Sezession
28. August 2013

Dreimal Stanley Kubrick (1): Odyssee im Weltraum

Martin Lichtmesz / 18 Kommentare

KubrickstareAngeregt von Botho Strauß habe ich mir ein paar Filme von Stanley Kubrick wieder angesehen, einige davon bereits zum x-ten Mal. Und wie stets fielen mir dabei erneut Zusammenhänge auf, die ich bisher nicht bemerkt hatte. Ich lege deshalb hier eine Mini-Serie zu drei Kubrick-Filmen vor - eine Skizze nur, die allerdings, wie man sehen wird, viel mit den Brettern zu tun hat, die regelmäßig in diesem Blog gebohrt werden.

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

Der Science-Fiction-Klassiker 2001 - A Space Odyssey (Odyssee im Weltraum, 1968) ist der erste in einer Reihe von Kubrick-Filmen, der die Idee formuliert, daß der Mensch ein äußerst problematisches Wesen, im Grunde nämlich ein "dressiertes" und verfeinertes Raubtier ist. Dieses Motiv ist freilich schon seinen früheren Filmen inhärent, insbesondere der Atomkriegssatire Dr. Strangelove Or How I Stopped Worrying  And Learned To Love The Bomb (Dr. Seltsam oder Wie ich lernte, die Bombe zu lieben, 1964).

In 2001 bekommt diese Idee allerdings eine dezidiert philosophische Dimension. Im Zuge der Kontroversen um seinen darauf folgenden Film "A Clockwork Orange" (Uhrwerk Orange, 1971) äußerte sich Kubrick unmißverständlich über sein äußerst skeptisches Menschenbild:

Der Mensch ist kein edler Wilder, er ist ein unedler Wilder. Er ist irrational, brutal, schwach, dumm, und unfähig zur Objektivität, sobald seine Interessen auf dem Spiel stehen. Und jeder Versuch, soziale Institutionen auf einer falschen Sicht auf die Natur des Menschen aufzubauen, ist zum Scheitern verurteilt.  (...) Die Vorstellung, daß soziale Zwänge samt und sonders böse seien, basiert auf einem utopischen und unrealistischen Menschenbild. (...) Rousseaus romantischer Trugschluß, daß die Gesellschaft den Menschen korrumpiert und nicht der Mensch die Gesellschaft, legt einen betörenden Schleier zwischen uns und die Wirklichkeit. Diese Vorstellung verkauft sich zwar gut an der Kinokasse,  aber am Ende führen schmeichelhafte Ideen wie diese nur in die Verzweiflung.

Das ist ein Tonfall, der an Arnold Gehlen und andere Klassiker des Konservatismus erinnert. Über weite Strecken wirkt 2001 gar wie ein filmisches Gegenstück zu Oswald Spenglers Schrift "Der Mensch und die Technik" (1933).

Spengler schrieb darin:

Denn der Mensch ist ein Raubtier. Feine Denker wie Montaigne und Nietzsche haben das immer gewußt. Die Lebensweisheit in alten Märchen und Sprichwörtern aller Bauern- und Nomadenvölker, die lächelnde Einsicht großer Menschenkenner- Staatsmänner, Feldherren, Kaufleute, Richter – auf der Höhe eines reichen Lebens, die Verzweiflung gescheiterter Weltverbesserer und das Schelten erzürnter Priester waren weit davon entfernt, das zu verschweigen oder leugnen zu wollen.

Spengler hob die Rolle des Auges in der Organisation des Raubtiers hervor:

Die höheren Pflanzenfresser werden neben dem Gehör vor allem durch die Witterung beherrscht, die höheren Raubtiere aber herrschen durch das Auge. Die Witterung ist der eigentliche Sinn der Verteidigung. Die Nase spürt Herkunft und Entfernung der Gefahr und gibt damit der Fluchtbewegung eine zweckmäßige Richtung von etwas fort. Das Auge der Raubtiere aber gibt ein Ziel. Schon dadurch, daß die Augenpaare der großen Raubtiere wie beim Menschen auf einen Punkt der Umgebung fixiert werden können, gelingt es, das Beutetier zu bannen. Im feindlichen Blick liegt für das Opfer schon das unentrinnbare Schicksal, der Sprung des nächsten Augenblicks.

