Sezession
1. April 2007

Gender ohne Ende

Ellen Kositza

Dabei scheint der Genderismus bei weitem (noch) nicht mainstream, sondern eine Art Elitenphänomen zu sein. Den mannigfaltigen Verlautbarungen von Ämtern, Gewerkschaften und Lehrstühlen sowie den ungezählten Neuerscheinungen wissenschaftlicher Fachverlage über diverse marginale Implikationen des gender mainstreaming (die einmal mehr Kopfschütteln erzeugen darüber, in welche randständige und millionenfach ungelesene Fragestellungen zig junge Wissenschaftlerinnen ganz reale Lebenszeit investieren) steht eine Vielzahl an gerade entgegengesetzten Meinungsäußerungen gegenüber. Gerade aus „Volkes Mund": Dazu muß man einmal die Diskussionsbeiträge in Eva Hermans Netztagebuch (in der deutlichen Mehrzahl zustimmend) mit denen in Alice Schwarzers blog (überwiegend kritisch) vergleichen.
Dank für ihre Suada gegen die Karrierefrau hätten gerade einige ihrer schärfsten Kritiker an Frau Herman zu richten. Immerhin darf das Eva-Prinzip, als Gegnerschaft verstanden, in ungezählten Fällen nun, marketingtechnisch gewitzt, als Untertitel für gedruckte „eigene Meinungen" dienen. Einige darunter sind der Erwähnung kaum wert und müssen nun irgendwie entsorgt werden. Daß in unserem Haushalt keine Bücher mehr verbrannt werden, liegt nicht an der Einsicht in die Despektierlichkeit solchen Vorgangs, sondern an der glaubwürdigen Aussage des Kaminfegers, der Heizwert sei gering, die entstehenden Rußablagerungen aber beträchtlich. Daher kommen Bücher bestimmter Kategorien nicht mehr auf dem Kaminholz zu liegen, sondern gelten als Saunalektüre. Nach zwei Saunadurchgängen versagt die Leimbindung, zeitgleich ist der Inhalt erfaßt, hernach steht die Altpapiertonne bereit. Als Kategorie gilt hier keine geistige - wo leben wir denn! -, sondern eine gewissermaßen antimaterialistische Auffassung: Wozu bloße Buchstaben horten, warum Regalmeter vergeuden für Schrifttum, das keinesfalls Geist, nicht einmal Ungeist ist, an dem man sich entzünden könnte. Es ist einfach nichts, gar nichts. In der Klimadebatte, nebenbei, müßte endlich auch die Vermeidung von solchem ressourcenaufwendigen Gedankenmüll ihren Platz finden.
Eines dieser Produkte - Traktat wäre deutlich zuviel gesagt - stellt Désirée Nicks Eva go home dar. Man darf die aufgeblondete RTL-Schlammkönigin zitieren und das Zitierte (ursprünglich gegen Herman gerichtet) gegen sie selbst wenden: „Über den Inhalt des Buches weiß man Bescheid, ohne es gelesen zu haben. Aufmerksamkeit zu bekommen oder gar Bücher zu verkaufen sagt absolut gar nichts über die Qualität von Parolen aus. Aufmerksamkeit wird jedem Unsinn zuteil, wenn er nur katastrophal genug ist. Und Interesse findet man dank unserer medialen Vernetzungen für jegliche Art von Abnormität." Nick ist sechsundvierzig, war einst Lehrerin für katholische Religion und reüssiert seit Jahren mit Kabarettprogammen wie „Hängetitten deluxe". Ihr vielbeworbener Rundumschlag gegen das Herman-Buch (O-Ton: „Eva H. diskriminiert die Emanzipation") soll witzig und fulminant sein, versiegt aber erwartbar in aberwitzigem Gequatsche à la „Mädels, laßt euch nicht verarschen!" und „Drum laßt uns Frauen weitergehen - Brustwarzen gegen den Wind."

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.


Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

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