Sezession
1. Juni 2013

Krankheit und Gesundheit

Martin Lichtmesz

54pdf der Druckfassung aus Sezession 54 / Juni 2013

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

I.

»Mishima war doch krank«, hörte ich einmal abwinkend einen Konservativen des eher erdwüchsigen, bodenständigen Schlages sagen. Seit ich sechzehn Jahre alt bin, faszinieren mich die Gestalt Yukio Mishimas und seine symbolische Revolte gegen die Moderne.

Vermittelt wurde diese Faszination vor allem durch den Film von Paul Schrader, Mishima – A Life in Four Chapters (USA 1985). Die ekstatisch explodierende Musik von Philip Glass ließ keinen Zweifel daran, daß das theatralische Ende des gefeierten Schriftstellers durch öffentlichen rituellen Selbstmord (Seppuku) als finaler Triumph zu verstehen war.

Nun also: konservative Kritik an dieser Ikone – aber nach kurzem Durchsickern wurde mir zu meiner eigenen Verblüffung klar, daß ich in zwanzig Jahren kein einziges Mal den Gedanken gefaßt hatte, Mishima könnte »krank« gewesen sein. Dabei war diese Tatsache mehr als evident. Mishima war ein homosexueller Narziß, der seine Kindheit in sozialer Isolation verbracht hatte, die körperliche Schwäche und Kränklichkeit seiner Jugend durch eine mühsam erarbeitete heroische Physis kompensierte, ein zwanghafter Selbstdarsteller, der zeitlebens in sadomasochistischen Todesphantasien schwelgte. Man mag, je nach Blickwinkel, darin die Fassade oder den Schlüssel seines Lebens sehen. »Mishima ist kein Vorbild«, sagte bei anderer Gelegenheit ein junger Künstler zu mir. Ich zuckte die Schultern. Auf die Idee, er könne ein »Vorbild« sein, war ich ebenfalls noch nie gekommen. Alles, was mir einfiel, war, daß Mishima eben nicht Mishima gewesen wäre, hätte er sein Leben inmitten eines beschaulichen bürgerlichen Daseins beendet.

 

II.

1978 erschien eine Polemik der an Krebs erkrankten Kulturkritikerin Susan Sontag, die sich vehement gegen die Vorstellung wandte, »Krankheit« könne als »Metapher« verstanden werden. Sie antwortete damit auf den damals gängigen Mythos von der »Krebspersönlichkeit«, der vor allem auf den exzentrischen Psychoanalytiker Wilhelm Reich zurückgeht. Ein Rezensent von Sontags Buch skizzierte diesen hypothetischen Typus so: »Ein Mensch, der emotional träge ist, ein Verlierer, langsam, bürgerlich, der seine natürlichen Gefühle unterdrückt hat, besonders seinen Zorn.«

Dies entsprach ziemlich genau dem Bild, das im deutschen Sprachraum durch den postum veröffentlichten Roman Mars des Züricher Lehrers Fritz Zorn (eigentlich, fast schon omenhaft: Federico Angst) weite Verbreitung fand. Der dreißigjährige, unheilbar krebsleidende Autor beschreibt darin sein Leben im bürgerlich-wohlhabenden Milieu als Schule des Konformismus und der emotionalen Vergletscherung, die ihn, den äußerlich erfolgreichen und perfekt angepaßten, in eine Hölle der Depression gestürzt und letztlich den Krebs als psychosomatisches Symptom erzeugt hatte. Buchtitel und Autorenpseudonym signalisierten eine Kriegserklärung, die sich nicht nur gegen sein falsches Selbst und die eigene Familie, eine »der allerbesten des rechten Zürichseeufers, das man auch die Goldküste nennt«, sondern gegen das gesamte Schweizer Bürgertum überhaupt richtete. Zorn sah in seiner Krankheit ein exaktes Spiegelbild seiner von toten Seelen bevölkerten Umwelt. Ihr Ausbruch läutete einen Prozeß des Erwachens ein, der sich in Haßtiraden und Anklagen entlud. Wer kann sagen, ob es für ihn auch andere Ventile gegeben hätte?

Armin Mohler schildert in seinem Essay »Was ist los mit der Schweiz?« (1981) sein Heimatland zwar in weniger grellen Farben als sein Landsmann – die Essenz der Kritik ist aber dieselbe: »Wenn ich geblieben wäre, hätte ich mich als Schaufensterzertrümmerer aufgerieben«, schreibt Mohler. Dem stickigen bürgerlichen Konsens der Schweiz – der bei Mohler Symptome von »monumentaler Unterernährung« erzeugte – könne man sich mit einem bestimmten Temperament nicht unterordnen, ohne erhebliche »seelische Schäden« zu riskieren. Der Mars des Fritz Zorn wandte sich nach innen, derjenige Mohlers nach außen: um sich zu kurieren, versuchte er sich – erfolglos – in ein Kriegsabenteuer als Freiwilliger der Waffen-SS zu stürzen.


Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

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