Dreimal Stanley Kubrick (2) – Uhrwerk Orange

Auch A Clockwork Orange (Uhrwerk Orange, 1971)  hat wie "Odyssee im Weltraum" den Status eines "Klassikers" erlangt. Über dieser Schublade wird schnell vergessen, was für eine immens verstörende Wirkung der Film bei seinem Erscheinen hatte. Seine subversive Kraft hat er jedoch auch nach über vierzig Jahren noch bewahrt.

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

Mei­ne Beschäf­ti­gung mit “Clock­work Oran­ge” reicht lan­ge zurück. Ich war zwölf Jah­re alt, als ich zum ers­ten Mal vom “Row­dy” und Pro­blem­kind mei­ner Klas­se, mit dem ich komi­scher­wei­se gut befreun­det war, davon hör­te. Es han­de­le sich um einen streng ver­bo­te­nen und dia­bo­lisch ver­ruch­ten Strei­fen vol­ler Sex und Gewalt, den “Lieb­lings­film der fran­zö­si­schen Skin­heads” (woher er die­ses spe­zi­fi­sche Wis­sen hat­te, ist mir bis heu­te ein Rät­sel) mit gar greu­li­chen Sze­nen: in einer wür­de eine Frau mit einem Plas­tik­pe­nis zu Tode ver­ge­wal­tigt wer­den, der so groß ist, daß er ihr “oben aus dem Mund wie­der her­aus­kommt”. Als er das erzähl­te, mach­te er eine obs­zö­ne Ges­te und grins­te dabei begeis­tert. Ich konn­te vor Beklem­mung näch­te­lang nicht schlafen.

Daß eine sol­che Sze­ne in der Form nicht in dem Film vor­kam, forsch­te ich in “Reclams Film­füh­rer” und in einem Taschen­buch über Kubrick nach. Die dar­in abge­druck­ten Bil­der erschreck­ten und fas­zi­nier­ten mich zugleich. Ich litt furcht­bar dar­un­ter, daß ein so schreck­li­cher Film exis­tie­ren konn­te und durf­te. Das war wirk­lich etwas, mit dem ich fer­tig­wer­den muß­te. Es kam einem Ver­lust der Unschuld gleich, zu wis­sen, daß es sol­che Fil­me über­haupt gab, und ich war ein äußerst unschul­di­ges Kind. Bald war ich von sei­nem Inhalt regel­recht beses­sen. Ich kann­te die gan­ze Hand­lung aus­wen­dig, ohne ihn jemals gese­hen zu haben, was damals, Ende der acht­zi­ger Jah­re, nicht so ein­fach war, wovor ich mich aber auch fürch­te­te. Ich habe ihn erst vie­le Jah­re spä­ter gese­hen, mit neun­zehn oder zwan­zig Jahren.

Ich war nicht der ein­zi­ge, der dar­an zu kau­en hat­te. Der Ruf eines abgrund­tief “bösen” und “per­ver­sen” Mach­wer­kes hing “A Clock­work Oran­ge” jahr­zehn­te­lang an, noch ver­stärkt durch Kubricks Ent­schei­dung, den Film für den Ver­leih und den Video­markt in Eng­land zu sperren.Grund waren eini­ge Fäl­le von Jugend­ge­walt, die angeb­lich von Sze­nen des Films inspi­riert waren. Dadurch wur­de er zur umso hei­ßer begehr­ten “ver­bo­te­nen Frucht”.

Die ewi­ge Kon­tro­ver­se um Frei­heit und “Ver­ant­wor­tung” der Kunst hat­te aller­dings schon frü­her ein­ge­setzt. Ein Kri­ti­ker der New York Times  zeig­te sich gera­de­zu ent­setzt, und warf “A Clock­work Oran­ge ” eine “anti­li­be­ra­le Bot­schaft”, “Nihi­lis­mus” und “unver­kenn­bar faschis­ti­sche Töne” vor. Der Vor­wurf des “Faschis­mus” traf Anfang der Sieb­zi­ger Jah­re eine gan­ze Rei­he von Fil­men, die als “reak­tio­nä­re” Gegen­ent­wür­fe zu den Trends und Libe­ra­li­sie­rungs­schü­ben der Sech­zi­ger Jah­re emp­fun­den wur­den. Als “faschis­tisch” gal­ten Poli­zei­fil­me wie “French Con­nec­tion” und “Dir­ty Har­ry” (bei­de 1971) , Selbst­jus­tiz-Thril­ler wie “Death Wish” (Ein Mann sieht rot, 1974) oder soli­tä­re Scho­cker wie Sam Peck­in­pahs “Straw Dogs” (Wer Gewalt sät, 1971).

Was war damit eigent­lich gemeint? Der Arti­kel des NY-Times-Kri­ti­kers Fred Hechin­ger brach­te es auf den Punkt: all die­se Fil­me hat­te gemein­sam, daß sie von einem durch­weg pes­si­mis­ti­schen Men­schen­bild aus­gin­gen, und daß ihre Sze­na­ri­os demons­trier­ten, daß es Lagen gibt, in denen alle guten Absich­ten und “gut­mensch­li­chen” Prä­mis­sen und Lösungs­vor­schlä­ge ver­sa­gen. Die­se bit­te­re Bot­schaft hört der links­li­be­ra­le Intel­lek­tu­el­le natür­lich bis heu­te nicht ger­ne, und prü­gelt dafür auf ihren Über­brin­ger ein.

Hechin­ger schrieb:

Wenn sol­che Ansich­ten nun von der Film­in­dus­trie ver­brei­tet wer­den – nicht nur in Uhr­werk, son­dern in einer wach­sen­den Anzahl von Fil­men wie Straw Dogs und sogar French Con­nec­tion – was wären die Kon­se­quen­zen einer solch pes­si­mis­ti­schen, anti­li­be­ra­len Sicht der mensch­li­chen Natur? Wie sol­len die sozia­len Insti­tu­tio­nen aus­se­hen, die dar­auf basie­ren? Das kön­nen doch logi­scher­wei­se nur die repres­si­ven, auto­ri­tä­ren, miß­traui­schen, gewalt­tä­ti­gen Insti­tu­tio­nen des Faschis­mus sein. “Wir hal­ten die­se Wahr­hei­ten für aus­ge­macht, daß…” Lächer­lich! “Herr­schaft durch das Volk…” Absurd! Jef­fer­son, ganz zu schwei­gen von Chris­tus, waren ein­deu­tig Libe­ra­le, die nicht imstan­de waren, die “blu­ti­ge Wahr­heit” zu ertra­gen. Da müs­sen schon Gestal­ten wie Hit­ler und Sta­lin ran, da braucht es die Gewalt der Inqui­si­tio­nen, Pogro­me und Säu­be­run­gen, um eine Welt von uned­len Wil­den unter Kon­trol­le zu halten.

