Sezession
1. Februar 2007

Eliade und Werner Müller

Gastbeitrag

pdf der Druckfassung aus Sezession 16/Februar 2007

sez_nr_162von Karlheinz Weißmann

„Wenn man die Bibliographie von Dr. Werner Müller aufmerksam prüft, wird man verstehen, warum er nicht unter die gelehrtesten und schöpferischsten Religionshistoriker unserer Zeit aufgenommen wurde. Um es vorneweg zu sagen, er weiß zuviel und das in zu vielen Forschungsgebieten. Dazu kommt, daß er sich hauptsächlich für wichtige und bedeutende Probleme interessiert, und letztendlich schreibt er klar und prägnant und verfügt über eine seltene Gabe zur Synthese."

Mit diesen Sätzen begann Mircea Eliade seine Würdigung Werner Müllers zu dessen 75. Geburtstag. Die Kernaussage hat bis heute nichts von ihrer Richtigkeit verloren. Mehr noch, die Aufmerksamkeit, die Müller zu Beginn der achtziger Jahre in gewissen Kreisen genoß, hat sich längst wieder verloren. Von seinem Tod am 8. März 1990 wurde in der Öffentlichkeit kaum Notiz genommen, seine Bücher finden sich nur noch in Antiquariaten.

Eliades Text erschien 1981 in der „Zeitschrift für Kraut und Rüben": Unter dem Pflaster liegt der Strand. Der Titel war selbstverständlich ein deutlicher, überdeutlicher Bezug auf die Achtundsechziger, zu deren Slogans auch dieser gehört hatte. Aber während Daniel Cohn-Bendits Pflasterstrand zu den Organen des linken mainstreams zählte, war Unter dem Pflaster liegt der Strand eher ein Jahrbuch, dem niemals der Sprung in die breitere Öffentlichkeit gelang, ein Sprachrohr derer, die die Jugendrevolte vor allem als Suche nach Authentizität verstanden hatten, für die Anarchismus und Drogenexperimente, befreite Sexualität und Hippiekommune, ökologischer Landbau und fernöstliche Spiritualität weniger mit Politik und nichts mit einer „zweiten Aufklärung" zu tun hatten, mehr mit einem neuen, Lebenskonzept: selbstbestimmt, ganzheitlich, unvernünftig, natürlich. Paul Feyerabend gehörte deshalb zu den Hausheiligen ebenso wie Hans Peter Duerr, und in einem gewissen Sinn auch Eliade und Werner Müller.
Was sie alle verband, war die Wahrnehmung der Vernunft als „entfremdende" (Michael Landmann), die prinzipielle Stellung gegen die Machbarkeitsillusionen der Nachkriegszeit, den technokratischen Geist, der alle Lager einte, und die Zukunftsfixierung des Denkens. Ansonsten wiesen die Interessenschwerpunkte, die weltanschaulichen Orientierungen und die Biographien denkbar große Unterschiede auf. Das galt selbstverständlich vor allem für die Älteren. Müller war am 22. Mai 1907 zur Welt gekommen, mit lebendigen Erinnerungen an die Zeit vor dem Ersten Weltkrieg, und in den großen Krisen der zwanziger, dreißiger und vierziger Jahre erwachsen geworden.


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