Sezession
11. Juli 2014

Nessun dorma! … nicht mit „Wer gegen uns?“

Nils Wegner / 15 Kommentare

Nils Wegner

Nils Wegner ist studierter Historiker und arbeitet als Übersetzer und Lektor.

[Sich] nicht einrichten zu können, nicht zu funktionieren, keine Chance zu haben. Und dann später: keine Chance zu wollen, die Gewißheit, nur in der Rebellion leben zu können, einer eigenen Identität mit einem Molli in der Faust um Lichtjahre näher zu sein als mit einem Cocktail in den Fingern.

Derart schilderte die Untergrundzeitung „Guerilla Diffusa“ im Jahre 1981 halb ostentativ, halb romantisierend das Selbstverständnis der „autonomen Szene“.

Es gibt in Rom seit zehn Jahren nun ein Projekt, das von "Autonomen" einer ganz anderen Art getragen wird. Es sind diese Militanten des neofaschistischen Projekts CasaPound, über die der Rechtsanwalt Domenico Di Tullio vor vier Jahren einen semidokumentarischer Roman veröffentlichte. Er ist nun unter dem Titel Wer gegen uns? in der edition nordost des Verlags Antaios erschienen.

Der Roman setzt mit einer Rückblende auf den Anfang der 1990er Jahre ein, vermischt mit Erinnerungen an die noch weiter zurückliegenden anni di piombo, in denen sich Neofaschisten, Rote Brigaden und Carabinieri in den Straßen Italiens viele kleine Bürgerkriege lieferten. Heute aber, mit der seit über zehn Jahren bestehenden CasaPound in Rom und einem wahren Netz angeschlossener Zentren überall in Italien, stellt sich die Lage anders dar:

Natürlich gibt es noch immer Straßenschlachten, Schlägereien und vorwitziges Anbringen von Plakaten und Graffiti dort, wo die jeweils andere Feldpostnummer sich provoziert fühlen muß. Der wahre Kampf findet jedoch zunehmend in den Köpfen und um sie statt; es hat einige Plausibilität für sich, wenn im Verlauf des Romans geäußert wird, daß die Generation derjenigen, die außer Knüppel und Klinge keinerlei Formen der Auseinandersetzung beherrschen, längst zum Abtritt fällig sei.

Di Tullios Buch ist 2010 auf Italienisch erschienen; in den vier Jahren bis zu seiner deutschen Übersetzung ist besonders in der Schüler- und Studentenorganisation Blocco Studentesco eine neue Generation von Aktivisten ans Ruder gelangt. Und doch lesen sich die kundigen Beschreibungen des CasaPound-Rechtsanwalts brandaktuell, was verschiedene Gründe hat.

Am offensichtlichsten ist dabei natürlich der ganz eigene kulturelle Überbau, den sich die italienischen militanti gegeben haben. Die Ideologie des „Estremocentroalto“, die Philosophie des „Turbodinamismo“, das sind Hintergründe für das tatsächliche Leben, das sich in dem großen Haus in der Via Napoleone III, in den dazugehörigen Geschäften, Kneipen, Bistros, in der ganzen Ewigen Stadt abspielt. Was in deutschen Ohren wie das Exzerpt eines Freikorpsromans klingen mag, ist in Italien Realität:

Jenseits der sehr unterschiedlichen sozialen Hintergründe sind die, die die Schildkröte auf der Haut tragen, tatsächlich miteinander verbunden. Es gibt einen gemeinsamen Kodex, auf den sich die Aktivisten geeinigt haben; ebenso gibt es eine gemeinsame Geschichte, geradezu einen sinn- und identitätstiftenden Mythos, der das Selbstverständnis ausmacht. Und mit dem Selbstverständnis kommt auch eine Selbstverständlichkeit, die manche Stelle des Buchs surreal erscheinen läßt, wenn es darum geht, einer Gefahr nicht auszuweichen, sondern ihr lachend entgegenzustürzen.

Genau dieses allgegenwärtige Lachen ist aber eines der auffälligsten Merkmale, das ein Besucher bei den Leuten von CasaPound und Blocco Studentesco feststellen wird. Wer – gerade als Deutscher – von der immensen Offenheit und Herzlichkeit überrascht ist, mit der ihm nach einer kurzen Zeit des Beschnupperns begegnet wird, der dürfte erst recht vom Glauben abfallen, wenn junge Kerls von 17 oder 18 Jahren bei einem Bier im „Cutty Sark“ ganz ausgelassen von den Kämpfen der letzten Monate erzählen – ganz so, als seien die Scharmützel um Plätze, Häuser, Universitäten und Schulen ein Teil des revolutionären Stundenplans.

