1. September 2013

Dreimal Stanley Kubrick (2) – Uhrwerk Orange

Martin Lichtmesz / 18 Kommentare

Auch A Clockwork Orange (Uhrwerk Orange, 1971)  hat wie "Odyssee im Weltraum" den Status eines "Klassikers" erlangt. Über dieser Schublade wird schnell vergessen, was für eine immens verstörende Wirkung der Film bei seinem Erscheinen hatte. Seine subversive Kraft hat er jedoch auch nach über vierzig Jahren noch bewahrt.

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

Meine Beschäftigung mit "Clockwork Orange" reicht lange zurück. Ich war zwölf Jahre alt, als ich zum ersten Mal vom "Rowdy" und Problemkind meiner Klasse, mit dem ich komischerweise gut befreundet war, davon hörte. Es handele sich um einen streng verbotenen und diabolisch verruchten Streifen voller Sex und Gewalt, den "Lieblingsfilm der französischen Skinheads" (woher er dieses spezifische Wissen hatte, ist mir bis heute ein Rätsel) mit gar greulichen Szenen: in einer würde eine Frau mit einem Plastikpenis zu Tode vergewaltigt werden, der so groß ist, daß er ihr "oben aus dem Mund wieder herauskommt". Als er das erzählte, machte er eine obszöne Geste und grinste dabei begeistert. Ich konnte vor Beklemmung nächtelang nicht schlafen.

Daß eine solche Szene in der Form nicht in dem Film vorkam, forschte ich in "Reclams Filmführer" und in einem Taschenbuch über Kubrick nach. Die darin abgedruckten Bilder erschreckten und faszinierten mich zugleich. Ich litt furchtbar darunter, daß ein so schrecklicher Film existieren konnte und durfte. Das war wirklich etwas, mit dem ich fertigwerden mußte. Es kam einem Verlust der Unschuld gleich, zu wissen, daß es solche Filme überhaupt gab, und ich war ein äußerst unschuldiges Kind. Bald war ich von seinem Inhalt regelrecht besessen. Ich kannte die ganze Handlung auswendig, ohne ihn jemals gesehen zu haben, was damals, Ende der achtziger Jahre, nicht so einfach war, wovor ich mich aber auch fürchtete. Ich habe ihn erst viele Jahre später gesehen, mit neunzehn oder zwanzig Jahren.

Ich war nicht der einzige, der daran zu kauen hatte. Der Ruf eines abgrundtief "bösen" und "perversen" Machwerkes hing "A Clockwork Orange" jahrzehntelang an, noch verstärkt durch Kubricks Entscheidung, den Film für den Verleih und den Videomarkt in England zu sperren.Grund waren einige Fälle von Jugendgewalt, die angeblich von Szenen des Films inspiriert waren. Dadurch wurde er zur umso heißer begehrten "verbotenen Frucht".

Die ewige Kontroverse um Freiheit und "Verantwortung" der Kunst hatte allerdings schon früher eingesetzt. Ein Kritiker der New York Times  zeigte sich geradezu entsetzt, und warf "A Clockwork Orange " eine "antiliberale Botschaft", "Nihilismus" und "unverkennbar faschistische Töne" vor. Der Vorwurf des "Faschismus" traf Anfang der Siebziger Jahre eine ganze Reihe von Filmen, die als "reaktionäre" Gegenentwürfe zu den Trends und Liberalisierungsschüben der Sechziger Jahre empfunden wurden. Als "faschistisch" galten Polizeifilme wie "French Connection" und "Dirty Harry" (beide 1971) , Selbstjustiz-Thriller wie "Death Wish" (Ein Mann sieht rot, 1974) oder solitäre Schocker wie Sam Peckinpahs "Straw Dogs" (Wer Gewalt sät, 1971).

Was war damit eigentlich gemeint? Der Artikel des NY-Times-Kritikers Fred Hechinger brachte es auf den Punkt: all diese Filme hatte gemeinsam, daß sie von einem durchweg pessimistischen Menschenbild ausgingen, und daß ihre Szenarios demonstrierten, daß es Lagen gibt, in denen alle guten Absichten und "gutmenschlichen" Prämissen und Lösungsvorschläge versagen. Diese bittere Botschaft hört der linksliberale Intellektuelle natürlich bis heute nicht gerne, und prügelt dafür auf ihren Überbringer ein.

Hechinger schrieb:

Wenn solche Ansichten nun von der Filmindustrie verbreitet werden - nicht nur in Uhrwerk, sondern in einer wachsenden Anzahl von Filmen wie Straw Dogs und sogar French Connection - was wären die Konsequenzen einer solch pessimistischen, antiliberalen Sicht der menschlichen Natur? Wie sollen die sozialen Institutionen aussehen, die darauf basieren? Das können doch logischerweise nur die repressiven, autoritären, mißtrauischen, gewalttätigen Institutionen des Faschismus sein. "Wir halten diese Wahrheiten für ausgemacht, daß..." Lächerlich! "Herrschaft durch das Volk..." Absurd! Jefferson, ganz zu schweigen von Christus, waren eindeutig Liberale, die nicht imstande waren, die "blutige Wahrheit" zu ertragen. Da müssen schon Gestalten wie Hitler und Stalin ran, da braucht es die Gewalt der Inquisitionen, Pogrome und Säuberungen, um eine Welt von unedlen Wilden unter Kontrolle zu halten.

