Sezession
7. November 2013

„Der Anfang vom Ende des alten Europa“ – Hans Fenske, Christopher Clark und der Erste Weltkrieg

Gastbeitrag / 13 Kommentare

Fenskevon Sebastian Pella

„Die Deutschen wollten den Krieg lokal begrenzen“, faßt Christopher Clark in einem Gespräch mit der F.A.Z. vom 23.09.2013 die Intentionen des Kaiserreichs am Vorabend des Ersten Weltkriegs zusammen und bedeutet dem Leser bereits mit dieser Aussage, daß es ihm als nicht-deutschen Historiker um eine sachliche Darstellung des diplomatischen Vabanque-Spiels im Sommer 1914 geht, das für Europas Völker in den „Weltenbrand“ mündete, aber dies gerade nicht in der Verantwortung Deutschlands lag.

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Vielmehr seien in Rußland, Serbien und Frankreich die Hauptschuldigen für die Eskalation zum ersten großen Völkerringen im 20. Jahrhundert zu finden. Clarks englischsprachiges Buch „Die Schlafwandler. Wie Europa 1914 in den Krieg zog“ ("The Sleepwalkers. How Europe Went to War in 1914". Allen Lane. An imprint of Penguin Books, London 2012, 697 S., 25,95 EUR) wurde nun rechtzeitig zur Frankfurter Buchmesse im renommierten Verlag DVA mit dem veränderten Untertitel „Wie Europa in den Ersten Weltkrieg“ zog (München 2013, 895 S., 39,99 EUR) in deutscher Sprache zugänglich gemacht und ist bereits wenige Wochen nach Erscheinen zu einem Bestseller avanciert.

Clark, Professor für Neuere Geschichte an der traditionsreichen Universität Cambridge, gehört seit seinem epochalen und unvoreingenommen Werk über „Preußen“ (2007) und seiner um historische Gerechtigkeit bemühten Biographie Wilhelms II. (2008) zu den weltweit bekanntesten Preußenforschern unserer Tage, zeigte sich in der Lebensbeschreibung des letzten Hohenzollernregenten aber auch als fachkundiger Kenner der Materie Deutsches Kaiserreich. Ein zentraler Punkt in Clarks Untersuchung – neben dem Aufzeigen der seit den 1890er Jahren betriebenen Einkreisung und Isolierung des Deutschen Kaiserreichs durch England, Frankreich und Rußland – sind die deutschen Bemühungen um eine Einhegung des Konflikts.

Die deutsche und österreichische Führung versuchten, den Konflikt regional auf den Balkan zu begrenzen. Clark hält hier eindeutig fest, dass es keine Quellen und Belege dafür gibt, daß deutsche Politiker und Militärs die „Juli-Krise“ als willkommene Gelegenheit für einen lange geplanten Präventivschlag gegen Frankreich oder Rußland betrachtet hätten. Doch die Versuche zur Begrenzung des Konfliktes mußten letztlich scheitern, denn die durch das Attentat von Sarajevo ausgelöste Krise „entsprach exakt dem balkanischen Eröffnungsszenarium“, das die  maßgeblichen Protagonisten des französisch-russischen Bündnisses in der Zeit vor 1914 „als den optimalen casus belli festgelegt hatten“. Dieses in etlichen Diskussionen und Planungen vorbereitete Szenario wurde konsequent und rigoros durchgeführt und so der Kriegsausbruch von den Entente-Mächten gezielt provoziert.

In einer Rezension über Clarks „Schlafwandler“ schreibt Andreas Kilb in der F.A.Z. (09.09.2013):

Es ist, nach seinem „Preußen“-Buch von 2006, Clarks zweite große Attacke gegen ein Dogma der Geschichtswissenschaft. Der preußische Staat galt als Hort allen Übels in der deutschen Geschichte: Militarismus, Imperialismus, Größenwahn. Clarks Studie zeigte, dass er das nicht war. Was den Ersten Weltkrieg angeht, hat sich unter Historikern seit den sechziger Jahren Fritz Fischers These von der überwiegenden deutschen Kriegsschuld durchgesetzt. Bei Clark kann man nun nachlesen, dass das Kaiserreich genauso schuldig oder unschuldig am Ausbruch des Krieges war wie alle anderen europäischen Großmächte: Russland, Frankreich, Österreich-Ungarn und England.

