Gender ohne Ende

pdf der Druckfassung aus Sezession 17/April 2007

sez_nr_175Es würde die Sache nett aufmischen, wenn sich unsere Gender-Apologeten gelegentlich an ihrem - uneingestandenen - Urvater Otto Weininger (1880-1903) orientierten. In seinem Mammutwerk Geschlecht und Charakter ging der kurz vor seinem Freitod zum Protestantismus konvertierte Wiener Jude davon aus, daß es unzählige sexuelle Zwischenstufen gäbe. „M" und „W", wie er die Idealformen der Geschlechter klassifizierte, fänden sich im einzelnen Menschen niemals in reiner Ausprägung. Das Problem mit gerade dieser These einer allfälligen wesensmäßigen Bisexualität dürfte für heutige Gender-Denker in Weiningers deutlicher Misogynie begründet sein. Etliche seiner zahlreichen Anhänger (von Alfred Kubin bis zum ausgewiesenen Frauenfreund Karl Kraus) haben versucht, dies schönzureden. Erfolglos: Weininger verachtete das Weibliche.

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.


Es gilt fest­zu­hal­ten, daß zumin­dest für unse­re Brei­ten – wobei der grei­se Psy­cho­ana­ly­ti­ker Horst-Eber­hard Rich­ter dar­in längst ein glo­ba­les Phä­no­men sieht – die Kri­se der Geschlech­ter die Kri­se schlecht­hin ist. Der aus­ufern­de und buch­stäb­lich boden­lo­se Gen­der­dis­kurs kennt viel­fäl­ti­ge Impli­ka­tio­nen. Der Bogen, der sich hier auf­spannt, reicht von grund­sätz­li­cher Iden­ti­täts­pro­ble­ma­tik, über Sexu­al- und Gebär­ver­hal­ten, Arbeits­markt­po­li­tik bis hin zur Ent­wer­tung der hei­mi­schen Sphä­re. Letz­te­re weist ja über Erzie­hungs­fra­gen weit hin­aus (über ver­lo­ren­ge­gan­ge­ne Koch­küns­te und ande­re zum däm­li­chen Kli­schee­bild degra­dier­te Haus­frau­en­fer­tig­kei­ten sowie­so) und selbst in die Eigen­tums­fra­ge hin­ein: Wem Schol­le und Herd – Begrif­fe, die ohne Anfüh­rungs­zei­chen heu­te fast scham­los nackt wir­ken – nichts mehr gel­ten, wer auf Nach­wuchs (oder des­sen Erzie­hung) ver­zich­tet, fin­det das, was er sein Eigen nen­nen darf, nur mehr in der Welt der mobi­len und flüch­ti­gen Din­ge. Ein wei­tes Feld, das noch drin­gend mit Klug­heit beackert wer­den soll­te. Vor­sicht ist hier gebo­ten, sind doch Blut und Boden ver­brann­te Begriffe.
All jene Nich­tig­kei­ten, die durch die popu­lä­re „Frau­en sind anders, Män­ner auch”-Literatur her­vor­ge­ho­ben wer­den (vom Spiel­ver­hal­ten bis zur Ein­park­pro­ble­ma­tik), ver­schlei­ern die tat­säch­li­che Bedeu­tung des­sen, was uns heu­te als bloß ange­lern­tes „Rol­len­ver­hal­ten” ver­kauft wird und in Wahr­heit den grund­le­gends­ten Mensch­heits­un­ter­schied markiert.