Letzteres spielt auf ein Zitat von Kubrick an: der Mensch sei kein "edler", sondern ein "unedler Wilder". Man sieht, daß der hysterische, politkorrekte Alarmismus schon in den Siebziger Jahren Triumphe feierte. Kubricks kühle Antwort darauf war, daß er eben kein Anhänger der Rousseau'schen Sicht auf den Menschen sei:

Das Zeitalter der Ausreden, in dem wir uns befinden, begann mit dem ersten Satz von Rousseau's "Emile": "Die Natur hat mich glücklich und gut erschaffen, and wenn ich das nicht bin, dann ist die Gesellschaft daran schuld." Es basiert auf zwei irrigen Konzeptionen: daß der Mensch in seinem natürlichen Urzustand glücklich und gut war, und daß der Urmensch keine Gesellschaft kannte. Rorbert Ardrey schrieb in "Der Sozialvertrag": "Das leitende Prinzip in Rousseaus Leben war der Glaube an die ursprüngliche Güte des Menschen, eingeschlossen seiner eigenen. Das führte ihn zu gewaltigen Heucheleien, die zwangsläufig aus einer solchen Annahme erwachsen müssen. Noch gewichtiger sind die Desillusionierungen, der Pessimismus und die Paranoia, die ein solcher Glaube an die menschliche Natur hervorrufen muß."

Genau dies ist der klassische Ausgangspunkt, von dem aus sich "rechte" und "linke" Staats- und Gesellschaftstheorien verzweigen. In der Folge erscheinen die Linken den Rechten als naiv, die Rechten den Linken als zynisch: "the evil and the stupid party", wie der alte amerikanische Witz über Republikaner und Demokraten geht (daß sich beides trefflich kombinieren läßt, zeigt die amerikanische Politik auf Schönste).

Und das ist auch die Wurzel der "Political Correctness": derjenige, der das linke Menschenbild nicht teilt, erscheint dem Linken nicht nur als falschliegend, sondern als ethisch defekt. Dagegen führt ein auf schiefer Ebene erbautes Menschenbild stets zum Gegenteil dessen, was es erreichen will. Das "Böse", daß der Linke "im Menschen" nicht sehen will, projiziert er auf sein politisches Feindbild; auch er kennt also seine "Juden" und "Untermenschen", die seiner schönen neuen Welt der allumfassenden Gleichheit böswillig im Weg stehen.

So gesehen hatten Hechingers übertriebene Vorwürfe an Kubrick einen wahren Kern. Die amerikanische Kulturkritikerin Camille Paglia brachte es auf den Punkt:

Kubrick zeigt in "A Clockwork Orange" die Wahrheit: wenn Gesetz und Ordnung zusammenbrechen, dann regiert der Mob.

"A Clockwork Orange" handelt, wie die meisten Leser wohl wissen werden, von Alex, dem Anführer einer Jugendgang, die aus purem Vergnügen, ja mit kindlicher Lust raubt, prügelt und vergewaltigt. Die Welt, in der sie sich bewegen, ist hedonistisch, liberalistisch, permissiv. Softporno-Bildchen sind in dieser Gesellschaft ubiquitär, sogar in der Wohnung von Alex schwächlichen und etwas dummen Eltern. Alex wird nach dem Affektmord an einer Frau verhaftet und zu einer langjährigen Haft verurteilt. Um seinem Schicksal zu entkommen, meldet er sich als freiwilliges Versuchskaninchen zu einer  neuartigen,"fortschrittlichen" Erziehungsmethode. Mit "behaviouristischen" Mitteln wie chemisch und psychologisch induziertem Streß und Ekel soll ihm der Geschmack an "sex and crime" abgewöhnt werden. Alex unterwirft sich der Prozedur, in deren Verlauf ihm als zufälliger Nebeneffekt auch noch seine leidenschaftliche Liebe zu Beethoven ausgetrieben wird.

Die "Therapie" scheint zunächst zu funktionieren, Alex reagiert nun auf Regungen von Aggression und Gewalt mit Übelkeit und Erbrechen. Er wird aus dem Gefängnis entlassen, ist aber nun, da er sich nicht mehr wehren kann, der Rache seiner früheren Opfer, die nicht minder grausam sind als er zuvor, hilflos ausgeliefert.  Als Alex versucht, Selbstmord zu begehen, wird eine politische Kampagne gegen den Innenminister, der das Programm verantwortet hat, in Gang gesetzt. Die Konditionierung wird rückgängig gemacht, und Alex läßt sich dafür kaufen, sich nun öffentlich an die Seite des Ministers zu stellen, um ihm wieder gute Publicity zu verschaffen. In der letzten, surrealen Szene des Films sieht man ihn, wie er sich mit einem nackten Mädchen vor den Augen einer applaudierenden viktorianisch gekleideten Gesellschaft wollüstig auf dem Boden wälzt: "Ich war wieder geheilt, allright."

Kubrick, der selbst das Drehbuch schrieb, hat aus der Romanvorlage von Anthony Burgess (1962) einen vielschichtigen "Thesenfilm" und eine schwarze Satire im Geiste Swifts gemacht, mit deren Analyse sich voluminöse Doktorarbeiten füllen ließen. Ich will mich hier auf ein paar Anmerkungen beschränken.

Was auch immer "Clockwork Orange" noch sein mag, er ist vor allem ein ästhetischer Volltreffer, der seinesgleichen nicht hat. Für das dystopisch verfremdete England seines Films hat Kubrick eine Vielzahl von Stilisierungen eingesetzt: bizarre futuristische Sets wie die berühmte "Korova-Milchbar", exzentrische bis schrille Kostüme, poppig leuchtende Farben. Alex' Bande ist gänzlich in Weiß gekleidet, mit schwarzen Melonen und Zylindern als Kopfbedeckungen, trägt falsche Wimpern und Lippenstift sowie Gürtelbinden, die das Geschlechtsteil betonen.