Diese Argumentation Clarks teilend und darüber hinaus zuspitzend, legte soeben Hans Fenske – emeritierter Professor für Neue und Neueste Geschichte an der Universität Freiburg – seine Veröffentlichung „Der Anfang vom Ende des alten Europa. Die alliierte Verweigerung von Friedensgesprächen 1914-1919“ vor, in der die Schwerpunktsetzung gezielt auf die Auswertung der alliierten Diplomatie erfolgt, die nach der Lektüre als eine zutiefst antideutsche Politik der Eskalation bezeichnet werden kann. Fenske hält demgemäß nach der vorherigen Auswertung alliierter Quellen zusammenfassend fest:

Unzweifelhaft: Russland wollte 1914 den Krieg. Die Hauptverantwortlichen für den Zusammenprall der europäischen Großmächte saßen in St. Petersburg. Da Frankreich die russische Politik in der Julikrise bedingungslos stützte, hatte es ein erhebliches Maß an Mitverantwortung für die Katastrophe. Die Führung der Donaumonarchie sah Österreich-Ungarn mit guten Gründen als existenziell bedroht an. (…) In Wien glaubte man, den Konflikt lokal begrenzen zu können, meinte aber, auch einen größeren Krieg mithilfe des Deutschen Reiches überstehen zu können. (…) Die Reichsleitung in Berlin war überzeugt, sich nicht erlauben zu können, nochmals auf Wien mäßigend einzuwirken, wie sie das in den Krisen 1908/09 und 1912/13 getan hatte, weil das einen Zerfall des Zweibundes zur Folge hätte haben können. Einen großen Krieg hielt sie zunächst für unwahrscheinlich. Als sie die Gefahr wachsen sah, warnte sie Wien dringend davor, einen Weltenbrand zu entfachen, konnte einen Kurswechsel dort aber nicht mehr erreichen. Ohnehin ist fraglich, ob eine größere Konzessionsbereitschaft angesichts der russischen Entschlossenheit positive Wirkungen gehabt hätte. Schließlich ließ sie alle Bedenken hinter sich, um schnell militärisch handeln zu können. Die Kriegserklärungen an Russland und Frankreich waren eine Flucht nach vorn. In London tat man für die Vermeidung des Krieges viel weniger als in Berlin. (S. 25)

Bemerkenswert an Fenskes Einschätzung ist die Heranziehung von selbst in Clarks Mammutwerk nicht genannten Quellen und Zitaten von führenden Politikern und Diplomaten, die insbesondere auf alliierter Seite entlarvend und erschreckend zugleich sind. Diese zeigen in aller Deutlichkeit auf, welchen Neid das wirtschaftlich, militärisch und machtpolitisch aufstrebende Deutsche Reich bei seinen alliierten Nachbarn auslöste und wo die Kriegsziele der Entente lagen. „Das Gewicht der Mittelmächte und vor allem Deutschlands sollte deutlich gemindert und die Machtverteilung zwischen den Großmächten gründlich revidiert werden. Eine solche Zielsetzung war nur bei einem vollen alliierten Sieg zu verwirklichen, und bis dahin musste gekämpft werden.“ (S. 27f.) Der berüchtigte Lloyd Georg, zu diesem Zeitpunkt Staatssekretär des Krieges, verkündete am 28. September 1916 in einem Gespräch mit der United Press seinen zur Berühmtheit gelangten Ausspruch: „Der Kampf wird dauern bis zur Niederschmetterung.“ (zit. n. Fenske, S. 29)

