Sezession
7. April 2014

Lang ist’s her: SPD-Linker auf Augenhöhe

Nils Wegner

Das, was derzeit in der Bundesrepublik geschieht, muß – damit man es bekämpfen kann – sehr genau analysiert werden. Das heißt aber auch, daß es kalt analysiert werden muß, sozusagen mit spitzen Fingern, mit sterilisierten Instrumenten. Es gibt viele Deutsche, die das nicht akzeptieren.

Nils Wegner

Nils Wegner ist studierter Historiker und arbeitet als Übersetzer und Lektor.

 

Kein Grund, sich wahlweise freudig erregt oder empört aufzurichten: Die obigen Sätze – Hervorhebung im Original – stammen weder aus einer IfS-Studie, noch aus einem nationalrevolutionären Manifest. Peter Glotz, von 1981 bis 1987 Bundesgeschäftsführer der SPD und deren »Intellektueller vom Dienst«, hat sie in der Einleitung seines 1989 erschienenen Werks Die deutsche Rechte. Eine Streitschrift formuliert. Es schließt sich denn auch ein stilistisch fragwürdiger, gleichsam der Frontstellung entsprechender Vergleich an: „Sie wollen die Rechte nicht untersuchen, sie wollen sie verachten oder verdrängen. Das führt aber nicht zum Ziel. Ich bitte deshalb um Verständnis, daß ich mich dem Gegenstand nähere wie ein Naturforscher. Der kann auch nicht in Emotionen verfallen, wenn er ein häßliches Tier unter dem Mikroskop hat.

Dessenungeachtet handelt es sich bei Glotz' Schrift um ein Werk, an dem kaum vorbeikommt, wer um ein tieferes Verständnis der westdeutschen Politiklandschaft im Schicksalsjahr 1989 bemüht ist. Vorrangiges Bemühen der Arbeit ist es, den unerwarteten Aufstieg der REPs Franz Schönhubers aus sozialdemokratischer Sicht einzuordnen – und damit verbunden die linke Furcht vor einem „reputierliche[n] parlamentarische[n] Nationalismus, der seine Gefahren hinter legitimierenden Vokabeln versteckt“, zu artikulieren. Vokabeln übrigens, zu denen Glotz neben „deutsche Identität“ und „homogenes Volk“ auch „Wiedervereinigung“ zählt, wie überhaupt sein häufiger Rekurs auf die bedrohlichen Konsequenzen des rapide zerfallenden Ostblocks für den Fortbestand der Zonengrenze Bände spricht über die beinahe hysterische Furcht des hauptberuflichen homo bundesrepublicanensis vor einem Wiedererwachen der deutschen Frage – wenige Monate vor dem Mauerfall.

Abgesehen von solch (aus heutiger Sicht) ulkigen Aspekten bietet das Buch jedoch eine bemerkenswert sachliche Bestandsaufnahme der seinerzeitigen rechten politischen Akteure, wenngleich der Autor in kommentierenden Einschüben seine ablehnende Position mehr als deutlich macht. Für Glotz lag eine hinnehmbare deutsche Rechte dann vor, wenn sie als solche klar erkennbar und für sich abgeschieden in der Parteienlandschaft lag, gemäß einer von ihm zitierten Aussage Kurt Schumachers vom Oktober 1945:

Die Zulassung der Rechtsparteien halte ich nicht für sehr gefährlich. Es ist wohl psychologisch [...] etwas unklug, wenn man den einen oder anderen Geist von früher herumstolpern sieht in der politischen Bewegung, aber sie geben die Möglichkeit einer Kontrolle. Die große politische Gefahr für Deutschland ist der rechte Flügel der CDU [...].

Letzteren Satz nun interpretierte Glotz dahingehend, daß schon in der unmittelbaren Nachkriegszeit die Wirksamkeit eines durch die sprichwörtliche Hintertür realpolitisch-behutsam eingeführten »Neuen Nationalismus« gegenüber einer außerparlamentarischen Rechten offensichtlich gewesen sei. Dahingehend räumte Glotz im Anschluß allerdings Konrad Adenauer die Leistung ein, durch seine Ausgestaltung der CDU in der BRD-Gründerzeit das vorhandene revolutionär-nationalistische Potential gebunden und so „die deutsch-nationale Traditionsrechte in der Bundesrepublik für viele Jahrzehnte klein gehalten“ zu haben; nach Adenauer habe lediglich noch Franz Josef Strauß diese Kohäsion für einige Zeit aufrechtzuerhalten vermocht. So zielte denn auch die politische Spitze des Buchs, wie der Verfasser eingangs betont, nicht auf Franz Schönhuber, sondern auf den seinerzeitigen Bundeskanzler Helmut Kohl, dessen „vitale[r] muddle-through-Pragmatismus“ die Aufspaltung der deutschen (Parteien-)Rechten und eine Freisetzung agitatorischer Energien maßgeblich verursacht habe.


Nils Wegner

Nils Wegner ist studierter Historiker und arbeitet als Übersetzer und Lektor.

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