Sezession
26. März 2014

Pier Paolo Pasolini: Faschismus, Antifaschismus und Konsumgesellschaft

Martin Lichtmesz / 25 Kommentare

PASOLINI_Pier_1975_SaloDie April-Ausgabe von Jürgen Elsässers Magazin Compact bringt ein Dossier über „Querdenker jenseits von links und rechts“ mit Beiträgen über Alain Soral und Pier Paolo Pasolini. Besonders interessant ist ein erstmals auf Deutsch publiziertes Interview mit Pasolini aus dem Jahr 1974.

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

Die Leser seiner „Freibeuterschriften“ werden mit seinen Gedanken zum „Totalitarismus der Konsumgesellschaft“, zur „falschen Toleranz“ und zum „Faschismus der Antifaschisten“ bereits vertraut sein; nichtsdestotrotz lesen sich seine Analysen auch nach 40 Jahren schockierend aktuell.

Das Werk Pier Paolo Pasolinis übt seit gut zwei Jahrzehnten eine schier unerschöpfliche, widerspruchsgeladene Faszination auf mich aus. Er gehört zu jenen Autoren, die unmöglich auf einen einzigen Nenner zu bringen sind oder in eine Schublade passen. Im März hatte ich Gelegenheit, seinen Film "Das Evangelium nach Matthäus (1964) auf der Leinwand zu sehen. Ein aufwühlender, einzigartiger Film, der ästhetisch tief in jahrtausendealten europäischen Traditionen wurzelt, das paradoxe Wunder eines von religiöser Wucht beseelten Werkes aus der Hand eines selbsterklärten Atheisten und Marxisten.

Derselbe Mann war auch imstande, die120 Tage von Sodom des Marquis de Sade zu verfilmen, sein letzter, radikalster und am meisten mißverstandener Film. Ich bin mir sicher, daß der vom Christentum faszinierte Marxist Pasolini der Prophezeiung des katholischen „Reaktionärs“ Nicolás Gómez Dávila am Ende seines Lebens resigniert zugestimmt hätte: „Marx und die Evangelien werden verblassen. Die Zukunft gehört der Pornographie und Coca-Cola“.

Es war mitten in den „anni di piombo“, den „Jahren des Bleis“, in denen links- und rechtsterroristische Akte Italien erschütterten, als Pasolini konstatierte, daß der linke Antifaschismus auf ein Phantom der Vergangenheit fixiert sei, das ihn daran hindere, die „erste, wahre Revolution von rechts“ zu erkennen. Was er hiermit allerdings meinte - befangen in marxistischer Terminologie und zu einem linksintellektuellen Publikum sprechend - hat mit der politischen Rechten im eigentlichen Sinne oder im Sinne ihres Selbstverständnisses wenig bis gar nichts zu tun.

Im Gegenteil räumt diese „Revolution“, die in erster Linie eine technologische ist, die „überkommenen gesellschaftlichen Institutionen“ wie „Familie, Kultur, Sprache, Kirche“, mit deren Verteidigung die Rechte im allgemeinen assoziiert wird, radikal ab, um an ihre Stelle die Herrschaft des totalen Konsums zu setzen. Die Welt soll also in einen totalen Supermarkt verwandelt werden, um auf eine Formulierung von Houellebecq anzuspielen, der in vielerlei Hinsicht, etwa in der Kritik der sexuellen Permissivität, ein Erbe Pasolinis ist.

Die neue bürgerliche Herrschaft braucht nämlich Konsumenten mit einer ausschließlich pragmatischen und hedonistischen Mentalität; denn der Zyklus von Produktion und Konsum vollzieht sich am reibungslosesten in einer technizistischen und rein irdischen Welt.

Diese „Revolution“ bedeutet aber auch: Konformismus, Vermassung, Gleichmacherei, Sprachverlust, flächendeckende Medienindoktrination als Folgen, die Vernichtung der „verschiedenen Arten, ein Mensch zu sein“. Gemäß der marxistischen Terminologie setzte Pasolini hier den Begriff der „Bourgeoisie“ ein, die „das ganze Universum nach ihrem Bild umzugestalten“ sucht.

Alles, was auf dieser Welt vital ist und anders ist, soll entwurzelt und in einen konsumierenden „Bourgeois" verwandelt werden: die süditalienischen Bauern ebenso wie das Lumpenproletariat der Vorstädte Roms, die neapolitanische Volkskultur ebenso wie die Menschen der Dritten Welt, für die Pasolini leidenschaftliche Sympathien hatte  - und in die er auch wohl gewisse, eher romantisch zu nennende Hoffnungen setzte. "Bourgeois" meint im Wesentlichen, was „Tiqqun“ heute als „Bloom“ bezeichnen.