Exakt dieser Vernichtungswille der Alliierten führte nicht nur zum Ausbruch des Ersten Weltkrieges, sondern – und hier liegt das Hauptaugenmerk in Fenskes Arbeit – zum Abblocken jedweder Friedensinitiativen der beiden deutschen Mittelmächte. Auf Seiten der Entente nahmen Gedanken an einen Verhandlungsfrieden keinen Platz ein, denn als Ziel des angestrebten „Vernichtungskrieges“ sollte von Anfang an ein Siegfrieden stehen, der Österreich-Ungarn und das Deutsche Reich im Rahmen des „Kreuzzug[s] gegen die Barbarei“ demütigen, zerschlagen und territorial zerstückeln sollte. Der Autor zeigt auf, wie angesichts dieser Geisteshaltung die Friedensinitiativen der Mittelmächte 1916 sowie die beachtenswerte Friedensresolution des Reichstages 1917 scheitern mußten. Bereits seit September 1914 waren die Entente-Mächte durch die öffentliche Erklärung, „dass sie keinen Sonderfrieden mit Deutschland abschließen würden“, verbunden und erklärten ständig ihren Willen, „bis zum endgültigen Sieg zu kämpfen“ (S. 29), so daß ein Verständigungsfrieden für die alliierten Kriegstreiber undenkbar ward und gleichzeitig die deutschen Friedensinitiativen ins Leere laufen mußten.

#In Reichskanzler Bethmann Hollweg versinnbildlichte sich das Streben Deutschlands nach einem Ausgleich; „es ging ihm nicht um Gebietsgewinne, sondern vor allem darum, das Verhältnis der Großmächte nach dem Kriege so zu gestalten, dass eine nochmalige Koalition England – Frankreich – Russland gegen das Reich unwahrscheinlich war. Dazu gehörte auch, ‚den Versuch zu machen, endlich die Jahrhunderte alten Streitigkeiten zwischen Frankreich und uns zu beseitigen’, den Nachbarn im Westen bei Kriegsende also freundlich zu behandeln“ (S. 39f.). Bethmann Hollweg war es, der mit Österreichs Außenminister Burián die gemeinsame Friedensinitiative der Mittelmächte im Oktober 1916 ausarbeitete und am 12. Dezember den Kriegsgegnern kundtat, worin vorgeschlagen wurde, „alsbald in Friedensverhandlungen einzutreten und dem Kampf ein Ende zu machen“ (zit. nach Fenske, S. 42). Die Entente-Mächte lehnten dieses Friedensangebot im Januar 1917 schroff und in anmaßendem Tone ab. „Die unrichtige Behauptung der Mittelmächte, sie hätten zur Verteidigung ihres Daseins zu den Waffen gegriffen, genüge, jeden Verhandlungsversuch zur Unfruchtbarkeit zu verurteilen. Deutschland und Österreich-Ungarn seien die Friedensbrecher.“ (S. 42).

Erhellend sind auch die Passagen, die sich mit dem Zeitungsredakteur („Journal des Débats“) und Diplomaten Alcide Ebray beschäftigen. Dieser legte in seiner 1924 veröffentlichten Studie „Der unsaubere Frieden (Versailles)“ dar, wie die alliierte Seeblockade der internationalen Handelswege „unmenschlicher als der U-Bootkrieg“ (zit. nach Fenske, S. 120) gewesen sei. Fenske selbst führt hierzu aus: „Die Bestimmung über die Fortdauer der Blockade [nach Unterzeichnung des Waffenstillstands am 11.11.1918; Anm. d. Verf.] war völkerrechtswidrig. Blockaden sind feindselige Handlungen, da sie dem Gegner Schaden zufügen sollen. Deshalb hätte die Blockade, die in den gut vier Jahren ihrer Geltung mit der von ihr bewirkten Unterbrechung der nötigen Lebensmittelimporte über See die Sterblichkeit in Deutschland deutlich erhöhte und für über 700.000 zivile Todesfälle verantwortlich war, am 11. November 1918 mittags eingestellt werden müssen.“ (S. 78f.) Ebray führte in seinem Werk weiter aus, daß mit dieser Blockade und dem militärischen Bruch der griechischen Neutralität, d.h. zweier offenkundiger Völkerrechtsverletzungen der Erste Weltkrieg für die Entente gewonnen wurde.