Dabei scheint der Gen­de­ris­mus bei wei­tem (noch) nicht main­stream, son­dern eine Art Eli­ten­phä­no­men zu sein. Den man­nig­fal­ti­gen Ver­laut­ba­run­gen von Ämtern, Gewerk­schaf­ten und Lehr­stüh­len sowie den unge­zähl­ten Neu­erschei­nun­gen wis­sen­schaft­li­cher Fach­ver­la­ge über diver­se mar­gi­na­le Impli­ka­tio­nen des gen­der main­strea­ming (die ein­mal mehr Kopf­schüt­teln erzeu­gen dar­über, in wel­che rand­stän­di­ge und mil­lio­nen­fach unge­le­se­ne Fra­ge­stel­lun­gen zig jun­ge Wis­sen­schaft­le­rin­nen ganz rea­le Lebens­zeit inves­tie­ren) steht eine Viel­zahl an gera­de ent­ge­gen­ge­setz­ten Mei­nungs­äu­ße­run­gen gegen­über. Gera­de aus „Vol­kes Mund”: Dazu muß man ein­mal die Dis­kus­si­ons­bei­trä­ge in Eva Her­mans Netz­ta­ge­buch (in der deut­li­chen Mehr­zahl zustim­mend) mit denen in Ali­ce Schwar­zers blog (über­wie­gend kri­tisch) vergleichen.
Dank für ihre Sua­da gegen die Kar­rie­re­frau hät­ten gera­de eini­ge ihrer schärfs­ten Kri­ti­ker an Frau Her­man zu rich­ten. Immer­hin darf das Eva-Prin­zip, als Geg­ner­schaft ver­stan­den, in unge­zähl­ten Fäl­len nun, mar­ke­ting­tech­nisch gewitzt, als Unter­ti­tel für gedruck­te „eige­ne Mei­nun­gen” die­nen. Eini­ge dar­un­ter sind der Erwäh­nung kaum wert und müs­sen nun irgend­wie ent­sorgt wer­den. Daß in unse­rem Haus­halt kei­ne Bücher mehr ver­brannt wer­den, liegt nicht an der Ein­sicht in die Despek­tier­lich­keit sol­chen Vor­gangs, son­dern an der glaub­wür­di­gen Aus­sa­ge des Kamin­fe­gers, der Heiz­wert sei gering, die ent­ste­hen­den Ruß­ab­la­ge­run­gen aber beträcht­lich. Daher kom­men Bücher bestimm­ter Kate­go­rien nicht mehr auf dem Kamin­holz zu lie­gen, son­dern gel­ten als Sau­na­lek­tü­re. Nach zwei Sau­na­durch­gän­gen ver­sagt die Leim­bin­dung, zeit­gleich ist der Inhalt erfaßt, her­nach steht die Alt­pa­pier­ton­ne bereit. Als Kate­go­rie gilt hier kei­ne geis­ti­ge – wo leben wir denn! -, son­dern eine gewis­ser­ma­ßen anti­ma­te­ria­lis­ti­sche Auf­fas­sung: Wozu blo­ße Buch­sta­ben hor­ten, war­um Regal­me­ter ver­geu­den für Schrift­tum, das kei­nes­falls Geist, nicht ein­mal Ungeist ist, an dem man sich ent­zün­den könn­te. Es ist ein­fach nichts, gar nichts. In der Kli­ma­de­bat­te, neben­bei, müß­te end­lich auch die Ver­mei­dung von sol­chem res­sour­cen­auf­wen­di­gen Gedan­ken­müll ihren Platz finden.
Eines die­ser Pro­duk­te – Trak­tat wäre deut­lich zuviel gesagt – stellt Dési­rée Nicks Eva go home dar. Man darf die auf­ge­blon­de­te RTL-Schlamm­kö­ni­gin zitie­ren und das Zitier­te (ursprüng­lich gegen Her­man gerich­tet) gegen sie selbst wen­den: „Über den Inhalt des Buches weiß man Bescheid, ohne es gele­sen zu haben. Auf­merk­sam­keit zu bekom­men oder gar Bücher zu ver­kau­fen sagt abso­lut gar nichts über die Qua­li­tät von Paro­len aus. Auf­merk­sam­keit wird jedem Unsinn zuteil, wenn er nur kata­stro­phal genug ist. Und Inter­es­se fin­det man dank unse­rer media­len Ver­net­zun­gen für jeg­li­che Art von Abnor­mi­tät.” Nick ist sechs­und­vier­zig, war einst Leh­re­rin für katho­li­sche Reli­gi­on und reüs­siert seit Jah­ren mit Kaba­rett­pro­gam­men wie „Hän­ge­tit­ten delu­xe”. Ihr viel­be­wor­be­ner Rund­um­schlag gegen das Her­man-Buch (O‑Ton: „Eva H. dis­kri­mi­niert die Eman­zi­pa­ti­on”) soll wit­zig und ful­mi­nant sein, ver­siegt aber erwart­bar in aber­wit­zi­gem Gequat­sche à la „Mädels, laßt euch nicht ver­ar­schen!” und „Drum laßt uns Frau­en wei­ter­ge­hen – Brust­war­zen gegen den Wind.”

