01. April 2013

Die Spurbreite des schmalen Grates

von Götz Kubitschek / 0 Kommentare

Götz Kubitschek ist Verleger (Antaios) und seit 2003 verantwortlicher Redakteur der Sezession.

53pdf der Druckfassung aus Sezession 53 / April 2013

Als verantwortlicher Redakteur der Sezession gehöre ich zu den intensiven Lesern dieser Zeitschrift. Letztlich habe ich zu verantworten, was in ihr veröffentlicht wird, und das meine ich nicht im justitiablen Sinn: Ich bin verantwortlich dafür, daß aus den Möglichkeiten einer der auflagenstärksten und konturenschärfsten intellektuellen Zeitschriften Deutschlands das Bestmögliche gemacht wird.

Dies gelingt, weil die Autoren- und Themenmischung einen ebenso unverwechselbaren wie verlockenden »Sezession-Sound« hervorbringt, und zwar ziemlich zuverlässig dann, wenn die pyrotechnische Mischung der Hefte stimmt.

Die Sezession ist moderne, publizistische Konservative Revolution. Ganz sicher gehöre ich zu denjenigen, die aus den Gesprächen mit Karlheinz Weißmann und vor allem aus seinem Beitrag »Biblische Lektionen« (Sezession 13, April 2006, S. 8–14) den Begriff der »Traditionskompanie« nicht nur als interessante Vokabel wahrgenommen, sondern als Aufgabenstellung und Tätigkeitsbeschreibung umgesetzt haben: mein Verlag Antaios, die Zeitschrift Sezession, das 2008 an Erik Lehnert übergebene »Institut für Staatspolitik« oder jüngst die konservative Messe »zwischentag« – das alles ist ebenso selbstverständlich wie neu, konservativ wie revolutionär, akribisch umgesetzt wie gewagt, kühl durchgeplant wie irrational herbeigeträumt und keinesfalls – wie Lehnert suggeriert – die persönliche Sehnsucht nach Irrationalität und nach Erlösung aus dem Dilemma des Scheiterns. Es ist vielmehr: tun, was man kann.

Der britische Autor Alex Kurtagic hat in seinem auf den folgenden Seiten gekürzt abgedruckten Beitrag die »Träumer« als die wahren »Pragmatiker« bezeichnet. Dies ist eine Deutung, die ich sofort unterschreibe und gegen jene mäßigende Vernunft verteidige, die Erik Lehnert in seinem Beitrag in Stellung bringt. Alles nämlich zu seiner Zeit: zuerst der Traum, das große Bild, dann die Vernunft und die Umsetzung (mit allen Abstrichen, die man hinnehmen muß, und auch darin ist der letztlich irrational agierende Stauffenberg von 1944 ein gutes Beispiel). Denn wenn die Jasperssche Vernunft zu früh sich der widerständigen Köpfe bemächtigt, ist sie die Verhinderin gewagter, aber durchaus möglicher Würfe.

Es ist mein Bestreben, mit langen Nadeln in das Fleisch des halb abgestorbenen, halb verfetteten Deutschlands zu stechen und zu sehen, wo noch ein Muskel zuckt: kein ökonomischer Muskel (über diese Kraft müssen wir kein Wort verlieren), sondern einer, der den kulturellen, ethnischen, seelischen Selbsterhaltungstrieb in Gang setzen und uns vor jener »Ausdünnung« bewahren kann, deren Ziel Regierungspolitik seit Jahrzehnten ist. Ich traue jenen, die uns lesen und die noch jung genug sind, eine prinzipielle Lebensentscheidung zu treffen, viel Mut, viel Kraft und Durchsetzungsvermögen, Widerstandsfähigkeit und Zähigkeit zu, ich fordere sie dazu auf. Woher kommt der Mangel an Vertrauen in die eigene Tatkraft und in die Schönheit des Lebens auch jenseits der bürgerlichen Karriere? Wie tief ist das Leiden am Zustand unserer Nation und unseres Volkes, wenn es nicht hinreicht, aus dem eigenen Ich ein Gegengewicht zu machen? Wozu berichteten wir von der mobilisierenden, die Nation konstituierenden »Großen Erzählung«, wenn wir ihre temperaturerhöhende Wirkung gleich wieder abmildern wollten?

Manchmal berichtet Karlheinz Weißmann von seinem ebenso erfüllenden wie wirkungsvollen Lehrerdasein, das auch dann nicht endete, als der schlechtere Teil der Schüler eine Antifa-Kampagne in Gang setzte: Der bessere Teil warf sich auf Weißmanns Seite, seit Jahren ist Ruhe. Ist das nicht nachahmenswert, obwohl es eine Gratwanderung war? Weißmann könnte auch bestätigen, daß es immer deutlich mehr abratende als befeuernde Stimmen gab – vor der Gründung des Verlags, vor der Gründung des Instituts, vor der Gründung der Zeitschrift. Was wären wir heute, hätten wir dem resignativen, dem warnenden Ton Folge geleistet? Und ist es nicht so, daß immer diejenigen mahnten, die ihren eigenen Sprung ins weniger Anstrengende, Nicht-Ausgesetzte und -Ausgegrenzte nicht widerlegt sehen wollten durch Projekte, die gelängen?

Indes: Selbst dieser Schuh paßt nicht. Ausgesetzt, ausgegrenzt? Keinesfalls – nirgends kann die Rückbindung an Leser, an Unterstützer, Fragesteller, Schüler enger und existentieller sein als dort, wo wir eine Lücke füllen und ebenso zuverlässig, formschön und niveauvoll unsere Arbeitsbeweise ablegen wie forsch und stichelnd von anderen die Infragestellung der Gemütlichkeit fordern.

Wir? Gut, ein Teil von uns. Die Spurbreite der Sezession reicht vom konservativen auf der einen bis zum revolutionären Ton auf der anderen Seite. Ein Karren, zwei Spuren, zwei Mentalitäten, ein Sound.

Götz Kubitschek ist Verleger (Antaios) und seit 2003 verantwortlicher Redakteur der Sezession.

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