Das Fixieren der nach vorn und parallel gerichteten Augen ist aber gleichbedeutend mit dem Entstehen der Welt in dem Sinne, wie der Mensch sie hat, als Bild, als Welt vor seinen Blicken, als Welt nicht nur des Lichtes und der Farben, sondern vor allem der perspektivischen Entfernung, des Raumes und der in ihm stattfindenden Bewegungen und an bestimmten Orten ruhenden Gegenstände. In dieser Art des Sehens, wie sie nur die edelsten Raubtiere besitzen – Pflanzenfresser, z.B. Huftiere, haben seitwärts stehende Augen, von denen jedes einen anderen, unperspektivischen Eindruck hat –, liegt schon die  Idee des Herrschens. Das Weltbild ist die vom Auge beherrschte Umwelt.

Hat Kubrick dieses Buch gekannt? Man kann sich gut vorstellen, daß solche Sätze eine starke Wirkung auf einen Augenmenschen wie Kubrick haben können (schon physiognomisch dominieren sie auffällig in seinem Gesicht), auf einen Fotographen und Filmregisseur, der die Welt in erster Linie durch das Auge - das Sehen, das Zeigen und das Verdecken - fixiert und in eine Form bringt, also: beherrscht. Von Kubrick ist bekannt, daß er ein besessener, kompromißloser Perfektionist war, ein zuweilen tyrannischer "control freak", der noch über das allerkleinste Detail seiner Filme die absolute Kontrolle haben wollte.

Der notorisch öffentlichkeitsscheue Kubrick hatte auch den Ruf eines Zynikers und Misanthropen. Es gibt so manche Zuschauer, die von der "Kälte" und der scheinbaren Mitleidlosigkeit seiner Filme abgestossen sind. Es ist der Blick eines emotionslosen und distanzierten Beobachters, der das Geschehen auf der Leinwand eher registriert als wertet, und es stets im festen Griff seiner Bildkadrierung und der präzisen Choreographie der Inszenierung hält.

Es gibt in Kubricks Filmen ein visuelles Leitmotiv, das seine Fans liebevoll den "Kubrick stare"  getauft haben. Immer wieder läßt er verschiedene "Raubtiere" eindringlich in die Kamera oder knapp an ihr vorbei starren, manchmal auch ins Leere, am Rande oder schon jenseits der Klippe des Wahnsinns wie Jack Nicholson in "The Shining" (1980).  Am berühmtesten ist natürlich der "tierisch"-perverse Blick von "Alex", dem Anführer der gewalttätigen Jugendgang, der "Uhrwerk Orange" (1971) eröffnet.


Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

Kommentare (18)

Ein Fremder aus Elea
28. August 2013 09:22

Ich hatte auch einmal vor langer Zeit eine Kritik zu diesem Film geschrieben, etwas von der Art: "Scheißlangweiliger Film, nur die Affensequenz ist gut: Die Idee mit dem schwarzen Monolithen als Sinnbild des Abstrakten, an welche sich das Erwachen der Affen zum Abstrakten anschließt."

Übrigens das mit der Hand haben sicher mehrere tausend verschiedene Autoren vor Spengler genauso geschrieben, angefangen wohl mit Darwin.

Hmm, ja, das Düstere dieses Erwachens gefiel mir auch, nicht so sehr der Plausibilität wegen, sondern weil es so eindringlich ist. Ich denke allerdings, daß der Leitfaden bei gesellschaftlichen Zwängen jenseits des Gesetzes, welches sich ja direkt gegen die Kriminalität richtet, nicht die Schlechtigkeit der Menschen sein sollte, sondern mehr ihre Schwäche oder gleichbedeutetend damit die Komplexität ihrer Umwelt.

