Sezession
29. April 2014

Sezession – Werkstattbericht

Götz Kubitschek / 14 Kommentare

umschlag_59.inddVon Ernst Jünger stammt der Satz: "Wer sich selbst kommentiert, geht unter sein Niveau." Er hat ihn 1934 in seiner Essaysammlung Blätter und Steine erstmals veröffentlicht und sein ganzes Leben lang weit über die Zeitgebundenheit hinaus bestätigt. Ich las diesen Satz stets so, daß dem eigentlichen Text nicht genügend Aufmerksamkeit geschenkt habe, wer sich im Nachgang erklären müsse. Ich könnte deshalb die Kritk an meinem Sezession-Beitrag Der romantische Dünger unkommentiert lassen, indes: Dieser Beitrag sticht augenscheinlich in zwei Wespennester zugleich, und so seien mir ein paar Anmerkungen erlaubt:

Götz Kubitschek

Götz Kubitschek ist Verleger (Antaios) und seit 2003 verantwortlicher Redakteur der Sezession.

1. Mein Text trägt den Titel "Der romantische Dünger". Er heißt nicht: "Das romantische Gesetz" oder "Romantische Politik" oder "Alles, auch jede außen- , finanz- oder agrarpolitische Entscheidung, muß romantisch sein".

2. Ich bin der  Überzeugung, daß jeder beruflich, geistig und privat geübte Widerstand gegen die zersetzende Generaltendenz unserer Zeit sich speisen muß aus Bereichen, die nichts mit dem Bereich des Politischen, dem nüchternen Realismus und dem Machbaren zu tun haben: Glaube, Literatur, Mentoren, Schlüsselerlebnisse, große Bilder, Pathos, das Ganze.

3. In dieser Überzeugung steckt kein antibürgerlicher Affekt. Sie bezieht nur mit ein, was Karlheinz Weißmann - ganz Mohler-Schüler - mit Blick auf das Scheitern eines neu-rechten Aufbruchs nach der Wiedervereinigung diagnostizierte: "Wir haben die Feigheit des Bürgertums unterschätzt." Diese Erfahrung wird jeder bestätigen können, der mit Gesicht und Namen für die deutsche Sache einsteht und dafür der Unvernunft geziehen wird.

4. Ich sehe die Aufgabe der Sezession darin, die bürgerliche Ernsthaftigkeit jenseits der Beliebigkeit und des nice-to-know mit Kenntnissen und Entdeckungen zu unterfüttern und zugleich den Mut zum Standpunkt und zum einzig klaren Wort im zivilgesellschaftlichen Rede- und Akzeptanzbrei zu fördern. Nur dieser Mut beugt der fatalen Verwechslung von Realismus und Bequemlichkeit vor.

5. Derzeit bauen wir das 60. Heft zusammen: "Demokratie" lautet das Thema. 60x Sezession - nüchtern betrachtet war das 2003 eine Vision, und zwar eine sebstausbeuterische, von deren Umsetzung fast alle abrieten, die wir damals fragten. Die Junge Freiheit allerdings hat unser Projekt begrüßt und wohlwollend begleitet, und es hat an romantischem Dünger  - ein Glück! - nicht gefehlt. Die Sezession, dieser fahrtüchtige Omnibus! - Welche Beiträge aus den vergangenen elf Jahren blieben Ihnen im Gedächtnis?


Götz Kubitschek

Götz Kubitschek ist Verleger (Antaios) und seit 2003 verantwortlicher Redakteur der Sezession.

Kommentare (14)

Albert
29. April 2014 18:09

Der Sezessions-Beitrag, an den ich mich sofort erinnere, war der Bericht von GK und Ellen Kositza über ihr erstes Jahr auf dem Rittergut - eine Sicht auf Mitteldeutschland aus einer ganz eigenen Perspektive. Diesen Text habe ich mehrmals gelesen.

Und es stimmt: der Ton macht die Sezession zu etwas besonderem.

Jens
29. April 2014 18:29

Sicherlich nicht die im FAZ-Ton. An Höhepunkten hat es nicht gefehlt, insbesondere Lichtmesz und Kleine-Hartlage haben mich sehr oft wirklich inspiriert was das angeht. Habe mich erst vor kurzem im Netz mal wieder von der offenbar grassierenden Angst einiger Konservativer überzeugen können, als jemand in einem sozialen Netzwerk äußerst empfindlich reagierte, bloß weil ich eine unbedeutende Frage zur Biographie stellte. Gut, Vorsicht ist allzuoft leider berechtigt, aber wie sagte Jünger auch? - "Auf jeden Fall führt die Hoffnung weiter als die Furcht". Zumindest sinngemäß.

Ludwig
29. April 2014 19:15

Wenn schon so gefragt wird: Selbstverständlich waren die wertvollsten Sezession-Artikel genau die, die in dem Ton gehalten waren, den man sich von der FAZ eigentlich wünscht. Spontan fallen mir ein: "Krieg - nur eine Erfindung?", "Biblische Lektionen", "Deutschtum und Christentum", "Politik und Metapolitik" (wohl nicht zufällig alle aus der Feder desselben Autors). Das Feiern der "Casa Pond" und anderes gehört dagegen zum Verfechtbaren.

