksliberal bis in die letzte Filmszene. Der Fötus, der die neue Menschheit symbolisiert.

this is the dawning of the age of aquarius…

M.L.: Lächerlich, die Stimmung des Films ist eine völlig andere.

Andreas Walter

28. August 2013 18:04

Der Mensch ist beides zugleich, dass ist das eigentliche Dilemma. Wobei der Mann töten können musste, damit die Frau in Frieden schwanger werden und gebären kann, und beide gemeinsam dann den Nachwuchs grossziehen können. In modernen Gesellschaften versuchte man das über Arbeitsteilung und Spezialisierung des gesamten Genpools zu erreichen, die Nation, oder in manchen Fällen sogar gleich die ganze Welt, sollte der Ersatz für den Stamm werden, zumindest im idealtypischen Fall. Ab einer Gruppengrösse von zirka 100 Individuen beginnen allerdings andere Effekte den Menschen und sein Verhalten immer mehr zu dominieren, zum Beispiel die Individualisierung und die Anonymität. Die Geburt des Egos. Individuum, Familie, Gruppe, Nation, und dann die Welt. Die ganze Welt aber auch übernationale, supernationale Gebilde sind jetzt schon mehrfach gescheitert was mich zur Annahme treibt, das Nationen eine Art goldene Mitte zwischen Affe und Weltherrschaft sind.

ingres

28. August 2013 18:05

Ich war immer der Meinung, dass Sätze wie "Der Mensch ist ...". den Menschen überhöht darstellen. Der Mensch ist für gewöhnlich der Durchschnittsmensch. Und Menschen die Sätze wie "Der Mensch ist ..." formulieren, waren und können keine Durchschnittsmenschen sein. Da der Mensch i.a . Durchschnittsmensch ist, sind keine überhöhten Charakterisierungen angebracht. Eine Formulierung wie: "Der Mensch ist ein Raubtier" geht damit ins Leere. Wer das formuliert meint im Grunde genommen. In mir sind Abgründe, die ich mal mit dem Begriff Raubtier charakterisieren will. Leute wie Kubrick charakterisieren also nicht so sehr den Menschen, als vielmehr sich selbst. Und da ist es keine Überhöhung, sondern entspricht der inneren Zerrissenheit. Die Projektion auf den Durchschnittsmenschen funktioniert jedoch nicht. Kein normaler Mensch den ich kannte und kenne war oder ist ein Raubtier. Ich auch nicht.

Das hier ist aber korrekt, wenn man die Überhöhung "unedler Wilder" wegläßt:

>>Der Mensch ist kein edler Wilder, er ist ein unedler Wilder. Er ist irrational, brutal, schwach, dumm, und unfähig zur Objektivität, sobald seine Interessen auf dem Spiel stehen. <<

Stevanovic

29. August 2013 07:33

Heute sieht dieser Zusammenhang tatsächlich lächerlich aus. Wenn man sich unter Linksliberal nur die verstrahlten Teletubbies heutiger Prägung vorstellt, wirkt die Stimmung des Films tatsächlich konträr zu denen – und sie ist es auch. Sowohl Kubrick als auch Arthur C. Clark haben sich immer gegen die Vereinnahmung durch die Vulgärlinken gewehrt. Der Grundgedanke der Geschichte ist die Unzulänglichkeit des Menschen. Diese Unzulänglichkeit muss überwunden werden, will die Menschheit nicht untergehen. Natürliche Ordnung führt in den Untergang. Der Mensch muss erzogen werden, auf eine höhere Stufe gebracht werden. Dass der Mensch an sich gut sei, war nur eine Facette in einem bunten Spektrum. Viele Linksliberale hatten ein, nach heutigen Maßstäben, pessimistisches Menschenbild. Deswegen der Drang zur Erziehung der Massen. Es ist leider der debilen „du bist okay wie du bist“ Fraktion geschuldet, das der pessimistische Gedanke nicht mehr zum Kanon der Linksliberalen gehört. Linkliberal war mal kein hedonistischer Zeitgeist, es war mal eine recht anstrengende Sache. Das hätte man 1970 noch erkannt. Heute würde Kubrick eher zu Rechten zählen und tatsächlich können Sie mit diesem Film mehr anfangen, als ein Multikulturalist heute. Das spricht nicht gegen Kubrick und bedeutet auch nicht, dass er ihr Gesellschaftsbild teilen würde. Es sagt aber viel über den Verfall des Linksliberalismus aus.

