Sezession
1. April 2007

Gender ohne Ende

Ellen Kositza

Gleichwohl bringt Zastrow die Sachlage detailliert auf den Punkt; er liefert somit prägnante Grundlagenlektüre. Grundsätzliches hat ebenfalls die siebenundvierzigjährige Zeit-Redakteurin, Fernsehfrau und Jury-Vorsitzende des Ingeborg-Bachmann-Preises Iris Radisch im Blick, und dies ohne ausgelutschte Kampfbegriffe wie „Rabenmutter" oder „Eva Herman" im Munde zu führen oder sich als dreihundertfünfzigste Wortmelderin auf den vielbespielten familienpolitischen Schauplätzen zu tummeln. Radisch pflegt einen Essay-Stil, wie man ihn sich wünscht. Das privat grundierte Mitteilungsbedürfnis mit all seinen assoziativen Verkettungen wird hier nicht von ideologieversessener Polemik getragen, sondern atmet die Weisheit eines „gelebten Lebens": Die sperrangelweit offenen Türen, die derzeit der verkniffene Haufe der mainstream-Doppelbelasteten einrennt, meidet Radisch. Stattdessen richtet sie den prüfenden Blick auf die knirschenden Türangeln und den an den Rahmen abblätternden Putz. Ihr Eingangsszenario handelt vom Mann der Stunde, der abends aus „Vorstandszentrale und Hauptquartier" heimkehrt. Er will sich zu seiner Frau „auf die Gartenbank setzen und ihren Kindern beim Spielen zuschauen. Aber siehe da: Zu Hause steht die Wiege leer, und die Frau ist arbeiten."
Radisch, darin gleicht sie ihren vollemanzipierten Kombattantinnen in der Hermans-Schlacht, ist allein ihrem Milieu und Ausbildungsgrad verhaftet. Die Rede ist durchweg von akademischen Müttern; Angehörige des Prekariats und das Gros der austauschbar Beschäftigten bleiben außen vor. Solche Schwerpunktsetzung hat ihr Recht, eben weil der Rollen-Diskurs ein elitärer ist. Wo Thea Dorn sich gegen Kinder entschied aufgrund des „Spannungsverhältnisses zwischen ,Moderne‘ und Mutterschaft", hat Radisch (bei ähnlichem Ausgangspunkt: „Mit Kindern kommt die Moderne ins Stottern") eben diesen Spagat vollzogen. Sie schreibt als „späte Mutter" dreier Töchter (verheiratet übrigens mit FAZ-Redakteur Eberhard Rathgeb) und Vollzeit-Karrierefrau intellektuellster Prägung.
Unsere Gattung, stellt Radisch fest, habe sich „ihr Leben so eingerichtet, daß dieses Leben der eigenen Fortpflanzung nicht mehr zuträglich ist. Die selbsterlebten „Verkrüppelungen eines akademischen Lebens in den gebärfähigsten Jahren" („mein spezieller Alltag entsprach jahrelang dem eines intellektuellen Rentnerpaares") beschreibt sie als realistischen Allgemeinzustand. Der Kampf um die Rückkehr der gebildeten Frau (die Autorin spricht von der ersten Generation der „Bildungszombies") an Herd und Wiege ist in Radischs Augen ausgefochten, ohne aber - wie ihre Kolleginnen - einer „Schönfärberei der familiären Liberalisierungsschäden" das Wort zu reden. Wie aber finden wir in unserer rundum gesättigten Wohlfühlwelt zu Kindern, Glück und Liebe? Mit der Abschaffung des Ehejochs vergangener Müttergeneration habe die Liebe andererseits „ihr Gehäuse verloren": Nicht dem Weg der harten Zahlen (Gebärquoten etc.) gilt Radischs Annäherung, sondern dem „weichen" Terrain der Liebeskonstellationen. Mit der Proklamierung einer „gleichberechtigten Partnerschaft als Lichtgestalt unter den Liebesmodellen" tangiert sie nur oberflächlich betrachtet altbacken-sozialdemokratische Klischees. Unterm Strich sind wir hier nämlich wieder bei Weininger, dem unsäglichen, dessen Grundgesetz lautete: „Zur sexuellen Vereinigung trachten immer ein ganzer Mann (M) und ein ganzes Weib (W) zusammenzukommen, wenn auch auf die zwei verschiedenen Individuen in jedem einzelnen Fall in verschiedenem Verhältnisse verteilt." Die Unfallrate auf dem Emanzipationsweg sei enorm, gesteht Radisch ein. Ihr Versuch erscheint eventuell lebenswert, lesenswert allemal. Ob er gelungen ist, dürfen ihre Enkel beschreiben.

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.


Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.


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