Hartwig
29. April 2014 19:22

Herr Kubitschek, manchem Artikel oder Aufsatz ist nichts oder nur sehr wenig hinzuzufügen. Und eine Kommentierung, die aus einem simplen Bravo besteht, ist dann auch witzlos. Ein solcher Beitrag ist ihr romantischer Dünger. Das einzige, was ich dazu hier erneut sagen kann ist, dass rechte Opposition verschiedene Ebenen und verschiedene Tiefen haben kann oder haben muss.

Rumpelstilzchen
29. April 2014 20:01

Aus meiner kleinen Werkstatt:

1. Es gibt verschiedene romantische Dünger. Ich bin kein Fan von Ernst Jünger, Armin Mohler oder Alain de Benoist. Das ist mir zuwenig romantisch. Männer, die Käfer sammeln und aufspießen, sind mir nicht ganz geheuer, antichristliche Rechte auch nicht. Ich gehe auch nicht gerne in den Wald.
Diesbezüglich ist mir ein Beitrag aus der "Blauen Narzisse" in Erinnerung, der m. E. grundlegend ist.
https://www.blauenarzisse.de/index.php/anstoss/item/547-christentum-und-konservatismus
2. Nur das Widerständige bleibt interessant. Glaube, Literatur.
https://kath.net/news/42364
In diesem Sinne von Norbert Bolz ist die Sezession sehr interessant. Sie hat mit Herrn Lichtmesz und Herrn Kleine Hartlage Edelfedern im Programm.
Weites klares Denken und trotzdem einen festen Standpunkt.
5. in Erinnerung bleibt von ML "das Imperium wird niemals enden"

https://www.sezession.de/36300/das-imperium-wird-niemals-enden.html

Auch die Beiträge von Herrn Bosselmann und Frau Kositza gefallen, da sehr lebendig geschrieben,
Insgesamt eine sehr gute Mischung. Die Kommentare sind zumeist auch anspruchsvoll, manchmal chaotisch, eitel, verbohrt aber...selten langweilig.

Rainer Gebhardt
29. April 2014 21:21

Ungerecht, hier einen Autor hervorzuheben. Kubitschek, Lichtmesz, Kositza, Weißmann, Hinz - das Inspirierendste, was man derzeit lesen kann - Stromstöße von einem Defibrillator...
Wenn ich für die Sezession Werbung mache, dann hängen zwei Texte immer an jeder E-Mail: Ellen Kositza "Generation Nichtsnutz" (fast schon ein Romanexposee) und Thomas Hoof "Letze Ausfahrt weiter hinten - der deutsche Sonderweg".

M. M.
29. April 2014 22:56

> was Karlheinz Weißmann ... diagnostizierte:
> „Wir haben die Feigheit des Bürgertums unterschätzt.“

Das Zitat finde ich hier:
jf-archiv.de/archiv98/368aa07.htm

Carsten
29. April 2014 23:00

"Stromstöße von einem Defibrillator…"

Ein fabelhafter Satz! Der gilt für die Beiträge von Kositza, Lichtmesz und Bosselmann.

Und für die Kommentare von Raskolnikow! (Oder sind das eher Texte wie Weinbrandbohnen? ;-)

Rumpelstilzchen: "Ich gehe auch nicht gerne in den Wald."
Da verpassen Sie aber viel!

Strogoff
29. April 2014 23:05

Der konservative Katechismus von K-H Weißmann(Konservative brauchen den Informationsvorsprung), der Briefwechsel mit Hans Bergel(elektrisierend!), Neue Linke und Gewalt von Bernd Rabehl.
Der Artikel über die Weltverlorenheit von Frank Lisson. Heft 57 ist m.M.n die beste Ausgabe.

Die Briefe an alle und keinen fehlen mir persönlich.
Gerne denke ich auch an Kubitscheks Erlebnis mit der Cordhosenfrau auf der Büchermesse.
Eher triviale Bestandteile der Sezession aber so bin ich halt gestrickt.
Zudem, dass die von mir genannte Auswahl so dürftig ist liegt nur an meinem bemitleidenswerten Gehirn und nicht an den vielen merk-würdigen Artikeln in der Sezession.
Alle Autoren dürfen sich in einem erlauchten Kreis wähnen.

Bitte so weitermachen (hoffentlich bald mal wieder mit MKH und Rabehl) und vielleicht reichen Sie irgenwann das Autorenportrait für Martin Walser nach, welches vor gefühlten 100 Jahren angekündigt wurde.

