Sezession
10. April 2015

Frank Lissons Denken (3): Homo Absolutus

Gastbeitrag / 5 Kommentare

Frank Lisson_Homo AbsolutusVor wenigen Wochen erschien der dritte Teil der Homines-Trilogie (3 Bde., Vorteilspreis 55 €, hier einsehen) des Kulturphilosophen Frank Lisson. Wir veröffentlichen im folgenden den zweiten Abschnitt einer dreiteiligen Serie (Teil 1, Teil 2), in dem sich unser Gastautor Johannes Konstantin Poensgenmit dem dritten und abschließenden Band, dem Homo Absolutus, auseinandersetzt:

Als einzige Rettung der Freiheit des Denkens, wenn auch nur punktuell auf der Ebene des Einzelnen, erscheint Lisson der „Homo Absolutus“, der vollständig losgelöste Mensch.

Ein Mensch, der sich von allen Tendenzen lossagt. Nach Lisson ist dies durch geschichtliche Bildung möglich. Indem der Homo Absolutus die verschiedenen Zustände und Tendenzen der Geschichte vergleicht, könne er sich privat für die entscheiden, die seiner genetischen Veranlagung und damit seinem ihm eigenen Denken am ehesten entsprechen. Seine Freiheit ist aber in keiner Weise politisch. Es besteht hierbei eine interessante Parallele zum evolanischen Konzept der Apolitaia, also der politischen Enthaltsamkeit aus dem Gefühl der Unzeitgemäßheit. Evola wurde jedoch apolitisch in einer Zeit, in der er für sich keine Wirkungsmöglichkeit sah. Lissons Ideal ist grundsätzlich antipolitisch aus Abscheu gegen die Mechanismen menschlichen Zusammenlebens.

Wenn es aber je einen Homo Absolutus gegeben hat, dann war das Julius Baron Evola. Solch eine Gestalt war aber nur in einer Zeit extrem freien Denkens überhaupt möglich und wirkte selbst damals oft grotesk. Er zeigt uns die Grenzen dieses Modells. Wie sollte so jemand unter restriktiveren Bedingungen möglich sein? Wie sollte unter den Bedingungen der sozial-demokratischen Zivilisation ein Mensch in der Lage sein etwas anderes zu wollen als das gegebene? Der Ausweg Lissons ist allenfalls ein verlorener Posten einzelner freier Geister während der Zeit des Übergangs.

Es drängt sich erneut die Frage auf warum ein Denker, der sein Werk ausdrücklich nicht als politisch verstanden haben will, doch beständig um politische Fragen kreist. Ist es nur weil das Politische durch seine Existenz die Freiheit des Denkers einschränkt? Mir scheint es doch noch eine tiefere Begründung zu geben. Lisson entlarvt jeden Gott und jede Metaphysik als Technik, mit deren Hilfe der Mensch sich in der Welt einrichtet und existenziellen Fragen ausweicht.

Aber wenn dem Menschen kein Gott gegenübersteht, dann bleiben dem Philosophen für seine Betrachtungen nur der Kosmos und der Mensch übrig. Der Kosmos ist ohne Metaphysik sinnlos. Es bleibt als lohnendes Beobachtungsfeld nur der Mensch. Der Mensch aber ist ein Gemeinschaftswesen. Er ist nur aus seiner Situation in der Gemeinschaft mit anderen Menschen zu verstehen. Ohne Gott und Metaphysik wird der Philosoph notwendig zum Gesellschaftswissenschaftler.

Als solcher unterscheidet Lisson leider nicht immer klar zwischen der Tendenz der Sozial-Demokratie und dem Zustand der >>Zivilisation<<. Insbesondere der „Homo Crator“ leidet unter diesem Fehler. Dabei müsste die Trennlinie scharf gezeichnet werden. Denn eine Tendenz ist Lisson ein gesellschaftspsychologisches Phänomen. Ein Zustand ist ihm die materielle Rahmenbedingung des Denkens. Konsequenterweise bestünde dann für eine Tendenz die Gefahr zu scheitern, was für einen Zustand nicht möglich wäre. Er beinhaltet im Gegensatz zur Tendenz nämlich kein Ideal. Ein Zustand könnte lediglich von einem anderen Zustand abgelöst werden.