Pasolini scheute sich nicht, diesen Prozeß als wahre „anthropologische Mutation“, ja als „Völkermord“ zu bezeichnen. Der alte Faschismus habe die „Seele des italienischen Volkes“ nicht einmal ankratzen können. Der neue, „hedonistische Faschismus“ dagegen zerstöre sie radikal, ebenso wie die anderer Völker und Kulturen. In einem meiner frühesten Artikel für die Junge Freiheit habe ich anläßlich des 30. Todestags Pasolinis auf diese Zusammenhänge hingewiesen, und auch auf die zum Teil verblüffende Nähe zu liberalismuskritischen Köpfen der Rechten, wie Armin Mohler, Ezra Pound oder Jean Cau.

Das ist ein Punkt, den viele Libertäre, mögen sie sich auch noch so sehr gegen Egalitarismus und Sozialismus stellen, nicht verstehen können. Ein radikal entfesselter Markt, der keine Götter über sich anerkennt, ist noch effektiver in der Planierung der Kultur und der „Kulturen“ (wie Alain de Benoist sagen würde), als irgendein sozialistisches System. Und sein utopisches Endziel ähnelt demjenigen des Marxismus wie ein Ei dem anderen. Am Ende steht eine durchrationalisierte, durchökonomisierte, pazifizierte, post-historische, masseneudaimonistische Welt. Das ist auch eine Pointe der berühmten Rede des Fernsehmoguls aus Sidney Lumets Film „Network“ (1976), ebenfalls aus der Feder eines marxistischen Autors (Paddy Chayevsky).

Der Schriftsteller Ulrich Schacht formuliert es so - der „Kapitalist“ von heute sage:

„Konsumenten, aller Länder vereinigt euch!“ Die Erde muß planiert werden in ein gigantisches Kaufhaus. Der Mensch muß reduziert werden auf die Persönlichkeitsstruktur einer permanenten Produktions- und Konsumptionsmonade.

Die von Pasolini kritisierten Illusionen der Linken angesichts dieses Prozesses erinnern mich ein wenig an diejenigen unserer heutigen Libertären (die ungefähr für das stehen, was die Linke heute als „Neoliberalismus“ bezeichnet), zumindest in einem bestimmten prinzipiellen Sinn. Es sieht sozusagen die eine Partei nicht, daß sie nur die andere Backe der Zange spielt, und sie täuschen sich beide über die Natur der Zange. Pasolini schrieb 1973 über die Ausbreitung der Massenkultur:

Diese Lage der Dinge wird von der gesamten Linken akzeptiert; denn wer bei diesem Spiel nicht abseits stehen will, der hat keine andere Wahl, als es zu akzeptieren. Von daher rührt der allgemeine Optimismus der Linken, der energische Versuch, sich die von der technologischen Zivilisation geschaffene neue Welt anzueignen, die nichts mehr gemein hat, mit all dem, was davor war. Die Linksradikalen gehen in dieser Illusion noch einen Schritt weiter, indem sie dieser von der technologischen Zivilisation geschaffenen neuen Form der Geschichte geheimnisvolle Kräfte der Erlösung der Erneuerung zuschreiben.

Indem nämlich diese Entwicklung eine Explosion bewirken werde, die den letzten Funken „proletarischen Klassenbewußtseins“ entzünden und eine neue Welt möglich machen werde. Heute, mehrere Generationen später, haben sich hier die Akzente gewiß verschoben, gemäß einer siegreichen Tendenz, die wiederum von Pasolini an der Linken von 1968ff. kritisiert wurde. Wenn heute Linksradikale und Antifanten von Revolten und Aufständen träumen, dann sprechen hier in erster Linie verzogene, neurotisierte, wurzellose Bürgerskinder, Söhne und Töchter einer ultrapermissiven Konsum- und Wohlstandsgesellschaft, die allenfalls nach noch mehr Liberalisierung und nach noch mehr Staatsversorgung schreien.


Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

Kommentare (25)

Ein Fremder aus Elea
26. März 2014 09:24

Maria als beleidigtes, störisches Kind. Josef als vielmehr zu den Engeln hingezogen als zu seiner Frau. Herodes als linkischer Weichling an der Zitze Roms. Johannes als Che Guevara- und Jesus als James Dean-Verschnitt

M.L.: Ihr Irrtum könnte nicht größer sein. Ich habe einen völlig anderen Film gesehen.

Alles sehr schlüssig, aber man kann nicht redlich sagen, daß es Pasolini bei all dem um irgendetwas Religiöses ging und daß er also aus der Rolle gefallen wäre.