Es ist nämlich so, daß besonders strikte Systeme in ihrer Komplexität beschränkt sind. Wenn ich alle Menschen durch Furcht beherrsche, kann ich keine Hochzivilisation unterhalten.

M.L.: Ich habe den Film nun mindestens zum 20x gesehen (im Laufe von ebenso vielen Jahren), und er ist mir noch nie langweilig geworden.

ene
28. August 2013 10:00

Daß die "sinnlose" Aggression, Mord und Totschlag wahrscheinlich zu unserer genetischen Grundausstattung gehören, hat Mitte der 70er Jahre die Primatenforscherin Jane Goddall durch Langszeitbeobachtungen von freilebenden Schimpansen nachweisen können. Die jahrelange "Kriege" gegen andere Schimpansengruppen führen. Ich erinnere mich an ein Interview mit ihr, in dem sie berichtet, sie sei gebeten worden, diese Ergebnisse lieber nicht zu publizieren...
Spengler und die Raubtieraugen - das dürfte ein nicht zu haltender Rückschluß von unserer tradierten Präferenz des Gesichtssinnes auf die Tiere sein. (Stichwort: die höheren und die niederen Sinne). Das größte Raubtier z.B., der Eisbär, orientiert sich fast ausschließlich über den Geruchssinn. (Er besitzt sogar ein "Riechhirn"!)

Martin
28. August 2013 10:54

Das "mit den Augen sehen" und die Welt damit schöpferisch ganzheitlich erfassen, betrachten und begreifen, das voll sinnliche Erfassen und die dahinter stehende Idee, nicht das analytische sezieren mit technischen Hilfsmitteln, die unsere Sinne über ihr eigentliches Erfassungsvermögen hinaus erweitern, die buchstäbliche "Anschauung" also, ist ja auch ein großes Thema bei Goethe, an dessen Farbenlehre in diesem Zusammenhang erinnert sei.

Kubrik ist Kulturschaffender, seine Filme von bleibendem Wert und damit ist er in der Tat in seiner Wirkung konservativ.

Couperinist
28. August 2013 12:14

Der Monolith wurde auch schon als Grabstein Gottes gedeutet, also sowohl Anregung zum Schöpferischen und Grabstein, beides assoziiert seine Form und beides scheint mit Blick auf "Gott" untrennbar. Genial. Da beide, Affe und Mensch, die Wesen vor und nach dem "Gottestod" hier eher düster dargestellt sind, steht Kubrick, glaube ich, zwischen den Stühlen, ist kein Romantiker (edle Wilde"), aber auch nicht das Gegenteil. Zynisch trifft es vll am besten.

Th.R.
28. August 2013 12:47

"Der erwachte Affe beginnt nun, zu jagen und zum Fleischfresser zu werden. Bald ist auch sein Rudel bewaffnet. Am wild umkämpften Wasserloch schlägt er mit dem neuentdeckten Instrument den Anführer eines rivalisierenden Rudels tot, das darauf die Flucht ergreift. Die Gruppe des Entdeckers hat gesiegt, und ist nun im Kampf ums Dasein im evolutionären Vorteil. "

Ähnliche Szenen können auch heute noch im Zoo, im Umfeld von Fußballspielen, in den Ghettos von Berlin oder sonstwo, wo Proll-Kultur vorherrschend ist, beobachtet werden. Richtet man den Blick auf die einschlägigen Milieus, dann werden Parallelen zum Affenkäfig im Zoo unweigerlich bewußt, wo stundenlang ein Affe neben dem anderen mißtrauisch und lauernd herumläuft, dann zwei miteinander zu raufen beginnen und schließlich das ganze Rudel, ohne Grund, schreiend, keifend und balgend durcheinander burzelt, bis nach einigen Minuten wieder das frühere lauernde Herumlaufen beginnt.