Die Sozial-Demokratie als Haupttendenz unserer Zeit hat sich, zumindest im Westen, spätestens seit 1945 zunehmend verfestigt. Muss sie aber die Tendenz der Zukunft sein? Ich will hier nicht die Lehre von der prinzipiellen Offenheit der Geschichte, dieses Trostbonbon der von der Geschichte überrollten, vertreten. Dennoch sollte man vorsichtig sein, die letzten siebzig Jahre mit dem Aufstieg des Christentums zu vergleichen. Das Christentum hat, was immer es sonst war, seine Gemeinschaften gestärkt. Mit dem immer wildere Auswüchse zeigenden Egalitarismus der Sozial-Demokratie ist hingegen buchstäblich kein Staat zu machen.

An dieser Stelle offenbart sich eine große Schwäche Lissons: Er überträgt die Frage nach der Funktionalität nicht vom Einzelnen auf die Tendenz. Seine Trilogie ist eine brillante Analyse der Zwänge und Korrumpierungen des Menschen durch seine Umwelt und die eigene Natur. Für eine Geschichtsprognostik – und diesen Anspruch erhebt das Werk ja auch – reicht das nicht aus.

Frank Lisson: Homo Absolutus. Nach den Kulturen, Schnellroda: Antaios 2015 (überarbeitete Neuauflage). 558 S., 22 €, hier bestellen

Die Homines-Trilogie kann hier für 55 € statt 66 € (bei Einzelkauf) bestellt werden.


 Gastbeitrag

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Kommentare (5)

Ein Fremder aus Elea
11. April 2015 15:49

Also ich würde nicht apodiktisch behaupten, jemand, der in der Sozialdemokratie groß wurde, könne nichts anderes wollen, als was sie ihm gibt. Eine solche Behauptung ist, denke ich, zuviel der Ehr.

Allgemeiner würde ich nicht sagen wollen, daß ein Mensch vollständig durch sein Umfeld bestimmt wird, wiewohl es stimmen mag, wenn man die Geschichte der letzten 100 000 Jahre mit in dieses Umfeld einbezieht.

An der Situation des Menschen, der Welt gegenüberzustehen und etwas aus ihr und in ihr machen zu müssen, ändert sich ja nichts, ob es Gott nun gibt oder nicht.

Der Unterschied betrifft doch nur den Glauben, welchen man dbzgl. gewinnt. Wenn es einen Gott gibt, kann er etwas gegen den eigenen Glauben haben oder ihn auch unterstützen. Gibt es ihn hingegen nicht, so ist Glaube eine rein subjektive Notwendigkeit aus der Psychopathologie des Menschen heraus, also sich etwas ganz fest einreden zu müssen, um sich mit einiger emotionaler Stabilität durch's Leben bewegen zu können.

Und dieser Unterschied kann einem so lange egal sein, wie man nicht auf Fragen des dem Menschen Verbotenen und Gebotenen zu sprechen kommt.

Ich würde sagen, die Sozialdemokratie betrifft das gerade nicht. Weder ist sie verboten, noch geboten. Sie ist eine profane freie Entscheidung, in welcher sich freilich zuvörderst der Widerwille, sich für oder gegen irgendwas zu entscheiden, ausdrückt.

Aber eine derart unentschlossene Phase dauert nie an.