Ebenso zeigt Fenske die unheilvolle Rolle der Vereinigten Staaten auf, die zunächst noch mäßigend und diplomatisch ausgleichend wirkten, ab Frühjahr 1917 aber auf einen radikalen Kriegskurs umsteuerten, dessen Folge – abgesehen von der kriegsentscheidenden Masse an Material und Menschen – eine von der Regierung Wilson geschürte antideutsche Stimmung im Land war. Neben Diskriminierung und Gewalttaten gegen Deutsch-Amerikaner stand hier auch die Verbannung deutschsprachiger Bücher und sogar Bücher über Deutschland und Österreich in englischer Sprache aus den öffentlichen Bibliotheken. „In etlichen Städten wurden ausgewählte Titel oder größere Bestände im Rahmen patriotischer Feiern öffentlich verbrannt.“ (S. 47)

Dieser Vernichtungswille der westlichen Wertegemeinschaft mußte gemäß Fenske im Versailler Diktatfrieden münden, der den Namen „Vertrag“ nicht verdiene, da die Deutschen als Verbrecher an der Menschheit tituliert und in diesem Sinne behandelt wurden. „Angesichs dieser Tatsachen ist es gerechtfertigt, von einem Diktat- oder Gewaltfrieden zu sprechen“ (S. 111), beurteilt Fenske das am 28. Juni 1919 unterzeichnete Dokument. Dem Deutschen Reich wurden hiermit 70.000 Quadratkilometer seines Territoriums mitsamt 6,4 Millionen deutschen Bewohnern genommen. Außerdem wurden Deutschland langjährige Verpflichtungen, Reparationszahlungen, Kontrollmechanismen, Landbesetzungen, militärische Einschränkungen und vor allem die Zuschreibung der Kriegsschuld aufgebürdet. Dieser berüchtigte Artikel 231 der Versailler Diktats wurde von den Zeitgenossen in der Weimarer Republik zu Recht „auf den Begriff der Kriegsschuldlüge gebracht“ (S. 119), die wie ein Damoklesschwert über der jungen Republik schwebte.

Fenske erinnert auch an den Schweizer Geschichtsphilosophen Ernst Sauerbeck, der in den Jahren 1916 bis 1919 das auf der Auswertung aller zur damaligen Zeit in Druckform vorliegenden Quellen basierende Buch „Der Kriegsausbruch. Eine Darstellung von neutraler Seite an Hand des Aktenmaterials“ schrieb und hierin ausführte:

Es trifft (…) die Entente die Schuld, diesen Krieg ohne Not entfesselt zu haben, es trifft sie (…) die weitere und schwerere Schuld, ihn zu dem gemacht zu haben, was er – wieder ohne Not! – geworden ist: zum Grab ganzer Völker. (…) Ein Gewaltfriede, wie man ihn sich rücksichtsloser wohl in keinem Lager je geträumt hat, folgte auf den Kampf der Gewalt. (zit. nach Fenske, S. 14)

In Oslo wurde im Frühjahr 1918 eine unabhängige Kommission norwegischer Wissenschaftler an die Untersuchung der Kriegsschuldfrage gesetzt, deren Sekretär Hermann Harris Aall aus der Begutachtung der Quellen „das Zarenreich den agent provocateur für den Krieg“ nannte und „England entscheidenden Einfluss auf die Entwicklung“ (S. 15) zum Krieg bescheinigte. Die rigorose Haltung der Entente zur Kriegsschuldfrage sah Aall als „unvereinbar mit elementaren Grundsätzen der Gerechtigkeit“ und der Versailler Vertrag „eine einzige Kette von Völkerrechtsverletzungen“ (zit. nach Fenske, S. 15). Des weiteren führt Fenske den norwegischen Oberbibliothekar an der Universität Oslo, Axel C. Drolsum, an, der als Kommissionsmitglied resümierte, „daß Deutschland 1914 als die einzige Macht sich ehrlich und nach allen Kräften unaufhörlich für den Frieden bemüht hat. Seine Friedensbestrebungen scheiterten an dem Kriegswillen der anderen Mächte“ (zit. nach Fenske, S. 15).

Das in einem Brief an den Zaren vom 31. Juli 1914 formulierte Ansinnen Kaiser Wilhelms II., das „Unheil, das nun die ganze zivilisierte Welt bedroht“ abzuwenden, bestätigt – als eines von unzähligen in Fenskes Buch dargelegten Beispielen – die einhelligen Urteile der neutralen norwegischen Kommission. In des Kaisers Brief hieß es in diesem Sinne weiter: „Noch kann der Friede Europas durch Dich erhalten bleiben, wenn Rußland einwilligt, die militärischen Maßnahmen einzustellen, die Deutschland und Österreich-Ungarn bedrohen müssen“ (zit. nach Fenske, S. 22).

