Sezession
9. Mai 2014

Raoul Thalheim: Hirnhunde

Martin Lichtmesz

Cover Hirnhunde.inddDer Roman "Hirnhunde" des pseudonymen Autors Raoul Thalheim ist eine freudige Überraschung. Laut Verlag erscheint er in zehn Tagen, ich durfte schon mal die Fahnen lesen. Und das machte, um es mal ganz salopp zu sagen, Riesenspaß. Ich mußte alle paar Seiten vor Begeisterung Luft holen und an der Decke herumrennen wie eine Fliege.

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

Das Lesevergnügen wird freilich am größten sein, wenn man die in "Hirnhunde" beschriebene Szene der konservativen und "neurechten" Publizistik aus eigener Anschauung kennt. Thalheim ist kein "Insider" - aber er muß sehr sorgfältig recherchiert, die Ohren gespitzt und mitgelesen haben, auch zwischen den Zeilen. Seine Detailkenntnis ist für einen Außenstehenden jedenfalls verblüffend. Andererseits kann wohl nur jemand "von außen" die nötige Distanz besitzen, um solch ein Buch zu schreiben.

Das Ratespiel über die "Vorbilder" der Charaktere ist gerade für Kenner ein erhebliches Bonus-Amüsement. Das Spiel sollte aber nicht zu weit getrieben und cum grano salis genommen werden, denn "Hirnhunde" ist gewiß kein "Schlüsselroman". Die meisten Figuren sind phantasievoll angereicherte und durcheinandergewürfelte Amalgame von realen oder wenigstens real vorstellbaren Personen, dabei aber lebensecht und wahrheitsgetreu erfunden.

Freunde der Sezession werden sich besonders am Auftritt des Künstlerehepaars "Eugen und Nora" erfreuen, das sich mit einer Schar blonder Kinder (allesamt Mädchen) in der verfallenen Villa eines Wagner-Narren niedergelassen hat, um dort zwischen Gemüsegärten, Obstbäumen und Stallgetier ihrer "Abkehr vom Mainstream" Gestalt zu geben. Die Unterschiede zu der Schnellrodaer Variante und ihrem Personal sind allerdings mindestens so groß wie die Ähnlichkeiten.

Wie im "wirklichen" Leben in Gottes großem Zoo passen viele von Thalheim geschilderte Details nicht in die Klischees, die man sich landläufig von den "Rechten" macht. Wer sich wundert, daß die "Rechten" in Thalheims Roman exzentrischen Hobbies huldigen, unerwartete Stammbäume und Familienkonstellationen aufweisen, sich als urbane Aufreißkünstler oder ländliche Selbstversorger betätigen, schwul sind oder einfach nur stinknormale Menschen, hat die Vorstellungen der professionellen Feindbildproduzenten immer noch abgeschüttelt.

Die "Mimikry", zu der die "politisch Unkorrekten" oft gezwungen werden, und die damit verbundene Hysterie "gegen Rechts" ist geradezu unvermeidlich ein zentrales Thema von Thalheims Roman. Sie ist zu unterscheiden von der politischen Waffe des "Mimikry-Vorwurfs" (das eine bringt das andere gleich einer "self-fulfilling prophecy" hervor), den er mit einigen ironischen Wendungen des Plots ad absurdum führt.

Ironisch ist in diesem Zusammenhang auch der Umstand, daß hinter dem Autorenpseudonym ein profilierter Autor stecken soll, der sich aber "pour raisons" nicht zu erkennen geben will. Siehe dazu auch den Verlagstext von Antaios:

Antaios weiß mittlerweile, wer Raoul Thalheim wirklich ist, "Hirnhunde" hätte sonst nicht gedruckt werden können. Die Verblüffung ist in der Tat groß, diesen Schriftsteller hätte man hinter "Hirnhunde" nicht erwartet. Aber nun ist klar, warum das nur unter "Thalheim" geht. Und dieser Umstand sagt ziemlich viel über die Notwendigkeit der Meinungsäußerungs-Abwägung in Deutschland.

Die Bundesrepublik der "Hirnhunde" ist nun eine Art Alternativ- oder Parallelwelt, in der die Zeitungen, Magazine, Meinungsmacher und Politiker zwar andere Namen tragen, in der aber sonst alles wie gehabt verläuft. Im Zentrum steht eine in Dresden angesiedelte Wochenzeitung namens Freigeist, die große Ähnlichkeiten mit einer Wochenzeitung aus Berlin hat, die über mehr als zwei Jahrzehnte hinweg als das Flaggschiff der konservativen Publizistik in Deutschland galt.

Sie mußte jedoch, wie man weiß, von Anbeginn an mit politisch motivierten Anfeindungen kämpfen und ein Dasein abseits des großen Sandkastens fristen. Dennoch hat sie sich dank der Hartnäckigkeit ihrer Macher im Laufe der Zeit zu einer festen Größe in der Medienlandschaft entwickelt. Man kann Thalheims Charakterisierung des Freigeist durchaus auch auf sie anwenden. (Dessen Chefredakteur sieht sich übrigens aufrichtig als "klassisch konservativ", jedenfalls, solange man "ein nur leicht antiquiertes Koordinatensystem als Maßstab anlegte, vielleicht eines der achtziger Jahre.")

Nicht, daß der Freigeist nur von einem Nischenpublikum wahrgenommen wurde! Nein, er wurde in Chefredaktionen gelesen, eine stille Rezeption fand statt. Der Freigeist artikulierte sich jenseits der politischen Mitte, und das Problem war nicht seine Entfernung zur Mitte (die war deutlich geringer als die seiner Gegenlager links), sondern daß er dabei auf der falschen Seite stand.

Dies hat natürlich für viele Mitarbeiter frustrierende Konsequenzen: ihre Arbeit wird nicht deswegen verschwiegen und mißachtet, weil es ihr an Qualität mangelt, sondern weil ihre politische Ausrichtung inopportun ist. So ergeht es auch dem "Helden" des Romans, dem schüchternen Reporter Marcel Martin, der unter anderem bereits den Preis für den prestigeträchtigen "TruthAward" für eine Reportage über Rußlanddeutsche in der Tasche hatte, ehe der Jury gesteckt wurde, was für ein böser und untragbarer Bube er sei.


Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

Kommentare (0)

Für diesen Beitrag ist die Diskussion geschlossen.