Hermann Karst
12. April 2015 18:14

Außer den drei Besprechungen von Poensgen habe ich in der neuen Sezession die den Sinngehalt aller drei Homines-Bände zusammenfassende Darstellung von Frank Lisson gelesen: „Behaust im Zustand der Zivilisation“. Lissons Denkgebäude, soweit erkennbar, mag originär und originell sein, der Ausgangspunkt seines Denkens hingegen kam mir sehr bekannt vor: Die materielle Welt ist wie sie ist - es steckt nichts dahinter. Nihil.

Bevor ich über diesen verwegenen Gedanken ernsthaft ins Trudeln geriet, las ich die Entgegnung von Martin Lichtmesz, die sich an Lissons Aufsatz unmittelbar anschließt. Da ging’s mir doch gleich besser… Wie so oft: er sprach mir aus dem Herzen. Ich will mich hier weder zu Lisson äußern noch zu Lichtmesz, das würde viel zu lang. Nur eins an dieser Stelle: Nach Lisson bin ich zweifelsfrei ein dummer Hund. Lichtmesz ebenfalls, wie so viele andere (außer Lisson). Lichtmesz überschreibt seine Entgegnung sogar mit „Auch ich: ein Hund!“ Offenbar will er kein Homo Absolutus werden, sondern auch künftighin ein Hund bleiben und weiterhin den Mond anheulen. Da schließe ich mich gern an.

Wer mit diesen Hunde-Ausführungen nicht viel anfangen kann, der lese die beiden Aufsätze in der neuen Sezession.

Johannes Konstantin Poensgen
13. April 2015 12:54

Ad Ein Fremder aus Elea

Wenn Lisson mit seiner Prognose recht haben sollte und der
Sozial-Demokratie (Der Bindestrich ist eine wichtige Nuance, die alte Tante SPD ist hier letztlich überflüssig, eine Namenspatronin an die sich dieser von Lisson geschaffene Neologismus durch die Schreibweise sowohl anlehnt, als auch abgrenzt.) eine dem Christentum vergleichbare Karriere bevorsteht (meine Zweifel hieran habe ich dargelegt), dann wird jede auch nur halbgrundsätzliche Kritik an ihr bald auch für überlegene Geister äußerst schwierig sein.

Lisson bringt hier das Beispiel Leibnitz'. Dieser, ein hochbegabter Mensch, gründete sein philosophisches Gedankengebäude auf den kindischen Satz: Gott ist als Architekt und Monarch der zureichende Grund aller Dinge.
"Aus diesem Axiom läßt sich nun spielend leicht alles Weitere erschließen, denn er begründet eine Welt, die genauso gemacht ist, wie der Mensch sie machen würde, wenn er Gott wäre."
Gott sei vollkommen, gerecht, etc. Leibniz bastelt völlig offensichtlich seinen Gott nach menschlichen Bedürfnissen. Ein durchaus großer Denker, befriedigt das Bedürfniss der Menschen nach "die Welt so zu begründen, daß er sich darin wohlfühlt", im Einklang mit der damals immer noch starken Tendenz des Christentums.

Und gehen sie von Leibniz tausend Jahre zurück. Wie viele Kritiker des Christentums finden sie in Europa? Ist dies nur durch die Drohung mit dem Scheiterhaufen erreicht worden? Wenn sie sich diese Frage beantwortet haben, dann wissen sie was Herrschaft über Seelen seien kann.

Ad Hermann Karst

Bei aller Wertschätzung Lichtmesz', ich denke dass er hier einmal das Thema verfehlt hat.
Lisson hat nichts dagegen, den Mond romantisch, erhaben oder sonst ws zu finden.

Die Erkenntnis, dass dieses Empfindenkönnen des Menschen eine kosmische Koinzidenz ist, ist heute eine Frage der intelektuellen Redlichkeit. Auch wenn es einen Gott gibt und dieser Gott der Schöpfer des Universums ist, schuf er wohl kaum 13,5 Milliarden Jahren lang 50 Milliarden Galaxien um des Menschen willen. Wenn wir das Zentrum der Aufmerksamkeit Gottes wären, so müsste das Geozentrische, zum wenigsten das Heliozentische Weltbild, 5000 Jahre alt, der letzte Schluss der Kosmologie sein.