Die vorliegende Studie knüpft inhaltlich an Christopher Clarks Detailanalyse der Vorkriegsdiplomatie an, spannt den Bogen aber bis in die Nachkriegsjahre und ist in ihrer Aussage noch unmissverständlicher als Clarks Resümee, wonach die Schuldfrage alle kriegführenden Nationen beträfe. Fenske geht hierüber hinaus und beweist mit der Heranziehung raren Quellenmaterials, daß gerade das Deutsche Reich und Österreich den geringsten Anteil am Kriegsausbruch 1914 und der Fortführung des Völkerschlachtens in den darauffolgenden Jahren hatten. Doch „die alliierte Verweigerung von Friedensgesprächen“ führte letztlich zu dem, was der Buchtitel verkündet: „Der Anfang vom Ende des alten Europa“.

Im Gegensatz zu den im kommenden Jahr zu erwartenden geschichtspolitisch korrekten Veröffentlichungen und medialen Desinformationen zum Gedenken an 100 Jahre Beginn des Ersten Weltkrieges, eröffnet uns Fenske eine im besten Sinne revisionistische Arbeit auf wissenschaftlicher und um Objektivität bemühter Grundlage, die wahrlich als Beispiel historischer Aufklärung und Entzauberung eines bundesrepublikanischen Schuldmythos’ gelten kann.


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Kommentare (13)

Marcus Junge
7. November 2013 13:55

Warum dieser Hype? Sie (die Autoren der neuen Bücher) mögen ja tolle Einzelheiten ausgegraben haben, wirklich neu ist da aber nichts. Das konnte jeder ab 1919 nachlesen / wissen. Und niemand hat, bis nach dem 2.WK, das Lied von unserer Alleinschuld am 1.WK gesungen (in Deutschland, nicht mal die Kommunisten). Daher wurde ja immer vom Schandvertrag / Knebelvertrag / Diktat von Versailles gesprochen.

Nur weil staatlich beauftragte Propagandahystoriker der DDR + ein Stasi-Hochhuth, dann was anderes behaupteten, dies der Brut vom 68 genehm war und es in den Krampf gegen Rächts, nach der Teilvereinigung paßte, ist aus dieser Kriegsschuldlüge nie Wahrheit geworden und wer wollte, der konnte es besser wissen und vielfach nachlesen.

Ja, mir ist klar, die tumben Massen lesen garantiert nichts nach, die werden auch nicht hier bei Sezession mitlesen, oder sich gar eines dieser neuen Bücher kaufen und falls da einer mal in die FAZ schaut, der nächste Knopp löscht alles, was haften blieb. Einen echten Erkenntnisgewinn sehe in diesen neuen Büchern also nicht.

Viel interessanter sind für mich daher andere Dinge, die hier im Artikel aber nicht angesprochen wurden, auch wenn sie sich ganz dringlich aufdrängen.

"eine sachliche Darstellung des diplomatischen Vabanque-Spiels im Sommer 1914 geht, das für Europas Völker in den „Weltenbrand“ mündete, aber dies gerade nicht in der Verantwortung Deutschlands lag."

""Der Anfang vom Ende des alten Europa. Die alliierte Verweigerung von Friedensgesprächen 1914-1919" und ff."

Warum erinnert mich das nur so verdammt an den 01.09.1939? Und wann tauchen "plötzlich" Schreiberlinge auf und erklären es dem Doof-Michel (erneut und erfolglos)? "Da war es genauso, haben wir euch halt auch X-Jahre belogen, betrogen, ausgebeutet und geknechtet mit, so wie vorher beim 1.WK. Sorry, kommt wieder vor."

So um die 150 Friedensfühler nach England, von 39 bis 41, darauf kann man die "neuen" Erkenntnisse von Fenske 1 zu 1 übertragen. Wurde alles schon ausführlich niedergeschrieben, aber das sind ja pöse Nazis-Autoren gewesen, denen man nicht glauben darf, auch wenn sie zig offizielle Akten zitierten und sich hier eine Politiklinie durch all die Jahrzehnte verfolgen läßt und dabei jedes internationale Recht gebrochen wurden, folgenlos für die Täter, da Sieger.