Meldungen über Bombenanschläge auf CasaPound-Einrichtungen im Hinterkopf, mag einem dabei durchaus mulmig werden. Die jungen Römer aber lachen tatsächlich; darüber, wie auch dabei, verbunden mit dem Paradigma, sich niemals für irgendetwas zu entschuldigen. Vor diesem Lachen zerbrechen all die schönen freudomarxistischen Theorien über die pathologische Humorlosigkeit des „autoritären Charakters“ in tausend Scherben. Und wo „Guerilla Diffusa“ die Zukunftslosigkeit als identitäres Element aufbauscht, finden sich hier Hoffnung und Zuversicht .

Der zweite, wohl noch gewichtigere Grund für die Zeitlosigkeit und gleichzeitige gute Lesbarkeit von „Wer gegen uns?“ ist aber der Fokus auf den spezifischen Stil der CasaPoundisten. Dabei stehen die ausführlichen Beschreibungen von Kleidungsstücken (ganz besonders in einer programmatischen Szene, in der einer der Protagonisten ein Bewerbungsgespräch um eine Arbeitsstelle abbricht, nachdem er den Chef in spe anhand seiner Schuhe als Heuchler entlarvt hat) natürlich nicht für sich allein, sondern sind pars pro toto des rasanten Lebens zwischen Kampfsport, Konzerten und Metapolitik.


Nils Wegner

Nils Wegner ist studierter Historiker und arbeitet als Übersetzer und Lektor.

Kommentare (15)

Ein Fremder aus Elea
11. Juli 2014 10:23

Wer schon einmal Rom besucht hat und insbesondere rund um den Bahnhof Termini das Elend und die ghettohaften Einsprengsel zwischen antiken Ruinen und teuren Autos sah, der hat bereits einen Eindruck von dem Misthaufen, aus dem etwas wie CasaPound sprießen konnte.

Na, ich war schonmal da. Mein Eindruck war insgesamt ein andrer.

Einen Rechtsanwalt, der sich hin und wieder auf der Straße rumtrieb, gab es in Deutschland ja auch bis vor fünf Jahren, als er an einem Schlaganfall verstarb.

Der Aspekt wenigstens scheint also nicht italienspezifisch zu sein.

Was ist der Unterschied? Daß die Unterschicht in Italien italienisch ist?

Ich kann's nicht beurteilen, aber danach liest sich der zitierte Abschnitt.

Carsten
11. Juli 2014 13:03

"..insbesondere rund um den Bahnhof Termini das Elend und die ghettohaften Einsprengsel..."

Na, so schlimm ist es aber auch nicht. Die Ecke um den Piazza dei Campani ist eigentlich ganz nett.

Aber ich wüsste ein optimales Objekt für so ein Projekt in Berlin:

https://www.tagesspiegel.de/berlin/bezirke/zehlendorf/aktuelles-aus-zehlendorf/katar-und-der-zerfall-der-villa-cale-in-zehlendorf-unertraegliche-arroganz/10179998.html

Ron Swanson
11. Juli 2014 13:38

Hr. Wegner,

ich bezweifle stark, daß man dem hiesigen Klientel ein jugendspezifisches Phänomen wie CPI plausibel erklären kann. Die allermeisten dürften altersmäßig, gesellschaftlich und mental soweit davon entfernt sein, wie ich von einem Urlaub auf den Seychellen. Doch wenn ich ihre Kommentare hier lese, bin ich mir sicher, daß wussten Sie schon.
Nichtsdestotrotz gefällt mir der Artikel sehr gut! Ich hoffe auf eine weite Verbreitung in Kreisen, in denen er verstanden wird.

Einlassung Wegner:
Sehen Sie, es geht ja auch nicht darum, den geneigten Leser lediglich in seinem vorgefaßten Bild der Dinge zu bestätigen, sondern im Gegenteil neue oder zumindest andere Perspektiven zum Weiter-Denken anzubieten.