Sie sprechen in einer merkwürdigen Kunstsprache, einer Mischung aus blumigen und barocken Redewendungen, Cockney-Slang und Neologismen, die aus dem Russischen stammen (die ausgezeichnete deutsche Synchronfassung stammt übrigens von keinem Geringeren als Wolfgang Staudte). Die Sex- und Gewaltszenen werden mit bekannten klassischen Musikstücken unterlegt und durch Zeitraffer- und Zeitlupenaufnahmen gedehnt oder beschleunigt.

Dies wurde bei Erscheinen des Films als unglaubliche Provokation empfunden. Es hieß, Kubrick verherrliche die Gewalt, indem er sie zum ästhetischen Genuß hochstilisiere. Tatsächlich konzentriert sich das berüchtigte erste Drittel des Films auf den hemmungs- und gewissenlosen Spaß, den die "Droogs" an ihrer "Horrorshow" haben. Kubrick kümmert sich dabei wenig um das Leid der Opfer, aber umso mehr um die Freude der Täter. Das erzeugt im Zuschauer äußerst ambivalente Gefühle: er ist abgestossen vom Inhalt, aber angezogen von der Form.

Alex ist eine vollendete Kunstfigur, die so gut wie nichts mit realen soziologischen Erscheinungen zu tun hat, kongenial verkörpert von dem damals 28jährigen Malcom McDowell. Schon die erste Einstellung zeigt ihn als eine Art sadistisches, erregt atmendes, vor Energie platzendes Triebtier, das zugleich alle Züge einer verfeinerten Kultur zeigt - nicht nur in seinem dandyhaft-dekadentem Outfit und seiner gewählten Sprache, sondern auch in seiner - für den Kontext, in dem er sich bewegt, bizarren - Passion für Beethoven. Dabei hat es ihm insbesondere die "Ode an der Freude" aus der im Film ausgiebig verwendeten Neunten Symphonie angetan: sie ist der bevorzugte Soundtrack für seine nächtlichen "ultrabrutalen" Ekstasen.

Nochmal Camille Paglia:

Die Musik drängt dem Publikum gewaltsam folgende Idee auf: ihr denkt, ihr seid alle sehr zivilisiert, nicht wahr? Ihr denkt, eure Kunst sei so hochentwickelt, daß ihr nicht mehr in eure anale Welt zurückfallen könnt? Nun, denkt lieber nochmal darüber nach.

Das erinnert an den Satz des Gegenaufklärers Rivarol:

Die zivilisierten Völker sind der Barbarei so nahe wie das bestgeschliffene Eisen dem Rost. Völker wie Metalle glänzen nur an der Oberfläche.

 

Während seiner "Umerziehungs"-Therapie wird Alex auf einen Kinostuhl festgeschnallt und gezwungen, sich stundenlang Filme mit gewalttätigem und pornographischen Inhalt anzusehen, während ihm gleichzeitig eine Droge verabreicht wird, die Schmerz- und Übelkeitsgefühle erzeugt. An den Augenlidern befestigte Klammern verhindern, daß er seinen Blick abwenden kann.

Irgendwann sind auch Szenen aus dem Zweiten Weltkrieg und NS-Propagandafilmen zu sehen - Panzer, Flugzeuge und die monumentale Ästhetik des Nürnbergs von Speer und Riefenstahl. Das ist natürlich eine Variation der Kernfrage des Films: wie konnten die Nationalsozialisten Ästheten und Massenmörder zugleich sein? Wie passen Kultur und Krieg zusammen? Steht Kunst außerhalb der Moral, hat sie überhaupt etwas mit Moral zu tun? Müssen das Schöne und das Gute zwangsläufig zusammenkommen? Kann Schönheit totalitären Zwecken dienen?

Wieder ist die Musik - elektronisch - verfremdet - aus der Neunten Symphonie. Als Alex sie erkennt, bricht er in ein animalisches Wehgeschrei aus:

Alex: Aufhören, bitte aufhören! Es ist eine Sünde, eine Sünde, eine Sünde...!

Dr. Brodsky: Sünde? Was meinen Sie denn mit Sünde?

Alex: Den alten Ludwig Van so zu benutzen, er hat doch niemals jemandem etwas getan!

Dieser Satz ist doppeldeutig: damit können sowohl die Nazis als auch die Umerzieher gemeint sein.

Dr.Branom: Erregt Sie vielleicht die Filmmusik, die sie hören?

Alex: Ja!

Dr. Branom: Haben Sie Beethoven schon einmal gehört?

Alex: Ja!

Dr. Brodsky: Lieben Sie Musik?

Alex: Ja!

Dr. Brodsky (zu Dr. Branom): Kann man nichts machen, vielleicht ist hier dann die Bestrafung zu sehen. Der Direktor wird sich freuen.

Die Ärzte sind also offenbar Liberale, die Bestrafung für barbarisch halten, und in erster Linie daran interessiert sind, aus den Tätern "bessere Menschen" zu machen.

Nun, da für ihn etwas Grundlegendes auf dem Spiel steht, zeigt sich Alex endlich bereit, sich den Forderungen der Moral zu unterwerfen. Aber seine Beteuerungen klingen unaufrichtig, von Angst diktiert:

Alex: Es ist nicht fair! Es ist nicht fair, daß mir schlecht wird, weil ich den lieben, lieben, lieben Ludwig Van höre!

Dr. Brodsky: Du mußt deine Chance wahrnehmen. Die Entscheidung hat bei dir gelegen!

Alex: Sie haben mich längst überzeugt, Sir! Ich hab schon begriffen, daß das Ultrabrutale und das Killing falsch ist! Ich hab's kapiert, schon längst! Ich seh doch alles Böse ein, hört auf!

