15. Mai 2014

edition nordost - Werkstattbericht (2)

von Götz Kubitschek / 7 Kommentare

Götz Kubitschek ist Verleger (Antaios) und seit 2003 verantwortlicher Redakteur der Sezession.

Cover Hirnhunde.inddAm kommenden Montag kommt Raoul Thalheims Roman Hirnhunde aus der Druckerei, subskribieren kann man noch bis morgen für 19 €. Bisher haben drei Leute dieses Buch gelesen: Ellen Kositza, Martin Lichtmesz (hier sein Bericht) und ich. Wir sind alle drei der Meinung, daß dem Autor eine ebenso subtile wie realistische Darstellung des Milieus rund um eine konservative Wochenzeitung geglückt ist und daß dies auch noch stimmig eingebettet ist in die deutsche Lebenswirklichkeit des Jahres 2014.

Hirnhunde ist insofern ein Glücksfall für unseren Verlag, als derlei nicht planbar ist. Man kann Literatur nicht in Auftrag geben, allenfalls Sachbücher oder lange Essays - letztere erscheinen dann in der reihe kaplaken. Aber Romane und Erzählungen? Von zwanzig Manuskripten, die uns in der Sparte "Schöne Literatur" seit dem Beginn unserer Verlagsausweitung in diese Richtung erreichten, haben nur zwei die erste Hürde genommen: Hirnhunde liegt in ein paar Tagen vor, ein zweites Manuskript (nicht vom selben Autor!) harrt der letzten Prüfung. Alles andere mußten wir ablehnen, zum Teil waren das sehr redliche, gute Ansätze.

Indes: Im Bereich der Kunst liegen die Maßstäbe anders als beim Sachbuch. Es gibt keine "Annäherung", sondern ein überzeugendes Ganzes oder eben nichts.

Wenn also in drei Wochen nun auch die 2. Hälfte der auf vier Bände angelegten, literarischen Reihe bei nordost vorliegt (Wer gegen uns? und Die Leuchtkugeln sind seit gestern im Druck) und ab Montag Hirnhunde versendet wird, beginnt die Suche nach guten Manuskripten: Bisher liegt noch nichts neues auf unseren Schreibtischen.

Hirnhunde hier subskribieren.
reihe edition nordost hier einsehen.

 

 

 

Götz Kubitschek ist Verleger (Antaios) und seit 2003 verantwortlicher Redakteur der Sezession.

Kommentare (7)

Inselbauer
15. Mai 2014 14:57
Was ich bisher an Belletristik so gesehen habe im "rechten Milieu" steht eben dieses Milieu ungefähr dort, wo die UdSSR 1923 war: Der Bäcker berichtet vom Backen und will ernst genommen werden; und der lesende Arbeiter gibt auch an der Schreibmaschine sein Bestes.
Herr Kubitschek, ich hoffe, Sie notieren Ihre Lektüreerlebnisse aus dem frühen neurechten Realismus! Das darf der Nachwelt nicht verloren gehen.

In den 80er-Jahren hat es so einen Frühling in Österreich schon mal gegeben: Der kürzlich geschasste EU-Kandidat Mölzer wollte aber mit dem Realismus so gar nicht, und er verbrach einen surrealen Roman, in dem irgendwelche SM-Weiber mit (wörtlich) "brennenden Brüsten" in die Hauptstadt eines esoterischen Reichs einfuhren.

Hirnhunde: ein rechter Gesellschaftsroman!? Das ich so was noch erleben darf!
Ein Fremder aus Elea
15. Mai 2014 18:06
Keine Annäherung in der Kunst?

Nur Annäherung, würde ich sagen. Zum Beispiel John Boorman's Film ZARDOZ. Aber auch Wagners Ring-Zyklus.

Natürlich bilden diese Annäherungen überzeugende Ganze, aber so sollte es auch bei Sachbüchern sein. Ein Sachbuch, welches unter einem Heuhafen von Unsinn eine Nadel von Zutreffendem enthält, kann man schwerlich schätzen. Ich jedenfalls nicht. Es gibt sowohl in der Kunst als auch in der Wissenschaft Grenzen der zumutbaren Verfehlungen. Und wenn es irgendwo etwas wirklich makelloses gibt, dann in der Wissenschaft.

