Erziehungsdebakel und Systemfrage

pdf der Druckfassung aus Sezession 15/Oktober 2006

sez_nr_156Die These lautet: Wer über den Erziehungsbankrott in Deutschland ernsthaft nachdenkt, muß irgendwann die Frage stellen, inwiefern eine von der Geschichte widerlegte Nation überhaupt noch erziehen kann. Wenn er diese Frage nicht stellt, hat er nicht gründlich nachgedacht.

 Gastbeitrag

Fremde Federn reichen Beiträge ein. Sind sie gut, bringen wir sie.

Die­se The­se soll die fol­gen­den, knap­pen Bemer­kun­gen über Bern­hard Bue­bs Streit­schrift Lob der Dis­zi­plin grun­die­ren. Sie ist eben im List-Ver­lag erschie­nen (176 Sei­ten, gebun­den, 18.00 €) und schickt sich an, die 874. Bil­dungs­de­bat­te nach Hit­ler aus­zu­lö­sen. Bern­hard Bueb lei­te­te von 1974 bis 2005 die Inter­nats­schu­le Schloß Salem in Ober­schwa­ben. Wenn man das Büch­lein liest, das Bueb jetzt gegen die gan­zen GEW-Leh­rer ver­tei­di­gen muß, erkennt man, daß sich da einer von sei­nem Selbst­ver­ständ­nis her gegen die Abschaf­fung des Erzie­hens und der als kon­ser­va­tiv bezeich­ne­ten Erzie­hungs­mit­tel durch die Genera­ti­on der Acht­und­sech­zi­ger wen­det und dies viel­leicht schon seit drei­ßig Jah­ren tut. Die Kapi­tel sei­ner „Streit­schrift” (so der Unter­ti­tel) lau­ten etwa: „Mut zur Erzie­hung”, „Dis­zi­plin wirkt hei­lend”, „Man muss nicht immer über alles dis­ku­tie­ren” und „Unord­nung bringt frü­hes Leid”. Und Theo­dor Fon­ta­ne, Preu­ße par excel­lence, steu­ert das Mot­to bei: „Frei­heit frei­lich. Aber zum Schlim­men / Führt der Mas­se sich selbst Bestim­men. / Und das Klügs­te, das Bes­te, Bequems­te / Das auch frei­en See­len weit­aus Genehms­te / Heißt doch schließ­lich, ich hab’s nicht Hehl: / Fes­tes Gesetz und fes­ter Befehl.”
Alles, was Bueb im Kiel­was­ser die­ses Vor­spruchs aus­führt und mit reich­lich Bei­spie­len aus dem Sale­mer Schul­all­tag ver­an­schau­licht, muß selbst in den Ohren eines har­mo­nie­süch­ti­gen Beschwich­ti­gungs­kon­ser­va­ti­ven aus den Rei­hen der Oettin­ger-Rütt­gers-Beust-CDU wie die Zusam­men­fas­sung von Selbst­ver­ständ­lich­kei­ten klin­gen. Von Ord­nungs­rah­men, Füh­rung und einer „Unschuld im Ver­hält­nis zur Macht” ist da die Rede, von Gehor­sam und Stra­fe und einem Ende der Dis­kus­sio­nen mit denen, die ganz natur­ge­ge­ben unfer­tig vor den Erwach­se­nen ste­hen und der lie­ben­den Stren­ge dort zu fol­gen ger­ne bereit sind, wo sich natür­li­che Auto­ri­tät mit Fach­kom­pe­tenz paart. Bueb zieht gegen den Fern­se­her als dem größ­ten Feind der Krea­ti­vi­tät, des Spiels und der Selbst­über­win­dung zu Fel­de. Es ist fein, daß das mal einer sagt, der brei­tes Gehör fin­den wird – weil er eine Eli­te­schu­le lei­te­te und weil die Zeit danach ist: Eine Men­ge Leu­te, die um die Zukunfts­chan­cen ihres Nach­wuch­ses ban­gen, wer­den vom Schul­lei­ter Bueb und sei­nem durch sei­ne Füh­rung geeich­ten Kol­le­gi­um begie­rig hören wol­len, wie man mit Kin­dern vom Zuschnitt „Ich.Alles.Sofort” fer­tig wer­den kann.
Bereits auf dem Schutz­um­schlag von Bue­bs Streit­schrift steht also der Begriff, der für den Erzie­hungs­er­folg von zen­tra­ler Bedeu­tung ist: Dis­zi­plin. Das ist nun ein Wort, das mäch­tig nach Mili­tär klingt und in der Nähe des Die­nens steht: Dis­zi­plin bedeu­tet, den Auf­trag oder eine grund­sätz­li­che Hal­tung über die Bedürf­nis­se der eige­nen Per­son zu stel­len. Ein dis­zi­pli­nier­ter Mensch hört nicht auf inne­re Stim­men, die ihm sagen, er sol­le sich gehen und eine Auf­ga­be eine Auf­ga­be sein las­sen. Nur ein dis­zi­pli­nier­ter Mensch erle­digt unab­hän­gig von irgend­wel­chen Stim­mun­gen das, was er tun soll, und zwar auf gleich­blei­bend hohem Niveau. Tages­for­men machen sich dann nur inner­halb einer trag­ba­ren Band­brei­te bemerk­bar, und vor allem hängt die Leis­tung nicht davon ab, ob stän­dig einer bet­telnd oder mit der Knu­te hin­ter dem Schü­ler steht.
Kon­se­quent steht des­halb neben Bue­bs Lob der Dis­zi­plin eine Beschrei­bung des Begriffs „Frei­heit”, die wie selbst­ver­ständ­lich an die For­mel von der „Frei­heit in Bin­dung” erin­nert. „Wir sind der ver­füh­re­ri­schen Mei­nung erle­gen, daß Jugend­li­che Frei­heit erwer­ben, wenn man ihnen früh Frei­heit gewährt. Frei­heit ist aber die spä­te Frucht von lang­wie­ri­gen Peri­oden der Selbst­über­win­dung, der müh­sa­men Umwand­lung von Dis­zi­plin in Selbst­dis­zi­plin. Frei­heit ist kein Zustand, den man gewährt.” Und wei­ter: „Auch ich habe lan­ge an eine Erzie­hung zur Demo­kra­tie durch frü­he Demo­kra­ti­sie­rung der Schü­ler geglaubt. Inzwi­schen ver­tre­te ich die Auf­fas­sung, daß Inter­na­te wie Salem mit einer demo­kra­ti­schen Schü­ler­mit­ver­wal­tung unre­gier­bar sind.”