Was Lisson aber umtreibt ist die Frage: Warum findet dieser oder jener den Mond romantisch, erhaben etc.

Und anhand der Reaktionen stelle ich mir die Frage: Warum haben Genießer des Romantischen oder Erhabenen eigentlich so ein Problem mit der Erklärung dieser seelischen Phänomene? Ihre Erfahrung wird doch nicht weniger wirklich. Reizen sie einfach Dunkel und Zwielicht?
Warum schmälert die neurologische Erkenntnis nach Meinung Lichtmesz' die Johannespassion? Wer von einem Kunstwerk ergriffen ist fragt sich doch woher das kommt. Darf diese Frage nur durch Mystifikationen beantwortet werden? Verschwände denn die Seele, wenn man sie in einem Muster aus Nervenimpulsen und Hormonen fände? Hat nicht die DNS, der Code alles lebendigen auf diesem Planeten, ein größeres Anrecht die Sprache Gottes geannnt zu werden, als Latein, Hebräisch und Sanskrit zusammen?

Kurz wird dieser Kampf tatsächlich um die Seele geführt? Oder geht es vielmehr um eine romantisierende Sehnsucht nach der Seele, die den Blick auf den Gegenstand iherer Sehnsucht nur durch trübe Nebelschwaden erträgt?

Hermann Karst
15. April 2015 11:59

@ Poensgen

Danke für den Vermittlungsversuch, wenn ich das so nennen darf. Mir ging's nicht um den ganzen Lisson, dessen Werk ich nicht kenne (übrigens: ich werde die drei Bände lesen - ich bin ja doch neugierig geworden; auch durch Sie).

Mir ging's in meiner Einlassung vor allem um Lissons "Hund", den ich aufgespießt habe (was natürlich ein ganz und gar schiefes Bild ist). Zu diesem Hundeaufspießen brauchte ich aber nun nicht den gesamten Lisson. Das Hunde-Urteil steht ja doch in seinem Text, den die letzte Sezession veröffentlicht hat.

Ich habe in meinem Kommentar en passant einen grundsätzlichen Dissens angerissen: Die Basis von Lissons Denken ist eine materialistische - wenn ich's richtig sehe. Und ich sehe es sicherlich richtig, denn sonst hätten Sie das mit Gewißheit als Irrtum oder Mißverständnis angemerkt. Ich aber, ich sehe und beurteile die Wirklichkeit völlig anders als Lisson (Sie wissen, wie ich's meine).

Bei einem solchen Grunddissens ist alles Argumentieren, das diesen ausspart, sinnlos. Nur bei diesem könnte man ansetzen. Aber dazu gibt es bereits dicke Bücher in Fülle, kein Thema also, das man in diesem Kommentarstrang sinnvoll diskutieren oder gar ausdiskutieren könnte.

Ich bleibe dabei: Ein Homo Absolutus zu werden, das liegt mir fern. Vielleicht ändert sich das ja, wenn ich Lissons 3. Band gelesen habe? Ich vermute allerdings ganz stark, daß ich danach zwar an Wissen, an originellen Gedankengängen und Sichtweisen bereichert bin, gleichwohl aber derselbe Hund bleiben werde, der ich bin.

Czernitz
18. April 2015 06:06

Es steht mancherlei Unfug in dieser Rezension, zum Beispiel folgender:

"Ohne Gott und Metaphysik wird der Philosoph notwendig zum Gesellschaftschaftswissenschaftler"

Gott und Metaphysik sind nicht das gleiche. Im übrigen ist der Philosoph, der einen Gott zur Prämisse und nicht zum Gegenstand seines Denkens macht, wie zum Beispiel Jaspers, bestenfalls ein Scholastiker, meist aber nur ein Fossil unter altem Detritus der kulturellen Sedimentation.

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