Sezession
8. Februar 2014

In memoriam Kurt Krenn

Martin Lichtmesz / 16 Kommentare

Heute findet die Beisetzung des Bischofs von St. Pölten (Niederösterreich) Kurt Krenn statt. Krenn ist letzte Woche im Alter von 77 Jahren gestorben; aus der Öffentlichkeit hatte er sich krankheitsbedingt schon lange zurückgezogen. Zu seinen Glanzzeiten als Weihbischof von Wien (1987-91) wie überhaupt in den frühen Neunziger Jahren war er neben Jörg Haider eine der beliebtesten Haßfiguren der linksliberalen Presse Österreichs.

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

Krenn war ein außerordentlich wohlbeleibter, nahezu unbeweglich wirkender Mann, der auch in seinen theologischen Positionen kaum von der Stelle zu rücken war. Am meisten nahm man ihm seinen unerschütterlichen Dogmatismus und Konservatismus übel - er weigerte sich standhaft, den Wahrheitsanspruch der römischen Kirche in irgendeiner Weise zu relativieren, und hatte darüber hinaus auch keine Hemmungen, diesen geradeheraus und ohne Umschweife und Entschuldigungen zu verkünden. Ein Buchtitel nannte ihn"Gottes eherne Faust", ein anderer "Die Geißel Gottes",  und ich gehe jede Wette ein, daß ihm solche Bezeichnungen auch noch gefallen haben, wenn sie nicht überhaupt auf ihn selbst zurückgehen (keine Ahnung, ich kenne die Bücher nicht).

Ich habe ihn stets respektiert, ja ich war in den Tagen seines Medienruhms beinah soetwas wie sein "Fan", ohne damals im mindesten seine Positionen zu teilen. In meiner Gymnasialzeit hatte ich weitgehend die üblichen liberalen Glaubensartikel verinnerlicht, und dachte, daß die FeministInnen, Grünen, Sozialdemokraten, "kritischen" Christen, Kirchenkritiker und so weiter prinzipiell "die Guten" sind. Allerdings schlug damals schon ein anderes Herz in meiner Brust.

Denn gleichzeitig hatte ich schon im Alter von 14, 15 Jahren einen erheblichen ästhetischen und emotionalen Widerwillen gegen das progressive Kirchenvolk, das auch unter meinen Religionslehrern reichlich vertreten war (hier habe ich einmal ein paar Anekdoten dazu mitgeteilt). Mir erschienen die Gestalten, die sich gegen Krenn und den zugegebenermaßen in jeder Hinsicht jenseitigen, halbsenilen Erzbischof Groer ereiferten, als wichtigtuerisch, trivial, schreihälsig, selbstgerecht und vor allem: langweilig.

Die Auffassung von Religion als Sammelsurium tagesaktueller ethischer Banalitäten ödete mich zutiefst an. Umso mehr bewegte mich der heilige Wahnsinn von Carl Dreyers Jeanne d'Arc, während mich die berüchtigte Menschenopferszene aus Pasolinis "Medea" in helle Begeisterung versetzte, und mir mehr über das Wesen von Religion beibrachte, als alle ökumenischen Schulgottesdienste und sandalentragenden Müslilehrer zusammen.

Lebhaft im Gedächtnis geblieben sind mir die Fernsehdiskussionen zwischen Krenn und der feministischen Theologin Uta Ranke-Heinemann. Die beiden wurden damals häufig als Traumgespann in die Manege geworfen, denn dann flogen zuverlässig und mit Unterhaltungswertgarantie die Fetzen, als würde man zwei explosive Substanzen mischen. Auf Youtube fand ich eine ORF-Sendung aus dem Jahre 1990, an die ich mich sogar noch gut erinnern kann.

Zu Thema "Was sollen wir glauben?" diskutierten neben Krenn und Ranke-Heinemann noch der Dramatiker Friedrich Dürrenmatt und Franz Alt, ein theologisierender Journalist, auf dessen Konto Bücher mit Titeln wie "Jesus – der erste neue Mann" gingen. Diese Sendung zeigt auf lustige Weise die typische Dynamik zwischen dem "fundamentalistischen" Bischof und der abtrünnigen Professorin für katholische Theologie, der von kirchlicher Seite die Lehrbefugnis entzogen wurde.

Ich will nicht allzusehr auf den Inhalt dieser amüsanten und immer noch sehenswerten Sendung eingehen. Das Entscheidende und Überzeugende war für mich damals wie heute vor allem der Habitus der Kombattanten. Ich kann mich an die einzelnen Streitpunkte dieser Diskussionen viel weniger erinnern, als an bestimmte Gesten und Tonlagen.