Ja, der Affe in Menschengestalt ist allgegenwärtig, und trotzdem finde ich, dass das auch gut so ist. Wenigstens pulsiert hier noch ein Wille zur Selbstbehauptung, was solche Affen wohltuend abhebt von diesen ganzen zivilisierten blut- und seelenlosen Roboterzombies, denen man jede innere Leidenschaft für den Exzess und jedwedes aus naturhafter Männlichkeit geborene Machtstreben ausgetrieben hat.

Julius
28. August 2013 16:56

Die zitierten Sätze sind tatsächlich erstaunlich, sie könnten ebenso von einem "Vordenker" (vgl. Staatspolitisches Handbuch, Band 3) stammen. Die damit in gewohnt routinierter Weise aufgeworfene Frage ist die nach dem Menschenbild, die gerade für die vielfach bereits als obsolet abgeschriebene Unterscheidung links-recht von grundsätzlicher Bedeutung ist. Das ist der Anknüpfungspunkt zu den Brettern, "die regelmäßig in diesem Blog gebohrt werden." Ob Kubrick Spengler kannte ist daher - hier wird mir Martin Lichtmesz wohl recht geben - sekundär. Im Gegenteil wäre es doch viel schöner, wenn er unbeeinflusst von sich aus zu den gleichen Feststellungen und Schlußfolgerungen gekommen wäre. Dies wäre ein Beleg, dass es sich eben um "self-evident truths" handelt - im Gegensatz zu jenen, die beispielsweise der Freimaurer Thomas Jefferson verkündet hat. (siehe Declaration of Independence)

Die philosophische Anthropologie ist Kern jeder Weltanschauung und muß daher ein Hauptkriegsschauplatz im metapolitischen Kampf sein. Diese An-, wenn nicht Einsicht, der ich uneingeschränkt zustimme, zieht sich, wie ich glaube erkannt zu haben, wie ein roter Faden durch Lichtmesz‘ Beiträge und wird immer wieder anlaßbezogen anschaulich gemacht. Der Mensch ist eben nicht von Natur aus gut und friedlich, nicht beliebig formbar, (um)erziehbar und verpflanzbar, sondern durch seine kulturelle und genetische Herkunft bestimmt usw. usf. Und vor allem: Er ist auch nicht nur Materie/Körper. Wenn ich mir eine Literaturempfehlung für Interessierte erlauben darf: Vu de droite sehr empfehlenswert und materialreich: Hans-Joachim Schoeps, Was ist der Mensch? Philosophische Anthropologie als Geistesgeschichte der neuesten Zeit. Schoeps zeigt in der Einleitung auf, dass die „Regenpfeifer“ des 19. Jahrhunderts, zu denen er ua. Donoso Cortes, Alexis de Tocqueville, Ernst von Lasaulx und Jacob Burckhardt zählt, aufgrund ihrer auf Erfahrung gegründeten Einsichten die Ungewitter des 20. Jahrhunderts vorhergesehen haben.

Phil
28. August 2013 17:59

Eine kleine Ergänzung zu dem ansonsten sehr guten Artikel:

Mir kommt es vor, als würde Kubrick bei seinem Kommentar zum Clockwork Orange das letzte Kapitel der Romanvorlage ignorieren. Es ist am Ende nicht der soziale Zwang, der Alex zum Nachdenken bringt, sondern seine freie Entscheidung - inspiriert von dem positiven Werdegang eines seiner ehemaligen Droogs.

In der Hinsicht wird der Film von Kubrik seinem eigenen Weltbild entsprechend verkürzt: Da der Mensch an sich böse ist, er ein unedler Wilder ist, hat die freie Entscheidung zum Guten keinen Platz.

Ich mag beide Werke: das Original von Burgess wegen der Hoffnung, die es aufzeigt und die Literaturverfilmung von Kubrick, weil sie zeigt, daß man den Menschen nicht zum Guten zwingen kann.