Alt­pa­pier, zwei­tens: das von „Herr­mann Evers” (wie ein­falls­reich!) wohl bin­nen eines bier­se­li­gen Abends hin­ge­su­del­te Super Eva! Män­ner sagen Dan­ke für eine neue Däm­lich­keit. Das Wit­zig­keits­ni­veau länd­li­cher Haupt­schul­par­ties dürf­te höher sein als die fik­ti­ven Por­träts der angeb­lich eva­kom­pa­ti­blen neu­en Män­ner, die Evers hier bemüht lau­nig in ihren „ange­stamm­ten Ter­ri­to­ri­en” vor­stellt: im Puff natür­lich, im Fit­neß-Stu­dio, in der Knei­pe. Ein­zi­ge Fra­ge, die offen­bleibt: Wie kann ein Autor, wie ein Ver­lag so etwas nötig haben? Wei­nin­ger wür­de sagen, Geschwät­zig­keit – hier gar inhalts­lo­se – sei eine Kate­go­rie der Weib­lich­keit. Das gilt auch, zwar um etli­che Niveaus höher zu ver­an­la­gen, für den Rede- und Schreib­drang, der den Suhr­kamp-Haus­au­tor, Radio-DJ und viel­ge­frag­ten Podi­ums­dis­ku­tie­rer Tho­mas Mein­ecke antreibt.
Man darf sich ernst­haft fra­gen, womit sich Mein­ecke sei­nen Ruhm ver­dient hat. Der harm­los-behä­big wir­ken­de zwei­und­fünf­zig­jäh­ri­ge Ham­bur­ger punk­tet mit sei­nen dekon­struk­ti­vis­ti­schen Kol­la­gen zu The­men der Pop-Sphä­re als Jeder­manns­lieb­ling in der Medi­en­welt. Sei­ne jüngs­te Text­samm­lung zur Gen­der­the­ma­tik ist teil­wei­se eng­lisch ver­faßt, der Rest gemahnt häu­fig an halb­ga­re Über­set­zun­gen aus dem Ame­ri­ka­ni­schen, deren Über­set­zung in ein Deutsch für das Nor­mal-Gehirn not­wen­dig, aber eben auch völ­lig über­flüs­sig wäre. Mein­ecke: „Als Mae West zur Blü­te­zeit des flach­brüs­ti­gen Working Girls die kur­ven­rei­che Diva der 1890er Jah­re wie­der­ein­setz­te und zur am eige­nen Leib recy­cel­ten, resi­gni­fi­zier­ten, näm­lich auch noch um einen dem kom­ple­xen afri­ka­nisch-ame­ri­ka­ni­schen Signi­fy­ing ent­lehn­ten Jive erwei­ter­ten Dar­stel­lung brach­te, war es logisch bereits fema­le Imper­so­na­ti­on im Sinn von High camp als schrä­ger Stra­te­gie, in der Ver­gnü­gen und Kri­tik zur Deckung gelang­ten.” Es geht, meist affir­ma­tiv, habi­tu­ell mit­wis­se­risch und stets intel­lek­tua­lis­tisch gespreizt, um Klein­tie­re in pro­mi­nen­ten Män­ner­hin­tern, um apo­kry­phe Bibel­stel­len, die Jesus als Schwu­len ent­lar­ven. Mit sei­ner Vor­lie­be für die Struk­tur der Ober­flä­che, für Glit­ter und Tand lie­fert Mein­ecke geschlif­fen-hybri­den Intim-Klatsch für aka­de­misch Fort­ge­schrit­te­ne. Um im Slang des Autors zu blei­ben: trash.