Natürlich ist das immer ein Spiel mit ungewissem Ausgang, aber ich habe doch den Eindruck, daß in den Wind geworfenes Saatgut immer mal wieder auf der einen oder anderen fruchtbaren Scholle landet. Das sind dann vielleicht allerdings eher nicht die großen Kommentatoren. Ich jedenfalls freue mich gerade über die unsichtbare Leserschaft, so pathetisch das klingen mag.

rautenklause
11. Juli 2014 15:58

@ Carsten

Na, so schlimm ist es aber auch nicht.

Da sind wohl die Geschmäcker recht verschieden ... wir waren im letzten Jahr wieder einmal dort und ich empfinde die Straßen südlich des Termini schon recht ghettohaft: Schwarzafrikaner, Asiaten (die im Erdgeschoß der CP ihre Ramschläden betreiben), Moscheen, Armut, Bettelei, agressives Verkaufen. Natürlich gibt es da auch schöne Eckchen: unmittelbar um die Ecke beim „La testa di ferro“ ist beispielsweise die wunderbare "Basilica Di Santa Prassede" mit wunderbaren Mosaiken ... aber "Misthaufen" trifft es schon recht genau

RL
11. Juli 2014 18:22

Diese militanti sind nichts anderes, als die Skinheads bei uns. Tätowiert, bestimmte Kleidung, bestimmte Musik, eventuel kommen noch die Ultras in Frage, aber die sind meines Wissens unpolitisch.

Einlassung Wegner:
Nein, das sind sie nicht. Ob Ihr hinkender Vergleich nun auf Unkenntnis über die Skinhead-Subkultur oder über die militanti beruht, weiß ich nicht – vermutlich beides zu gleichen Teilen. In jedem Fall lohnt es sich, weniger voreingenommen daherkommen, sondern sich ggf. positiv überraschen zu lassen.

Peter
11. Juli 2014 20:22

Herr Wegener hat hier eine hervorragende Beschreibung gegeben.

Vor diesen Leuten von CP habe ich großen Respekt, das Projekt weist in eine Zukunft, in der die Weißen sich auch in Europa ihre letzten eigenen Rückzugsgebiete erkämpfen müssen. Allerdings erst dann, wenn in der dunklen Flut der Rechts-Links-Gegensatz vom Kampf ums pure Überleben abgelöst wird.

Wer Mohlers "Faschistischen Stil" gelesen hat, sieht hier nicht nur Phrasen und Schwärmereien, er sieht die kristallklare Ursubstanz jenes faschistischen Phänomens, das in einer einzigartigen Art und Weise unter vielen Opfern real geworden ist. Hier fallen Anspruch und Wirklichkeit zusammen. Das sind keine "feinen Konservativen", sondern Idealisten, die etwas (er)schaffen.

Das Buch ist äußerst erfrischend. Ich hoffe, daß es bald auch bei uns solche Projekte, wie CP, geben wird. Absolute Leseempfehlung für alle, die mehr wollen, als dumm zu schwätzen, für die, die nach gangbaren Wegen zum Überleben suchen.

Windwärgut
12. Juli 2014 06:45

Wenn der Kampf nur mehr im Kopf stattfindet (Warum kommt einem das hier so bekannt vor?), dann berauscht man sich doch gern am Buch über das Vergangene und das nie Gehabte, zumal einem mit der Beschreibung jungfrisch lachender stylischer Kämpfer, um hernach herrlich zu entschlummern, die Leseempfehlung auf dem Nachtschränkchen.
Aufgewacht distanziert man sich schleunigst von all dem was es im eigenen Land an Ansätzen solchen Kämpfertums geben mag, denn das ist dann doch alles nicht das Rechte, zu plump, zu unreif und ohne den rechten Stil (ganz wichtig!).
Das seziert und etikettiert man dann doch lieber säuberlich, statt sich jemals dazuzugesellen.

Saatgut in den Wind werfen und hoffen dass es mal eine fruchtbare Scholle trifft, lieber Herr Wegner, ist Spielerei und Verschwendung.
Das Land wird man so nie bewirtschaften.

Einlassung Wegner:
Von "hoffen" war in diesem Zusammenhang auch nicht die Rede. Angelegenheit erledigt.

Inwieweit die "jungfrisch"heit der Realität entspricht (oder zumindest meiner subjektiven Wahrnehmung vor Ort), werde ich jetzt nicht nochmal wiederholen. Ebensowenig, wie die Zielrichtung des bei diesem Thema und in diesem Blog unumgänglichen Abhebens auf Stil.