Stevanovic
28. August 2013 18:03

Die Odyssee 2001 ist ein Buch von Arthur C. Clarke. Wie der Film geht es von einer Menschheit aus, die sich zu einer immer höheren und komplexeren Daseinsform entwickelt. Der Knochen wird in die Luft geworfen und wird zur Raumstation. Und jetzt (2001) sind wir mit HAL an einen Punkt gelangt, an der wir die Möglichkeiten des Knochens ausgeschöpft haben und uns die Überwesen auf eine neue Bewusstseinsebene heben wollen. Film und Buch gehen von einer optimistischen Sicht aus, dass es nämlich im Kern des Menschen um Progression geht. Nachdem wir die Hardware optimiert haben, geht es nun um unsere Software, deswegen analog zu Bowman, dem Vertreter der Menschheit, die zur Zeit des Entstehung des Buches und des Films mit Atombomben aus ideologischen Gründen fast die Welt zerstörte, der Computer HAL, der die Besatzung tötet, um die Mission zu schützen. Wenn wir kein besseres Bewusstsein entwickeln, werden wir uns selbst töten.

Film und Buch sind Hippie und Linksliberal bis in die letzte Filmszene. Der Fötus, der die neue Menschheit symbolisiert.

this is the dawning of the age of aquarius…

M.L.: Lächerlich, die Stimmung des Films ist eine völlig andere.

Andreas Walter
28. August 2013 18:04

Der Mensch ist beides zugleich, dass ist das eigentliche Dilemma. Wobei der Mann töten können musste, damit die Frau in Frieden schwanger werden und gebären kann, und beide gemeinsam dann den Nachwuchs grossziehen können. In modernen Gesellschaften versuchte man das über Arbeitsteilung und Spezialisierung des gesamten Genpools zu erreichen, die Nation, oder in manchen Fällen sogar gleich die ganze Welt, sollte der Ersatz für den Stamm werden, zumindest im idealtypischen Fall. Ab einer Gruppengrösse von zirka 100 Individuen beginnen allerdings andere Effekte den Menschen und sein Verhalten immer mehr zu dominieren, zum Beispiel die Individualisierung und die Anonymität. Die Geburt des Egos. Individuum, Familie, Gruppe, Nation, und dann die Welt. Die ganze Welt aber auch übernationale, supernationale Gebilde sind jetzt schon mehrfach gescheitert was mich zur Annahme treibt, das Nationen eine Art goldene Mitte zwischen Affe und Weltherrschaft sind.

ingres
28. August 2013 18:05

Ich war immer der Meinung, dass Sätze wie "Der Mensch ist ...". den Menschen überhöht darstellen. Der Mensch ist für gewöhnlich der Durchschnittsmensch. Und Menschen die Sätze wie "Der Mensch ist ..." formulieren, waren und können keine Durchschnittsmenschen sein. Da der Mensch i.a . Durchschnittsmensch ist, sind keine überhöhten Charakterisierungen angebracht. Eine Formulierung wie: "Der Mensch ist ein Raubtier" geht damit ins Leere. Wer das formuliert meint im Grunde genommen. In mir sind Abgründe, die ich mal mit dem Begriff Raubtier charakterisieren will. Leute wie Kubrick charakterisieren also nicht so sehr den Menschen, als vielmehr sich selbst. Und da ist es keine Überhöhung, sondern entspricht der inneren Zerrissenheit. Die Projektion auf den Durchschnittsmenschen funktioniert jedoch nicht. Kein normaler Mensch den ich kannte und kenne war oder ist ein Raubtier. Ich auch nicht.