Welcher der werten Autoren wird bitte demnächst darüber schreiben und uns "sensationelle, neue" Erkenntnisse zum 2.WK und den Zusammenhänge beider Kriege verkaufen? Und wann werden Konsequenzen aus diesen "neuen" Erkenntnissen gezogen, in Massenverblödungsmedien, Politik, Kirchen, Lehre, Schule, ...? Ist Churchill schon der Karlspreis aberkannt worden?

Martin
7. November 2013 16:52

@Marcus Junge:

WK II ist sakrosankt.

Seien wir zunächst genügsam und zufrieden, dass erst ein Australier kommen musste, um beim Thema WK I einiges gerade zu rücken, was dem unvoreingenommenen nachgeborenen Leser von Schriften aus der Zeit von 1900 bis 1930 eigentlich schon immer dämmerte ...

Carsten
7. November 2013 17:06

Ich bin in den 1980er Jahren in Westdeutschland zur Schule gegangen. Kein einziger Geschichtslehrer hat und hätte sich damals dazu verstiegen, von einer deutschen Schuld am WK I. zu spintisieren. Mir scheint das eine neue Erscheinung zu sein, oder irre ich mich? Dabei völlig unverständlich: Wer sich auch nur ansatzweise und oberflächlich mit der Geschichte befasst, kann keinen Hinweis auf eine deutsche Alleinschuld finden. Also ist das gezielte Propaganda. Da hilft nur eins: Seine Kinder selbst informieren und ihnen sagen, dass der Lehrer Unsinn erzählt.

Irrlicht
7. November 2013 17:33

@Martin
In Bezug auf die NS-Zeit haben Sie allein der möglichen politischen Implikationen wegen zweifellos recht, die Wandlung der Auffassungen in Bezug auf das Kaiserreich und den Ersten Weltkrieg ist, weitgehend unbemerkt von der Öffentlichkeit, aber schon seit einiger Zeit im Gange. Ewald Frie z.B. geht in seinem Buch "Das Deutsche Kaiserreich" aus dem Jahr 2004 einigermaßen differenziert mit dieser Epoche um, zitiert in Bezug auf den "Weltenbrand" Holger Afflerbach mit "Der Erste Weltkrieg war ein mögliches, aber kein zwangsläufiges und sogar ein eher unwahrscheinliches Resultat der damaligen politischen Ordnung." Der Australier wird in erster Linie für FAZ&Co gebraucht.

S. Pella
8. November 2013 12:01

In der Reihe kaplaken widmet sich Stefan Scheil in dem jüngst erschienenen Büchlein Polen 1939 eben jener, von Marcus Junge angesprochenen Thematik in dem Kapitel "Europas Urkatastrophe als Chance - der Erste Weltkrieg aus polnischer Sicht" in bezug auf den polniscen Komplex.

Der historisch interessierte Rechte kennt natürlich die Werke, die den Bogen von 1914 bis 1945 schlagen und den "Zweiten Dreißigjährigen Krieg" - dezidiert gegen das Deutsche Reich und den deutschen Dritten Weg gerichtet - skizzieren. Die mediale Breitenwirkung bleibt hier zwar noch aus, doch immerhin schaffte es Schultze-Rhonhof mit seinem "1939 - Der Krieg, der viele Väter hatte" in jede Bahnhofsbuchhandlung und dies in zahlreichen Neuauflagen.

Bemerkenswert - und deshalb mein Beitrag auf SiN - ist jedoch das Durchbrechen eines inzwischen geschichtspolitisch korrekten Tabus in der deutschen Historikerzunft durch einen angelsächsischen Geschichtsforscher im besten Sinne und einen deutschen Emeritus alter Schule, die beide in angesehenen und politisch nicht "befleckten" Verlagen veröffentlichen konnten und hierdurch (speziell "Die Schlafwandler") eine ungeheure Wirkung entfalten, was ich in meinem Bekanntenkreis erlebe. Fenskes Werk bietet den Vorteil kompakt auf rund 130 Seiten alles auf den Punkt zu bringen und ist deshalb ein ideales Geschenk für historisch "korrekt" Gebildete, die durchaus den ein oder anderen Zweifel am Knopp'schen Geschichtsbild hegen.