Letz­te­res spielt auf ein Zitat von Kubrick an: der Mensch sei kein “edler”, son­dern ein “uned­ler Wil­der”. Man sieht, daß der hys­te­ri­sche, polit­kor­rek­te Alar­mis­mus schon in den Sieb­zi­ger Jah­ren Tri­um­phe fei­er­te. Kubricks küh­le Ant­wort dar­auf war, daß er eben kein Anhän­ger der Rousseau’schen Sicht auf den Men­schen sei:

Das Zeit­al­ter der Aus­re­den, in dem wir uns befin­den, begann mit dem ers­ten Satz von Rousseau’s “Emi­le”: “Die Natur hat mich glück­lich und gut erschaf­fen, and wenn ich das nicht bin, dann ist die Gesell­schaft dar­an schuld.” Es basiert auf zwei irri­gen Kon­zep­tio­nen: daß der Mensch in sei­nem natür­li­chen Urzu­stand glück­lich und gut war, und daß der Urmensch kei­ne Gesell­schaft kann­te. Ror­bert Ard­rey schrieb in “Der Sozi­al­ver­trag”: “Das lei­ten­de Prin­zip in Rous­se­aus Leben war der Glau­be an die ursprüng­li­che Güte des Men­schen, ein­ge­schlos­sen sei­ner eige­nen. Das führ­te ihn zu gewal­ti­gen Heu­che­lei­en, die zwangs­läu­fig aus einer sol­chen Annah­me erwach­sen müs­sen. Noch gewich­ti­ger sind die Des­il­lu­sio­nie­run­gen, der Pes­si­mis­mus und die Para­noia, die ein sol­cher Glau­be an die mensch­li­che Natur her­vor­ru­fen muß.”

Genau dies ist der klas­si­sche Aus­gangs­punkt, von dem aus sich “rech­te” und “lin­ke” Staats- und Gesell­schafts­theo­rien ver­zwei­gen. In der Fol­ge erschei­nen die Lin­ken den Rech­ten als naiv, die Rech­ten den Lin­ken als zynisch: “the evil and the stu­pid par­ty”, wie der alte ame­ri­ka­ni­sche Witz über Repu­bli­ka­ner und Demo­kra­ten geht (daß sich bei­des treff­lich kom­bi­nie­ren läßt, zeigt die ame­ri­ka­ni­sche Poli­tik auf Schönste).

Und das ist auch die Wur­zel der “Poli­ti­cal Cor­rect­ness”: der­je­ni­ge, der das lin­ke Men­schen­bild nicht teilt, erscheint dem Lin­ken nicht nur als falschlie­gend, son­dern als ethisch defekt. Dage­gen führt ein auf schie­fer Ebe­ne erbau­tes Men­schen­bild stets zum Gegen­teil des­sen, was es errei­chen will. Das “Böse”, daß der Lin­ke “im Men­schen” nicht sehen will, pro­ji­ziert er auf sein poli­ti­sches Feind­bild; auch er kennt also sei­ne “Juden” und “Unter­men­schen”, die sei­ner schö­nen neu­en Welt der all­um­fas­sen­den Gleich­heit bös­wil­lig im Weg stehen.

So gese­hen hat­ten Hechin­gers über­trie­be­ne Vor­wür­fe an Kubrick einen wah­ren Kern. Die ame­ri­ka­ni­sche Kul­tur­kri­ti­ke­rin Camil­le Paglia brach­te es auf den Punkt:

Kubrick zeigt in “A Clock­work Oran­ge” die Wahr­heit: wenn Gesetz und Ord­nung zusam­men­bre­chen, dann regiert der Mob.

A Clock­work Oran­ge” han­delt, wie die meis­ten Leser wohl wis­sen wer­den, von Alex, dem Anfüh­rer einer Jugend­gang, die aus purem Ver­gnü­gen, ja mit kind­li­cher Lust raubt, prü­gelt und ver­ge­wal­tigt. Die Welt, in der sie sich bewe­gen, ist hedo­nis­tisch, libe­ra­lis­tisch, per­mis­siv. Soft­por­no-Bild­chen sind in die­ser Gesell­schaft ubi­qui­tär, sogar in der Woh­nung von Alex schwäch­li­chen und etwas dum­men Eltern. Alex wird nach dem Affekt­mord an einer Frau ver­haf­tet und zu einer lang­jäh­ri­gen Haft ver­ur­teilt. Um sei­nem Schick­sal zu ent­kom­men, mel­det er sich als frei­wil­li­ges Ver­suchs­ka­nin­chen zu einer  neuartigen,“fortschrittlichen” Erzie­hungs­me­tho­de. Mit “beha­viou­ris­ti­schen” Mit­teln wie che­misch und psy­cho­lo­gisch indu­zier­tem Streß und Ekel soll ihm der Geschmack an “sex and crime” abge­wöhnt wer­den. Alex unter­wirft sich der Pro­ze­dur, in deren Ver­lauf ihm als zufäl­li­ger Neben­ef­fekt auch noch sei­ne lei­den­schaft­li­che Lie­be zu Beet­ho­ven aus­ge­trie­ben wird.

Die “The­ra­pie” scheint zunächst zu funk­tio­nie­ren, Alex reagiert nun auf Regun­gen von Aggres­si­on und Gewalt mit Übel­keit und Erbre­chen. Er wird aus dem Gefäng­nis ent­las­sen, ist aber nun, da er sich nicht mehr weh­ren kann, der Rache sei­ner frü­he­ren Opfer, die nicht min­der grau­sam sind als er zuvor, hilf­los aus­ge­lie­fert.  Als Alex ver­sucht, Selbst­mord zu bege­hen, wird eine poli­ti­sche Kam­pa­gne gegen den Innen­mi­nis­ter, der das Pro­gramm ver­ant­wor­tet hat, in Gang gesetzt. Die Kon­di­tio­nie­rung wird rück­gän­gig gemacht, und Alex läßt sich dafür kau­fen, sich nun öffent­lich an die Sei­te des Minis­ters zu stel­len, um ihm wie­der gute Publi­ci­ty zu ver­schaf­fen. In der letz­ten, sur­rea­len Sze­ne des Films sieht man ihn, wie er sich mit einem nack­ten Mäd­chen vor den Augen einer applau­die­ren­den vik­to­ria­nisch geklei­de­ten Gesell­schaft wol­lüs­tig auf dem Boden wälzt: “Ich war wie­der geheilt, allright.”