Ungefähr um dieselbe Zeit sah ich auch zum ersten Mal die von Ellen Kositza und mir so hochgeschätzte Camille Paglia im Fernsehen. Auch sie war in diesen Jahren auf der Höhe ihres Ruhms, und hatte sich eben das gesamte feministische Establishment der USA zum Feind gemacht. Eines Tages wurde sie im Rahmen einer Europa-Tournee als Stargast in die legendäre ORF-Schwafelrunde "Club 2" geladen, wo sie mit einer Handvoll österreichischer Provinzemanzen konfrontiert wurde, die keinen blassen Schimmer davon hatten, was da auf sie zukam.

Nach etwa der dritten Wortmeldung riß sich Paglia zornentbrannt die Simultanübersetzungs-Ohrstöpsel herunter und verabschiedete sich Knall auf Fall von der Runde: ein solch niedriges und lächerliches Niveau habe sie nicht nötig, donnerwetterte sie, wobei die Tische und Stühle wackelten. Fortan war ich von dieser Frau schlichtweg begeistert.


Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

Kommentare (16)

Inselbauer
8. Februar 2014 09:28

Danke für den Nachruf! Er war eine tolle Gestalt, ein Kerl, der lachen und mit seinen Gegnern literweise Weißwein trinken konnte. Ohne sich selbst zu ernst zu nehmen, hat er auf seine Weise gegen die Zerstörung der Kirche gekämpft. Wie andere "radikalkonservative" österreichische Bischöfe war er ein unfähiger Verwaltungsmensch und trotz seiner hohen Stellung ein ganz einfacher Seelsorger, der sich persönlich um die Unglücklichen gekümmert hat. Schlaf gut, kann ich ihm als Atheist sagen.

RL
8. Februar 2014 09:44

Vaticanum II war wahrscheinlich das schlimmste, was der katholischen Kirche passieren konnte. Johannes XXIII. wird dafür auch noch am 27. April heiliggesprochen. Kann man noch tiefer sinken? Die Verirrungen nehmen ein immer größeres Ausmaß an.

Harald de Azania
8. Februar 2014 10:03

Lieber Herr Lichtmesz,

Danke fuer diese geistvolle Wuerdigung.

"Aus Sumpf und Sand ein zaeher Brei' das wird nix und vor allem begeistert nicht. und ein Papst im Schlossergwandl toernt auch nicht wirklich an.

Rebellierende Dorfpfaffen unter Fuehrung des Praelaten Schueller sind hier in Suedafrika jedenfalls undenkbar.

Mein Ideal: eine katholische kirche, in der Bischof Krenn am linken Fluegel stuende ...

Beste Gruesse, Harald Sitta

Nordlaender
8. Februar 2014 11:04

"Denn gleichzeitig hatte ich schon im Alter von 14, 15 Jahren einen erheblichen ästhetischen und emotionalen Widerwillen gegen das progressive Kirchenvolk"

Das weckt eine Menge Erinnerungen an meine eigene Jugend, die allerdings in einem protestantischen Umfeld stattfand.
Von früh auf war ich immer mit all meinen Sinnen tief beeindruckt von der äußeren Form, dann aber trat der Fortschritt zunehmend in sandalenverschlurfter Form in das Bild, ein Päcklein Zigaretten war derzeit ja noch bezahlbar, und doch zeugte es damals von ganz besonderem und neuem Chic, wenn der Pastor sich als Mitglied der Gemeinde der Selbstdreher zu erkennen gab.

Lange Zeit eine Art Spaltung: manches liberales Gedankengut befürwortete ich durchaus, doch Netzhaut und "Kniegelenk" wollten sich einfach nicht überzeugen lassen.
Angeborenes und wohl nicht veränderbares Reaktionärstum, so wie z.B. auch mein Vorurteil, daß bunte Seemannsbilder, eingraviert z.B. auf den Armen, nur dann auch schicklich und zünftig sind, wenn es sich bei dem Träger um einen echten Seemann handelt.

Was als Ergebnis dieser Subtraktion - Ranke minus Heinemann - häufig im Fernsehen auftrat, berührte mich recht peinlich.
Viel zu sehr personifiziertes Klischee, "da sieht man es einmal wieder", könnte der Chauvinist genüßlich brummen, aber ich empfand damals aufrichtiges Mitleid, daß die Frauenheit so schlecht vertreten war durch diese Fürsprecherin.

Rumpelstilzchen
8. Februar 2014 14:22

Einen schönen Nachruf findet man auch auf kathnet. Dort schreibt Ignaz Steinwender u.a.

