Sezession
9. Mai 2009

Vielfalt statt Einfalt (Normalismus 4)

Gastbeitrag

bunte-einfalt1von Adolph Przybyszewski

In Köln hat wieder ein Aufmarsch der Anständigen stattgefunden. Dem Anführer dieses Aufmarsches, dem regierenden christdemokratischen Funktionär der Dom-Stadt, gelang es erneut, bundesdeutsche Sozialdemokraten und Antifaschisten mit türkischen Nationalisten und religiösen Lobbygruppen, emanzipierte ProtestantInnen mit islamischen Antifeministen, programmatisch Tolerante mit bekennenden Homosexuellenfeinden zu vereinen. Wie schön, wie bunt!

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Eine solche Einheitsfront der Vielfalt bedarf freilich des einigenden Feindes, gegen den sich all diese  BRD-Bürgerinnen und Bürger mit ihren vielfältigen Herkünften und Klassenlagen, Interessen und Neigungen formieren können. Daß dieser Feind Fetischcharakter hat, wissen wir längst. Wunsch- und Angstprojektion in einem, bilden "die Rechten" als "Republikfeinde" das ganz Andere, das Barbarische und Wilde, das Anormale schlechthin für eine Gesellschaft, die sich als universal, zivilisiert und tolerant begreift. Der in der BRD dominierende flexible Normalismus fährt vor diesem Fetisch seinen Toleranzen-Thermostat herunter und nähert sich damit strukturell  einem Protonormalismus, wie er bei den National-Sozialisten auf die Spitze getrieben erschien: Deren Modell gesellschaftlicher Normalisierung entsprach dem Typ einer Industrienorm, und entsprechend rigide fiel damals die "Aussortierung" nicht normgerechter Elemente aus.

Tatsächlich geht der Normalismustheoretiker Jürgen Link unter bestimmten Bedingungen  von einem "unvermeidlichen Umschlagen" des einen Normalismustyps in den anderen aus.  Die Grundbedingung für den Umschlag jenes früheren Protonormalismus in den heutigen flexiblen Normalismus liegt darin, daß die "geschichtslange Güterknappheit durch die quantitative und parallel verlaufende Steigerung von Produktion und Konsumtion eine neue, wendende Qualität angenommen" hat, wie der Berliner Philosoph Peter Furth mit Kondylis kürzlich ausgeführt hat. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts konnte sich so "eine neue Gesellschaftsform" etablieren, die  als "Angleichungs- und Erschöpfungsresultat der sozialen und ideologischen Kämpfe seit dem 18. Jahrhundert" zu erkennen ist: Es ist "eine Synthese aus den enttäuschten, nicht ruinierten Bestandteilen der drei Ideologien, die in der Nachfolge der bürgerlichen Revolution um die Hegemonie kämpften: Liberalismus, Konservatismus und Sozialismus". Diese ideologischen Reste amalgamierten also zu jener diffusen "Einstellung", wie wir sie in der heutigen BRD als Mainstream vorfinden.

Die Entwicklung einer bis dahin beispiellosen Massenproduktion und -konsumtion  in Westdeutschland nach dem letzten Weltkrieg  schien die Güterknappheit und damit die Klassenschichtung endgültig zu beseitigen und dem Individuum im allgemeinen Wohlstand neue Spielräume für einen gesteigerten "Individualismus" zu öffnen.  In der "Marktwirtschaft", als die sich der westdeutsche Staat bald vorrangig definierte, gelten freilich Marktgängigkeit und Renditen als entscheidende Orientierungsgrößen - "Konto rhei", wie  einmal einer meiner Bekannten aus der BRD in Anlehnung an Heraklits "Panta rhei" bemerkt hat: Alles ist Kapitalfluß, und Kapitalfluß ist alles.  Hier müssen auch Produzenten und Konsumenten sich verflüssigen, liquid werden, der Mensch als Persönlichkeit wird liquidiert. Traditionen, Beharrungskräfte, Sonderrechte stören den Betrieb.

Dennoch braucht der einzelne Marktteilnehmer geistigen Treibstoff, und der liegt im Versprechen der "Selbstverwirklichung". Um ein Selbst verwirklichen zu können, muß sich dieses notwendigerweise aber von anderen unterscheiden, also in gewisser Weise doch wieder Absonderung, Verfestigung und damit Beharrung betreiben. Infolge dieses Dilemmas mußte es in der entstehenden, der Weimarer Zeit allenfalls ähnlichen Massenkultur Westdeutschlands zu einer allmählichen "Institutionalisierung der Ambivalenz" kommen, also einer Uneindeutigkeit, die "die Vereinigung inkompatibler Motive, Konformismus und Individualismus, komfortabel lebbar" machte und damit das Dilemma zu lösen schien:

Unterschiede mit ontologischem Anspruch, die nicht nur historisch, sondern von Natur aus vorgegeben sind, kommen dafür nicht in Frage. Ihre Unverfügbarkeit ist ja der demokratische Skandal. Sie sind in Deutungs- und Umwertungsunterschiede zu verwandeln, vorfindliche sind in gemachte und machbare zu überführen. Und in dieser Form, als Unterschiede der Machbarkeit, können sie beide Motive bedienen.
Die dem utopischen Impuls im Gleichheitsmotiv entgegenstehenden Unterschiede können bekämpft werden, indem man uminterpretierend in der Sphäre der Kultur bleibt, ohne die Opferkosten einer physischen Revolution riskieren zu müssen. Die für Eigenheit und Selbstverwirklichung gebrauchten Unterschiede können von der Normalität der Versandkataloge bis hin zur Provokation der Exzentrik ausprobiert werden, ohne daß dabei die individuellen Toleranzgrenzen überschritten werden müssen. Dies geschieht in einem Raum, in dem der bürgerliche Unterschied von Privatheit und Öffentlichkeit, 'high and low culture', Hoch- und Popkultur verschwimmt, also normative Ansprüche Geschmackssache sind und zudem unter das Gebot der Permissivität fallen.

Peter Furth: Über Massendemokratie. Ihre Lage bei Panajotis Kondylis, in: Merkur, 63. Jg.  (2009), Nr. 2 [717], Februar 2009,  S. 93-102

Was Peter Furth hier mit Kondylis analysiert, ist nichts anderes als die ideologische Praxis des wohlstandsbedingten flexiblen Normalismus. Wenn dieser nun im Aufmarsch der Anständigen wiederum umzuschlagen scheint, die "Toleranz" in einem Maße repressiv gegen die indigene deutsche Bevölkerung wird, wie es früher kaum denkbar schien, so wäre zu fragen, ob das nur örtliche Ausschläge jenes Thermostaten an den inneren Rändern des Normalismus sind. Könnte es nicht sein, daß sich an Punkten wie in Köln und vielerorts anderswo tatsächlich ein Umschlag in größerem Maßstab abzeichnet?


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