Kubrick, der selbst das Dreh­buch schrieb, hat aus der Roman­vor­la­ge von Antho­ny Bur­gess (1962) einen viel­schich­ti­gen “The­sen­film” und eine schwar­ze Sati­re im Geis­te Swifts gemacht, mit deren Ana­ly­se sich volu­mi­nö­se Dok­tor­ar­bei­ten fül­len lie­ßen. Ich will mich hier auf ein paar Anmer­kun­gen beschränken.

Was auch immer “Clock­work Oran­ge” noch sein mag, er ist vor allem ein ästhe­ti­scher Voll­tref­fer, der sei­nes­glei­chen nicht hat. Für das dys­to­pisch ver­frem­de­te Eng­land sei­nes Films hat Kubrick eine Viel­zahl von Sti­li­sie­run­gen ein­ge­setzt: bizar­re futu­ris­ti­sche Sets wie die berühm­te “Koro­va-Milch­bar”, exzen­tri­sche bis schril­le Kos­tü­me, pop­pig leuch­ten­de Far­ben. Alex’ Ban­de ist gänz­lich in Weiß geklei­det, mit schwar­zen Melo­nen und Zylin­dern als Kopf­be­de­ckun­gen, trägt fal­sche Wim­pern und Lip­pen­stift sowie Gür­tel­bin­den, die das Geschlechts­teil betonen.

Sie spre­chen in einer merk­wür­di­gen Kunst­spra­che, einer Mischung aus blu­mi­gen und baro­cken Rede­wen­dun­gen, Cock­ney-Slang und Neo­lo­gis­men, die aus dem Rus­si­schen stam­men (die aus­ge­zeich­ne­te deut­sche Syn­chron­fas­sung stammt übri­gens von kei­nem Gerin­ge­ren als Wolf­gang Staud­te). Die Sex- und Gewalt­sze­nen wer­den mit bekann­ten klas­si­schen Musik­stü­cken unter­legt und durch Zeit­raf­fer- und Zeit­lu­pen­auf­nah­men gedehnt oder beschleunigt.

Dies wur­de bei Erschei­nen des Films als unglaub­li­che Pro­vo­ka­ti­on emp­fun­den. Es hieß, Kubrick ver­herr­li­che die Gewalt, indem er sie zum ästhe­ti­schen Genuß hoch­sti­li­sie­re. Tat­säch­lich kon­zen­triert sich das berüch­tig­te ers­te Drit­tel des Films auf den hem­mungs- und gewis­sen­lo­sen Spaß, den die “Droogs” an ihrer “Hor­ror­show” haben. Kubrick küm­mert sich dabei wenig um das Leid der Opfer, aber umso mehr um die Freu­de der Täter. Das erzeugt im Zuschau­er äußerst ambi­va­len­te Gefüh­le: er ist abge­stos­sen vom Inhalt, aber ange­zo­gen von der Form.

Alex ist eine voll­ende­te Kunst­fi­gur, die so gut wie nichts mit rea­len sozio­lo­gi­schen Erschei­nun­gen zu tun hat, kon­ge­ni­al ver­kör­pert von dem damals 28jährigen Mal­com McDo­well. Schon die ers­te Ein­stel­lung zeigt ihn als eine Art sadis­ti­sches, erregt atmen­des, vor Ener­gie plat­zen­des Trieb­tier, das zugleich alle Züge einer ver­fei­ner­ten Kul­tur zeigt – nicht nur in sei­nem dan­dy­haft-deka­den­tem Out­fit und sei­ner gewähl­ten Spra­che, son­dern auch in sei­ner – für den Kon­text, in dem er sich bewegt, bizar­ren – Pas­si­on für Beet­ho­ven. Dabei hat es ihm ins­be­son­de­re die “Ode an der Freu­de” aus der im Film aus­gie­big ver­wen­de­ten Neun­ten Sym­pho­nie ange­tan: sie ist der bevor­zug­te Sound­track für sei­ne nächt­li­chen “ultrab­ru­ta­len” Ekstasen.

Noch­mal Camil­le Paglia:

Die Musik drängt dem Publi­kum gewalt­sam fol­gen­de Idee auf: ihr denkt, ihr seid alle sehr zivi­li­siert, nicht wahr? Ihr denkt, eure Kunst sei so hoch­ent­wi­ckelt, daß ihr nicht mehr in eure ana­le Welt zurück­fal­len könnt? Nun, denkt lie­ber noch­mal dar­über nach.

Das erin­nert an den Satz des Gegen­auf­klä­rers Rivarol:

Die zivi­li­sier­ten Völ­ker sind der Bar­ba­rei so nahe wie das best­ge­schlif­fe­ne Eisen dem Rost. Völ­ker wie Metal­le glän­zen nur an der Oberfläche.

 

Wäh­rend sei­ner “Umerziehungs”-Therapie wird Alex auf einen Kino­stuhl fest­ge­schnallt und gezwun­gen, sich stun­den­lang Fil­me mit gewalt­tä­ti­gem und por­no­gra­phi­schen Inhalt anzu­se­hen, wäh­rend ihm gleich­zei­tig eine Dro­ge ver­ab­reicht wird, die Schmerz- und Übel­keits­ge­füh­le erzeugt. An den Augen­li­dern befes­tig­te Klam­mern ver­hin­dern, daß er sei­nen Blick abwen­den kann.

Irgend­wann sind auch Sze­nen aus dem Zwei­ten Welt­krieg und NS-Pro­pa­gan­da­fil­men zu sehen – Pan­zer, Flug­zeu­ge und die monu­men­ta­le Ästhe­tik des Nürn­bergs von Speer und Rie­fen­stahl. Das ist natür­lich eine Varia­ti­on der Kern­fra­ge des Films: wie konn­ten die Natio­nal­so­zia­lis­ten Ästhe­ten und Mas­sen­mör­der zugleich sein? Wie pas­sen Kul­tur und Krieg zusam­men? Steht Kunst außer­halb der Moral, hat sie über­haupt etwas mit Moral zu tun? Müs­sen das Schö­ne und das Gute zwangs­läu­fig zusam­men­kom­men? Kann Schön­heit tota­li­tä­ren Zwe­cken dienen?