Die Klagen helfen nichts, die "Therapie" wird zu Ende geführt. In einer vom Innenminister präsentierten öffentlichen Demonstration wird Alex von einem engagierten Schläger geohrfeigt und gedemütigt; in dem Moment, als er zurückschlagen will, überkommt ihn die "konditionierte", unerträgliche Übelkeit. Der einzige, der protestiert, ist der Gefängnispfarrer, der seine Zöglinge mit altbewährten Methoden wie Höllendrohungen zu erziehen versucht. Das Gezeigte sei ein erbärmliches Schauspiel, denn Alex würde nur aus Angst vor Schmerzen handeln, nicht aus freier moralischer Entscheidung.

Innenminister: Hochwürden, das sind Spitzfindigkeiten. Uns geht es allein um die Bekämpfung der Kriminalität und die Entlastung der überfüllten Gefängnisse. Entscheidend ist der Erfolg! Hier haben Sie Ihren wahren Christen, der bereit ist, eher selbst gekreuzigt zu werden, statt zu kreuzigen (im Original: "ready to turn the other cheek").

Genau das macht Alex aber in einer feindlichen Umwelt überlebensunfähig. Nach und nach rächen sich seine Opfer an ihm, der Bettler, den er grundlos zusammengeschlagen hat, der Schriftsteller, dessen Frau er vergewaltigt hat, und sogar seine eigenen "Droogs", die inzwischen - zu Polizisten geworden sind, und ihre Neigung zum Sadismus nun mit staatlicher Sanktion ausleben. Wie schon anhand der Figur des brüllenden, zusammengeklemmten, sich automatenhaft bewegenden Gefängnisaufsehers, der merkwürdig "dressiert" wirkt, zeigt Kubrick, daß der Staat durchaus nicht auf die kanalisierten und gezähmten Triebenergien verzichten kann, um sein eigenes Gewaltmonopol umzusetzen.

Hier zeigt sich die tiefe Zwiespältigkeit von "Clockwork Orange", die darauf abzielt, beiden Seiten des politischen Spektrums Bauchschmerzen zu bereiten. Ich habe selbst oft erlebt, wie dieser Film vor allem Zuschauern, die sich für besonders liberal und aufgeklärt halten, geradezu ein schlechtes Gewissen, ein "Problem" bereitet. Trotzdem wird man hier schwerlich eine "konservative" Lobpreisung der Institutionen erkennen können. Kubrick zieht es vor, den Zuschauer zu erschüttern, zu verunsichern und ihn Fragen stellen lassen, statt ihn mit beruhigenden Antworten abzufertigen. So wird das Dilemma nicht aufgelöst: die Natur des Menschen bleibt dauerhaft problematisch, die "Endlösung" durch Gehirnwäsche, Konditionierung und "Umprogrammierung" ist es aber nicht minder, ist vermutlich noch verwerflicher.

Wenn wir heute von der "Umerziehung" der "Natur des Menschen" denken, kommen uns natürlich vor allem die Zumutungen der "politischen Korrektheit" und der linken Ideologie in den Sinn, etwa wenn es um die Neutralisierung von Geschlechtsunterschieden und die krypto-puritanische Bekämpfung von "Rassismus" geht.

Kubrick hatte eine Ahnung davon, daß der Totalitarismus sein Gewand wechselt, und keineswegs immer wieder von Neuem mit Hakenkreuzbinden und Schaftstiefeln auftreten muß. In seiner Antwort an den panischen NY-Times-Kritiker schrieb er die etwas kryptischen Sätze:

Die These des Films besteht vielmehr in der Warnung vor dem neuen psychedelischen Faschismus, der sinnenbetäubenden, multimedialen, stereobeschallten, drogeninduzierten Konditionierung von Menschen durch andere Menschen, die wahrscheinlich zur Abschafffung des Menschseins überhaupt und zum Beginn des Zombietums führen wird.

Als allzu pessimistisch wollte Kubrick aber nicht gelten, und so konstatierte er mit Robert Ardrey:

Es stellt sich die Frage, ob Rousseaus Sicht auf den Menschen als gefallener Engel nicht in Wirklichkeit die pessimistischte und hoffnungsloseste aller Philosophien ist. Sie macht den Menschen zum Monster, das sich nach und nach von seinem Geburtsadel entfernt hat. Ich finde Ardrey Ansichten viel optimistischer: "Wir stammen von aufgestiegenen Affen, nicht von gefallenen Engeln ab, und diese Affen waren wohlgemerkt bewaffnete Killer. Worauf können wir also stolz sein? Gewiß nicht auf unsere Morde und Massaker und Raketen und unsere unversöhnlichen Regierungen. Sondern über unsere Friedensverträge, auch wenn sie nicht eingehalten werden; unsere Symphonien, auch wenn sie selten aufgeführt werden; unsere friedlichen Äcker, auch wenn sie sich immer wieder in Schlachtfelder verwandeln; unsere Träume, auch wenn sie selten verwirklicht werden. Das Wunder des Menschen besteht nicht darin, wie tief er gesunken, sondern wie hoch er sich erhoben hat. Die Sterne anerkennen uns wegen unserer Gedichte, und nicht wegen unserer Leichenberge."

Zum Abschluß noch ein Hinweis: Hier (und hier und hier) geht es zu den Seiten des manischen Cineasten, Undergroundfilmers und Kubrick-Exegeten Rob Ager aus Liverpool, der es mit seinen Filmanalysen im Internet zu einigem Ruhm gebracht hat. Seinen Kubrick -Studien widmet er sich mit geradezu religiöser Inbrunst, und da der Meister tatsächlich kaum ein Detail dem Zufall überlassen hat, gibt es reichlich Stoff für weiterführende Interpretationen.

