Sezession
5. Dezember 2014

Alain de Benoist im Gespräch über sein Lebenswerk, Teil 2

Benedikt Kaiser

Alain de Benoist_Mein LebenKürzlich erschien Alain de Benoists Erinnerungsbuch Mémoire vive in deutscher Fassung als Mein Leben. Wege eines Denkens (Edition JF: Berlin 2014). Anläßlich der Publikation sprachen wir mit dem französischen Denker über die Nouvelle Droite, seine Gegnerschaft zum Liberalismus und die Rechts-Links-Überwindung. Teil 1 kann hier eingesehen werden, Teil 2 des Gesprächs folgt an dieser Stelle.

Benedikt Kaiser

Benedikt Kaiser ist Politikwissenschaftler und arbeitet als Verlagslektor.

SEZESSION: Darf man daraus folgern, daß Sie junge Leute davor warnen würden, mit aktiver Politik oder Metapolitik in Richtung ebendieses Lagers zu wirken, will man die für den nonkonformen Geist tödliche Umarmung umgehen? Der Vordenker einer Neuen Rechten in Deutschland, Karlheinz Weißmann, formulierte dies ja ähnlich: „Hüte Dich vor jeder Ablenkung ins 'Liberalkonservative', 'Freiheitlich-Konservative', 'Kulturkonservative', 'Wertkonservative' – das sind Fallen, mit denen man Dich von der eigentlichen Auseinandersetzung fernhält, denn die ist politischer Natur und fordert klare Entscheidungen.“

ALAIN DE BENOIST: Sie fragen mich damit im Grunde, ob der Antiliberalismus oder, weiter gefaßt, die Feindseligkeit gegenüber bürgerlichen Werten zwangsweise dazu führen muß, es abzulehnen, sich politisch in Parteien oder Bewegungen zu betätigen, die diesen Werten mehr oder weniger große Konzessionen machen. Darauf kann ich Ihnen lediglich eine differenzierte Antwort geben. In persönlicher Eigenschaft als Intellektueller unterstütze ich keine Partei, denn ich sehe keine, die das verkörpert, was ich denke. Aber man kann ein solches Vorgehen nicht verallgemeinern. Nicht jeder nähert sich den Dingen intellektuell, und das ist auch gut so (eine Gesellschaft, die nur aus Intellektuellen bestünde, wäre unerträglich!). Manche sind durch ihr Temperament zur politischen Aktion gekommen; dieses Verlangen ist ebenso legitim.

So wie es selbstverständlich wünschenswert ist, daß die Politik nicht gleichgültig gegenüber Ideen ist, so reduziert sie sich nie auf eine rein ideenbezogene Angelegenheit. Sie hat ihr eigenes Wesen. Sie ist eine Sache von Machtverhältnissen und von Prioritäten. Sie ist vor allem die Kunst des Möglichen. Jene, die das ignorieren wollen, verurteilen sich zur bloßen Idealisierung (man träumt von einer „idealen Politik“), zum sterilen Aktivismus oder zum reinen und einfachen Extremismus.

SEZESSION: Worauf sollte dann heute der ideen- wie realpolitische Fokus liegen?

ALAIN DE BENOIST: Die Priorität läge darin, die herrschenden, vom Volk abgetrennten Klassen zu stürzen, das im Dienst der Banken und Kapitalmärkte stehende Establishment zu destabilisieren, oder wie es kürzlich Eric Zemmour sagte: jene „Eliten ohne Vaterland, die die Volkssouveränität nie akzeptiert haben, und die der wirtschaftlichen Globalisierung eher treu sind als den Interessen der Nation“. Dafür sind alle Mittel recht: eben auch den Front National in Frankreich, die Podemos-Partei in Spanien, Syriza in Griechenland oder die AfD in Deutschland zu unterstützen. Man muß nur darauf achten, sich von Illusionen frei zu machen und sich dessen bewußt zu sein, daß das Wesentliche anderswo liegt.

Anstatt die jungen Leute zu ermutigen oder zu entmutigen, sich in der einen oder anderen politischen Richtung zu engangieren, scheint es mir wichtiger, sie dazu zu veranlassen, ihren Diskurs zu erneuern, indem man sich einer tatsächlichen Denkarbeit widmet. Seit fünfzig Jahren höre ich die französische Rechte dieselben sterilen und überholten Formeln wiederholen. Seit fünfzig Jahren höre ich in Deutschland die ganze Zeit dieselben Wörter, wiederholt jeweils wie ein Mantra: „Kriegsschuld“, „Grundgesetz“, „Nationalstaat“ und jetzt „Islamisierung“.

Mit einem solchen Gepäck kommt man nicht weit. Wo ist die Vorstellung von der Welt? Wo ist die allgemeine Philosophie? Wer denkt ernsthaft über Konzepte der Moderne und der Postmoderne nach? Über die Art und Weise, wie der Handelswert dazu neigt, alle anderen Werte zu verdrängen? Über neue Formen gesellschaftlichen Zusammenlebens (der socialité)? Über die Grenzen des Wachstums? Anstatt sich leidenschaftlich den nächsten Wahlen zu widmen oder sich einzubilden, daß unsere Identität ohne Immigranten weniger problematisch wäre, wäre es besser, Louis Dumont, Jean Baudrillard, Christopher Lasch, Serge Latouche, Karl Polanyi, Hervé Juvin, Régis Debray, Jean-Claude Michéa, Moishe Postone, Hartmut Rosa oder Robert Kurz zu lesen…


Benedikt Kaiser

Benedikt Kaiser ist Politikwissenschaftler und arbeitet als Verlagslektor.

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