Wie­der ist die Musik – elek­tro­nisch – ver­frem­det – aus der Neun­ten Sym­pho­nie. Als Alex sie erkennt, bricht er in ein ani­ma­li­sches Weh­ge­schrei aus:

Alex: Auf­hö­ren, bit­te auf­hö­ren! Es ist eine Sün­de, eine Sün­de, eine Sünde…!

Dr. Brods­ky: Sün­de? Was mei­nen Sie denn mit Sünde?

Alex: Den alten Lud­wig Van so zu benut­zen, er hat doch nie­mals jeman­dem etwas getan!

Die­ser Satz ist dop­pel­deu­tig: damit kön­nen sowohl die Nazis als auch die Umer­zie­her gemeint sein.

Dr.Branom: Erregt Sie viel­leicht die Film­mu­sik, die sie hören?

Alex: Ja!

Dr. Bra­nom: Haben Sie Beet­ho­ven schon ein­mal gehört?

Alex: Ja!

Dr. Brods­ky: Lie­ben Sie Musik?

Alex: Ja!

Dr. Brods­ky (zu Dr. Bra­nom): Kann man nichts machen, viel­leicht ist hier dann die Bestra­fung zu sehen. Der Direk­tor wird sich freuen.

Die Ärz­te sind also offen­bar Libe­ra­le, die Bestra­fung für bar­ba­risch hal­ten, und in ers­ter Linie dar­an inter­es­siert sind, aus den Tätern “bes­se­re Men­schen” zu machen.

Nun, da für ihn etwas Grund­le­gen­des auf dem Spiel steht, zeigt sich Alex end­lich bereit, sich den For­de­run­gen der Moral zu unter­wer­fen. Aber sei­ne Beteue­run­gen klin­gen unauf­rich­tig, von Angst diktiert:

Alex: Es ist nicht fair! Es ist nicht fair, daß mir schlecht wird, weil ich den lie­ben, lie­ben, lie­ben Lud­wig Van höre!

Dr. Brods­ky: Du mußt dei­ne Chan­ce wahr­neh­men. Die Ent­schei­dung hat bei dir gelegen!

Alex: Sie haben mich längst über­zeugt, Sir! Ich hab schon begrif­fen, daß das Ultrab­ru­ta­le und das Kil­ling falsch ist! Ich hab’s kapiert, schon längst! Ich seh doch alles Böse ein, hört auf!

Die Kla­gen hel­fen nichts, die “The­ra­pie” wird zu Ende geführt. In einer vom Innen­mi­nis­ter prä­sen­tier­ten öffent­li­chen Demons­tra­ti­on wird Alex von einem enga­gier­ten Schlä­ger geohr­feigt und gede­mü­tigt; in dem Moment, als er zurück­schla­gen will, über­kommt ihn die “kon­di­tio­nier­te”, uner­träg­li­che Übel­keit. Der ein­zi­ge, der pro­tes­tiert, ist der Gefäng­nis­pfar­rer, der sei­ne Zög­lin­ge mit alt­be­währ­ten Metho­den wie Höl­len­dro­hun­gen zu erzie­hen ver­sucht. Das Gezeig­te sei ein erbärm­li­ches Schau­spiel, denn Alex wür­de nur aus Angst vor Schmer­zen han­deln, nicht aus frei­er mora­li­scher Entscheidung.

Innen­mi­nis­ter: Hoch­wür­den, das sind Spitz­fin­dig­kei­ten. Uns geht es allein um die Bekämp­fung der Kri­mi­na­li­tät und die Ent­las­tung der über­füll­ten Gefäng­nis­se. Ent­schei­dend ist der Erfolg! Hier haben Sie Ihren wah­ren Chris­ten, der bereit ist, eher selbst gekreu­zigt zu wer­den, statt zu kreu­zi­gen (im Ori­gi­nal: “rea­dy to turn the other cheek”).

Genau das macht Alex aber in einer feind­li­chen Umwelt über­le­bens­un­fä­hig. Nach und nach rächen sich sei­ne Opfer an ihm, der Bett­ler, den er grund­los zusam­men­ge­schla­gen hat, der Schrift­stel­ler, des­sen Frau er ver­ge­wal­tigt hat, und sogar sei­ne eige­nen “Droogs”, die inzwi­schen – zu Poli­zis­ten gewor­den sind, und ihre Nei­gung zum Sadis­mus nun mit staat­li­cher Sank­ti­on aus­le­ben. Wie schon anhand der Figur des brül­len­den, zusam­men­ge­klemm­ten, sich auto­ma­ten­haft bewe­gen­den Gefäng­nis­auf­se­hers, der merk­wür­dig “dres­siert” wirkt, zeigt Kubrick, daß der Staat durch­aus nicht auf die kana­li­sier­ten und gezähm­ten Trie­b­ener­gien ver­zich­ten kann, um sein eige­nes Gewalt­mo­no­pol umzusetzen.

Hier zeigt sich die tie­fe Zwie­späl­tig­keit von “Clock­work Oran­ge”, die dar­auf abzielt, bei­den Sei­ten des poli­ti­schen Spek­trums Bauch­schmer­zen zu berei­ten. Ich habe selbst oft erlebt, wie die­ser Film vor allem Zuschau­ern, die sich für beson­ders libe­ral und auf­ge­klärt hal­ten, gera­de­zu ein schlech­tes Gewis­sen, ein “Pro­blem” berei­tet. Trotz­dem wird man hier schwer­lich eine “kon­ser­va­ti­ve” Lob­prei­sung der Insti­tu­tio­nen erken­nen kön­nen. Kubrick zieht es vor, den Zuschau­er zu erschüt­tern, zu ver­un­si­chern und ihn Fra­gen stel­len las­sen, statt ihn mit beru­hi­gen­den Ant­wor­ten abzu­fer­ti­gen. So wird das Dilem­ma nicht auf­ge­löst: die Natur des Men­schen bleibt dau­er­haft pro­ble­ma­tisch, die “End­lö­sung” durch Gehirn­wä­sche, Kon­di­tio­nie­rung und “Umpro­gram­mie­rung” ist es aber nicht min­der, ist ver­mut­lich noch verwerflicher.

Wenn wir heu­te von der “Umer­zie­hung” der “Natur des Men­schen” den­ken, kom­men uns natür­lich vor allem die Zumu­tun­gen der “poli­ti­schen Kor­rekt­heit” und der lin­ken Ideo­lo­gie in den Sinn, etwa wenn es um die Neu­tra­li­sie­rung von Geschlechts­un­ter­schie­den und die kryp­to-puri­ta­ni­sche Bekämp­fung von “Ras­sis­mus” geht.