Gerade letzter Punkt ist oftmals auf innerfamiliäre Erzählungen zurückzuführen, d.h. (Ur-)Großeltern aus der Kriegsgeneration, die sowohl Wahrheiten über den Ersten und vor allem Zweiten Weltkrieg wußten, die die Rolle Deutschlands zurechtrückten, und diese an die Enkel- und Urenkelgeneration weitergaben. Und exakt hier besteht ein immenes Interesse, diese Erzählungen aus der eigenen Familie der politkorrekten Phraseologie deutscher Schuldpropaganda entgegenzustellen.

Hierfür liefern Clark und Fenske vielbeachtete und massenmedial verbreitete Munition für WK 1!

Irrlicht
8. November 2013 12:57

@S. Pella
Die postulierte "geschichtspolitisch korrekte Tabu in der deutschen Historikerzunft" gibt es in Bezug auf die "Kriegsschuldfrage" und den Ersten Weltkrieg nicht (mehr), siehe z.B. das Buch von Frie über das Kaiserreich. Der Autor selbst ist Professor für Neuere Geschichte an der Uni Tübingen, der Titel wird in der "Wissenschaftlichen Buchgesellschaft" (WBG) verlegt, als Teil der Reihe "Kontroversen um die Geschichte", mit den Herausgebern Arnd Bauerkämper, Peter Steinbach und Edgar Wolfrum, allesamt Professoren für Neuere Geschichte an deutschen Unis. Das "geschichtspolitisch korrekte Tabu" existiert in den deutschen Massenmedien.

GFC
8. November 2013 19:27

Es mag sein, dass Fachkenner längst im Klaren darüber sind, wie kompliziert die Kriegsschuldfrage im WK I ist und keineswegs auf eine alleinige deutsche Schuld oder eben nur Hauptverantwortung hinweisen, aber - die landläufige Meinung heisst doch deutscher Schuld wegen "preussischen Militarismus" usw. Das ist besonders der Fall im Ausland vor allem im englisch-sprachigen Ausland, wo deutsches Kaiserreich und Drittes Reich zu einer bösartigen teutonischen militaristischen Einheit verschmelzen was zu Folge hat, dass jegliche alliierte Schuld an Ausbruch und Verlängerung des WK I verleugnet wird. Da manche dieser neuen Behandlungen aus dem englischsprachigen Raum kommen, ist diese Entwicklung besonders zu begrüßen.

Ich finde es sehr interessant, dass Fenske auf die innenpolitischen Motiven Wilson eingeht, d.h. auf die Unterdrückung der Deutsch-Amerikaner. Dies war ein grosser und ungeheuer Vorgang und ist fast völlig in Vergessenheit geraten, vor allem hier in den USA. Unter den Amerikanern europäischer Abstammung bilden die Deutsch-Amerikaner die größte Gruppe (und überhaupt aller Amerikaner bis vor den jüngsten mexikanischen Einwanderungs- bzw. Invasionswellen). Zu der Zeit gab es zahlreiche deutsche Schulen, Verlage, Zeitungen, Kulturvereine, Turnvereine, usw. - all das wurde unterdrückt, teilweise mit Gewalt, und nach und nach aufgelöst. Deutsch-Amerikanern wurden gezwungen, die eigene Identität aufzugeben. Der Kriegseintritt Amerikas wurde als Vorwand ausgenutzt, um einen mächtigen innenpolitischen Konkurrenten der WASP-Elite endgültig auszuschalten. Aber dieses schändliche Kapitel US-amerikanischer Geschichte ist fast ganz vergessen, man glaubt stattdessen die Deutsch-Amerikanern freiwillig die eigene Identität aufgegeben hätten, damit sie ins sog. "Melting Pot" einsteigen durften.

(Ganz nebenbei und OT - wie Amerikas WASP-Elite die Vorherrschaft versicherten, meist durch ziemlich niederträchtige Methoden, ist lesenswert und ergibt ein ganz anderes Bild des Landes als was man vom Melting Pot Propaganda lernt)

S. Pella
8. November 2013 19:56

An Irrlicht:

Danke für Ihre Ergänzungen!