Diese oszillieren zwischen scharfer, kluger Beobachtung und zum Teil haarsträubenden Spekulationen. Aber selbst diese haben großen Unterhaltungswert. In der Folge "Clockwork Orange and the Survival of Nazi Ideology"  attackiert Ager, der der United Kingdom Independence Party von Nigel Farange nahesteht, den "Totalitarismus" der EU und der Labour-Partei, und prangert unter anderem die "anti-weiße" Politik des erzwungenen Multikulturalismus an.  Ganz ausgezeichnet ist auch diese Videoserie: "How To Make Sense of Conspiracy Theories".

Clockwork

 

Nächste Folge: Full Metal Jacket (USA/GB 1987)

Bilder: DVD Stanley Kubrick-Collection


Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.


Kommentare (18)

ingres
1. September 2013 23:53

Ich hoffe man nimmt mir diesen persönlichen Kommentar nicht übel. Ich habe nie verstanden, warum Menschen böse sind. Klar als ich das mitbekam, habe ich mir meine Gedanken gemacht. Aber ich kam immer nur auf Minderwertigkeitskomplexe. Aber das thematisiert Kubrick, dessen Filme ich außer Dr. Seltsam (das war gut, auch wenn ich nichts reininterpretiert habe) nie gesehen habe, da ich kein Kinogänger war, ja nicht. Er meint wohl, dass das in der Natur liegt. Kann ich einfach ich nachvollziehen. Aber vielleicht wurde mir was anders angeboren. Klar meine Freunde waren unzuverlässig und "gedankenlos", aber böse war so lanmge ich sie kannte keiner. Aber Eifersucht usw. gibts tatsächlich auch bei guten Bekannten. Vielleicht kommt es daher und vielleicht liegt es in der Natur?
Warum dann auch Frauen böse sind, habe ich überhaupt nicht verstanden. Da sie nicht unter Konkurrenzdruck und im Wettbewerb stehen wie Männer, müssen sie keine Komplexe haben und haben überhaupt keinen Grund dazu, böse zu sein. Ich verstehs nicht.

Hartwig
2. September 2013 08:33

@ ingres

Ich kenne eigentlich auch keine richtig bösen Menschen. Aber die Frage ist doch vielmehr, ob die "Nicht-Boshaftigkeit" eine kulturelle Leistung ist oder ob sie etwas naturhaft Angeborenes ist.
Ich versuche das gerade mit meiner Großen (14 Jahre) zu besprechen. Ist ihre offene und tolerante Begegnung "dem Fremden" gegenüber ein Produkt ihres christlichen, kulturellen Umfeldes, oder ist es die selbstverständlichste natürliche Regung? Ihre Antwort auf diese Frage ist insofern sehr wichtig, weil sich daraus ableitet, wie sie gegenüber Menschen steht, die diese Offenheit und Toleranz nicht haben. Sind das dann Menschen mit anderer Meinung, Erfahrung, Erziehung ..., oder sind das von Natur aus schlechte Menschen ... Unmenschen.

Meister Herrmann
2. September 2013 09:19

.....und Heute geht er im Meer schlimmerer Filme unter und die Atlersfreigabe wurde auf 16 reduziert...

M.L.: Klar, heute schauen die Kids "Saw" und "Hostel" und "Serbian Movie" und unterhalten sich köstlich dabei. So schnell akklimatisiert man sich an die Hölle...

Rumpelstilchen
2. September 2013 09:28

Der Film Uhrwerk Orange zeigt das abgrundtief Böse.

Aber: Die Wirklichkeit ist schlimmer
Man stelle sich als Film vor:
"Der Tag, an dem Jonny K. starb"
Die Tottreter in slow motion. Überschnitten mit den weinenden Gesichtern der Angehörigen.
Das ganze mit Musik unterlegt:

https://m.youtube.com/watch?v=PmBMls_Sxas&desktop_uri=%2Fwatch%3Fv%3DPmBMls_Sxas

If this song can' t make you cry, then you're probably an alien.

Freiheit und Verantwortung, wo seid ihr hin ?

Inselbauer
2. September 2013 10:02

Bin ich paranoid, oder geht es auch anderen so, dass ich z.B. Angela Merkel für einen äußerst bösen Menschen, ja für einen Bilderbuchteufel halte? Muss ein Mensch, dem die Diktatur als lächelnde Fresse ins Gesicht gewachsen ist und der sich wie eine Satansbraut mit tückischen, manipulativen Talismanen umgibt (Deitschlandkette) nicht schon von der Optik her als Klassiker des Bösen gelten? Wer spürt das nicht?!
Da ist ja Kubricks Held ein Ausbund an Unschuld!

M.L.: In der Tat, Merkel ist das konzentrierte Böse!

ene
2. September 2013 10:05

Ein Beispiel aus der alltäglichen Welt - es geschah vor Jahren im Umfeld von Bekannten.
Die Tochter wollte eine ehemalige Schulfreundin besuchten und wurde Ohrenzeugin eines Verbrechens. Diese Freundin wurde von einem (unauffälligen, bis dato völlig harmlosen ) jungen Mann verfolgt. Er hatte sich wohl in sie verliebt, sie wollte nichts von ihm wissen. Eines Tages machte sie sich fertig, stand unter der Dusche, um mit Freundinnen auszugehen, als es unten an der Tür klingelte. Sie öffnete über die Anlage die Haustür. Als erster betrat dann jener "Verfolger" das Haus und die Wohnung, welche er hinter sich schloß. Die Freundinnen standen kurz darauf vor der geschlossenen Tür. In der Wohnung wurde die junge Frau vergewaltigt und mit einem Küchenmesser ermordet.