Die Konsumgesellschaft hat sich bisher noch keinen neuen Menschen erschaffen. All die modernen Leiden, Hinfälligkeiten, Ungenügsamkeiten sind alt. Was den Leuten abhanden gekommen ist, ist ihr Selbstbewußtsein, als Folge der Verminderung ihrer individuellen Macht. Sie werden es aber wiederfinden, wenn ihnen klar wird, in welche Richtung sie sich aufmachen müssen, um die Zukunft zu bestehen. Noch befinden sie sich in einem Wagen, der ins Schleudern geraten ist und herumwirbelt. Wenn der ursprüngliche Schwung verbraucht ist, werden sie klarer sehen.

Armut zwingt zur Rationierung und Rationierung zwingt zur Rationalität.

Vielleicht ist es besser einen Besoffenen nicht anzusprechen, denn er stinkt zu sehr aus dem Maul.

Es nützt doch nichts, so lange der Leichtsinn gefahrenlos bleibt, kann man ihn nicht austreiben. Wenn er schließlich seine häßliche Fratze zeigt, gilt es sich darauf zu besinnen, was einzig Gedeihen spendet.

À propos. Von der Leyen ist charakterlich nicht geeignet Verteidigungsminister zu sein. Sie ist von einer schnodderigen, niedersächsische Pferdezüchterin-Arroganz, welche sich verhält, als würde sie in ihrer Bridge-Runde auf ihren Nachbarn schimpfen, dessen Hund ihr in den Garten gekackt hat.

Und Merkel ist auch nicht geeignet der Oberbefehlshaber im Kriegsfall zu sein. Wer Angst vor Retrievern hat, hat kein Gefühl für Gefahren.

Aber erklären tut das Vieles. Zunächst hat sie Röttgen gemocht, er sah so lieb und kuschelig aus, aber dann ist ihr eingefallen, daß Golden Retriever ja auch so aussehen.

Es ist nur eine Frage der Komfortzone, bis die Menschen wieder auf solche Dinge achten werden.

Inselbauer
26. März 2014 10:38

Danke für den Artikel! Für mich ist es kein Wunder, dass Pasolini, dieses Genie der symbolischen Politik, den Staatsterror der NATO sofort als solchen erkannt hat. Im Unterschied zur so genannten intellektuellen Linken und zur erblindeten Rechten war er nämlich kein bisschen bescheuert, und das genügt, um solche Schweinereien zu durchschauen.
Nie werde ich das Lachen eines nahöstlichen hochrangigen Diplomaten vergessen, mit dessen Frau sich die meinige angefreundet hatte und der uns in seinen letzten Amtstagen in die ausgeräumte Residenz einlud. Dieser "Moslem", der von Engländern abstammte, war von der Vorstellung angewidert, in seine Bananenrepublik zurückzukehren. Er kam aus dem Lachen nicht heraus und soff eine Halbe auf Uwe Barschel. Wenn ich nicht so überrascht gewesen wäre, hätte ich den Spruch auf Pasolini zurückgegeben.

Rumpelstilzchen
26. März 2014 10:51

Im März hatte ich Gelegenheit, seinen Film „Das Evangelium nach Matthäus“ (1964) auf der Leinwand zu sehen. Ein aufwühlender, einzigartiger Film, der ästhetisch tief in jahrtausendealten europäischen Traditionen wurzelt, das paradoxe Wunder eines von religiöser Wucht beseelten Werkes aus der Hand eines selbsterklärten Atheisten und Marxisten.