Martin
30. April 2014 07:48

Für mich bleibt nach wie vor das Heft 1 das Schlüsselerlebnis. Ich habe zuvor keinerlei Postillen irgendwelcher Couleur, außer von meinem Oldtimer- und meinem Service-Club und dort auch nur, weil man die Dinger im Rahmen der Mitgliedschaft eben zu gesendet bekommt, bezogen, war nicht der große "quality paper" Leser (dafür gebundenes um so mehr) und habe auf Empfehlung eines Freundes, einem ehem. Leser der Criticón, dann dieses Heft Nr. 1 als Werbeexemplar zu gesendet bekommen. Und dann:

Welche Wohltat! Ein Thema, welches man sonst nur in einer moralin-saueren Sauce serviert bekommen hat, abgeklärt, sachlich und doch auch mit entscheidend "anderen" Blickwinkeln differenziert und noch dazu in einer gestalterisch sehr schönen Form präsentiert bekommen zu haben, hat mich umgehend zum Abonnenten gemacht, damit ich Heft 2 sicher nicht verpassen werde - und so ist das bis heute geblieben, auch wenn ich mit gar nicht so wenigem sicher nicht d'accord gehe, aber diese andere Perspektive tut im Einerlei nach wie vor einfach nur gut.

Stil-Blüte
30. April 2014 10:25

Der anekdotische Bewohner einer Stadt antwortet auf die Frage, ob er seine Umgebung, die er tagtäglich, jahrein, jahraus sehe, beschreiben könne, mit unglaublichen Absancen, Ungenauigkeiten, Fehlleistungen. Das besagt nichts anderes, als daß sich der Mensch dort zu Hause fühlt.

Nicht anders ergeht es mir mit der Architektur der 'Sezession'. Der Ensemblecharakter, in Berlin Kietz, in Paris Quartier, auf dem Lande Dorf genannt, ist eine Verortung im Geiste, in der Seele. Um im Bilde zu bleiben, im Stadtteil 'Sezession' öffnen sich viele Fenster, Türen, erschallen Rufe von Balkon zu Balkon, ein Licht(mesz) leuchtet immer bis tief in die Nacht hinein. Wie bei alten Villen in den Vororten stehen über den Türen schöne Namen: Lichtmesz! Weißmann! Lehnert! Götz! Ellen! Manfred!... 'Tritt ein, bring Glück herein!'

Ein einziges Domizil hervorzuheben, wäre unhöflich gegenüber den anderen Behausungen. Es gibt die Kirche, die Schule, den Platz mit Bäumen und Bänken und die Gespräche dort werden im Netz fortgeführt. Keine Lückenbauten (Lückenbüßer), die in den Bombentrichtern der Vergangenheit zwanghaft modern sein wollen. Einige Etablisements fehlen mir aber manchmal: die Eckkneipe, das Gewerbe, die 'Laden-Hüter'.

'Tritt ein, bring Glück herein' - der altmodische Türöffner, ja, ich muß gestehen, der war mehr ein Hilferuf 'Sesam, öffne dich!' Und? Mir hat er immer öfter geholfen.

Zamolxis
30. April 2014 14:53

Meine Printfavoriten: Heft Nr. 3, Nr. 5, Nr. 16, Nr. 38, Nr. 42, Sonderheft AfD.
Bildteil: Spanische Monarchisten und die Carl Schmitt Skizze.
Die Carl-Schmitt-Skizze aus dem Heft Nr. 42 könnte ruhig als DIN A3 Poster nachgedruckt werden.
Meine Autoren aus dem SiN: Bosselmann, Lichtmesz und Kubitschek.
Favoriten aus dem Antaios Verlag: Raspail "Sieben Reiter", Millet "Auf Verlorene Posten", IfD-Heft 3 "Neue Rechte", Staatspolitisches Handbuch 1-3, Till Kinzel "Nicolas Gomez Davilla".

beidseitiggeschliffen
30. April 2014 16:25

Kann irgendwie schwer nachvollziehen, warum der Artikel so eine Diskussion ausgelöst hat. Halte ihn für sehr gelungen und in einigen Punkten auch deutlich ins Schwarze treffend.

Jens
30. April 2014 18:38

Gut, noch ein Nachtrag: Mir fällt es auch zunehmend schwer, mir einzelne Beiträge oder auch nur Hefte zu merken und es waren sicher etliche Höhepunkte dabei, aber was ich noch erwähnen wollte, war dass das Themenheft zum Islam meines Erachtens einer der themengebundenen Favoriten von mir war. Ich erinnere mich beispielsweise noch an den Artikel "Orient-Okzident", wobei ich nicht mehr weiss, ob der hier enthalten war, aber das hat nachgeklungen (wie vieles andere auch) und während ich in der unbestriten lesenswerten und ehrbaren JF oft den Eindruck habe, dass manche konservative/rechte Gemeinplätze (manchmal auch in etwas weinerlichem Ton) wiedergekäut werden, so finde ich hier oft und immer wieder Texte, die mir ein Thema aus einer Perspektive näher bringen, die mir so neu ist und wahrscheinlich auch deshalb eben "nachwirkt". Naja, manchmal ist vielleicht auch einfach nur etwas mehr "Biss" dabei. Nun aber genug geschleimt...

kommentar kubitschek:
genau. daher: badeschluß!

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