Frank Lissons Denken (2): Homo Creator

Vor wenigen Wochen erschien der dritte Teil der Homines-Trilogie (3 Bde., Vorteilspreis 55 €, hier einsehen) des Kulturphilosophen Frank Lisson. Wir veröffentlichen im folgenden den zweiten Abschnitt einer dreiteiligen Serie (Teil 1), in dem sich Gastautor Johannes Konstantin Poensgen mit dem zweiten Band, dem Homo Creator, auseinandersetzt:

 Gastbeitrag

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Die Wahr­hei­ten, die Lis­son für beson­ders ergrün­dens­wert hält, sind von ihm vor allem im „Homo Creator“ aus­ge­führt. Wie funk­tio­niert der Mensch, die­ses Wesen, dass als ein­zi­ges auf die­sem Pla­ne­ten Bewusst­sein hat?

Wie geht er mit die­ser Gabe um, die ein merk­wür­di­ger Zufall der Evo­lu­ti­on ist, da das bio­lo­gi­sche Leben sie kei­nes­wegs braucht?

Sol­che Fra­gen füh­ren ihn, wie wir sehen wer­den, auf das Gebiet des Poli­ti­schen zurück. Denn Lis­sons Ant­wort auf die­se Fra­gen ist Tech­nik. Auch die Über­zeu­gun­gen, die Men­schen sich erschaf­fen um es mit ihrem Bewusst­sein in der Welt aus­zu­hal­ten, gehö­ren für Lis­son zum Gebiet der Technik.

Sie sind Tech­ni­ken des Geis­tes und der Gesell­schaft. Zu einem guten Teil sind es Tech­ni­ken das Bewusst­sein von gefähr­li­chen Fra­gen abzu­hal­ten. Dar­um will auch kei­ne Sozie­tät und kei­ne Ten­denz die Wahr­heit über das Funk­tio­nie­ren des Men­schen hören. Sie selbst und ihre Ange­hö­ri­gen könn­ten dann nicht mehr funk­tio­nie­ren. Die Frei­heit, die Lis­son sucht, ist die Mög­lich­keit, sol­che Fra­gen stel­len zu können.

Um die Mög­lich­kei­ten zu die­ser Frei­heit in einer Zeit aus­lo­ten zu kön­nen, bedarf es der Erkennt­nis der kul­tur­mor­pho­lo­gi­schen Lage. Denn sie hän­gen von der Natur der ein­zel­nen Ten­den­zen und ihrer Lage zuein­an­der ab. So sind „mono­the­is­ti­sche“ Ten­den­zen wesent­lich into­le­ran­ter als „poly­the­is­ti­sche“. Kämp­fen meh­re­re Ten­den­zen um die Vor­herr­schaft, ist die Gedan­ken­frei­heit grö­ßer, als wenn eine Ten­denz unan­ge­foch­ten herrscht. Auch das Lebens­sta­di­um der herr­schen­den Ten­den­zen spielt eine Rol­le. Löst sich eine Ten­denz auf, wie seit dem 18. Jahr­hun­dert das Chris­ten­tum, so ent­ste­hen gedank­li­che Frei­räu­me. Ver­fes­tigt sich eine Ten­denz, neh­men die­se Frei­räu­me ab.

Lis­son stellt unse­rer Zeit kein gutes Zeug­nis und eine noch schlech­te­re Pro­gno­se aus. Durch den Zer­fall des Chris­ten­tums sei­en in Euro­pa gut zwei Jahr­hun­der­te rela­tiv frei­en Den­kens mög­lich gewe­sen. Aus den ideo­lo­gi­schen Kämp­fen die­ser Zeit sei jedoch die „Sozi­al-Demo­kra­tie“ mitt­ler­wei­le als Sie­ger her­vor­ge­gan­gen. Sozi­al-Demo­kra­tie nennt Lis­son die heu­te im Wes­ten vor­herr­schen­den Anschau­un­gen: Einen zuneh­mend radi­ka­le­ren Ega­li­ta­ris­mus, zusam­men mit dem Anspruch auf mate­ri­el­le Abge­si­chertheit. Lis­son folgt Nietz­sche, die­se Ten­denz als Säku­la­ri­sa­ti­ons­form des Chris­ten­tums aufzufassen.

Ihr Gül­tig­keits­an­spruch ist all­um­fas­send und ubi­qui­tär. Zudem sei die­se Ten­denz dabei sich zu ver­fes­ti­gen. Inner­halb der nächs­ten Jahr­zehn­te und Jahr­hun­der­te wer­de es den Men­schen des­halb zuneh­mend schwe­rer fal­len an ihren Dog­men zu zwei­feln. Auf die sel­be Wei­se war schließ­lich in Euro­pa zwi­schen dem 9. und dem 17. Jahr­hun­dert Zwei­fel am Chris­ten­tum buch­stäb­lich undenk­bar.