So schwer ist obiger Artikel eigentlich nicht sinnentnehmend zu lesen. Die Kommentarspalte auch nicht.

Ein Fremder aus Elea
12. Juli 2014 10:10

er sieht die kristallklare Ursubstanz jenes faschistischen Phänomens, das in einer einzigartigen Art und Weise unter vielen Opfern real geworden ist

Die faschistische Ursubstanz sollte an und für sich, gerade in Rom, dasjenige sein, was das Römische Reich groß gemacht hat.

Ich würde diesbezüglich eher Jean-Claude Juncker ansprechen als CP.

Windwärgut,

mir scheint das Fehlen von Vertrauen wesentlich bei diesem Mangel, nämlich das Vertrauen darauf, daß sich ohne Anleitung eine gesunde Reaktion zeigen wird.

Mit anderen Worten erachte ich Distanz als wesentlichste Voraussetzung einer Verbesserung der Lage, Distanz im Sinne eines Vergessens all dessen, was angeblich wichtig ist.

Edelwolf
12. Juli 2014 11:34

Ein erfrischendes, kluges Buch mit klarer Botschaft, die auch hierzulande ihr Publikum erreichen muß.
Es gehört in die Hand eines jeden Aktivisten aus dem nationalen Widerstand.

Strikeback
12. Juli 2014 19:16

Es ist schon bezeichnend, wie hier die konservative Dekadenz etwas klein zu reden versucht, was erfolgreich im Sturm steht.

Das Buch ist für mich das beste der bisher erschienenen Literatur bei Antaios: Die tatsächlich funktionierende Verbindung von Theorie und Praxis jenseits der Computerwelt.

Ich denke, daß diese Bewegung nicht 1:1 für uns in der BRD infrage kommt. Der Grundgedanke der Schaffung solcher Zentren ist dennoch richtig. Besonders interessant ist auch, wie sie es geschafft haben, dem Druck stand zu halten.

Dieses absolut zu empfehlende Buch wird seine Leser finden!

Nils Wegner
13. Juli 2014 21:20

Was ich oben noch einzufügen vergaß: Bei Alternative Right hat man sehr offene und direkte Worte zum Unsinn der allfälligen Entschuldigungs(- und Distanzierungs)orgien gefunden. Vgl.

https://alternative-right.blogspot.de/2014/06/apologize-my-ass.html

Revolte
15. Juli 2014 22:01

Sind deutsche Konservative also zu verstockt, um konservativ zu sein?
Scheitert alles an der Stilfrage?
Muss Hr. Kubitschek künftig mit Bierpulle und in Jogginghosen auftreten, um sich nicht der Boniertheit verdächtig zu machen?
Worauf wollen Sie hinaus, Herr Wegner?

Nils Wegner
15. Juli 2014 22:34

Darauf, daß es ein erbarmenswürdiger Versuch der Selbsterhöhung ist, sich anhand irgendwelcher Konsumartikel wie Klamotten zum besseren irgendwas stilisieren zu wollen (während man vor seinem Chef und der gendergerechten Lehrerin der Kinder – soweit vorhanden – eifrig katzbuckelt und bei dem Gedanken daran, jemand könnte hier geschriebene Kommentare anhand der IP zurückverfolgen, spontan einen Antrag auf Kur stellen muß).

Das erschließt sich auch ziemlich problemlos aus obigen Sinnzusammenhängen sowie der Elendsdiskussion beispielsweise um Kositzas Impressionen vom WGT. Sinnentnehmendes Lesen will allerdings nicht nur gekonnt, sondern auch gewollt werden.

Aber um Ihre Eingangsfrage zu beantworten (und dabei einmal außer Acht zu lassen, daß "verstockt" nicht das bedeutet, was Sie meinen): Konservativ ist jeder, der sich so nennt. Mehr muß dazu wirklich nicht gesagt werden.

OJ
18. Juli 2014 20:54

Stil, jaja, schön und gut. Nur: Den richtigen Ton zu finden, ist eben auch eine Stilfrage.

Nils Wegner
19. Juli 2014 00:38

Oh, ganz sicher ist es das. Nur gibt es eben nicht nur einen einzigen ebensolchen, und die Anerkenntnis dieses Umstands scheint vielfach schon deutlich zuviel verlangt zu sein.

Für diesen Beitrag ist die Diskussion geschlossen.