Pasolinis Kritik des Konsumismus ist noch eine durch die eigene religiöse Sozialisation geprägte Kritik. Sein Marxismus resultiert aus seinem Katholizismus, sowie Oriana Fallacis Atheismus und Umberto Ecos Agnostizismus aus deren Katholizität hervorgehen.
Pasolinis Kritik des Konsumismus war ein beliebtes Seminarthema an theologischen Fakultäten der 80-er Jahre.
Es gab sozusagen noch einen metaphysischen Hintergrund. Eine heutige Konsumkritik hat viel radikaler anzusetzen.
Postmodernes Denken erklärt den Aufstand gegen die Metaphysik. Gegen die großen homogenisierenden Erzählungen, wie die Ilias, die Odyssee, die Bibel, die Göttliche Komödie etc.
" All dies ließe sich lesen - als Monopolismus einer Idee der Götter, der Menschen, der Dinge; diesem Monopol dienten die Entwürfe einer Seinslehre ebenso wie die Frage nach einem "Wesen"der Dinge, aber - auch die aufklärerische, alles betreffende, alles erklärende Vernunft"
( Hanna-Barbara Gerl-Falkowitz)
In der Postmoderne gibt es nicht mehr den Monopolismus einer Idee.
Das bedeutet für den Einzelnen: Er ist nicht, er muss sich machen.
Bezogen auf den Konsum lautet die offizielle Religion der Postmoderne:
Es gibt keinen Gott, aber es gibt das Paradies auf Erden, und zwar hier und jetzt, nicht erst in einer Zukunft. Nicht jeder kann hineinkommen und schon gar nicht alle. Es gibt keine Armen mehr und keine ausgebeutete Klasse, für die wir uns einsetzen müssten. Es gibt nur Gewinner oder Verlierer. Es liegt an dir, an deiner Aktivität, ob du zu den Erlösten oder zu den Verdammten gehört. Kein Gott kann dir helfen.
In der offiziellen Religion der Postmoderne fehlt der religiöse Aspekt der Universalisierung des Heils ( Gerechtigkeit) und jegliche Ausrichtung auf eine Zukunft, die besser zu gestalten wäre ( Hoffnung).
Zygmunt Baumann hat dies drastisch formuliert: die Armen, d.h. die Bewohner der zweiten Welt sind die "strukturell Überflüssigen", die Bewohner der ersten Welt leben in einer ewigen Gegenwart.
( in Zygmunt Baumann:Leben als Konsum).

Es bleibt also die Frage: Kann nur ein Gott uns retten ? Und wenn ja, welcher ?
P.S. Danke Herr Lichtmesz für Ihre tollen Beiträge. Irgendwann müsste sich bei Ihnen doch mal der Feuilletonchef einer großen Zeitung melden ?

M.L.: Danke für diesen interessanten Kommentar. Die "postmoderne" Fährte ist wichtig. Die "Faschisten" in "Salò" werden z.B. ziemlich eindeutig als "Postmoderne" gezeichnet. PPP's Verhältnis zur Religion, oder genauer: zum Sakralen, das wäre ein großes Thema für sich. Es ist auch bezeichnend für Pasolini, an welche Dichter, Künstler und "Urtexte" er in seinen Filmen und Schriften anzuknüpfen suchte: Sophokles, Euripides, Altes und Neues Testament, Boccaccio, Chaucer, Dante... visuell an Giotto, Masaccio... musikalisch an Bach und Mozart.

Martin Lichtmesz
26. März 2014 11:00

Ergänzung: Es gibt auch erhebliche Überschneidungen zwischen Pasolini und Panajotis Kondylis.
Siehe hier:
https://www.kondylis.net/rezensionen/hansmartinlohmann.pdf

Revolte
26. März 2014 11:58

Was ich sehr imponierend fand: als die Aufstände von '68 auch Italien erreichten, ergriff Pasolini Partei für die Polizisten.
Nicht die Studenten, sondern die Polizisten waren für ihn die wahren Proletarier, arme Schweine, zumeist ärmlichen Verhältnissen entstammend, die für den Staat gegen ein paar Wohlstandslümmel den Schädel hinhalten mussten.

M.L.: Wobei er in dem besagten Gedicht die dichterische "Persona" einer idealisierten KPI sprechen ließ ("Die KPI an die Jugend!!!"). Man kann aber davon ausgehen, daß dies seinen tiefstempfundenen Überzeugungen entsprach. Er empfand großen Ekel vor der hedonistisch-bürgerlichen Linken.

Welcher heutige Linke hätte noch eine solche Umsicht, Polizisten als Opfer zu begreifen oder überhaupt nur als Menschen wahrzunehmen? Viel zu eng sitzen die Scheuklappen und die weltanschaulichen Begrifflichkeiten.

Dinkie
26. März 2014 12:45

Das ist ja das große Rätsel der Linken, dass sie nicht verstehen, dass ihr "No Border, No Nation" dasselbe ist, wie die "Diversity" der globalen Konzerne. Es kann nur Globalisierungskritik ODER "Vielfalt" geben, nicht beides in einem. Genauso wie es nur Masseneinwanderung ODER Sozialstaat geben kann. Das Bild mit den beiden Backen derselben Zange ist sehr treffend.

Inselbauer
26. März 2014 14:27

@Dinkie
So groß ist das Rätsel auch wieder nicht. Die Rechten laufen dem Großkapital auch in Scharen nach, wenns gerade passt.

Waldgänger aus Schwaben
26. März 2014 20:59

Trüb ists heut, es schlummern die Gäng‘ und die Gassen und fast will
Mir es scheinen, es sei, als in der bleiernen Zeit.