Das hier ist aber korrekt, wenn man die Überhöhung "unedler Wilder" wegläßt:

>>Der Mensch ist kein edler Wilder, er ist ein unedler Wilder. Er ist irrational, brutal, schwach, dumm, und unfähig zur Objektivität, sobald seine Interessen auf dem Spiel stehen. <<

Stevanovic
29. August 2013 07:33

Heute sieht dieser Zusammenhang tatsächlich lächerlich aus. Wenn man sich unter Linksliberal nur die verstrahlten Teletubbies heutiger Prägung vorstellt, wirkt die Stimmung des Films tatsächlich konträr zu denen – und sie ist es auch. Sowohl Kubrick als auch Arthur C. Clark haben sich immer gegen die Vereinnahmung durch die Vulgärlinken gewehrt. Der Grundgedanke der Geschichte ist die Unzulänglichkeit des Menschen. Diese Unzulänglichkeit muss überwunden werden, will die Menschheit nicht untergehen. Natürliche Ordnung führt in den Untergang. Der Mensch muss erzogen werden, auf eine höhere Stufe gebracht werden. Dass der Mensch an sich gut sei, war nur eine Facette in einem bunten Spektrum. Viele Linksliberale hatten ein, nach heutigen Maßstäben, pessimistisches Menschenbild. Deswegen der Drang zur Erziehung der Massen. Es ist leider der debilen „du bist okay wie du bist“ Fraktion geschuldet, das der pessimistische Gedanke nicht mehr zum Kanon der Linksliberalen gehört. Linkliberal war mal kein hedonistischer Zeitgeist, es war mal eine recht anstrengende Sache. Das hätte man 1970 noch erkannt. Heute würde Kubrick eher zu Rechten zählen und tatsächlich können Sie mit diesem Film mehr anfangen, als ein Multikulturalist heute. Das spricht nicht gegen Kubrick und bedeutet auch nicht, dass er ihr Gesellschaftsbild teilen würde. Es sagt aber viel über den Verfall des Linksliberalismus aus.

Rumpelstilzchen
29. August 2013 09:16

@ML und Stevanovic

Wahrscheinlich ist die Rezeption eines Filmes auch abhängig von der Zeit, in dem man ihn sieht.
"Uhrwerk Orange" war der erste "Problemfilm" meines Lebens in den 70er Jahren. Davor kannte ich nur sogenannte Unterhaltungsfilme.
Kino mußte schön und erbaulich sein.
Dieser Film war damals so verstörend und galt als linker Film.
Als Kritik am Establishment. Die Gewalt an den damals sog. Spießbürgern wurde unterschwellig gebilligt.
Dieser Film wurde gar zum Lackmustest der richtigen Gesinnung.
Wer ihn ansehen konnte, ohne verstört zu sein, hatte den Test bestanden.
Ich wurde den Film lange nicht los. Es war wie ein Verlust der Unschuld.

Stevanovic
29. August 2013 10:03

http://en.wikipedia.org/wiki/Stanley_Kubrick%27s_political_and_religious_beliefs

Hier sind einige Links zu Kubrick.

Ohne Frage gilt so ein Mensch heute als Rechts.

Stevanovic
29. August 2013 10:16

„Uhrwerk Orange“ wurde von links und rechts vollkommen missverstanden. Es ist die vollkommene Antithese zu Odyssee 2001 – während 2001 davon ausgeht, dass die Menschheit in der jetzigen Form dem Untergang geweiht ist, geht Uhrwerk Orange davon aus, dass der Mensch in seiner Unzulänglichkeit dennoch überlebensfähig ist. Das macht das Uhrwerk im ganzen Elend doch optimistisch.

Es bleibt ein echter Kubrick: Der Mensch ist finster.

ene
29. August 2013 11:11

Dazu paßt der "Knochen":

Kain erschlägt Abel mit einem Knochen, mit einer Kinnbacke.
Ich finde das zwar nicht im Text (1.Mos.4), aber in der Ikonographie dieses "Urverbrechens".