Reich­lich geschwät­zig zeigt sich eben­falls die stu­dier­te Phi­lo­so­phin Thea Dorn (Chris­tia­ne Sche­rer lehn­te ihren Künst­ler­na­men an T. Ador­no an) in ihrer Stu­die über jene Anti-Evas, die sie als „Ger­ma­nys next Role­mo­dels” begreift.

Wei­nin­ger übri­gens sah Eman­zi­pa­ti­ons­be­dürf­tig­keit allein in „dem Anteil M” begrün­det, den eben jene Frau­en in sich trü­gen. Dorns Inter­views mit acht mus­ter­gül­ti­gen Kar­rie­re­frau­en wie der all­seits gefei­er­ten Mode­ra­to­rin Char­lot­te Roche (über deren Fai­ble für har­te Por­nos) und der anti­is­la­mis­ti­schen Frau­en­recht­le­rin Sey­ran Ates (über deren teils sehr pri­va­te Vor­lie­ben und Pro­ble­me) sind weit­ge­hend ohne Neu­ig­keits­wert (para­dig­ma­tisch etwa die Fra­ge an die schö­ne Minen­räu­me­rin Vera Boh­le: „Gehe ich recht in der Annah­me, daß Du schon als Mäd­chen lie­ber mit Was­ser­pis­to­len als mit Pup­pen gespielt hast?”), wenn auch unter­halt­sam zu lesen. Ver­zicht­bar dage­gen das eige­ne ins­ge­samt sech­zigsei­ti­ge Erfolgs­frau-Ent­blö­ßungs­pro­gramm, mit dem die tele­ge­ne Talk-Dame Dorn, die mit vor Män­ner­blut trie­fen­den Splat­ter­kri­mis berühmt wur­de, ihre Gesprä­che ein­rahmt. Daß sie mit sieb­zehn ent­jung­fert wur­de und seit­her „mit den wenigs­ten ein zwei­tes mal schlief” – wer will das wis­sen, und was nutzt dies der von ihr kon­sta­tier­ten „fins­te­ren Lage” der Frau­en, die bei­spiels­wei­se als Lei­te­rin­nen von Mord­kom­mis­sio­nen immer noch bekla­gens­wert unter­re­prä­sen­tiert sind? So ist es: Die neu­en Anti-Evas ver­bit­ten sich das Gejam­mer um struk­tu­rel­le Benach­tei­li­gung, um eben sol­che doch wie­der und wie­der fest­zu­stel­len. Daher kommt auch Karin Decken­bachs „fre­che und selbst­be­wuß­te” „Abrech­nung mit den Zumu­tun­gen, denen Frau­en heu­te wie­der aus­ge­setzt sind” reich­lich jäm­mer­lich daher. Unglaub­lich, daß immer noch über neun­zig Pro­zent der Ehe­frau­en den Namen des Gat­ten anneh­men! Daß es immer noch Frau­en gibt, die für ihre Kin­der den erlern­ten Beruf auf­ge­ben, obgleich „die Ver­hält­nis­se sie nicht dazu zwin­gen”! Die hier brei­t­räu­mig zitier­ten geis­tig-emo­tio­na­len Beschäf­ti­gungs­räu­me coo­ler self­made-Ladies sind beredt: Wel­che Art Sex mit wel­chem Mann groovt am meis­ten? Und was tun mit dem „sprö­den” Mann, der beim ers­ten date nicht mal knut­schen will? Ein Schelm, der hier erneut auf Wei­nin­ger zurück­greift, der für das Voll­weib nur zwei Wege bereit­hielt: den der Mut­ter oder den der Dir­ne. Dabei hat Decken­bach ihrer Kol­le­gin Her­man dop­pelt zu dan­ken: Die Eva-Vor­la­ge dient hier nicht nur dazu, um mit per­sön­li­chen Beob­ach­tun­gen und Bauch­ge­füh­len einen Gegen­trend her­bei­zu­pa­la­vern, die Autorin füllt ihr red­se­li­ges Kon­vo­lut zudem sei­ten­lang mit Aus­zü­gen aus Her­mans Buch.