Hölderlin, Der Gang aufs Land

Ich bin stolzer Banause, was Pasolini et al. angeht. Im Schweiße des Angesichts den Garten umzugraben, hat mir heute mehr gegeben, als es wohl jeder Film von Pasolini jemals könnte. Und ich habe noch keinen (!) davon gesehen.

Lassen Sie mich dennoch Herr Lichtmesz, eine Bildungslücke bei Ihnen schliessen.
Das „anni di piombo“ ist eine Übersetzung aus dem Deutschen nach einem Film von Trottas


Die bleierne Zeit

Wahrscheinlich wäre auch eine von Trotta zu so einer genialen Wortschöpfung nicht in der Lage. Denn der Titel stammt aus einem Hölderlin-Gedicht. Aber immerhin kannte sie wohl dieses Gedicht.

Die korrekte Rück-Übersetzung von „anni di piombo“ ist damit „Die bleierne Zeit“ und nicht ein holpriges „Jahre aus Blei“ oder „Jahre des Bleis“.

M.L.: Woher wollen Sie eigentlich wissen, ob ich das weiß oder nicht? Außerdem muß ich mich bei der Rückübersetzung der Übersetzung ja nicht nach dem Trotta-Titel richten, zumal "anni di piombo" etwas anderes meint, als was Trotta gemeint hat."Jahre des Bleis" oder "aus Blei" finde ich überhaupt nicht "holprig".

Übrigens:
Ich fand schon mal irgendwo schon das Zitat von Goethe:

„Ach zwei Seelen leben(!) in meiner Brust.“

Eine missglückte Rückübersetzung aus dem Englischen (wohnen = live

Fredy
26. März 2014 21:38

Compact war, wie stets, lesenswert. Pasolini eines der zahlreichen Beispiele, dass von gestört-kranken Menschen durchaus sinnvolle Beiträge zur allgemeinen Gesundung kommen können. Kommt vielleicht die Störung auch von der tiefen Erkenntnis?

M.L.: Dazu hat Egon Friedell alles Nötige gesagt - Am "gesundesten" sind die Amöben.
https://gutenberg.spiegel.de/buch/4951/3

Da fällt mir als Bemerkung zum Wunsche von R., mit den vermeintlich großen Literaten persönlichen Umgang gepflegt zu haben (im anderen Faden), ein: Wenn ihr die, die ihr verehrt, persönlich gekannt hättet, mit ihrem ganzen und wahren Sein, gerade ihr Konservativen hättet auch kotzend abgewandt und den Glauben verloren. Wo die Gedanken, und oft mehr, abgründig sind, sind die Ideale hoch.

Matt Anon
26. März 2014 21:51

Tolles Thema, Martin. Pasolini ist ein großer Künstler gewesen. Ich fand Medea immer ganz toll. Ian R. sagte mal zu mir, dass große Männer immer Ansichten vertreten werden, die man selber nicht teilt. Und jemand anders sagte einst, dass große Geister dazu in der lage sind zwei paradoxe Gedanken gleichzeitig zu kontemplieren. Manchmal münden diese auch in eine coincidentia oppositorum, wie Nicholas von Kues die mystische Erfahrung genannt hat. Es ist hinlänglich bekannt, dass Kleingeister politisch rechts und links vorzufinden sind. Ob sich jemand Marxist oder Christ nennt (oder Befreiungstheologe, der beides zu vereinen glaubt), sagt erstmal wenig über die Größe des Geistes jener Person aus, auch wenn Marxisten zumeist nicht zu ihnen zählen werden. Dugin und de Benoist haben sich nicht gescheut marxistische Ideen und Überlegungen in ihre Philosophie aufzunehmen. Künstler sollten in diesem Kontext sowieso Narrenfreiheit besitzen.

M.L.: Péguy hat gesagt, daß alles mit Mystik beginne und mit Politik ende. Manche Dichter schlagen den umgekehrten Weg ein. Ich glaube, daß die spezifische Sensibilität eines Dichters die Dinge gemäß seiner ihm eigenen "Mystik" assimiliert und transformiert. Der "Faschismus" Pounds oder der "Marxismus" Pasolinis sind solche Fälle...

Wie dem auch sei, lass die Weite deines Geistes nicht von ideologisch determinierten Kleingeistern beschränken. Ein großartiger Artikel von einem Freigeist und rechtem Anarchen! Weiter so! We start afresh for love and for death...

M.L.: This destiny does not tire, nor will it falter... ;-)

Matt Anon
26. März 2014 23:08

Sehr interessanter Punkt Pound und Pasolini betreffend. Ich melde mich bald. Alles Gute!

M.L.: Death in June innerhalb ihrer Liga sind wohl auch so ein Fall...