Sol­che Sät­ze nähern sich der oben ange­spro­che­nen The­se. Sie sagen ja nichts ande­res aus, als daß der kind- und jugend­ge­mä­ße Erzie­hungs­raum kein Abbild der deut­schen Besieg­ten-Wirk­lich­keit (FDGO) sein darf, wenn die Erzie­hung erfolg­reich sein soll. Nach Bueb liegt der zen­tra­le Auf­trag aller Erzie­hung dar­in, den Glau­ben jun­ger Men­schen an sich selbst zu stär­ken, kei­nes­falls aber dar­in, so etwas wie eine Schwein­chen-Schlau-Men­ta­li­tät zu för­dern. Das in Deutsch­land übli­che Sys­tem der frü­hen Demo­kra­ti­sie­rung mit­tels gewähl­ter Schü­ler­mit­ver­wal­tung bewir­ke aber genau dies: Es „pro­du­ziert eine Gewerk­schafts­men­ta­li­tät, es för­dert Ego­is­mus und Spaß­hal­tung. Die Schü­ler ler­nen Poli­tik als die Kunst, ihre Rech­te, ihre Vor­tei­le, ihre Frei­hei­ten und ihre Bequem­lich­kei­ten durchzusetzen.”
Bueb wuchert mit dem Pfund sei­ner jahr­zehn­te­lan­gen päd­ago­gi­schen All­tags­er­fah­rung, wenn er den demo­kra­ti­schen Ele­men­ten der Schü­ler­be­tei­li­gung an der Schul­or­ga­ni­sa­ti­on ihre Zweck­dien­lich­keit abspricht. Er ver­weist gera­de­zu nei­disch auf angel­säch­si­sche Inter­nats­ge­wohn­hei­ten, bei denen durch Ernen­nung und Aus­zeich­nung von oben eine sinn­vol­le Hier­ar­chi­sie­rung der Schü­ler­schaft erreicht, ein Ord­nungs­rah­men gesetzt wird: Es gibt dann pri­vi­le­gier­te Schü­ler, die eine qua Leis­tung und Cha­rak­ter legi­ti­mier­te Posi­ti­on zwi­schen den Leh­rern und ihren Mit­schü­lern ein­neh­men dür­fen, die dabei aber bestimm­te Gemein­schafts­auf­ga­ben über­neh­men und die rela­ti­ve Distanz zu ihren Alters­ge­nos­sen ertra­gen müs­sen. Wie gesagt: Die­se Schü­ler wer­den nicht gewählt, son­dern ein­ge­setzt und durch die­sen Akt mit einer bestimm­ten Wür­de ver­se­hen. Vor allem aber sind sie nicht denen ver­pflich­tet, die sie wähl­ten, son­dern der Idee eines Amtes, das ihnen ver­lie­hen wurde.
Der Schutz­raum, den Bueb in der Tra­di­ti­on vie­ler erfah­re­ner Päd­ago­gen über sei­nen Zög­lin­gen auf­span­nen möch­te, geht vom Unfer­ti­gen, Unmün­di­gen des Kin­des und des Jugend­li­chen aus. Die Streit­schrift wird dort gesell­schafts­po­li­tisch, wo Bueb der heu­ti­gen Rest­fa­mi­lie (Ein­zel­kind oder allein­er­zie­hend) die Fähig­keit abspricht, einen sol­chen Schutz­raum über­haupt noch gewäh­ren zu kön­nen. Bueb for­dert dort die Ganz­tags­schu­le, wo kei­ne Inter­nats­er­zie­hung mög­lich ist. Sol­che Über­le­gun­gen haben ihren Grund in der Über­zeu­gung, daß die meis­ten Eltern (also