Neben all dem Müll gibt es auch zwei Neu­erschei­nun­gen zum gro­ßen The­men­kreis der Geschlech­ter­rol­len, die an sich kei­ne Gemein­sam­kei­ten auf­wei­sen, sich aber in zwei Punk­ten deut­lich von den oben bespro­che­nen abhe­ben: a) kom­men sie im Titel ganz ohne Rosa-Pink und Dekol­le­té aus, b) bedeu­tet ihre Lek­tü­re unbe­ding­ten Gewinn.
Zum einen han­delt es sich um das schma­le Bänd­chen Gen­der aus der Feder des jour­na­lis­tisch begna­de­ten Vol­ker Zastrow. Die bei­den Auf­sät­ze Poli­ti­sche Geschlechts­um­wand­lung und Der klei­ne Unter­schied sind 2006 bereits in der FAZ erschie­nen. Wer mit dem femi­nis­ti­schen Dis­kurs ein wenig ver­traut ist, wird zwar kei­ne wirk­lich neu­en Erkennt­nis­se gewin­nen aus der Dar­stel­lung der Sach­la­ge des hoch­amt­li­chen gen­der main­strea­mings und der Wie­der­ga­be des bru­tal geschei­ter­ten Men­schen­ver­suchs des ame­ri­ka­ni­schen Psych­ia­ters John Money, der aus dem geni­tal ope­ra­tiv beschä­dig­ten Zwil­ling Bruce Rei­mer durch rigi­de Erzie­hungs­maß­nah­men und Hor­mon­ga­ben Bren­da Rei­mer wer­den ließ.

Gleich­wohl bringt Zastrow die Sach­la­ge detail­liert auf den Punkt; er lie­fert somit prä­gnan­te Grund­la­gen­lek­tü­re. Grund­sätz­li­ches hat eben­falls die sie­ben­und­vier­zig­jäh­ri­ge Zeit-Redak­teu­rin, Fern­seh­frau und Jury-Vor­sit­zen­de des Inge­borg-Bach­mann-Prei­ses Iris Radisch im Blick, und dies ohne aus­ge­lutsch­te Kampf­be­grif­fe wie „Raben­mut­ter” oder „Eva Her­man” im Mun­de zu füh­ren oder sich als drei­hun­dert­fünf­zigs­te Wort­mel­de­rin auf den viel­be­spiel­ten fami­li­en­po­li­ti­schen Schau­plät­zen zu tum­meln. Radisch pflegt einen Essay-Stil, wie man ihn sich wünscht. Das pri­vat grun­dier­te Mit­tei­lungs­be­dürf­nis mit all sei­nen asso­zia­ti­ven Ver­ket­tun­gen wird hier nicht von ideo­lo­gie­ver­ses­se­ner Pole­mik getra­gen, son­dern atmet die Weis­heit eines „geleb­ten Lebens”: Die sperr­an­gel­weit offe­nen Türen, die der­zeit der ver­knif­fe­ne Hau­fe der main­stream-Dop­pel­be­las­te­ten ein­rennt, mei­det Radisch. Statt­des­sen rich­tet sie den prü­fen­den Blick auf die knir­schen­den Tür­an­geln und den an den Rah­men abblät­tern­den Putz. Ihr Ein­gangs­sze­na­rio han­delt vom Mann der Stun­de, der abends aus „Vor­stands­zen­tra­le und Haupt­quar­tier” heim­kehrt. Er will sich zu sei­ner Frau „auf die Gar­ten­bank set­zen und ihren Kin­dern beim Spie­len zuschau­en. Aber sie­he da: Zu Hau­se steht die Wie­ge leer, und die Frau ist arbeiten.”
