Sezession
1. Februar 2013

Der Islam als Kampfgemeinschaft

Gastbeitrag

52pdf der Druckfassung aus Sezession 52 / Februar 2013

von Manfred Kleine-Hartlage

Islamkritische Positionen haben zur Zeit bei der konservativen Rechten einen schweren Stand: Zum einen wird Islamkritik häufig vom normativen Standpunkt liberaler Ideologie geübt; man kreidet dabei dem Islam vor allem seine Gewaltneigung, Frauenfeindlichkeit, Intoleranz, seinen Antisemitismus, seine Demokratiefeindlichkeit, kurz: seine offenkundige Unvereinbarkeit mit westlich-liberalen Wertmustern an, und blendet die Frage aus, ob nicht gerade die Vergötzung liberaler Wertmuster die Völker Europas in jene Krise gestürzt haben, die sie anfällig für die Eroberung durch (nicht nur, aber auch) Muslime gemacht hat.

Daß liberale Islamkritiker dazu neigen, nicht nur die Frage zu tabuisieren, sondern den Fragenden gleich mit ins Tal der rechtsradikalen Aussätzigen zu verbannen, trägt auch nicht gerade dazu bei, Islamkritik unter Konservativen populär zu machen.

Dabei hat die liberale Islamkritik durchaus ihre Meriten, sofern sie die liberalen Islamverharmloser in die Schranken weist, deren völliges Unverständnis für das Wesen von Religion sie dazu verleitet, den Islam als eine Art Folklore mißzuverstehen, die unserer »bunten« Gesellschaft ein hübsches Farbtüpfelchen hinzufüge. Michael Stürzenberger hat in der schon legendären Debatte mit Karlheinz Weißmann auf dem »zwischentag« in Berlin (6. Oktober 2012) völlig zu Recht davor gewarnt, die verhaltensprägende Kraft des Islam zu unterschätzen. Er hat zu Recht auf die frappierenden Parallelen zwischen den Geboten des Korans und dem beo­bachtbaren Verhalten muslimischer Migrantengemeinschaften in Europa hingewiesen, und er hat, wie die gesamte – nicht nur liberale – Islamkritik, aus diesem Sachverhalt den naheliegenden Schluß gezogen, daß die Gebote des Korans, verbunden mit dem Beispiel des Propheten Mohammed, die tiefste Ursache dieses Verhaltens sind.

Dieser Schluß, um es vorweg zu sagen, ist im Ergebnis richtig. Er ist allerdings richtig in dem Sinne, wie auch die Lösung einer Rechenaufgabe richtig sein kann, bei der der Rechnende einen notwendigen Zwischenschritt überspringt. Das Erklärungsmodell, dem weite Teile der liberalen Islamkritik zumindest implizit anhängen, lautet, daß der Islam eine totalitäre Ideologie (und sonst nichts) sei und daß das Verhalten von Muslimen vor allem deshalb den Erwartungen einer liberalen Gesellschaft zuwiderlaufe, weil sie an diese Ideologie glaubten. Diese Verkürzung der Kausalitätskette ist in bestimmten Zusammenhängen zulässig, solange man sich der Verkürzung als solcher bewußt ist. Wo dies nicht der Fall ist, führt die Unterkomplexität der Theorie zu zwei hochproblematischen Konsequenzen:

Zum einen leistet sie der Vorstellung Vorschub, man könne sich der Probleme, die aus der massenhaften Präsenz von Muslimen in Europa resultieren, dadurch entledigen, daß man diese dazu bringt, dem Islam abzuschwören. Dies ist nicht nur eine Milchmädchenrechnung; es ist auch schwerlich vereinbar mit einem im positiven Sinne liberalen, das heißt freiheitlichen Staats- und Gesellschaftsverständnis: Es liefe auf eine Politik der massenhaften Umerziehung und Zwangskonversion von Muslimen hinaus, die – zugespitzt formuliert – kaum anders zu bewerkstelligen sein dürfte als durch eine modernisierte Neuauflage der spanischen Inquisition unter »liberalen« Vorzeichen – ganz abgesehen von den Strömen von Blut, die man vergießen müßte, wenn man nicht nur die Muslime in Europa, sondern auch in ihren Herkunftsländern vom Islam »befreien« wollte. Nur am Rande sei bemerkt, daß dieser Umschlag von liberalem in totalitäres Denken die notwendige Folge ist, die sich stets dann einstellt, wenn man den Liberalismus aus seiner Verankerung in konkreten historischen Voraussetzungen und Zusammenhängen löst und zum ortlosen Universalprinzip erhebt.


 Gastbeitrag

  • Sezession

Kommentare (0)

Für diesen Beitrag ist die Diskussion geschlossen.