Dabei muss ich gleich vorausschicken. Ich habe mich immer für Leute interessiert, die medial angegriffen wurden, weil ich der Ansicht war und immer noch bin, dass es nicht immer die schlechtesten Früchte sind, an denen die Wespen nagen. Umgekehrt bin ich sehr misstrauisch, wenn Politiker oder kirchliche Leute von den Medien gelobt werden. Da ziehts mich überhaupt nicht hin.
In einer Zeit, als ich noch eher kirchenfern war, aber begonnen hatte, die Kirche wieder neu zu entdecken, da ist mir Bischof Krenn erstmals aufgefallen. Der Medienwirbel, die Angriffe auf ihn und die Gelassenheit, mit der er damit umging, haben mich neugierig gemacht.
Ich fuhr extra zu einem Vortrag von ihm und gewann einen Eindruck, der sich später bestätigte: Da ist ein echter Denker, selbstlos, wahrheits- und freiheitsliebend, anziehend für einen Suchenden.

Die ORF Sendung zeigt diese Überzeugende Gelassenheit Krenns sehr gut.
Franz Alt wirkt einfach nur komisch. Köstlich sein Versprecher: Frau Dr. Hanke Reinemann.
Seine verquast symbolische Deutung der Jungfrauengeburt erinnert stark an Komiker Otto
http://m.youtube.com/watch?v=_AXHzqGWPH4&desktop_uri=%2Fwatch%3Fv%3D_AXHzqGWPH4
und steht als zeitbedingter Erklärungsversuch auf der gleichen Ebene wie ein biologisches Missverständnis.
Dagegen vermochte Bischof Krenn das Bleibende im Vergänglichen wahrzunehmen. Bzw. im Vergänglichen nicht das Bleibende zu sehen.
Ein großer philosophisch denkender Theologe.

Sirius
8. Februar 2014 17:57

Es wäre sehr schön und motivierend für die Gläubigen , wenn wieder mal einer oder noch besser alle von den deutschen Bischöfen sich im deutschen Fernsehen für den Glauben der katholischen Kirche einsetzen würden. Bischof Krenn hat noch für seinen Glauben gekämpft und zwar dort, wo man heute den größten Einfluß hat, im Fernsehen.
Respekt und Ehre für den Verstorbenen aus Österreich.

Im deutschen TV ist nichts ist zu hören und zu sehen von den deutschen Bischöfen und Kardinälen. Sie vergraben sich in in ihren meist prachtvollen Gebäudekomplexen und schreiben ab und zu mal einen sogenannten Hirtenbrief, den dann die immer weniger werdenden Pfarrer an der Front vorlesen müssen. - Natürlich alles schön weich und glatt geschliffen, damit man bei den PC-Wächtern nicht aneckt und den kirchlichen Tiefschlaf ungestört weiter schnarchend fortführen kann.

Leider ist der der letzte "TV-Bischof" Dyba ( Fulda ) zu früh verstorben und der andere TV-Bischof aus Augsburg ( Mixa ), wurde durch innerkirchliche Intrigen von eigenen Kirchen-Leuten quasi von hinten erdolcht mit perfiden Veröffentlichungen von bischöflichen, ganz privaten Interna. Jetzt sitzt dort auf Mixas Bischofsstuhl sein Nachfolger, eingeigelt still und vergraben, als wäre er schon beerdigt.

Wie sagte Benedikt XVI mal, als er noch im Amt war ? die größten Feinde der Kirche sitzen nicht außerhalb, sondern in der Kirche. Da denke ich auch an die Konvertitin Ranke-Heinemann, die pädophilen Kirchenmänner, die vielen schweigenden, gut PC - angepaßten Kardinäle, Bischöfe und Pfarrer und so manche andere, die es sich in der Kirche sehr bequem gemacht haben, mit ihrem eigenen, zurecht gezimmerten Glauben.

Gott, seine Gesetze, der Bibeltext und die Kirche sind für diese Leute nur Medium das sie benötigen, um weiter ihre hohen Gehälter beziehen zu können, natürlich mit beamtenähnlicher Pensionsberechtigung. - Amen.

Martin
8. Februar 2014 20:20

Für mich waren es auch die Personen wie Krenn, die im TV vor 20 oder mehr Jahren das Salz in der Suppe waren ...

heutzutage würden solche Leute gar nicht erst mal mehr eingeladen werden - dafür sorgen die Gatekeeper schon rechtzeitig. Und wenn, dann werden Interviews gemacht, aus denen man ein paar Sätze aus dem Zusammenhang heraus schneidet, um so denjenigen vermeintlich "bloß zu stellen".

Möge Krenn dahin gegangen sein, woran er geglaubt hat und in Frieden ruhen.

