Sezession
18. September 2014

Hic sunt dracones: Eduard Limonows Granatenleben

Nils Wegner / 5 Kommentare

Ausgerechnet der so brave btb-Verlag, seines Zeichens immerhin Teil der Random-House-Gruppe und damit unter der Fuchtel von Bertelsmann, hat just eine Taschenbuchausgabe des biographischen Romans Limonow aus der Feder des preisge-krönten französischen Schriftstellers Emmanuel Carrère herausgebracht (hier bestellen, gebunden hier lieferbar). Im Mittelpunkt dieses Werks steht eine der wohl schillerndsten politkulturellen Figuren Rußlands, die wohl die mediale Aufmerksamkeit verdient gehabt hätte, wie sie in diesem Jahr aus Gründen der Putin-renovatio imperii-Hysterie dem im Vergleich eher farblos-mönchshaften Alexander Dugin zugekommen ist: Eduard Sawenko, genannt Limonow, in dem der Betrachter je nach eigener Verortung wahlweise einen Stalinisten, Faschisten oder halbkriminellen Irren vorfinden mag.

Nils Wegner

Nils Wegner ist studierter Historiker und arbeitet als Übersetzer und Lektor.

Sezessionisten ist der Schriftsteller und ewige Rabauke wider das politische Establishment seines Heimatlandes kein Unbekannter: Schon im ersten Jahrgang der Print-Sezession thematisierte Christian Vollradt ihn (und seinen ehemaligen Weggefährten Dugin) etwas ratlos als Protagonisten der skurrilen nationalbolschewistischen Bewegung Rußlands, und vor fast genau zwei Jahren stellte Martin Lichtmesz ihn auf einem seiner Ausritte gegen den Spiegel-Streber Georg Diez und dessen seltsame Sympathien für kontroverse Schriftsteller, solange diese keinen deutschsprachigen Hintergrund haben, hier ausführlicher vor.

Dabei kam Lichtmesz auch bereits auf das Buch Carrères zu sprechen, das damals gerade beim wiedererstandenen Matthes&Seitz-Verlag in Berlin erschienen war. So weit, so gut – ich denke nicht, daß sich heute noch allzuviele Leute an Diez' Hymnus auf Limonow erinnern oder sich für dessen Biographie interessieren. Immerhin ist der Mann mittlerweile 71 Jahre alt und ist parteipolitisch längst nicht mehr aktiv; auch scheint tatsächlich 1989 das letzte Mal eines seiner Werke auf Deutsch neu herausgebracht worden zu sein (die zig Auflagen seines schriftstellerischen Durchbruchs »Fuck off, Amerika« einmal außer Acht gelassen).

Nun, man sollte einfach an dem hübschen weißen Buch mit der sicherungsbügelbewehrten Zitrone auf dem Einband vorübergehen. Das in jedem einzelnen Moment unstete Leben des Geheimdienstlersohns, jugendlichen Bohemiens und leidenschaftlichen Bürgerschrecks Limonow, dessen vor Wut und Verachtung überschäumende Philippiken ihm einen Ruhm als Popliterat avant la lettre bescherten, ist für sich genommen schon für jeden lesenswert, der sich für einen sympathischen Antihelden erwärmen kann. Denn sympathisch ist und bleibt "Editschka" das ganze Buch über, auch wenn sich angesichts der halbseidenen Punkte in dessen Biographie selbst der Autor Carrère gelegentlich mit sich und seinem Werk hadert. Etwa hinsichtlich der Schilderungen aus der Gründungsphase der nationalbolschewistischen Parteizeitung Limonka, was ein Kosename für die zitronenförmige sowjetische Splitterhandgranate ist, die Eduard Weniaminowitsch Sawenko schon in seiner Jugendzeit Pate für den Spitznamen Limonow – aufgrund seines beißenden Zynismus und polemischen Wesens – stand:

Der Bunker, Margot Führer... An diesem Punkt bin ich mir nicht mehr sicher, ob mein Leser wirklich Lust hat, die Anfänge eines Käseblatts und einer neofaschistischen Partei als mitreißendes Epos erzählt zu bekommen. Und ich selbst bin mir dessen auch nicht mehr sicher.

Und doch ist es komplizierter, als man meint.

Es tut mir leid. Ich mag diesen Satz nicht. Und ich mag nicht, wie sich die feinsinnigen Geister seiner bedienen. Unglücklicherweise ist er oft wahr. Im vorliegenden Fall ist er es. Es ist komplizierter, als man meint.

Ein gleiches gilt für die Skizze über den freiwilligen Einsatz Limonows im Jugoslawienkrieg, als Soldat auf serbischer Seite. Und auch die zahlreichen Eskapaden des Protagonisten auf seiner Odyssee durch die Welt (Charkow, Moskau, New York, Paris, Vukovar, Sarajevo...), seien sie krimineller oder gewalttätiger Natur, werden stets aus der Perspektive eines aufmerksamen, wenngleich leicht verstörten Beobachters geschildert. Ganz zu schweigen von Limonows regen Bett- bzw. vereinzelt Spielplatzgeschichten; denjenigen Lesern, die sich seinerzeit bereits über die handzahmen Liebesszenen in Raspails »Reitern« ereifert haben, sei in diesem Sinne ernstlich von dem Genuß von »Limonow« abgeraten.

