Sezession
9. Mai 2014

Raoul Thalheim: Hirnhunde

Martin Lichtmesz

Das ist umso absurder, als Marcel keineswegs "linientreu" oder "ideologisch" sattelfest oder auch nur besonders belesen ist. Ein "running gag" des Buches ist, daß er Zitate von Nietzsche, Jünger und Dávila, die eigentlich jeder "Neurechte" aus dem effeff herunterbeten können müßte, gar nicht erkennt. Er ist eher ein vorsichtiger Skeptiker, der weiß, daß "die Welt nicht aufgeht":

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

Marcel hing keiner Ideologie an. Er wollte wahr schreiben und kein Wasser auf die Mühlen von Leuten leiten, die borniert waren oder voller Hass, voller Ressentiments. Solcher Applaus beschämte ihn. Das war der Grundbauchschmerz, der seine Reportagen begleitete. Das war ein Problem, sein heimliches Problem. Daß er wußte, daß keiner seiner Berichte in Wahrheit geeignet war, die ganze Wirklichkeit abzubilden.

Marcel, ein übersensibler, etwas tollpatschiger Mittdreißiger aus gutbürgerlichem Hause, ein in seiner Männlichkeit verunsicherter Junggeselle, der immer noch im Schatten seiner dominanten Mutter steht,  ist ein "Hirnhund", der nicht aufhören kann, zu denken, zu zweifeln und zu reflektieren. Diese Skrupulosität macht ihm zwar selbst das Leben schwer, wie einem, der ständig einen eingebildeten Kieselstein im Schuh trägt, immunisiert ihn aber auch gegen Herdentrieb und ist zugleich eine entscheidende Bedingung für die Güte seiner Arbeit. Seine Sensibilität läßt ihn in Ritzen vordringen, die andere nicht wahrnehmen. Er ist damit nicht unbedingt typisch für sein Lager, wie auch der Chefredakteur, liebevoll "El Jefe" genannt, feststellt.

Unseren Leuten, der ganzen konservativen Publizistik, fehlt halt eines ganz grundsätzlich: Empathiefähigkeit. Die Fähigkeit, sich in Menschen hineinzuversetzen. Auch in Sachlagen, die nicht die ureigensten Interessen berühren. Manchmal glaub ich, gerade in sozialen Dingen ist der konservative Horizont doch eng. Das ist ein Riesenproblem, eigentlich ein Malheur.

Mit dieser Veranlagung stellt sich Marcel selbst ständig ein Bein nach dem anderen, insbesondere, wenn es um "Dates" mit Frauen geht, die stets auf den neuralgischen Punkt zusteuern, an dem er sich politisch "outen" muß. Besonders in diesen Szenen beginnt Marcels Überreflektierheit, dargestellt in kursiv gedruckten Denkeinschüben, auch dem Leser selbst mitunter gehörig auf die Nerven zu gehen, was vom Autor allerdings durchaus beabsichtigt ist.

"Hirnhunde" ist durchweg als subtile Komödie angelegt, angereichert mit Satire, Ironie und einem Hauch Melancholie; auch darin unterscheidet sich der Roman auf wohltuende Weise von den ebenso bierernsten wie dilettantischen Bekenntnisromanen, die das rechte Lager hin und wieder hervorbringt. Dabei tauchen auch unter den Konservativen treffsicher beobachtete skurrile bis verstrahlte Typen auf, die keineswegs verschont werden. Thalheims Karikaturen sind allerdings nie bösartig, sein Blick auf die Menschen ist  -wie der Marcels - eher nachsichtig und abwartend.

Das wird besonders im zweiten Teil deutlich, als mit dem linken Hippie-Fräulein Agnes auch das entgegengesetzte politische Milieu sichtbar wird und eine Bühne bekommt. Die geballte Blödheit des Gutmenschenzirkus stellt Thalheim mit gelassener, belustigter Feder dar; und er schwelgt geradezu in der unfreiwilligen Komik der "politisch korrekten" Sprachorthodoxie. Aber auch hier ist sein Spott ohne Häme und Ressentiment - auch den Linken billigt er im Großen und Ganzen zu, ihre Sache bona fide zu betreiben.

Zwischen Agnes und Marcel entspinnt sich eine Romanze, über deren Anlaß und Ausgang ich hier nichts verraten möchte, wie es überhaupt Spielverderberei wäre, allzuviel von der Handlung preiszugeben. Was aber in dieser zaghaften Annäherung zwischen Links und Rechts, bezeichnenderweise über die Emotionen und nicht den Intellekt, angedeutet wird, ist die Frage, ob es nicht jenseits der Begriffsgitter und politischen Vorstellungen soetwas wie eine Seelenverwandtschaft der Opposition und der Unruhe gibt.

Mehr sei erstmal nicht über die "Hirnhunde" gesagt. Meiner bescheidenen Meinung nach hat der Roman das Zeug, innerhalb "unserer" Szene zu einem Kultbuch zu werden. Es eignet sich allerdings auch hervorragend als Geschenk an skeptische bis verunsicherte Familienmitglieder und Freunde. Darüberhinaus wäre dem Roman trotz aller widrigen Umstände eine breiter gefächerte Rezeption jenseits der üblichen Verdächtigen zu wünschen; er ist so gut und amüsant geschrieben, daß er sie mehr als verdient hätte.

Subskribieren kann man Hirnhunde noch bis zum 16. Mai für 19 €, und zwar hier. Danach kostet der Roman 22 €. Geliefert wird ab dem 20. Mai.
Das Titelbild des Romans zeigt übrigens ein Detail von Salvador Dalis Wagner-Brunnen im Castell Pubol.

 


Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

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