Kubrick hat­te eine Ahnung davon, daß der Tota­li­ta­ris­mus sein Gewand wech­selt, und kei­nes­wegs immer wie­der von Neu­em mit Haken­kreuz­bin­den und Schaft­stie­feln auf­tre­ten muß. In sei­ner Ant­wort an den pani­schen NY-Times-Kri­ti­ker schrieb er die etwas kryp­ti­schen Sätze:

Die The­se des Films besteht viel­mehr in der War­nung vor dem neu­en psy­che­de­li­schen Faschis­mus, der sin­nen­be­täu­ben­den, mul­ti­me­dia­len, ste­reobe­schall­ten, dro­gen­in­du­zier­ten Kon­di­tio­nie­rung von Men­schen durch ande­re Men­schen, die wahr­schein­lich zur Abschaff­fung des Mensch­seins über­haupt und zum Beginn des Zom­bie­tums füh­ren wird.

Als all­zu pes­si­mis­tisch woll­te Kubrick aber nicht gel­ten, und so kon­sta­tier­te er mit Robert Ardrey:

Es stellt sich die Fra­ge, ob Rous­se­aus Sicht auf den Men­schen als gefal­le­ner Engel nicht in Wirk­lich­keit die pes­si­mis­tisch­te und hoff­nungs­lo­ses­te aller Phi­lo­so­phien ist. Sie macht den Men­schen zum Mons­ter, das sich nach und nach von sei­nem Geburts­adel ent­fernt hat. Ich fin­de Ard­rey Ansich­ten viel opti­mis­ti­scher: “Wir stam­men von auf­ge­stie­ge­nen Affen, nicht von gefal­le­nen Engeln ab, und die­se Affen waren wohl­ge­merkt bewaff­ne­te Kil­ler. Wor­auf kön­nen wir also stolz sein? Gewiß nicht auf unse­re Mor­de und Mas­sa­ker und Rake­ten und unse­re unver­söhn­li­chen Regie­run­gen. Son­dern über unse­re Frie­dens­ver­trä­ge, auch wenn sie nicht ein­ge­hal­ten wer­den; unse­re Sym­pho­nien, auch wenn sie sel­ten auf­ge­führt wer­den; unse­re fried­li­chen Äcker, auch wenn sie sich immer wie­der in Schlacht­fel­der ver­wan­deln; unse­re Träu­me, auch wenn sie sel­ten ver­wirk­licht wer­den. Das Wun­der des Men­schen besteht nicht dar­in, wie tief er gesun­ken, son­dern wie hoch er sich erho­ben hat. Die Ster­ne aner­ken­nen uns wegen unse­rer Gedich­te, und nicht wegen unse­rer Leichenberge.”

Zum Abschluß noch ein Hin­weis: Hier (und hier und hier) geht es zu den Sei­ten des mani­schen Cine­as­ten, Under­ground­fil­mers und Kubrick-Exege­ten Rob Ager aus Liver­pool, der es mit sei­nen Film­ana­ly­sen im Inter­net zu eini­gem Ruhm gebracht hat. Sei­nen Kubrick ‑Stu­di­en wid­met er sich mit gera­de­zu reli­giö­ser Inbrunst, und da der Meis­ter tat­säch­lich kaum ein Detail dem Zufall über­las­sen hat, gibt es reich­lich Stoff für wei­ter­füh­ren­de Interpretationen.

Die­se oszil­lie­ren zwi­schen schar­fer, klu­ger Beob­ach­tung und zum Teil haar­sträu­ben­den Spe­ku­la­tio­nen. Aber selbst die­se haben gro­ßen Unter­hal­tungs­wert. In der Fol­ge “Clock­work Oran­ge and the Sur­vi­val of Nazi Ideo­lo­gy”  atta­ckiert Ager, der der United King­dom Inde­pen­dence Par­ty von Nigel Faran­ge nahe­steht, den “Tota­li­ta­ris­mus” der EU und der Labour-Par­tei, und pran­gert unter ande­rem die “anti-wei­ße” Poli­tik des erzwun­ge­nen Mul­ti­kul­tu­ra­lis­mus an.

 

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

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Kommentare (18)

ingres

1. September 2013 23:53

Ich hoffe man nimmt mir diesen persönlichen Kommentar nicht übel. Ich habe nie verstanden, warum Menschen böse sind. Klar als ich das mitbekam, habe ich mir meine Gedanken gemacht. Aber ich kam immer nur auf Minderwertigkeitskomplexe. Aber das thematisiert Kubrick, dessen Filme ich außer Dr. Seltsam (das war gut, auch wenn ich nichts reininterpretiert habe) nie gesehen habe, da ich kein Kinogänger war, ja nicht. Er meint wohl, dass das in der Natur liegt. Kann ich einfach ich nachvollziehen. Aber vielleicht wurde mir was anders angeboren. Klar meine Freunde waren unzuverlässig und "gedankenlos", aber böse war so lanmge ich sie kannte keiner. Aber Eifersucht usw. gibts tatsächlich auch bei guten Bekannten. Vielleicht kommt es daher und vielleicht liegt es in der Natur?
Warum dann auch Frauen böse sind, habe ich überhaupt nicht verstanden. Da sie nicht unter Konkurrenzdruck und im Wettbewerb stehen wie Männer, müssen sie keine Komplexe haben und haben überhaupt keinen Grund dazu, böse zu sein. Ich verstehs nicht.

Hartwig

2. September 2013 08:33

@ ingres

Ich kenne eigentlich auch keine richtig bösen Menschen. Aber die Frage ist doch vielmehr, ob die "Nicht-Boshaftigkeit" eine kulturelle Leistung ist oder ob sie etwas naturhaft Angeborenes ist.
Ich versuche das gerade mit meiner Großen (14 Jahre) zu besprechen. Ist ihre offene und tolerante Begegnung "dem Fremden" gegenüber ein Produkt ihres christlichen, kulturellen Umfeldes, oder ist es die selbstverständlichste natürliche Regung? Ihre Antwort auf diese Frage ist insofern sehr wichtig, weil sich daraus ableitet, wie sie gegenüber Menschen steht, die diese Offenheit und Toleranz nicht haben. Sind das dann Menschen mit anderer Meinung, Erfahrung, Erziehung ..., oder sind das von Natur aus schlechte Menschen ... Unmenschen.