Ebenso erwähnenswert an aktuellen Werken deutscher Historiker sind die Bücher von Frank-Lothar Kroll, Bernd Heidenreich und Sönke Neitzel über das Deutsche Kaiserreich, die allesamt eine Positivbewertung des kaiserlichen Deutschlands vornehmen, sich aber nicht dezidiert zum Kriegsausbruch 1914 äußern.

Nichtsdestotrotz mußte ich mich gerade Anfang Oktober auf einer geschichtswissenschaftlichen Tagung einmal wieder von der Dominanz linker Deutungshoheit im akademischen Milieu überzeugen, wo implizit stets auch die "Kriegsschuldfrage" (Erster Weltkrieg) bei der Bewertung des deutschen Sonderwegs herangezogen wurde und hieran immer noch festgehalten wird, obwohl es längst quellengestützt widerlegt ist.

Deshalb möchte ich Ihnen an dieser Stelle widersprechen, denn wer im geistes- und geschichtswissenschaftlichen Sektor noch eine Laufbahn einzuschlagen gedenkt (ego non!), behandelt dieses Themenfeld absolut als "geschichtspolitisch korrektes Tabu" oder er kann sein Stipendium, Volontariat oder wissenschaftliche Hilfskraftstelle vergessen. Es gibt definitiv Ausnahmen, doch die sind eben Ausnahmen!

Gruß!
S. Pella

Stil-Blüte
10. November 2013 20:52

Gehört Barbara Tuchmanns Buch 'August 1914', 1962, auch in diese Reihe differenzierter Betrachtungen des 1. Weltkrieges? Laut Wiki soll sich Kennedy von dem Buch inspiriert haben lassen, bei der Kuba-Krise von voreiligen aggressiven Eingreifen gegen die Schiffe der Sowjetunion abzusehen.

S. Pella
13. November 2013 15:03

Nachtrag:

https://www.welt.de/debatte/kommentare/article121848478/Die-Deutschen-wollen-so-gern-alleine-schuld-sein.html

agricola
15. November 2013 13:11

Um der Wahrheit ans Licht zu verhelfen, braucht es viele Helfer. Sowohl die Entstehungsgeschichte des Erstes Weltkrieges und seine Forstsetzung im Zweiten sind insbesondere durch angloamerikanische und auch deutsche Revisionisten sehr sorgsam in den ersten Nachkriegsjahrzehnten beschreiben worden so z.B. durch Toynbee, Barnes, Hoggan, Richthofen, Diwald usw. Diese wurden allesamt in Bausch und Bogen verdammt in alle Ewigkeit als naziverdächtig! Jetzt erleben wir Ihre Wiedergeburt durch junge Revisionisten!

Greg
19. November 2013 09:56

Ich habe mir Christopher Clarks Buch schon letztes Jahr auf Englisch zu Gemüte geführt, und war begeistert von seiner pragmatischen und vor allem total unparteiischen Herangehensweise! Das war für mich, der eine normale, österrichische Schul(d)bildung durchlaufen hat, wie ein Dammbruch!

TV und Medien im Gedenkjahr: Bei uns in Österreich wird es im Jubiläumsjahr 2014 viel Sonderprogramm im ORF geben, unter Anderem ein »Dokudrama«, das lt. einem Artikel in der Kleinen Zeitung (Ende Juli 2013), die Drahtzieher des Attentats von Sarajevo in Wien und Berlin verortet! Da ist jeder weitere Kommentar überflüssig!

Ein weiteres Buch zum Thema kann ich noch empfehlen: McMeekin, Sean: The Russian Origins of the First World War. Es bringt interessante Details zur russischen Mobilmachung 1914.

Zuletzt bleibt zu hoffen, dass es auch zu anderen Themen der jüngeren Geschichte in Zukunft kritische Betrachtungen geben wird!

Grüße Greg

Cato
7. Dezember 2013 18:03

Ich verweise auf das Buch Hidden History von Docherty/Macgregor,
Edinburgh 2013 das es allerdings vorläufig nur in Englisch gibt!

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