Ich bin hingegen erstaunt, wie weit ich mich im letzten Monat diesem Makellosen angenähert habe. Ich dachte, ich wäre schon recht nahe dran gewesen. Nicht, daß es unbedingt gut ist, Platon meinte ja, man solle alles nur andeuten. Der Unterschied zu damals ist freilich, daß wir heute Computer haben und es der Masse gar nichts nützt, wenn sie sich geschlossen dafür entscheidet, etwas zu ignorieren. Immerhin bin ich meinem Anspruch gerecht geworden, die menschliche Dimension der Struktur zu erfassen, was auch immer es ändert - die Büchse der Pandora steht schon lange offen.

Ansonsten, zur allgemeinen Situation. Es gibt keinen Begriff all der unterschiedlichen Lebenswirklichkeiten, aber halt ein Verständnis davon, was geht und was nicht. Man weiß nicht, welchen Weg ein Kieselstein nehmen wird, welchen man von der Spitze eines Berges wirft, aber daß er sich abwärts bewegen wird, das weiß man. Gute Literatur vermittelt Einsichten. Einsichten in die Lebenswirklichkeit einzelner oder auch in die von speziellen Gruppen in speziellen Situationen, wie es Ernst Jünger getan hat. Oder auch, bestenfalls, wie ich finde, in das Zusammengreifen der unterschiedlichen menschlichen Qualitäten in der Geschichte, wie es Antonio Lobo Antunes zuweilen schafft. Aber dafür ist die Lage heute zu unklar, dafür muß man entweder in die Vergangenheit blicken oder auf die Zukunft warten.
Future Man
15. Mai 2014 21:48
Leider ist die beste Gegenwarts-Belletristik aus unserer Richtung auf Englisch.

Ansonsten muß man leider grundsätzlich zustimmen, daß es zu wenig derartiger guter Bücher gibt, auch wenn es von Johannes Scharf, Thomas Barthélemy bis Michael Winkler immer wieder aktuelle Versuche gibt. Alexander Merows bisher fünf "Beutewelt"-Romane darf man hier nicht vergessen. Die sind nicht schlecht und auch irgendwie aktuell.
Strogoff
15. Mai 2014 23:46
Wenn die Ausbeute aus den aktuellen Manuskripten auf Kubitscheks Tisch so gering ist, dann muss wohl doch auf die alten Schätze zurück gegriffen werden. Ist nicht das schlechteste und stärkt zudem den Geduldsfaden. Letztlich sollte doch immer die Qualität entscheiden. Nichts laues bitte!
Heinrich Brück
16. Mai 2014 14:19
"... sondern ein überzeugendes Ganzes oder eben nichts."
So ist es. Zur Begabung muß sich in diesem Falle ein ordentlicher
Fleiß gesellen, schließlich hat Konrad Lorenz es doch ganz nett
ausgedrückt: "Wenn ein junger Mensch das geistige Erbe der Kultur,
in der er aufwuchs, verloren und keinen Ersatz in der Geistigkeit
einer anderen gefunden hat, ist es ihm verwehrt, sich mit irgend
etwas und irgend jemanden zu identifizieren, er ist tatsächlich
ein Nichts und ein Niemand, wie man heute in der verzweifelten
Leere vieler jugendlicher Gesichter deutlich lesen kann. Wer
das geistige der Kultur verloren hat, ist wahrhaft ein Enterbter."
Und wenn der Enterbte auch noch ein Entfremdeter ist, weil
falscher Ersatz die Traditionslinie vernichten möchte, dann
werden auch in Zukunft wohl einige Manuskripte nur "gute
Ansätze" bleiben. Dieser Kampf ist noch lange nicht vorbei.
RL
16. Mai 2014 23:15
Ein Roman kann manchmal mehr verändern, als hundert Sachbücher.
Reichsvogt
14. Juni 2014 00:52
Schmeiße mal 2 Namen als mögliche Autoren in den Raum: Tellkamp, Schacht.

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