Meister Herrmann

2. September 2013 09:19

.....und Heute geht er im Meer schlimmerer Filme unter und die Atlersfreigabe wurde auf 16 reduziert...

M.L.: Klar, heute schauen die Kids "Saw" und "Hostel" und "Serbian Movie" und unterhalten sich köstlich dabei. So schnell akklimatisiert man sich an die Hölle...

Rumpelstilchen

2. September 2013 09:28

Der Film Uhrwerk Orange zeigt das abgrundtief Böse.

Aber: Die Wirklichkeit ist schlimmer
Man stelle sich als Film vor:
"Der Tag, an dem Jonny K. starb"
Die Tottreter in slow motion. Überschnitten mit den weinenden Gesichtern der Angehörigen.
Das ganze mit Musik unterlegt:

https://m.youtube.com/watch?v=PmBMls_Sxas&desktop_uri=%2Fwatch%3Fv%3DPmBMls_Sxas

If this song can' t make you cry, then you're probably an alien.

Freiheit und Verantwortung, wo seid ihr hin ?

Inselbauer

2. September 2013 10:02

Bin ich paranoid, oder geht es auch anderen so, dass ich z.B. Angela Merkel für einen äußerst bösen Menschen, ja für einen Bilderbuchteufel halte? Muss ein Mensch, dem die Diktatur als lächelnde Fresse ins Gesicht gewachsen ist und der sich wie eine Satansbraut mit tückischen, manipulativen Talismanen umgibt (Deitschlandkette) nicht schon von der Optik her als Klassiker des Bösen gelten? Wer spürt das nicht?!
Da ist ja Kubricks Held ein Ausbund an Unschuld!

M.L.: In der Tat, Merkel ist das konzentrierte Böse!

ene

2. September 2013 10:05

Ein Beispiel aus der alltäglichen Welt - es geschah vor Jahren im Umfeld von Bekannten.
Die Tochter wollte eine ehemalige Schulfreundin besuchten und wurde Ohrenzeugin eines Verbrechens. Diese Freundin wurde von einem (unauffälligen, bis dato völlig harmlosen ) jungen Mann verfolgt. Er hatte sich wohl in sie verliebt, sie wollte nichts von ihm wissen. Eines Tages machte sie sich fertig, stand unter der Dusche, um mit Freundinnen auszugehen, als es unten an der Tür klingelte. Sie öffnete über die Anlage die Haustür. Als erster betrat dann jener "Verfolger" das Haus und die Wohnung, welche er hinter sich schloß. Die Freundinnen standen kurz darauf vor der geschlossenen Tür. In der Wohnung wurde die junge Frau vergewaltigt und mit einem Küchenmesser ermordet.

Das ist das "Böse": es sitzt unter dem "kulturellen Deckel" - hebt man diesen, oder wird er gehoben, dann rasten auch die sog. normalen Menschen aus. Ist es nicht böse, wenn man (wie Frau Mollath), den Ehemann in die Psychatrie verbringen läßt, nur weil er anders handelte, als sie es erwartete?
Deshalb im "Vaterunser" die Bitte, die ich als Kind nie verstanden habe, die mir aber unterdessen völlig einleuchtet: Und erlöse uns von dem Bösen.

Couperinist

2. September 2013 10:15

@ ingres

Am besten läßt sich das Böse wohl mit rücksichtslosem Egoismus definieren. Wer also die eigenen Interessen, auch die der eigenen Leute, ohne jede minimalste Rücksicht auf andere durchsetzen will, ist böse.

Rumpelstilchen

2. September 2013 10:40

@ingres @Hartwig

Die "Banalität des Bösen" (Hannah Arendt) verleitet uns zu der irrigen Annahme, es gebe keine bösen Menschen oder keine Macht des Bösen.

Tina, die Schwester von Jonny K. beschreibt die Mörder ihres Bruders als ganz normal aussehende Jugendliche, denen man das Böse nicht ansieht.
Natürlich spielen psychologische , kulturelle und biologische Faktoren eine Rolle, was das Bösewerden einzelner Menschen oder Gruppen betrifft, aber diese Fakoren erklären das Böse nicht restlos. Es bleibt das Unfassbare, das Monströse. Das Sinnlose.
Von der Linksreligion wird das Böse an der Rechten festgemacht. Das für die Linke unverständliche Böse wird gleichgesetzt mit der bösen Rechten. Das führt zu den seltsamen und realitätsfremden Reaktionen im Falle der Tottreter oder der Kirchenabfackler von Garbsen. Man beruft einen runden Tisch gegen Rechts ein. Irgendwo muß das Böse doch zu finden sein.
Gäbe es wirklich keinen einzigen Rechten mehr, hätte die Linke ein Legitimationsproblem. So generiert die Linke permanent die Rechte.

Ein rechter Mensch weiß dagegen um die Banalität des Bösen und ist deshalb auch fähig zu trauern. Ein Christ kann per se niemals links sein.
Er wird nicht diskutieren, woher das Böse kommt, er wird ein unerbittliches Nein gegen das Böse proklamieren. Getragen von tiefster Empathie und im Bewusstsein um die tiefe Erlösungsbedürftigkeit von Welt und Menschen.
Bevor es zu feierlich wird..... So long Mo

eulenfurz

2. September 2013 12:41

...Fälle von Jugendgewalt, die angeblich von Szenen des Films inspiriert waren...

„Medienpädagogik“ und „Filmpädagogik“ läuft auch darauf hinaus, Absurditäten darzustellen, um sie beim Massenpublikum wahr werden zu lassen. So schaffte es bspw. der zur Schülerkonditionierung benutzte Film American History X, den sog. "Bordsteinkick" in Potzlow und anderswo wahr werden zu lassen. Die bösen Gespenster, die man in die Wirklichkeit ruft, lassen sich auch wunderbar bekämpfen!