Das ist das "Böse": es sitzt unter dem "kulturellen Deckel" - hebt man diesen, oder wird er gehoben, dann rasten auch die sog. normalen Menschen aus. Ist es nicht böse, wenn man (wie Frau Mollath), den Ehemann in die Psychatrie verbringen läßt, nur weil er anders handelte, als sie es erwartete?
Deshalb im "Vaterunser" die Bitte, die ich als Kind nie verstanden habe, die mir aber unterdessen völlig einleuchtet: Und erlöse uns von dem Bösen.

Couperinist
2. September 2013 10:15

@ ingres

Am besten läßt sich das Böse wohl mit rücksichtslosem Egoismus definieren. Wer also die eigenen Interessen, auch die der eigenen Leute, ohne jede minimalste Rücksicht auf andere durchsetzen will, ist böse.

Rumpelstilchen
2. September 2013 10:40

@ingres @Hartwig

Die "Banalität des Bösen" (Hannah Arendt) verleitet uns zu der irrigen Annahme, es gebe keine bösen Menschen oder keine Macht des Bösen.

Tina, die Schwester von Jonny K. beschreibt die Mörder ihres Bruders als ganz normal aussehende Jugendliche, denen man das Böse nicht ansieht.
Natürlich spielen psychologische , kulturelle und biologische Faktoren eine Rolle, was das Bösewerden einzelner Menschen oder Gruppen betrifft, aber diese Fakoren erklären das Böse nicht restlos. Es bleibt das Unfassbare, das Monströse. Das Sinnlose.
Von der Linksreligion wird das Böse an der Rechten festgemacht. Das für die Linke unverständliche Böse wird gleichgesetzt mit der bösen Rechten. Das führt zu den seltsamen und realitätsfremden Reaktionen im Falle der Tottreter oder der Kirchenabfackler von Garbsen. Man beruft einen runden Tisch gegen Rechts ein. Irgendwo muß das Böse doch zu finden sein.
Gäbe es wirklich keinen einzigen Rechten mehr, hätte die Linke ein Legitimationsproblem. So generiert die Linke permanent die Rechte.

Ein rechter Mensch weiß dagegen um die Banalität des Bösen und ist deshalb auch fähig zu trauern. Ein Christ kann per se niemals links sein.
Er wird nicht diskutieren, woher das Böse kommt, er wird ein unerbittliches Nein gegen das Böse proklamieren. Getragen von tiefster Empathie und im Bewusstsein um die tiefe Erlösungsbedürftigkeit von Welt und Menschen.
Bevor es zu feierlich wird..... So long Mo

eulenfurz
2. September 2013 12:41

...Fälle von Jugendgewalt, die angeblich von Szenen des Films inspiriert waren...

„Medienpädagogik“ und „Filmpädagogik“ läuft auch darauf hinaus, Absurditäten darzustellen, um sie beim Massenpublikum wahr werden zu lassen. So schaffte es bspw. der zur Schülerkonditionierung benutzte Film American History X, den sog. "Bordsteinkick" in Potzlow und anderswo wahr werden zu lassen. Die bösen Gespenster, die man in die Wirklichkeit ruft, lassen sich auch wunderbar bekämpfen!

Stevanovic
2. September 2013 13:52

Auf uns wirkte seinerzeit Kubricks Nihilismus unheimlich befreiend. Gewalt haben wir als Jugendliche als etwas sehr anziehendes und sehr ästhetisches empfunden. Als Linke waren wir gezwungen, dies stets als Defekt, Notwehr oder gesellschaftliche Deformation zu empfinden. Oder als Akt des Wiederstandes zu interpretieren. Gewalt war immer etwas, was in ein Koordinatensystem gut/böse gequetscht werden musste. Zu dem Rausch der schreienden Menge, wenn die Polizei den Platz räumte, durften wir nicht stehen. Dann kam Kubrick und sagte uns, dass wir vollkommen normal sind. Weder Staat, Institution oder Individuum sind besser als wir. Auch Kultur kann uns nicht heilen. Wir sind, wie wir sind – keiner ist deswegen krank. Wenn alle böse und schuldig sind, dann ist es keiner. Dann liegt es nur an uns selber, ob wir in dieser Welt, in der nichts ist und in der selbst die Guten immer böse sind, die Kraft und den Willen finden, gut zu sein. Wir können wählen gut zu sein, gegen unsere eigenen Empfindungen, denn erst dann hat man gewählt und nicht reagiert. Kubrick gab uns das Gefühl, eine Wahl zu haben. Wenn man also einen Kameraden zu Boden geschickt hat, dann war man mindestens auf einer Stufe mit Mutter Theresa, wenn man ihm nicht noch ein paar Tritte mitgeben hat und man konnte mit sich im Reinen sein, dass man es eigentlich wollte und nicht als Gutmensch nach der reinen Lehre mit ihm litt.

Stevanovic
2. September 2013 15:12

Das ist das „Böse“: es sitzt unter dem „kulturellen Deckel“ – hebt man diesen, oder wird er gehoben, dann rasten auch die sog. normalen Menschen aus.