Rumpelstilzchen

29. August 2013 09:16

@ML und Stevanovic

Wahrscheinlich ist die Rezeption eines Filmes auch abhängig von der Zeit, in dem man ihn sieht.
"Uhrwerk Orange" war der erste "Problemfilm" meines Lebens in den 70er Jahren. Davor kannte ich nur sogenannte Unterhaltungsfilme.
Kino mußte schön und erbaulich sein.
Dieser Film war damals so verstörend und galt als linker Film.
Als Kritik am Establishment. Die Gewalt an den damals sog. Spießbürgern wurde unterschwellig gebilligt.
Dieser Film wurde gar zum Lackmustest der richtigen Gesinnung.
Wer ihn ansehen konnte, ohne verstört zu sein, hatte den Test bestanden.
Ich wurde den Film lange nicht los. Es war wie ein Verlust der Unschuld.

Stevanovic

29. August 2013 10:03

https://en.wikipedia.org/wiki/Stanley_Kubrick%27s_political_and_religious_beliefs

Hier sind einige Links zu Kubrick.

Ohne Frage gilt so ein Mensch heute als Rechts.

Stevanovic

29. August 2013 10:16

„Uhrwerk Orange“ wurde von links und rechts vollkommen missverstanden. Es ist die vollkommene Antithese zu Odyssee 2001 – während 2001 davon ausgeht, dass die Menschheit in der jetzigen Form dem Untergang geweiht ist, geht Uhrwerk Orange davon aus, dass der Mensch in seiner Unzulänglichkeit dennoch überlebensfähig ist. Das macht das Uhrwerk im ganzen Elend doch optimistisch.

Es bleibt ein echter Kubrick: Der Mensch ist finster.

ene

29. August 2013 11:11

Dazu paßt der "Knochen":

Kain erschlägt Abel mit einem Knochen, mit einer Kinnbacke.
Ich finde das zwar nicht im Text (1.Mos.4), aber in der Ikonographie dieses "Urverbrechens".

Stevanovic

29. August 2013 15:31

Unglaublich ist die psychodelische Sequenz mit ihrem Bezug zu LSD. Der Schlüssel der Menschheit liegt nicht in den gesellschaftlichen Abläufen, der Sprung vom Knochen zur Raumstation war ja nur ein Wimpernschlag. Auch kann die Technik und Kultur uns nicht von dem abbringen was wir sind. Die Menschheit schuf, Gott ähnlich, ein geradezu denkendes Wesen, und es wurde ein: Arschloch. Aus sich heraus wird der Mensch keine Erlösung finden. Wobei zu keinem Zeitpunkt klar wird, was Monolith/Gott von uns will. Wozu der Sprung vom Knochen zur Raumstation? Was ist der Endpunkt, die Erlösung? Außer der treibenden Kraft in uns, die den Affen in einen Kontext stellen will, erfahren wir nichts. Gott bleibt ein schweigender Monolith. Und dann geht es rund, der Mensch bekommt ein neues Bewusstsein. Der LSD Trip. Wir MÜSSEN das Bewusstsein ändern, wollen wir mehr als Affen sein, so der Gedanke. Das ist die Kernidee der Political Correctness und des social engineering – durch Sprache soll neues Bewusstsein entstehen, der neue Mensch wird geboren. Reprogrammierung – auch so ein Schlagwort der LSD Ära. Könnt ihr euch die Schaaren der Hippies vorstellen, die sich nach diesem Film mit gepanschten Drogen vergiftet haben? In den fortschrittsgläubigen 60ern waren (vielleicht?) solche Träume möglich. Heute hat das alles einen sehr schalen Beigeschmack. Wir wissen heute, dass wir immer noch in der Knochen-Ära leben und auch kein LSD hilft. Gott hat sich immer noch nicht gemeldet und uns erklärt, was das ganze überhaupt soll. Der Film ist für mich das Ende einer Ära, ihr künstlerischer Höhepunkt. Vielleicht begann sie mit den Futuristen. Ein zu Ende gedachter Gedanke, der zu nichts geführt hat. Dank Kubrick wissen wir auch, was wir heute sind, da wir den Sprung nicht geschafft haben: Arschlöcher.

Logisch danach: Uhrwerk Orange und die Versöhnung mit uns selbst. Dennoch mit einer Verachtung, wie sie nur Kubrick zeigen konnte.

M.L.: Ein wichtiger Hinweis, der Film war in der Tat damals ein Renner unter Acidheads, die während der Vorführung Trips geschmissen haben... es war ja auch die Zeit von Leary und ähnlichen Gurus. Ich würde, wie gesagt, den Film gewiß nicht als "Hippie"-Film bezeichnen, aber es gab natürlich erhebliche Berührungsflächen und Brücken zur einschlägigen "Counterculture". Aber daß sich in Uhrwerk Orange eine "Versöhnung" mit der Natur des Menschen anbahnt, halte ich für einen Trugschluß. Wobei der Film das ja bewußt offen hält, bzw. "sarkastisch" ("Verachtung") auflöst, also schon wieder in Frage stellt. Demnächst mehr dazu...