Stevanovic

2. September 2013 13:52

Auf uns wirkte seinerzeit Kubricks Nihilismus unheimlich befreiend. Gewalt haben wir als Jugendliche als etwas sehr anziehendes und sehr ästhetisches empfunden. Als Linke waren wir gezwungen, dies stets als Defekt, Notwehr oder gesellschaftliche Deformation zu empfinden. Oder als Akt des Wiederstandes zu interpretieren. Gewalt war immer etwas, was in ein Koordinatensystem gut/böse gequetscht werden musste. Zu dem Rausch der schreienden Menge, wenn die Polizei den Platz räumte, durften wir nicht stehen. Dann kam Kubrick und sagte uns, dass wir vollkommen normal sind. Weder Staat, Institution oder Individuum sind besser als wir. Auch Kultur kann uns nicht heilen. Wir sind, wie wir sind – keiner ist deswegen krank. Wenn alle böse und schuldig sind, dann ist es keiner. Dann liegt es nur an uns selber, ob wir in dieser Welt, in der nichts ist und in der selbst die Guten immer böse sind, die Kraft und den Willen finden, gut zu sein. Wir können wählen gut zu sein, gegen unsere eigenen Empfindungen, denn erst dann hat man gewählt und nicht reagiert. Kubrick gab uns das Gefühl, eine Wahl zu haben. Wenn man also einen Kameraden zu Boden geschickt hat, dann war man mindestens auf einer Stufe mit Mutter Theresa, wenn man ihm nicht noch ein paar Tritte mitgeben hat und man konnte mit sich im Reinen sein, dass man es eigentlich wollte und nicht als Gutmensch nach der reinen Lehre mit ihm litt.

Stevanovic

2. September 2013 15:12

Das ist das „Böse“: es sitzt unter dem „kulturellen Deckel“ – hebt man diesen, oder wird er gehoben, dann rasten auch die sog. normalen Menschen aus.

Es sitzt nicht mal unter einem Deckel –im Uhrwerk ist jeder böse, mit den Mitteln, die er hat. Em und Pe sind gleichgültig, der Sozialarbeiter zynisch, die Ärzte gleichgültig ob ihres professionellen Versagens. Der Krüppel dreht die Stereo-Anlage auf. Der freundliche Junge verdrängt ihn als Sohn. Jeder so, wie er kann. Und das sind nur die Guten. Es gibt keinen kulturellen Deckel. Da ist nichts. Unsere Gut/Böse Einteilung ist für Kubrick vollkommen unbrauchbar. Er demaskiert sie als ein Konstrukt, hinter dem eine Irrationalität lauert, die jeden Versuch rational zu sein, konterminiert. Die Ludovico-Therapie ist der Versuch, Rationalität als Maßstab zu nehmen (zB gesellschaftliche Probleme lösen). Und sie muss scheitern, weil hinter der Rationalität, ein irrationales Motiv steht (hier Angst). Letztlich sind die Menschen, selbst Alex, für Kubrick nicht böse. Sie sind einfach, was sie sind und unser starker Wunsch nach dem Guten (und Schönem) ist unser eigener Ausdruck des Irrationalen. Nicht der Versuch Gut zu sein, ist zum Scheitern verurteilt (jeder hat die Wahl) – das Konzept Gut/Böse selbst ist der Irrweg. Das Gute, wie wir es verstehen wollen, ist das eigentliche Irrationale. Den Spiegel hält er uns rationalen (welcher Richtung auch immer) Gutmenschen vor.

Stevanovic

2. September 2013 15:54

Einer der übelsten Drogenfilme war „Wir Kinder vom Bahnhof-Zoo“. Solange man sich nicht am Bahnhof prostituierte, hatte man noch kein echtes Drogenproblem. Was sich für viele als Irrtum erwies. Der Film machte 20 Jahre lang Drogenprävention fast unmöglich. So sind nicht Drogen, so ist Heroin in einer bestimmten Umgebung.

Hechinger sagt:

Da müssen schon Gestalten wie Hitler und Stalin ran, da braucht es die Gewalt der Inquisitionen, Pogrome und Säuberungen, um eine Welt von unedlen Wilden unter Kontrolle zu halten.

Damit unterliegt er dem Bahnhof-Zoo Irrtum:

Wenn wir heute von der „Umerziehung“ der „Natur des Menschen“ denken, kommen uns natürlich vor allem die Zumutungen der „politischen Korrektheit“ und der linken Ideologie in den Sinn, etwa wenn es um die Neutralisierung von Geschlechtsunterschieden und die krypto-puritanische Bekämpfung von „Rassismus“ geht.

Yep. Man muss schon ein Problem in größe des Bahnhof-Zoo haben, um die Parallele zur Ludovico-Therapie nicht zu sehen.

M.L.: Es gab wohl kaum einen Film, der soviele Jugendliche zum Drogenkonsum oder zumindest "Ausprobieren" verführt hat, wie "Kinder von Bahnhof Zoo"...

Stevanovic

2. September 2013 16:14

Mein Lautsprecher will nicht – sollte die Dame ausführen:

Kubrick zeigt in „A Clockwork Orange“ die Wahrheit: wenn Gesetz und Ordnung zusammenbrechen, dann regiert der Mob.

Dann glaube ich, liegt sie falsch. Selbst wenn Gesetz und Ordnung herrschen, regiert der Mob. So habe ich Kubrick verstanden.

Stevanovic

2. September 2013 16:54

Alex: Den alten Ludwig Van so zu benutzen, er hat doch niemals jemandem etwas getan!

Dieser Satz ist doppeldeutig: damit können sowohl die Nazis als auch die Umerzieher gemeint sein.

Ich verstehe den Satz auf die Umerzieher bezogen. Sünde den alten Ludwig van zu missbrauchen? Tja lieber Alex, in einer nihilistischen Welt haben Dinge nur eine Bedeutung, wenn man sie ihnen selbst gibt. Oder eben nicht, wie er seinen Opfern. Dinge von Bedeutung sind Schwachstellen, die ausgenutzt werden – was uns zeigt, dass die Umerzieher genauso herzenskalt und nihilistisch sind, wie Alex selbst:

Innenminister: Hochwürden, das sind Spitzfindigkeiten. Uns geht es allein um die Bekämpfung der Kriminalität und die Entlastung der überfüllten Gefängnisse. Entscheidend ist der Erfolg!

Nebenbei: Hat Innenminister Friedrich nicht neulich Sicherheit zu einem Supergrundrecht erklärt?

Hier haben Sie Ihren wahren Christen, der bereit ist, eher selbst gekreuzigt zu werden, statt zu kreuzigen (im Original: „ready to turn the other cheek“).

Erst mit der Freiheit der Wahl kann es Gut und Böse, Richtig und Falsch geben. Ein System, in dem der Mensch nicht böse sein kann, ist ein System, dass auch das Gute nicht kennt. Wer Alex und die Kopftreter von heute nicht als Teil des Lebens begreift und von einer Welt ohne sie träumt, wird scheitern. Soweit ich mich erinnere, wurde die ausufernde Jugendgewalt im Uhrwerk durch Gummiknüppel gelöst. So gesehen ist das Werk eine Ode an die Freiheit und ein Appell den Menschen einen Menschen sein zu lassen, auch und gerade die Kopftreter, und, wenn es so gar nicht geht, mit Haue zu justieren. Nicht aus Gerechtigkeit (nihilistisches Gelächter), sondern weil es funktioniert und der Mensch er selbst bleibt.

