Sezession
1. Juni 2013

Toskana-Fraktion von rechts – das Beispiel Chestertons

Gastbeitrag

Nur so seien überhaupt die verschiedenen, oft völlig gegensätzlichen Vorwürfe der Modernisten an das Christentum verständlich: Den einen sei es zu friedfertig (im Gebot der Nächstenliebe), den anderen zu gewalttätig (in den Kreuzzügen); den einen zu pessimistisch (in der Erbsündenlehre), den anderen zu optimistisch (im Erlösungsversprechen); den einen zu frauenfeindlich, den anderen als Religion nur etwas für Frauen usw. Die strikte Ablehnung der »Lauen« (Offb. 3,16) durch Christus variierend, schrieb Chesterton: »Es stimmt, daß die historische Kirche ebensoviel Wert auf den Zölibat wie auf die Familie gelegt, daß sie sich (wenn man so will) gleichermaßen vehement für das Kinderkriegen und gegen das Kinderkriegen ausgesprochen hat. Beides hat sie nebeneinandergesetzt wie zwei starke Farben, Rot und Weiß, wie das Rot und das Weiß auf dem Schild des heiligen Georg. Sie hatte stets einen gesunden Haß auf die Farbe Rosa.«

Wenn Chestertons Christentum wie seine politischen Anschauungen in erster Linie katholisch waren, so gilt das im Positiven wie im Negativen. Es ist jedenfalls kein Zufall, daß Chesterton ab 1914 im »Krieg der Philosophen« (Peter Hoeres) eifrig auf der Seite des Feindes kämpfte und gegen die »Barbarei von Berlin« anschrieb. Das Preußentum verachtete er zeitlebens, und das nicht nur, weil er es nicht aus eigener Anschauung kannte und nur eine unklare Vorstellung davon hatte, sondern auch, weil er für protestantische Ernsthaftigkeit keinen Sinn hatte. Chesterton hielt dem Journalismus, »dem leichtesten aller Berufe« (Chesterton), nicht zuletzt deshalb die Treue, weil er lieber ungezwungen seinen genialen Einfällen folgte, als sie mühsam bis in die letzte Konsequenz durchzuarbeiten. Das ist auch der Grund dafür, weshalb seine konkreten politischen Auffassungen – vor allem der Distributismus – gleichzeitig so vernünftig und so unrealistisch wirken. Er war tatsächlich kein Konservativer, was zunächst heißt, daß er die Tradition zwar achtete – als »Demokratie für die Toten« –, im Zweifelsfall aber nur sehr selektiv bereit war, auf sie zu hören.

Darum ist es auch richtiger, Chesterton als Reaktionären zu bezeichnen, allerdings als Reaktionären nach eigener Fasson. Innerhalb der Denkfamilie der Rechten gehört er am ehesten zu jener oft kritisierten »Toskana-Fraktion«, die in Chestertons Fall aber eher eine Burgunder-Fraktion ist und die ganz in seinem Sinne ein notwendiges Gegengewicht zu gewissen asketischen Auswüchsen preußisch-rechter Gesinnung sein könnte. Man kann daher von Chesterton auch heute noch viel lernen: Zunächst, daß man weder adlig noch Landbesitzer sein muß, um eine reaktionäre Existenz zu führen; daß es also auch einen reaktionären Mittelstand geben kann. Wichtiger ist aber, daß auch für den Reaktionären Zeitgenossenschaft anstelle bloßer Weltflucht möglich ist. Ein Reaktionär à la Chesterton zieht sich nicht angewidert vor der Wirklichkeit zurück, sondern streitet gut gelaunt für die Tradition. Dabei macht es nichts aus, daß die Tradition längst abgerissen ist; man kann auch für sie kämpfen, wenn es sie nicht mehr gibt. Oder anders ausgedrückt: Wenn die Handlungsmöglichkeiten des Konservatismus – Dinge zu bewahren oder auch zu schaffen, die zu erhalten sich lohnt – gar nicht mehr real bestehen, dann zeigt die Lektüre Chestertons einen gangbaren Weg auf, der einen vor der freiwilligen Selbsteinweisung ins Irrenhaus bewahrt.


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