Es sitzt nicht mal unter einem Deckel –im Uhrwerk ist jeder böse, mit den Mitteln, die er hat. Em und Pe sind gleichgültig, der Sozialarbeiter zynisch, die Ärzte gleichgültig ob ihres professionellen Versagens. Der Krüppel dreht die Stereo-Anlage auf. Der freundliche Junge verdrängt ihn als Sohn. Jeder so, wie er kann. Und das sind nur die Guten. Es gibt keinen kulturellen Deckel. Da ist nichts. Unsere Gut/Böse Einteilung ist für Kubrick vollkommen unbrauchbar. Er demaskiert sie als ein Konstrukt, hinter dem eine Irrationalität lauert, die jeden Versuch rational zu sein, konterminiert. Die Ludovico-Therapie ist der Versuch, Rationalität als Maßstab zu nehmen (zB gesellschaftliche Probleme lösen). Und sie muss scheitern, weil hinter der Rationalität, ein irrationales Motiv steht (hier Angst). Letztlich sind die Menschen, selbst Alex, für Kubrick nicht böse. Sie sind einfach, was sie sind und unser starker Wunsch nach dem Guten (und Schönem) ist unser eigener Ausdruck des Irrationalen. Nicht der Versuch Gut zu sein, ist zum Scheitern verurteilt (jeder hat die Wahl) – das Konzept Gut/Böse selbst ist der Irrweg. Das Gute, wie wir es verstehen wollen, ist das eigentliche Irrationale. Den Spiegel hält er uns rationalen (welcher Richtung auch immer) Gutmenschen vor.

Stevanovic
2. September 2013 15:54

Einer der übelsten Drogenfilme war „Wir Kinder vom Bahnhof-Zoo“. Solange man sich nicht am Bahnhof prostituierte, hatte man noch kein echtes Drogenproblem. Was sich für viele als Irrtum erwies. Der Film machte 20 Jahre lang Drogenprävention fast unmöglich. So sind nicht Drogen, so ist Heroin in einer bestimmten Umgebung.

Hechinger sagt:

Da müssen schon Gestalten wie Hitler und Stalin ran, da braucht es die Gewalt der Inquisitionen, Pogrome und Säuberungen, um eine Welt von unedlen Wilden unter Kontrolle zu halten.

Damit unterliegt er dem Bahnhof-Zoo Irrtum:

Wenn wir heute von der „Umerziehung“ der „Natur des Menschen“ denken, kommen uns natürlich vor allem die Zumutungen der „politischen Korrektheit“ und der linken Ideologie in den Sinn, etwa wenn es um die Neutralisierung von Geschlechtsunterschieden und die krypto-puritanische Bekämpfung von „Rassismus“ geht.

Yep. Man muss schon ein Problem in größe des Bahnhof-Zoo haben, um die Parallele zur Ludovico-Therapie nicht zu sehen.

M.L.: Es gab wohl kaum einen Film, der soviele Jugendliche zum Drogenkonsum oder zumindest "Ausprobieren" verführt hat, wie "Kinder von Bahnhof Zoo"...

Stevanovic
2. September 2013 16:14

Mein Lautsprecher will nicht – sollte die Dame ausführen:

Kubrick zeigt in „A Clockwork Orange“ die Wahrheit: wenn Gesetz und Ordnung zusammenbrechen, dann regiert der Mob.

Dann glaube ich, liegt sie falsch. Selbst wenn Gesetz und Ordnung herrschen, regiert der Mob. So habe ich Kubrick verstanden.

Stevanovic
2. September 2013 16:54

Alex: Den alten Ludwig Van so zu benutzen, er hat doch niemals jemandem etwas getan!

Dieser Satz ist doppeldeutig: damit können sowohl die Nazis als auch die Umerzieher gemeint sein.

Ich verstehe den Satz auf die Umerzieher bezogen. Sünde den alten Ludwig van zu missbrauchen? Tja lieber Alex, in einer nihilistischen Welt haben Dinge nur eine Bedeutung, wenn man sie ihnen selbst gibt. Oder eben nicht, wie er seinen Opfern. Dinge von Bedeutung sind Schwachstellen, die ausgenutzt werden – was uns zeigt, dass die Umerzieher genauso herzenskalt und nihilistisch sind, wie Alex selbst:

Innenminister: Hochwürden, das sind Spitzfindigkeiten. Uns geht es allein um die Bekämpfung der Kriminalität und die Entlastung der überfüllten Gefängnisse. Entscheidend ist der Erfolg!

Nebenbei: Hat Innenminister Friedrich nicht neulich Sicherheit zu einem Supergrundrecht erklärt?

Hier haben Sie Ihren wahren Christen, der bereit ist, eher selbst gekreuzigt zu werden, statt zu kreuzigen (im Original: „ready to turn the other cheek“).

Erst mit der Freiheit der Wahl kann es Gut und Böse, Richtig und Falsch geben. Ein System, in dem der Mensch nicht böse sein kann, ist ein System, dass auch das Gute nicht kennt. Wer Alex und die Kopftreter von heute nicht als Teil des Lebens begreift und von einer Welt ohne sie träumt, wird scheitern. Soweit ich mich erinnere, wurde die ausufernde Jugendgewalt im Uhrwerk durch Gummiknüppel gelöst. So gesehen ist das Werk eine Ode an die Freiheit und ein Appell den Menschen einen Menschen sein zu lassen, auch und gerade die Kopftreter, und, wenn es so gar nicht geht, mit Haue zu justieren. Nicht aus Gerechtigkeit (nihilistisches Gelächter), sondern weil es funktioniert und der Mensch er selbst bleibt.

Irrlicht
2. September 2013 17:20

Der Artikel gibt unabsichtlich Zeugnis von der manischen Besessenheit (nicht nur) der amerikanischen Gesellschaft vom Nationalsozialismus, die im Film selbst, den US-Kritiken und Kubricks Reaktion darauf zum Ausdruck kommt, in MLs eigenen Wertungen durchscheint, und den Höhepunkt im Video des Kubrick-Exegeten Rob Ager mit "Clockwork Orange and the Survival of Nazi Ideology" findet. Wikipedia ausnahmsweise vertrauend, erscheint das Urteil der deutschen Kritik, z.B. von Ulrich Gregor, der den "gesellschaftskritischen" Film als "prätentiösen soziologischen Traktat" charakterisierte, nach dem Edelkitsch, den "Odyssee im Weltraum" darstellte, zutreffender.