Stevanovic
29. August 2013 15:31

Unglaublich ist die psychodelische Sequenz mit ihrem Bezug zu LSD. Der Schlüssel der Menschheit liegt nicht in den gesellschaftlichen Abläufen, der Sprung vom Knochen zur Raumstation war ja nur ein Wimpernschlag. Auch kann die Technik und Kultur uns nicht von dem abbringen was wir sind. Die Menschheit schuf, Gott ähnlich, ein geradezu denkendes Wesen, und es wurde ein: Arschloch. Aus sich heraus wird der Mensch keine Erlösung finden. Wobei zu keinem Zeitpunkt klar wird, was Monolith/Gott von uns will. Wozu der Sprung vom Knochen zur Raumstation? Was ist der Endpunkt, die Erlösung? Außer der treibenden Kraft in uns, die den Affen in einen Kontext stellen will, erfahren wir nichts. Gott bleibt ein schweigender Monolith. Und dann geht es rund, der Mensch bekommt ein neues Bewusstsein. Der LSD Trip. Wir MÜSSEN das Bewusstsein ändern, wollen wir mehr als Affen sein, so der Gedanke. Das ist die Kernidee der Political Correctness und des social engineering – durch Sprache soll neues Bewusstsein entstehen, der neue Mensch wird geboren. Reprogrammierung – auch so ein Schlagwort der LSD Ära. Könnt ihr euch die Schaaren der Hippies vorstellen, die sich nach diesem Film mit gepanschten Drogen vergiftet haben? In den fortschrittsgläubigen 60ern waren (vielleicht?) solche Träume möglich. Heute hat das alles einen sehr schalen Beigeschmack. Wir wissen heute, dass wir immer noch in der Knochen-Ära leben und auch kein LSD hilft. Gott hat sich immer noch nicht gemeldet und uns erklärt, was das ganze überhaupt soll. Der Film ist für mich das Ende einer Ära, ihr künstlerischer Höhepunkt. Vielleicht begann sie mit den Futuristen. Ein zu Ende gedachter Gedanke, der zu nichts geführt hat. Dank Kubrick wissen wir auch, was wir heute sind, da wir den Sprung nicht geschafft haben: Arschlöcher.

Logisch danach: Uhrwerk Orange und die Versöhnung mit uns selbst. Dennoch mit einer Verachtung, wie sie nur Kubrick zeigen konnte.

M.L.: Ein wichtiger Hinweis, der Film war in der Tat damals ein Renner unter Acidheads, die während der Vorführung Trips geschmissen haben... es war ja auch die Zeit von Leary und ähnlichen Gurus. Ich würde, wie gesagt, den Film gewiß nicht als "Hippie"-Film bezeichnen, aber es gab natürlich erhebliche Berührungsflächen und Brücken zur einschlägigen "Counterculture". Aber daß sich in Uhrwerk Orange eine "Versöhnung" mit der Natur des Menschen anbahnt, halte ich für einen Trugschluß. Wobei der Film das ja bewußt offen hält, bzw. "sarkastisch" ("Verachtung") auflöst, also schon wieder in Frage stellt. Demnächst mehr dazu...

