Sezession
8. April 2015

Frank Lissons Denken (2): Homo Creator

Gastbeitrag / 2 Kommentare

Frank Lisson_Homo CreatorVor wenigen Wochen erschien der dritte Teil der Homines-Trilogie (3 Bde., Vorteilspreis 55 €, hier einsehen) des Kulturphilosophen Frank Lisson. Wir veröffentlichen im folgenden den zweiten Abschnitt einer dreiteiligen Serie (Teil 1), in dem sich Gastautor Johannes Konstantin Poensgen mit dem zweiten Band, dem Homo Creator, auseinandersetzt:

Die Wahrheiten, die Lisson für besonders ergründenswert hält, sind von ihm vor allem im „Homo Creator“ ausgeführt. Wie funktioniert der Mensch, dieses Wesen, dass als einziges auf diesem Planeten Bewusstsein hat?

Wie geht er mit dieser Gabe um, die ein merkwürdiger Zufall der Evolution ist, da das biologische Leben sie keineswegs braucht?

Solche Fragen führen ihn, wie wir sehen werden, auf das Gebiet des Politischen zurück. Denn Lissons Antwort auf diese Fragen ist Technik. Auch die Überzeugungen, die Menschen sich erschaffen um es mit ihrem Bewusstsein in der Welt auszuhalten, gehören für Lisson zum Gebiet der Technik.

Sie sind Techniken des Geistes und der Gesellschaft. Zu einem guten Teil sind es Techniken das Bewusstsein von gefährlichen Fragen abzuhalten. Darum will auch keine Sozietät und keine Tendenz die Wahrheit über das Funktionieren des Menschen hören. Sie selbst und ihre Angehörigen könnten dann nicht mehr funktionieren. Die Freiheit, die Lisson sucht, ist die Möglichkeit, solche Fragen stellen zu können.

Um die Möglichkeiten zu dieser Freiheit in einer Zeit ausloten zu können, bedarf es der Erkenntnis der kulturmorphologischen Lage. Denn sie hängen von der Natur der einzelnen Tendenzen und ihrer Lage zueinander ab. So sind „monotheistische“ Tendenzen wesentlich intoleranter als „polytheistische“. Kämpfen mehrere Tendenzen um die Vorherrschaft, ist die Gedankenfreiheit größer, als wenn eine Tendenz unangefochten herrscht. Auch das Lebensstadium der herrschenden Tendenzen spielt eine Rolle. Löst sich eine Tendenz auf, wie seit dem 18. Jahrhundert das Christentum, so entstehen gedankliche Freiräume. Verfestigt sich eine Tendenz, nehmen diese Freiräume ab.

Lisson stellt unserer Zeit kein gutes Zeugnis und eine noch schlechtere Prognose aus. Durch den Zerfall des Christentums seien in Europa gut zwei Jahrhunderte relativ freien Denkens möglich gewesen. Aus den ideologischen Kämpfen dieser Zeit sei jedoch die „Sozial-Demokratie“ mittlerweile als Sieger hervorgegangen. Sozial-Demokratie nennt Lisson die heute im Westen vorherrschenden Anschauungen: Einen zunehmend radikaleren Egalitarismus, zusammen mit dem Anspruch auf materielle Abgesichertheit. Lisson folgt Nietzsche, diese Tendenz als Säkularisationsform des Christentums aufzufassen.


 Gastbeitrag

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Kommentare (2)

Rosenkranz
10. April 2015 13:00

Ein bloßes Durchlesen der Trilogie reicht nicht aus. Ich finde das Werk ist ein intensiveres Studium wert. Teilweise kann man über eine Sequenz schon stundenlang nachdenken.

Auch muß man sich immer wieder selbst fragen: Wie sehr bin ich zu einem Zivilisationsäffchen geworden? Wie stark beeinflußt mich die Welt um mich herum? Auch ich wurde in der Schule im Sinne der vorherrschenden Ideologie des Staates erzogen und geprägt. Diese Konditionierung sitzt tief. Betrachtet man aber z.B. die Schule als einen Ort, um die Wirtschaft mit Arbeitssklaven zu versorgen und um demokratisch erzogener Staatsbürger zu sein, hat man bereits die ersten geistigen Fesseln gesprengt. Und dann geht es weiter und weiter....

Die Auseinandersetzung mit dem eigenen Selbst ist wohl der schwierigste Kampf, den man führen kann. Mit der Tendenz zu schwimmen hat viele Vorteile, bis die Tendenz durch eine andere abgelöst wird und man sich entscheiden muß - anpassen oder Nachteile akzeptieren.

Also, nehmen wir es sportlich und genießen ein wenig stolz die geistige Einsamkeit.

Simon Kollöffel
12. April 2015 19:24

Mutig vom Verlag, diesen Titel in's eigene Programm aufgenommen zu haben und mit der Rezension Poensgen obendrein auch noch den Finger in die Wunde legen zu lassen. Sagt der Rezensent doch in aller Ruhe, daß die Masse der Menschen im allgemeinen an jede Lüge glaubt, die ihr von Nutzen scheint (Unter dem Nützlichkeitsgesichtspunkt ist die Wahrheit immerhin auch gelegentlich gefragt). Marx hat genau hierfür die Bezeichnung "Ideologie" gebraucht,- also um ein durchschnittliches gesellschaftliches Bewußtsein zu bezeichnen, das "notwendig falsch" ist.

Mutig einzubekennen, daß die politische Seite der Verlagsarbeit nüchtern betrachtet - diesmal von der Seite der conditio humana aus - sehr wahrscheinlich scheitern wird. Georges Sorel hat hierzu bereits den einzigen Ausweg genannt, der versucht werden kann.

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