Radisch, dar­in gleicht sie ihren vol­l­eman­zi­pier­ten Kom­bat­tan­tin­nen in der Her­mans-Schlacht, ist allein ihrem Milieu und Aus­bil­dungs­grad ver­haf­tet. Die Rede ist durch­weg von aka­de­mi­schen Müt­tern; Ange­hö­ri­ge des Pre­ka­ri­ats und das Gros der aus­tausch­bar Beschäf­tig­ten blei­ben außen vor. Sol­che Schwer­punkt­set­zung hat ihr Recht, eben weil der Rol­len-Dis­kurs ein eli­tä­rer ist. Wo Thea Dorn sich gegen Kin­der ent­schied auf­grund des „Span­nungs­ver­hält­nis­ses zwi­schen ‚Moder­ne‘ und Mut­ter­schaft”, hat Radisch (bei ähn­li­chem Aus­gangs­punkt: „Mit Kin­dern kommt die Moder­ne ins Stot­tern”) eben die­sen Spa­gat voll­zo­gen. Sie schreibt als „spä­te Mut­ter” drei­er Töch­ter (ver­hei­ra­tet übri­gens mit FAZ-Redak­teur Eber­hard Rath­geb) und Voll­zeit-Kar­rie­re­frau intel­lek­tu­ells­ter Prägung.
Unse­re Gat­tung, stellt Radisch fest, habe sich „ihr Leben so ein­ge­rich­tet, daß die­ses Leben der eige­nen Fort­pflan­zung nicht mehr zuträg­lich ist. Die selbst­er­leb­ten „Ver­krüp­pe­lun­gen eines aka­de­mi­schen Lebens in den gebär­fä­higs­ten Jah­ren” („mein spe­zi­el­ler All­tag ent­sprach jah­re­lang dem eines intel­lek­tu­el­len Rent­ner­paa­res”) beschreibt sie als rea­lis­ti­schen All­ge­mein­zu­stand. Der Kampf um die Rück­kehr der gebil­de­ten Frau (die Autorin spricht von der ers­ten Genera­ti­on der „Bil­dungs­zom­bies”) an Herd und Wie­ge ist in Radischs Augen aus­ge­foch­ten, ohne aber – wie ihre Kol­le­gin­nen – einer „Schön­fär­be­rei der fami­liä­ren Libe­ra­li­sie­rungs­schä­den” das Wort zu reden. Wie aber fin­den wir in unse­rer rund­um gesät­tig­ten Wohl­fühl­welt zu Kin­dern, Glück und Lie­be? Mit der Abschaf­fung des Ehe­jochs ver­gan­ge­ner Müt­ter­ge­nera­ti­on habe die Lie­be ande­rer­seits „ihr Gehäu­se ver­lo­ren”: Nicht dem Weg der har­ten Zah­len (Gebär­quo­ten etc.) gilt Radischs Annä­he­rung, son­dern dem „wei­chen” Ter­rain der Lie­bes­kon­stel­la­tio­nen. Mit der Pro­kla­mie­rung einer „gleich­be­rech­tig­ten Part­ner­schaft als Licht­ge­stalt unter den Lie­bes­mo­del­len” tan­giert sie nur ober­fläch­lich betrach­tet alt­ba­cken-sozi­al­de­mo­kra­ti­sche Kli­schees. Unterm Strich sind wir hier näm­lich wie­der bei Wei­nin­ger, dem unsäg­li­chen, des­sen Grund­ge­setz lau­te­te: „Zur sexu­el­len Ver­ei­ni­gung trach­ten immer ein gan­zer Mann (M) und ein gan­zes Weib (W) zusam­men­zu­kom­men, wenn auch auf die zwei ver­schie­de­nen Indi­vi­du­en in jedem ein­zel­nen Fall in ver­schie­de­nem Ver­hält­nis­se ver­teilt.” Die Unfall­ra­te auf dem Eman­zi­pa­ti­ons­weg sei enorm, gesteht Radisch ein. Ihr Ver­such erscheint even­tu­ell lebens­wert, lesens­wert alle­mal. Ob er gelun­gen ist, dür­fen ihre Enkel beschreiben.

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

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