Matt Anon
26. März 2014 23:28

PS: Mich würde auch mal ein Artikel interessieren, der den Unterschied zwischen dem us-amerikanischen Neo-Konservativismus á la Reagon und Thatcher, der zumindest den Markt betreffend libertär war, und der Nouvelle Droite bzw. der kontinentaleuropäischen Rechten. Auch scheint z. B. Dugin die Identitären skeptisch zu beäugen. Warum ist das so?

Wie Tönnies die Gemeinschaft definiert hat - im Gegensatz zum Begriff der Gesellschaft, die das Individuum hervorhebt -, scheint einen Schlüsselaspekt zum Verstehen der Unterschiede zu liefern. Michael Moynihan hatte mich mal darauf hingewiesen. Auch Dugin sieht diesen Unterschied. Denn unsere europäische Tradition kennt diese Überbetonung des Individuums nicht, außer vielleicht bei Nietzsche und Stirner.

M.L.: Ich würde sagen, eher im Gegenteil: in keinem Kulturkreis wird das Individuum so geschätzt und hervorgehoben wie im europäischen. Das kann man bis auf Homer zurückverfolgen. Ich halte das doch für einen "hyperboräischen" Zug par excellence. Denk auch an Dürer und das hier. Das ist aber weit entfernt von dem, was man heute unter "Individualismus" versteht.

Der Glaube an den alles regulierenden Markt habe ich nie verstanden, auch wenn der Libertarismus seine Anziehungskraft nie gänzlich für mich nicht verloren hat.

Ich habe letztens eine alte Verfilmung von Ayn Rands "The Fountainhead" gesehen - grandios! Die Tea Party-Bewegung, dieses seltsame Gewächs der nordamerikanischen Kultur, das die JF seiner Zeit so gepriesen hatte, hat auch gänzlich auf Rand abgehoben.

M.L.: Ja, vor allem wegen diesem grandios überkandidelten Film von King Vidor habe ich eine bleibende Schwäche für Ayn Rand. Auch ein Fall von "Mystik" letzten Endes, der in der politischen Wirklichkeit Schiffbruch erleiden muß. Ich sehe in ihr vor allem eine Mythenschöpferin der Moderne.

Urwinkel
27. März 2014 01:22

"Wo die Gedanken, und oft mehr, abgründig sind, sind die Ideale hoch."

Hoch und zittrig. Der geschätzte Autor Timo Kölling hat jüngst einen Gedichtband unter dem Titel "Die Gabe des Zitterns" veröffentlicht. Es ist lesenswert, was er zu sagen hat. -> Herzlandschaft-Blog.

Benedikt Kaiser
27. März 2014 08:38

@Martin:
Kai Homilius schrieb bei Facebook, infolge Deines Artikels:
"Lieber Herr Lichtmesz, zuerst hatte ich ja den Eindruck, dass Sie sich nur selber am Pasolini-Thema abarbeiten wollten. Dass Sie ein Fan des Themas sind, merkt man schnell. Dass Sie dann doch noch auf COMPACT-Magazin zurückkommen, ehrt Sie. Danke dafür."

Rumpelstilzchen
27. März 2014 08:58

"In keinem Kulturkreis wird das Individuum so geschätzt und hervorgehoben wie im europäischen"....
Faszinierender noch als die Darstellung individueller Menschen in der Renaissance finde ich die Mumienporträts aus dem 3. Jhd.

https://de.wikipedia.org/wiki/Mumienportr%C3%A4t

M.L.: Danke, das ist in der Tat faszinierend.

Sascha
27. März 2014 13:29

Sie tun dem Libertarismus Unrecht, wenn Sie eine "durchrationalisierte, durchökonomisierte, pazifizierte, post-historische, masseneudaimonistische Welt" als sein Ideal darstellen. Das mag das Ideal des Neoliberalismus sein. Der Libertarismus hält wenig von solchen Idealen. Freiheit bedeutet ausdrücklich auch Freiheit zur Diskriminierung, zur Abgrenzung, zur Eigenheit. Vor allem aber ist es eine Welt der Selbstverantwortung, in der man die Folgen der eigenen Entscheidungen selbst aushalten muss.

In solch einer Welt mag es zwar Herdenmenschen geben, die sich durchrationalisiert und durchökonomisiert verhalten und damit mehr oder weniger glücklich sind. Vielleicht sogar viele. Nur wäre dies nur der verachtete Abschaum einer libertären Gesellschaft - eben die, die unfähig sind, etwas Eigenes auf die Beine zu stellen. Selbst die, die nur der Masse hinterherlaufen, idealisieren diejenigen, die dabei Spitzenleistungen bringen - den Fußballstar, nicht jedoch den Durchschnittsfußballer.