Stil-Blüte
2. September 2013 20:33

Zu Rousseau: Er war in Frankreich keineswegs richtungsweisend wie die Freunde der französischen Revolution nicht ablassen, uns wieder beibringen zu wollen. Praktiziert wurde und wird: die eigenen Kinder zu Ammen, aufs Land in Pflege geben (alle seine 6 Kinder gab er in ein Heim) und heutzutage, seit Jahrzehnten - im Gegensatz zu Deutschland - vor allem bei den Karrierefrauen - Kindergarten so früh wie möglich, mag das Kind noch so schreien, von 6 bis 6 und späte Krönung Internat, das gehört einfach zum guten Ton. Kinder sind unbändig und müssen erzogen werden.
Anders das geistige Konzept in Deutschland. Spätestens seit der Romantik wird das Kind mit Seele aufgeladen. Und Kinder sollen vor allem gebildet werden - Völlig neu: Die innige Liebe zum Kind (s. Friedrich Rückert/Gustav Mahler 'Kindertotenlieder'): soll soll verhindern, dass es durch die böse Welt zum Monster wird. Jeder ehrliche Psycholog sagt nichts anderes heute: Zumindest bis zum 3. Lebensjahr Nähe, Geborgenheit, Liebe. Unvergleichlich reich und schön die vielen deutschen Kunstgedichte-/lieder für/über Kinder. Und wie anrührend die Klage bei dem frühen Verlust eines Kindes.
Zu 'Clockwork Orange': War und ist 'Kult', aber eben nicht Kultur-Gut, Erbe. Eine Spezialität, die den meisten - Sie sagen es selbst, lieber M.L. - schwer im Magen liegt, weil unverdaulich, was für mich so viel heißt wie: man kann es noch so oft wiederkäuen, sich einverleiben, es bleibt unverwandelt ein harter Brocken. Kultur ist für mich aber Verwandlung in einen anderen Zustand, ist Energie, Freude, Tränen, Schauen, Staunen.
Wo ist die mögliche Reinigung, die Katharsis, wo? Auf Gedeih und Verderben - das Böse? Wie soll man als Frau, die Kinder geboren hat, das verkraften? 'Clockwork Orange': viel schwarze Magie, anglophil, und sehr, sehr maskulin. 'Clockwork Orange' bekämpft nicht das Monströse, es ist monströs, schauerlich, ohne eine romantische Schauergeschichte
zu sein.

Joseph von Sternberg
2. September 2013 21:03

Hmm...
bei Kubrick hat alles irgendwie einen doppelten Boden.

Bei Wege zum Ruhm gehöre ich zu denen, die "über soviel Action begeistert" sind.

Kirk Douglas, wie er sich im Unterstand wäscht - das könnte auch von Leni Riefenstahl sein.
Die Hinrichtung: ich habe nicht gewußt, daß es soviel Schönes auf der Welt gibt.
Die Schlußszene - wo das deutsche Mädchen das Lied singen muß - und dazu die Nahaufnahmen der Gesichter der poilus... (übrigens ist das Mädchen die Frau von Kubrick - eine Nichte Veit Harlans, die meines Wissens nach für die Szenenbilder bei Uhrwerk Orange verantwortlich war - wenigstens für den Specksteinpenis :-))

Ein anderer Film von Kubrick aus den 70ern ist dieser hier:
https://www.youtube.com/watch?v=m7wEUlpaYjY

So etwas kann ich nur mit tränennassen Augen sehen: was ist aus unseren Feinden inzwischen geworden.
Inzwischen werden die Rotröcke in GB auf offner Straße coram publico von Negern filetiert...

Once we had an empire - now we have a slum...

M.L.: "Barry Lyndon" ist mein Lieblings-Kubrick.

y.
3. September 2013 09:46

Schreckliche Dinge sind nicht automatisch hässlich anzuschauen, denn Schönheit wird durch die Form, nicht durch den Inhalt definiert. Fragt sich nur, warum uns das stört.
Mit der Schönheit ist es überhaupt leichter als mit der Moral, denn man erkennt sie sofort. Sie ist eigentlich viel reeller! Selbst weiter weg von der Oberfläche. Die Schönheit des Verhaltens, des Staates, der Ordnung... Da lässt sich nicht so einfach lügen!

Meine Meinung zum Film ist: Uhrwerk Orange besticht vor allem akustisch und visuell in der Darstellung unserer kaputt-verlogenen Gesellschaft, die Frage nach dem Zusammenhang von Ästhetik und Verbrechen im Dritten Reich finde ich hingegen weniger originell.
Alex war für mich, als ich den Film jugendlich sah, ein cooler Typ. Witzig. Die Gewaltszenen, na ja, etwas übertrieben... schockierend abstoßend, sicher, aber auch lebendig-archaisch. Was der kindlich-egomane Alex mit seinen Kumpanen veranstaltet, ist sinnlos boshaft, aus Unerzogenheit, aus Überdruss und Leere heraus, weil sie in einem schwachsinnig degenerierten, innerlich verrotteten System leben, sodass ihre Gewalttätigkeit fast schon wieder angemessen erscheint.
Hier gibt es für mich nur einen Ansatzpunkt das Dritte Reich zu zitieren, nämlich in dem Sinne, dass es gerade dort der Degeneration an den Kragen gehen sollte. Ich sehe keine „Banalität des Bösen“, sondern nur banale Fragen danach!

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