Irrlicht

2. September 2013 17:20

Der Artikel gibt unabsichtlich Zeugnis von der manischen Besessenheit (nicht nur) der amerikanischen Gesellschaft vom Nationalsozialismus, die im Film selbst, den US-Kritiken und Kubricks Reaktion darauf zum Ausdruck kommt, in MLs eigenen Wertungen durchscheint, und den Höhepunkt im Video des Kubrick-Exegeten Rob Ager mit "Clockwork Orange and the Survival of Nazi Ideology" findet. Wikipedia ausnahmsweise vertrauend, erscheint das Urteil der deutschen Kritik, z.B. von Ulrich Gregor, der den "gesellschaftskritischen" Film als "prätentiösen soziologischen Traktat" charakterisierte, nach dem Edelkitsch, den "Odyssee im Weltraum" darstellte, zutreffender.

Stil-Blüte

2. September 2013 20:33

Zu Rousseau: Er war in Frankreich keineswegs richtungsweisend wie die Freunde der französischen Revolution nicht ablassen, uns wieder beibringen zu wollen. Praktiziert wurde und wird: die eigenen Kinder zu Ammen, aufs Land in Pflege geben (alle seine 6 Kinder gab er in ein Heim) und heutzutage, seit Jahrzehnten - im Gegensatz zu Deutschland - vor allem bei den Karrierefrauen - Kindergarten so früh wie möglich, mag das Kind noch so schreien, von 6 bis 6 und späte Krönung Internat, das gehört einfach zum guten Ton. Kinder sind unbändig und müssen erzogen werden.
Anders das geistige Konzept in Deutschland. Spätestens seit der Romantik wird das Kind mit Seele aufgeladen. Und Kinder sollen vor allem gebildet werden - Völlig neu: Die innige Liebe zum Kind (s. Friedrich Rückert/Gustav Mahler 'Kindertotenlieder'): soll soll verhindern, dass es durch die böse Welt zum Monster wird. Jeder ehrliche Psycholog sagt nichts anderes heute: Zumindest bis zum 3. Lebensjahr Nähe, Geborgenheit, Liebe. Unvergleichlich reich und schön die vielen deutschen Kunstgedichte-/lieder für/über Kinder. Und wie anrührend die Klage bei dem frühen Verlust eines Kindes.
Zu 'Clockwork Orange': War und ist 'Kult', aber eben nicht Kultur-Gut, Erbe. Eine Spezialität, die den meisten - Sie sagen es selbst, lieber M.L. - schwer im Magen liegt, weil unverdaulich, was für mich so viel heißt wie: man kann es noch so oft wiederkäuen, sich einverleiben, es bleibt unverwandelt ein harter Brocken. Kultur ist für mich aber Verwandlung in einen anderen Zustand, ist Energie, Freude, Tränen, Schauen, Staunen.
Wo ist die mögliche Reinigung, die Katharsis, wo? Auf Gedeih und Verderben - das Böse? Wie soll man als Frau, die Kinder geboren hat, das verkraften? 'Clockwork Orange': viel schwarze Magie, anglophil, und sehr, sehr maskulin. 'Clockwork Orange' bekämpft nicht das Monströse, es ist monströs, schauerlich, ohne eine romantische Schauergeschichte
zu sein.

Joseph von Sternberg

2. September 2013 21:03

Hmm...
bei Kubrick hat alles irgendwie einen doppelten Boden.

Bei Wege zum Ruhm gehöre ich zu denen, die "über soviel Action begeistert" sind.

Kirk Douglas, wie er sich im Unterstand wäscht - das könnte auch von Leni Riefenstahl sein.
Die Hinrichtung: ich habe nicht gewußt, daß es soviel Schönes auf der Welt gibt.
Die Schlußszene - wo das deutsche Mädchen das Lied singen muß - und dazu die Nahaufnahmen der Gesichter der poilus... (übrigens ist das Mädchen die Frau von Kubrick - eine Nichte Veit Harlans, die meines Wissens nach für die Szenenbilder bei Uhrwerk Orange verantwortlich war - wenigstens für den Specksteinpenis :-))

Ein anderer Film von Kubrick aus den 70ern ist dieser hier:
https://www.youtube.com/watch?v=m7wEUlpaYjY

So etwas kann ich nur mit tränennassen Augen sehen: was ist aus unseren Feinden inzwischen geworden.
Inzwischen werden die Rotröcke in GB auf offner Straße coram publico von Negern filetiert...

Once we had an empire - now we have a slum...

M.L.: "Barry Lyndon" ist mein Lieblings-Kubrick.

y.

3. September 2013 09:46

Schreckliche Dinge sind nicht automatisch hässlich anzuschauen, denn Schönheit wird durch die Form, nicht durch den Inhalt definiert. Fragt sich nur, warum uns das stört.
Mit der Schönheit ist es überhaupt leichter als mit der Moral, denn man erkennt sie sofort. Sie ist eigentlich viel reeller! Selbst weiter weg von der Oberfläche. Die Schönheit des Verhaltens, des Staates, der Ordnung... Da lässt sich nicht so einfach lügen!

Meine Meinung zum Film ist: Uhrwerk Orange besticht vor allem akustisch und visuell in der Darstellung unserer kaputt-verlogenen Gesellschaft, die Frage nach dem Zusammenhang von Ästhetik und Verbrechen im Dritten Reich finde ich hingegen weniger originell.
Alex war für mich, als ich den Film jugendlich sah, ein cooler Typ. Witzig. Die Gewaltszenen, na ja, etwas übertrieben... schockierend abstoßend, sicher, aber auch lebendig-archaisch. Was der kindlich-egomane Alex mit seinen Kumpanen veranstaltet, ist sinnlos boshaft, aus Unerzogenheit, aus Überdruss und Leere heraus, weil sie in einem schwachsinnig degenerierten, innerlich verrotteten System leben, sodass ihre Gewalttätigkeit fast schon wieder angemessen erscheint.
Hier gibt es für mich nur einen Ansatzpunkt das Dritte Reich zu zitieren, nämlich in dem Sinne, dass es gerade dort der Degeneration an den Kragen gehen sollte. Ich sehe keine „Banalität des Bösen“, sondern nur banale Fragen danach!

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