Für die Libertären ist der Nationalismus ja schon eine Perversion, eine Idealisierung des modernen Massenmenschen, sie begrüßen Sezessionsbewegungen, Kleinststaaten sind für sie ein weitaus geringeres Übel als Superstaaten wie die EU, es lebe das unabhängige Venedig. Ja, wir möchten das möglichst ohne Grenzkontrollen - aber nicht, damit es sich zur Einheitsmasse durchmischt, sondern damit jeder den Platz finden kann, der ihm am meisten entspricht - also eher zum Entmischen.

nino
27. März 2014 16:02

Ja, wir möchten das möglichst ohne Grenzkontrollen – aber nicht, damit es sich zur Einheitsmasse durchmischt, sondern damit jeder den Platz finden kann, der ihm am meisten entspricht – also eher zum Entmischen.

Kommt ein wenig darauf an, welche "Farbe" man betrachtet, nicht? Unter Umständen führt das letztlich doch zu einem ziemlich bunten Haufen, weil ja eine Entmischung auf einen Aspekt bezogen, zu einer Durchmischung, andere Facetten betreffend, führen kann.

Rumpelstilzchen
28. März 2014 08:38

Die Kirche hat zwar in der langen Geschichte ihrer Herrschaft viele und schwerwiegende Fehler begangengen, doch der schwerste wäre, wenn sie passiv zusähe, wie sie von einer Macht liquidiert wird, die das Evangelium verlacht.

P.P.P.

Gleichzeitig schockiert mich der Gedanke an eine Legalisierung der Abtreibung, denn wie viele andere sehe ich das als eine Legalisierung von Tötung. In meinen Träumen, in meinem alltäglichen Verhalten lebe ich - was allen Menschen gemeinsam ist - etwas von meinem Dasein vor der Geburt, mein seliges Tauchen in mütterlichen Wassern: Ich weiß, daß ich da schon existiert habe...Daß das Leben heilig ist, versteht sich von selbst; dieses Prinzip steht über dem Prinzip der Demokratie, und es erübrigt sich, darüber weitere Worte zu verlieren.

P.P.P.

Habe mal wieder die Freibeuterschriften durchstöbert.
Vielleicht könnte antaios sie auch ins Programm nehmen ?

M.L.: Wagenbach hat die Rechte fest im Griff. Aber vielleicht findet sich noch einiges, was bisher nicht übersetzt wurde.

rosenzweig
28. März 2014 11:13

"In der Postmoderne gibt es nicht mehr den Monopolismus einer Idee. Das bedeutet für den Einzelnen: Er ist nicht, er muss sich machen." Wunderbar formuliert. Was bedeutet, daß es sich beim Postmodernismus um absoluten Nihilismus handelt; schon perfekt ausformuliert bei Nietzsche: "Es gibt weder Geist noch Vernunft, noch Denken, noch Bewusstsein, noch Seele, noch Wille, noch Wahrheit: Alles sind Fiktionen." Deshalb arbeitet "die Erkenntnis ... als Werkzeug der Macht." Weitergeführt von Heidegger, der von aller Hermeneutik "Gewaltsamkeit" fordert, da "dem objektiv Seienden überhaupt das eigentliche Ganzseinkönnen des Menschen erst abgerungen werden muß."
Schon bei Nietzsche lautete der Anspruch existenzialen Seinkönnens: "Sei du selbst". Die Zentralaussage jeder Werbung. Sei du selbst mit diesem oder jenem Produkt.
Ja, liebes Rumpelstilzchen, nur ein Gott kann uns retten. Und es wird der dreieinige sein.
Phantastischer Text Herr Lichtmesz. Hat mir wieder mal verdeutlicht, wie ich vom Situationismus zum Katholizismus finden konnte.

M.L.: Ich glaube Sie waren es, dem ich per Blog-Kommentar den Hinweis auf Mario Perniola verdanke. Wenn ja, dafür grazie mille!

Sascha
28. März 2014 20:00

@nino "Kommt ein wenig darauf an, welche „Farbe“ man betrachtet, nicht?"

Ja klar. Da jeder selbst entscheidet, wo er hinzieht, wird es wohl genau die "Farbe" sein, die ihm am wichtigsten ist. Den tief religiösen Menschen verschlägt es in ein Kloster, in dem Rassen und Sprachen vielleicht wild gemischt sind, aber alle die Variante der Religion vertreten, an die er selbst glaubt. Den Kiffer hingegen in eine Kommune wo Hanf angebaut wird, wer dort an welche Religion glaubt oder nicht ist ihm völlig egal. Dem Wissenschaftler wiederum ist ganz was anderes wichtig

Warum riesige Staaten völlig einheitlich ausgerichtet werden sollten, wie es der Nationalismus für gut hält, kann ich nicht nachvollziehen.