War­um ent­fal­te­ten die­se bei­den Ten­den­zen, das Chris­ten­tum und die Sozi­al-Demo­kra­tie eine solch immense Anzie­hungs­kraft? Lis­sons Ant­wort ist, dass sie dem mensch­li­chen Leben in beson­de­rer Wei­se ent­ge­gen­kom­men. Denn so sehr Lis­son am Ide­al des frei­en Den­kens liegt, er weiß auch, dass die­ses Ide­al für das Leben kei­ne Rol­le spielt, ja ihm sogar schäd­lich ist. Frei­es Den­ken ist dem Men­schen zwar aus einer Lau­ne der Natur her­aus mög­lich, aber es ist evo­lu­tio­när kein vor­teil­haf­tes Ver­hal­ten. Denn ein­mal braucht der Mensch zum Über­le­ben die Gemein­schaft ande­rer Men­schen. Und jede Sozie­tät ist auf inne­re Kon­for­mi­tät ange­wie­sen. Sie braucht einen Kon­sens, der von den Mit­glie­dern nicht grund­sätz­lich in Fra­ge gestellt wird.

Das freie Den­ken wider­spricht der Tech­nik des gesell­schaft­li­chen und vor allem des poli­ti­schen Zusam­men­le­bens. Zum ande­ren, ist das Den­ken selbst dem Leben feind­lich. Das Grü­beln über die Grund­fra­gen der mensch­li­chen Exis­tenz (Was bin Ich? Wie kommt es das Ich bin? Wie kommt es das „Welt“ ist? Woher kommt das Böse? etc.) macht für das prak­ti­sche Leben untaug­lich. Das Den­ken steht dem Leben feind­lich gegen­über. Wir erin­nern uns, dass die Ten­denz das Werk eines bio­lo­gi­schen Impul­ses ist, der die Indi­vi­du­en an die Grup­pe bin­det. Daher ist Lis­son im höchs­ten Maße kon­se­quent, wenn er sein Ide­al einen Fehl­läu­fer der Natur nennt.

Chris­ten­tum und Sozi­al-Demo­kra­tie stel­len nun star­ke Glau­bens­sät­ze – „Gott“ oder „Gleich­heit – in die Welt, mit denen eine Sozie­tät geord­net wer­den kann. Zudem, und dass macht ihre Anzie­hungs­kraft für den Ein­zel­nen aus, ent­las­ten sie das Gewis­sen. Durch den Teu­fel oder sein sozi­al-demo­kra­ti­sches Äqui­va­lent, die sozia­len Ver­hält­nis­se, wird dem Men­schen die Ver­ant­wor­tung für sein Fehl­ver­hal­ten abgenommen.

Fer­ner ver­hei­ßen bei­de Ten­den­zen ihren Anhän­gern eine grund­sätz­li­che mora­li­sche Über­le­gen­heit über den Nicht­an­hän­ger, den „Hei­den“ oder den „Faschis­ten“. Der­ar­tig auf­ge­bau­te Ten­den­zen sind des­halb, anders als etwa das huma­nis­ti­sche Ide­al von der frei­en Ent­wick­lung der Per­sön­lich­keit, dazu geeig­net, über lan­ge his­to­ri­sche Zeit­räu­me das Den­ken der ihnen Unter­wor­fe­nen umfas­send zu beherrschen.

Frank Lis­son: Homo Creator. Das Wesen der Tech­nik, Schnell­ro­da: Antai­os 2015. 297 S., 22 €, hier bestel­len

Die Homi­nes-Tri­lo­gie kann hier für 55 € statt 66 € (bei Ein­zel­kauf) bestellt werden.

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Kommentare (2)

Rosenkranz

10. April 2015 13:00

Ein bloßes Durchlesen der Trilogie reicht nicht aus. Ich finde das Werk ist ein intensiveres Studium wert. Teilweise kann man über eine Sequenz schon stundenlang nachdenken.

Auch muß man sich immer wieder selbst fragen: Wie sehr bin ich zu einem Zivilisationsäffchen geworden? Wie stark beeinflußt mich die Welt um mich herum? Auch ich wurde in der Schule im Sinne der vorherrschenden Ideologie des Staates erzogen und geprägt. Diese Konditionierung sitzt tief. Betrachtet man aber z.B. die Schule als einen Ort, um die Wirtschaft mit Arbeitssklaven zu versorgen und um demokratisch erzogener Staatsbürger zu sein, hat man bereits die ersten geistigen Fesseln gesprengt. Und dann geht es weiter und weiter....

Die Auseinandersetzung mit dem eigenen Selbst ist wohl der schwierigste Kampf, den man führen kann. Mit der Tendenz zu schwimmen hat viele Vorteile, bis die Tendenz durch eine andere abgelöst wird und man sich entscheiden muß - anpassen oder Nachteile akzeptieren.

Also, nehmen wir es sportlich und genießen ein wenig stolz die geistige Einsamkeit.

Simon Kollöffel

12. April 2015 19:24

Mutig vom Verlag, diesen Titel in's eigene Programm aufgenommen zu haben und mit der Rezension Poensgen obendrein auch noch den Finger in die Wunde legen zu lassen. Sagt der Rezensent doch in aller Ruhe, daß die Masse der Menschen im allgemeinen an jede Lüge glaubt, die ihr von Nutzen scheint (Unter dem Nützlichkeitsgesichtspunkt ist die Wahrheit immerhin auch gelegentlich gefragt). Marx hat genau hierfür die Bezeichnung "Ideologie" gebraucht,- also um ein durchschnittliches gesellschaftliches Bewußtsein zu bezeichnen, das "notwendig falsch" ist.

Mutig einzubekennen, daß die politische Seite der Verlagsarbeit nüchtern betrachtet - diesmal von der Seite der conditio humana aus - sehr wahrscheinlich scheitern wird. Georges Sorel hat hierzu bereits den einzigen Ausweg genannt, der versucht werden kann.

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