ver­meint­lich mün­di­ge Bür­ger) ihre Kin­der vor den schäd­li­chen Ein­flüs­sen unse­rer Lebens­wirk­lich­keit nicht mehr schüt­zen kön­nen: aggres­si­ve Wer­bung, radi­ka­ler Kon­sum­ka­pi­ta­lis­mus, sozi­al­the­ra­peu­ti­sche Atmo­sphä­re bei gleich­zei­ti­ger inne­rer Ver­wahr­lo­sung, Wert­ni­hi­lis­mus, Ego­is­mus. Bueb argu­men­tiert also aus blan­ker päd­ago­gi­scher Not, weil er es mit einer selbst bereits uner­zo­ge­nen Eltern­schaft zu tun hat, die nun ihrer­seits voll­ends außer­stan­de ist, den jetzt schon wie­der­holt erwähn­ten erzie­he­ri­schen Schutz­raum für ihre Kin­der zu errichten.
In der Kon­se­quenz heißt das: Bueb möch­te eine gan­ze Genera­ti­on über­sprin­gen, er möch­te ihr die Kin­der neh­men, weil er ihr in Sachen Erzie­hung nichts zutraut. Woher möch­te er aber die Leh­rer für einen sol­chen Neu­an­fang neh­men? Auch sie sind Kin­der einer Gesell­schafts­ord­nung, die „von einer Sub­stanz an Sinn, Legi­ti­mi­tät und Ethos zehrt, die von ihr nicht her­vor­ge­bracht wur­de und die sie auch nicht bewah­ren kann, son­dern viel­mehr im Zuge ihrer eige­nen Ent­fal­tung suk­zes­si­ve dem Abbau und Ver­schleiß über­ant­wor­tet.” So drück­te das 1974 Gerd-Klaus Kal­ten­brun­ner aus, der in dem Band Klas­sen­kampf und Bil­dungs­re­form in der von ihm her­aus­ge­ge­be­nen Her­der­bü­che­rei INITIATIVE über­haupt bereits alles ver­sam­mel­te, was es zu die­sem The­ma zu sagen gibt. Viel deut­li­cher als Bueb gibt Kal­ten­brun­ner der Acht­und­sech­zi­ger-Genera­ti­on nicht die Schuld am Erzie­hungs- und Bil­dungs­de­ba­kel, das damals schon durch­brach: „Sie ist nicht das Werk kom­mu­nis­ti­scher Ver­schwö­rer, son­dern eine Kon­se­quenz jahr­zehn­te­lan­gen bür­ger­lich-libe­ra­len Sturm­laufs gegen Auto­ri­tät, Geschich­te und Dis­zi­plin, eines im Grun­de sowohl tran­szen­denz- als auch poli­tik­feind­li­chen Indi­vi­dua­lis­mus, der aus der Deckung des Grund­ge­set­zes die Deut­schen von ihrer viel­ge­schmäh­ten Unter­ta­nen­men­ta­li­tät zu kurie­ren unternahm.”
Damit ist die The­se vom Anfang wie­der ein­ge­holt und die Fra­ge zwar noch nicht beant­wor­tet, aber dring­li­cher gestellt. Jedoch liegt eine Ant­wort nahe: Deutsch­land wird einen gro­ßen Teil sei­nes ohne­hin spär­li­chen Nach­wuch­ses im Stich las­sen. Wer Geld und Über­zeu­gun­gen oder bloß letz­te­res hat, wird Inter­na­te und Pri­vat­schu­len für sei­ne Kin­der wäh­len und dort den not­wen­di­gen demo­kra­tiefrei­en Raum auf­span­nen lassen.

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