F451
29. März 2014 13:40

@Sascha
Die völlig einheitlich ausgerichtete Nation entspricht wahrscheinlich der persönlichen Faschismustheorie ihres Lieblingsprofs, hat aber nicht viel mit der Realität zu tun.
Die inzwischen verlorene kulturelle Homogenität war eine positive, stabilisierende und bewahrenswerte Dividende früherer schmerzhafter Anpassungsprozesse. Der Wunsch, in einer ethnisch homogenen Gesellschaft mit Menschen ähnlicher Überzeugungen und Werte zusammenzuleben, ist etwas natürliches und der Versuch, den Menschen zu einem kosmopolitischen Wesen ohne Territorialverhalten und Gruppenidentitäten umzuerziehen, gehört in die Kategorie "gescheiterte Utopien" und die wird uns noch genauso teuer zu stehen kommen wie der Kommunismus, wenn wir Pech haben.

Urwinkel
29. März 2014 18:34

Sie haben in entscheidenden Punkten recht, F451: Damit das propagierte Zusammenleben funktioniert, hier ein kleines Manifest dazu:

1. Jedes klappernde Proberaum-Schlagzeug ist unter der Prämisse einer Abwrackprämie zu verschrotten.

2. Den Entscheidungsträgern sei hiermit aufgetragen, das teure Instrument durch angenehm klingendere Pauken zu ersetzen und die kleinen Trommler im Stimmen des neuen Instrumentes zu unterrichten.

3. Motorisierte Zweiräder müssen der angedachten Verschrottung folgen.

Dann kehrt vielleicht noch keine Ruhe ein. Aber ein bisschen Frieden. Typen wie Bono von U2 haben dann ausgespielt.

nino
29. März 2014 19:54

Völlig richtig, F451. Das sind libertäre Träumereien die davon ausgehen, dass man sich jegliche Identität oder Identifikation frei auswählen kann. Letztlich genau so utopisch wie die Ideen der Multi-Kulti Linken. Dem deutschen Kiffer in der Kommune, die er sich nur mit Jamaikanern teilt, ist es am Ende, trotz "Dauerscheibe", vielleicht auch nicht mehr so wohl.

Am Ende will der Kiffer gar in einem Land leben, in dem fleissig gekifft werden darf, wo aber ansonsten doch recht konservative Werte gelten. Viele Kiffer möchten aber doch lieber ein sehr gut ausgebautes sozialdemokratisches Ländle, während dem einen wichtig ist, in einer Gemeinschaft zu leben, in der man Kiffen und Katholizismus sehr gut miteinander verbinden kann etc. pp.
Am Ende merken sie, dass Gemeinschaften, die sich über eine gemeinsame Kultur und Abstammung definieren, doch nicht so blöd waren und man auch darin seine Nischen finden kann.

Sascha
29. März 2014 23:44

Natürlich ist der Wunsch da, mit Menschen ähnlicher Überzeugungen, Werte, Kultur und Sprache zusammenzuleben. Ein Wunsch, den Libertäre auch haben. Nur, für den Libertären ist schon der Nationalismus ein erster Schritt der von Ihnen zu Recht abgelehnten kosmopolitischen Utopie. Die kulturelle Homogenität - es hat sie nie wirklich gegeben, noch heute haben Bayern und Schwaben eine ganz andere Kultur als Berliner oder Sachsen. Und zu der für die deutsche Kultur wohl viel wichtigeren Zeit - als Deutschland als Land der Dichter und Denker berühmt wurde - gab es sowas erst recht nicht, oder höchstens als wirren Traum von ein paar Studenten.

Der Nationalismus ist ein Irrweg, entstanden zu einer Zeit, als Nationalstaaten eine optimale militärische Organisationsform des Staates waren, groß genug für den damals optimalen Grad der Globalisierung. Dieser Nationalstaat sollte so homogen werden wie für die heutigen Globalisierer die ganze Welt homogen werden soll.

Für eine wirklich lebenswerte Zukunft müssen wir noch weiter zurück - nicht der Nationalstaat, sondern viel kleinere Organisationsformen sind ideal. Nicht Spanien, sondern Baskenland und Katalonien, nicht Italien, sondern Venedig, nicht Deutschland, sondern die freien Hansestädte und Weimar.

Martin Lichtmesz
30. März 2014 03:49

Da niemand mehr etwas zum Thema schreibt, Badeschluß. Dank an alle.

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