Nichtsdestoweniger ist das Engagement Carrères hervorzuheben, der als Mittzwanziger Limonow während dessen Pariser Zeit in den üblichen Intellektuellen- und Literatenzirkeln kennengelernt hatte und das Objekt seiner Arbeit hier ohne Verleugnen einer alten Bekanntschaft, gleichzeitig aber mit gelegentlichem eingestandenen Unverständnis beschreibt. Den Grundstock für seine literarische Arbeit bildeten Limonows Bücher sowie seine persönlichen Erinnerungen, wie der Autor dem Leser klar vor Augen führt. Gleichzeitig, und darin dürfte wohl die literarisch stärkste Seite des Romans liegen, läßt Carrère auch seine persönliche Lebens- und Familiengeschichte in die Gesamtbetrachtung miteinfließen; er stammt selbst aus einer ursprünglich weißrussischen Emigrantenfamilie – seine Mutter Hélène Carrère (d'Encausse), geborene Zourabichvili, ist seit 1999 Secrétaire perpétuel der Académie française – und hat Rußland vor und nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion besucht.

Just diese, zwischen einzelnen Episoden des Limonowschen Lebensfeldzugs gegen alles Feige, Ehrlose und Ausbeuterische eingestreuten, Passagen der politischen und historischen Prozesse im Rußland zwischen Stalin und Putin sind es denn auch, die die genresprengende Biographie des leidenschaftlichen underdogs Limonow (und in der Tat, trotz aller schriftstellerischen Erfolge hat dieser Mann niemals ein Leben in Wohlstand geführt) gleichsam zu einem geistesgeschichtlichen Parforceritt insbesondere durch die postsowjetische Historie des Landes machen, auf das im Moment wieder einmal alle westlichen Augen in der Mehrheit verständnislos gerichtet sind.


Nils Wegner

Nils Wegner ist studierter Historiker und arbeitet als Übersetzer und Lektor.

Kommentare (5)

Unke
18. September 2014 10:46

Ja, Eduard Limonov... oder auch "Doctor Limonov"
Schrieb u.a. das Vorwort zu the eXile: Sex, Drugs, and Libel in the New Russia (Grove Press, N.Y., 1999) von Mark Ames und Matt Taibbi (der später als Journalist des Rolling Stone berühmt wurde*).
Für eXile gilt: Lesebefehl!, auch wenn an das Buch nur noch antiquarisch heranzukommen ist. Und: jeder einzelne FAZ- ZEIT- oder SPIEGEL- Politredakteur müßte damit verprügelt werden ;-)
.
* hier z.B. berichtet er über ein paar verschobene Milliönchen zugunsten einiger Plutokratengatinnen - da einem kommt sofort die Affäre Hildebrand in den Sinn (mit allen unangenehmen Nachgeschmäckern... aber das führt hier zu weit, der Leser hüpfe selbst von Link zu Link).

Trouver
18. September 2014 16:37

Früher würde Limonow kurz und bündig "Trotzkist" heißen.

Ein "Левак".

Wegner:
In diesem Fall herzlichen Glückwunsch zu tieferen Einsichten, als sie Limonow selbst, sein Biograph sowie die russische wie sonstige Presse gewonnen haben. Und zur Entwicklung des Hapaxlegomenon "stalinistischer Trotzkist".

Ein Fremder aus Elea
18. September 2014 21:10

Und heute ist der "Левак" Kolumnist der Izvestia und schreibt:

"Предоставим им самим воевать со зверем, которого они и создали"

"Laßt die USA das Biest, welches sie erschaffen haben, selbst bekämpfen."

So radikal erscheint mir das nicht, aber seltsam. Unterstützt Rußland denn nicht mehr Assad oder hat der aufgehört IS zu bekämpfen?

Mal sehen... also Limonow meint's wie folgt: Obama wird Assad bombadieren und nicht IS, und Rußland kann's nicht verhindern, aber dann wird IS erst richtig zum Problem und dann können die USA sich selbst drum kümmern.

stegmüller
18. September 2014 21:13

Es gibt ein total irres Video auf Youtube, auf dem Limonov mit Karadzic parliert und probehalber mit einem Maschinengewehr ins belagerte Sarajevo reinballert: https://www.youtube.com/watch?v=tH_v6aL1D84

Inklusive schrecklich schief singende serbische Soldaten, politisch-historische Betrachtungen Karadzics und die unsterbliche Zeile "Was für eine Rasse ist der Hund?" - "Serbisch!"

Strogoff
19. September 2014 12:58

Danke für den Tip. Steht auf der Bücherliste und hoffentlich bald im Bücherregal.
Sind in der gebundenen Ausgabe Abbildungen?

Wegner:
Meines Wissens nicht. Derlei ist jenseits von bibliophilen Ausgaben sehr bekannter Autoren ja auch mehr als unüblich geworden, zumindest in "normalen" Verlagen. Nicht alle Häuser können sich einen Ralph Oertel leisten... ;)

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