Kint

29. August 2013 20:53

Kubrick, das Rätsel.
Optimistische Perspektive - gar nicht lächerlich, noch Kubricks Sicht auf Mensch und Zukunft zwangsläufig finster. Wie beunruhigend, verstörend die Stimmung des Films auch sein mag. Hätte jmd angefangen drüber nachzudenken, wenn sie es nicht wär?
Sonnenklar ist die Erkenntnis des Affen initiiert. Seine Entwicklung ist nicht zufällig (und damit Darwin ganz nebenher raus). Geschaffen vom - Bösen? Die neue Ebene am Ende eine schlechte? Wieso das denn?
(Woraus ergibt sich das? Aus der pessimistischen Annahme / Spekulation "was Vergangenheit war, muss für alle Zeit Zukunft werden"? Die müsste sich erst erweisen. Kein Beleg heute, keine Bestätigung vor dem Ende aller Tage.)
Kubrick lässt das grds. auch offen. Er beschreibt düstere Folgen bis heute. Zu Recht, denn es gibt sie.
Dass die aber auf alle Ewigkeit, zwangsläufig, naturgegeben sind, folgt daraus keineswegs. Nochmal: Wieso das denn?
2001 Antithese zu C.O. - auch nicht. Die Kreaturen, die da vegetieren, sind keine Menschen. Psychopathen, von der schieren Größe Beethovens berauscht, schlagen andere tot. (Auch den Affenneumenschen versetzt der neue Knüppel, seine Teilerkenntnis, in Rausch). Die "Normalen" sind genauso beschränkt, auch sie mögen B., es bleibt aber eher Zufall, dass sie keine Leute totschlagen. Das alles ist realistisch, kühl analysiert. Jedem kann es vor Augen führen, dass diese Realität gerade nicht zwangsläufig ist: Dass die bessere Alternative bis dato nur am fehlenden Bewusstsein scheitert.
Die zunehmende Verblödung und Verbösung ist wahr. Und mit klarer, böser Absicht gemacht. Dass K. sie erkannt hat und mehr mit und nach ihm auch - ist das nichts? Folgt denn aus der Erkenntnis, dass dem Menschen Erkenntnis möglich ist, der zwangsläufige Sieg des Schlechten? des Bösen?
Nein. Es schreit doch geradezu: Alles andere als das!
Die bedrohliche Gegenwart beruht doch einzig auf der Bewusstlosigkeit. Mit allgemeinem Bewusstsein von den Dingen wären die doch praktisch schon beseitigt. Kubrick sagt nichts anderes: Einschüchterung, Schizophrenisierung, Idiotisierung der Massen ist Voraussetzung, dass das Böse, Schlechte "funktioniert". Woraus folgt: Der Mensch ist nicht böse, höchstens zu blöd und gutmütig, um die Manipulation zu erkennen. In deren Erkenntnis aber würde er nicht mehr mitmachen, weil er das weder (bewusst) kann noch will. Und das böse Spiel wäre.. aus.
Worauf zielt Kubrick denn anderes als auf Wesen und Bewusstsein des Menschen? Und wenn wir es erlangen - will Kubrick uns etwa sagen -, wird uns erst klar, dass wir nichts damit anfangen können? Nein. Das macht auch keinen Sinn. Klar lässt sich mit (mehr) Bewusstsein was anfangen. Sonst wär´s ja besser, blöd zu bleiben, bzw. die nächste Stufe der Erkenntnis wäre - die Erkenntnis, dass man sie sich hätt sparen können. Na, das war Kubriks Sache wohl nicht, das sehe ich nicht, das glaube, wer will. Und wer schon endgültig zu verzweifelt wäre, um diesen einfachen Gedanken zu verfolgen, dem... hm, ist wohl auch Kubrick keine Hilfe mehr.
Aber noch ist nicht aller Tage Abend, noch denkt und spricht man ja über ihn.
K. zeigt, was dem Menschen möglich ist. Und genau damit auch, wozu er gemacht ist. Nichts spricht dafür, auch Kubrick nicht, dass der Mensch an seiner Aufgabe scheitern wird.
Er stellt sie dar.
Jedem, der sie verstehen will. Er macht bewusst, worum es geht. Um Wissen und Wahrheit, um Gut und Böse. K. zu unterstellen, er hielte die dargestellte Gegenwart für unabwendbare Zukunft, dürfte arg kurz geschossen sein. So knapp wie üblich war der nicht gestrickt. Wie an seinem Werk zu besichtigen, meine ich...
"Verlust der Unschuld." - als Beginn der Erkenntnis - die Verstörung als Auslöser des Nachdenkens. Kubrick, gerade indem er die immer gewöhnlichere Normalität des Irrsinns darstellt, verstört eben doch. Gut.

Martin Lichtmesz

29. August 2013 22:03

Badeschluß!

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