Kint
29. August 2013 20:53

Kubrick, das Rätsel.
Optimistische Perspektive - gar nicht lächerlich, noch Kubricks Sicht auf Mensch und Zukunft zwangsläufig finster. Wie beunruhigend, verstörend die Stimmung des Films auch sein mag. Hätte jmd angefangen drüber nachzudenken, wenn sie es nicht wär?
Sonnenklar ist die Erkenntnis des Affen initiiert. Seine Entwicklung ist nicht zufällig (und damit Darwin ganz nebenher raus). Geschaffen vom - Bösen? Die neue Ebene am Ende eine schlechte? Wieso das denn?
(Woraus ergibt sich das? Aus der pessimistischen Annahme / Spekulation "was Vergangenheit war, muss für alle Zeit Zukunft werden"? Die müsste sich erst erweisen. Kein Beleg heute, keine Bestätigung vor dem Ende aller Tage.)
Kubrick lässt das grds. auch offen. Er beschreibt düstere Folgen bis heute. Zu Recht, denn es gibt sie.
Dass die aber auf alle Ewigkeit, zwangsläufig, naturgegeben sind, folgt daraus keineswegs. Nochmal: Wieso das denn?
2001 Antithese zu C.O. - auch nicht. Die Kreaturen, die da vegetieren, sind keine Menschen. Psychopathen, von der schieren Größe Beethovens berauscht, schlagen andere tot. (Auch den Affenneumenschen versetzt der neue Knüppel, seine Teilerkenntnis, in Rausch). Die "Normalen" sind genauso beschränkt, auch sie mögen B., es bleibt aber eher Zufall, dass sie keine Leute totschlagen. Das alles ist realistisch, kühl analysiert. Jedem kann es vor Augen führen, dass diese Realität gerade nicht zwangsläufig ist: Dass die bessere Alternative bis dato nur am fehlenden Bewusstsein scheitert.
Die zunehmende Verblödung und Verbösung ist wahr. Und mit klarer, böser Absicht gemacht. Dass K. sie erkannt hat und mehr mit und nach ihm auch - ist das nichts? Folgt denn aus der Erkenntnis, dass dem Menschen Erkenntnis möglich ist, der zwangsläufige Sieg des Schlechten? des Bösen?
Nein. Es schreit doch geradezu: Alles andere als das!
Die bedrohliche Gegenwart beruht doch einzig auf der Bewusstlosigkeit. Mit allgemeinem Bewusstsein von den Dingen wären die doch praktisch schon beseitigt. Kubrick sagt nichts anderes: Einschüchterung, Schizophrenisierung, Idiotisierung der Massen ist Voraussetzung, dass das Böse, Schlechte "funktioniert". Woraus folgt: Der Mensch ist nicht böse, höchstens zu blöd und gutmütig, um die Manipulation zu erkennen. In deren Erkenntnis aber würde er nicht mehr mitmachen, weil er das weder (bewusst) kann noch will. Und das böse Spiel wäre.. aus.
Worauf zielt Kubrick denn anderes als auf Wesen und Bewusstsein des Menschen? Und wenn wir es erlangen - will Kubrick uns etwa sagen -, wird uns erst klar, dass wir nichts damit anfangen können? Nein. Das macht auch keinen Sinn. Klar lässt sich mit (mehr) Bewusstsein was anfangen. Sonst wär´s ja besser, blöd zu bleiben, bzw. die nächste Stufe der Erkenntnis wäre - die Erkenntnis, dass man sie sich hätt sparen können. Na, das war Kubriks Sache wohl nicht, das sehe ich nicht, das glaube, wer will. Und wer schon endgültig zu verzweifelt wäre, um diesen einfachen Gedanken zu verfolgen, dem... hm, ist wohl auch Kubrick keine Hilfe mehr.
Aber noch ist nicht aller Tage Abend, noch denkt und spricht man ja über ihn.
K. zeigt, was dem Menschen möglich ist. Und genau damit auch, wozu er gemacht ist. Nichts spricht dafür, auch Kubrick nicht, dass der Mensch an seiner Aufgabe scheitern wird.
Er stellt sie dar.
Jedem, der sie verstehen will. Er macht bewusst, worum es geht. Um Wissen und Wahrheit, um Gut und Böse. K. zu unterstellen, er hielte die dargestellte Gegenwart für unabwendbare Zukunft, dürfte arg kurz geschossen sein. So knapp wie üblich war der nicht gestrickt. Wie an seinem Werk zu besichtigen, meine ich...
"Verlust der Unschuld." - als Beginn der Erkenntnis - die Verstörung als Auslöser des Nachdenkens. Kubrick, gerade indem er die immer gewöhnlichere Normalität des Irrsinns darstellt, verstört eben doch. Gut.

Martin Lichtmesz
29. August 2013 22:03

Badeschluß!

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