Thomas Bargatzky
9. Februar 2014 12:24

Vielen Dank für diesen Nachruf, Herr Lichtmesz, der sicher das Wohlgefallen von Kurt Krenn gefunden hätte! Ist mir aus dem Herzen gesprochen. Leider gibt is in der katholischen Kirche - jedenfalls im deutschsprachigen Raum - immer weniger Persönlichkeiten seiner Art. Kardinal Meisner kommt mir in den Sinn, oder der zu früh verstorbene Erzbischof Dyba, auf den Kommentator Sirius hinweist.

Ruhe in Frieden, Bischof Krenn.

Shuca
9. Februar 2014 21:40

Erzbischof Dyba, ja das war auch einer der vor Saladin auch in den Tod gegangen wäre und seinen Glauben nicht verraten hätte. Heute bestimmen Männer unser Leben die wie Frauen auf den Toiletten sitzen und sich besonders klug dabei vorkommen.
Per Mariam ad Christum.

Waldgänger aus Schwaben
9. Februar 2014 21:43

Die anarchistische Lust am Löcken wider den Stachel, einer der vielen Vorzüge die der katholische Glaube heute bietet.

Aber wenn kein echter Glaube dahinter steht kann diese Lust in lautes, menschenfeindliches, hasserfülltes Pöbeln umschlagen.
Doch bei Krenn war dies sicher nicht der Fall. Als guter Seelsorger hasste er die Sünde und liebte den Sünder.
Die Äusserung "Buben-Dummheiten" zu den Vorkommnissen in St. Pölten war keinesfalls eine billige Ausrede, er meinte das so.

Ruhe er in Frieden

Waldgänger aus Schwaben
9. Februar 2014 22:26

Habe mir gerade das Video angeschaut. Leider hat der Linksradikale, der es hoch geladen hat viel von dem was Krenn sagte raus geschnitten.
Aber allein schon was übrig bleibt genügt seine Überlegenheit zu zeigen.

Ranke-Heinemann und Franz Alt wollen das Geheimnis (lat. Mysterium) der Jungfräulichkeit Marias trivialisieren so dass kompatibel zu ihrer privaten Küchen-Philosopie ist .

Krenn hält dagegen, dass ein Mysterium eben ein Mysterium bleiben muss und nicht flach geklopft werden darf.

Reichsvogt
9. Februar 2014 23:30

Bischof Krenn hat mich für den Glauben, neben Bischof Dyba und Kardinal Ratzinger, begeistert. Dabei ist es bis heute geblieben. Ich konnte mich immer darauf verlassen: wenn ich nach Wien reiste und am Westbahnhof auf die Magazine schaute, dann war entweder Krenn oder Haider auf dem Titel und die Linke regte sich köstlich auf. Einmal konnte ich ihn vor der Messe in der Sakristei kurz sprechen und sein Buch signieren lassen. Er kam sofort interessiert und mit wachen Augen auf mich zu. Das recht neue Buch "Capax dei- die Gottfähigkeit des Menschen" mit Texten und Vorträgen des Theologen und Philosophen ist sehr empfehlenswert.

Julius
10. Februar 2014 09:42

Ein schöner Nachruf auf Bischof Kurt Krenn findet sich auch auf dieser Seite, die im übrigen immer wieder sehr gute Artikel - meist aus "traditionalistischer" Sicht - bringt:
http://www.katholisches.info/2014/01/31/vorbild-im-bekennermut-notwendiger-nachruf-auf-bischof-kurt-krenn/
Sein Leben und Wirken in der Hierarchie der römischen Kirche zeigt vor allem die grundsätzliche Schwierigkeit, nach der Katastrophe des II. Vatikanischen Konzils noch katholisch - also sowohl der höchsten kirchlichen Autorität als auch der Tradition treu zu sein - zu sein auf: "Tragisch beinahe im Sinne der griechischen Tragödie."
Eine "katholische Kirche, in der Bischof Krenn am linken Flügel stünde" (oben Harald de Azania) gab es ja bis 1958.

Greg
10. Februar 2014 10:42

Herrlich, der Verweis, auf die österreichischen Religionspädagogen! Obs wohl heut noch schlimmer ist?

Benedikt Kaiser
10. Februar 2014 12:46

Apropos Literaturempfehlung von Reichsvogt:
Eine äußerst ergiebige Festschrift - auch der mehrfach genannte Kardinal Meisner ist darin vertreten - erschien übrigens im Ares Verlag und ist noch lieferbar.

Martin Lichtmesz
10. Februar 2014 15:20

Badeschluß, Dank an alle!

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