Wolfgang Sofsky: Weisenfels

Wolfgang Sofsky: Weisenfels, Berlin 2014. 236 S., 22,90 €

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

Den Sozio­lo­gen Wolf­gang Sof­sky hat Erik Leh­nert in Sezes­si­on 29 (2009) por­trä­tiert. Sof­sky, Jahr­gang 1952, war 1993 für sein Werk Die Ord­nung des Ter­rors. Das Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger preis­ge­krönt wor­den. 1996 leg­te er sein kon­tro­vers dis­ku­tier­tes Trak­tat über die Gewalt vor, es folg­ten Bücher zu den The­men Frei­heit, Sicher­heit, Krieg, Fol­ter, Privatheit.

Mit sei­nen Pro­sa­skiz­zen Ein­zel­gän­ger (2013) hat sich Sof­sky unter die Lite­ra­ten bege­ben. Daß er selbst unter jene titel­ge­ben­de Spe­zi­es sich rech­net, wird auch in sei­nem Roman Wei­sen­fels (über)deutlich – selbst wenn man die bei­den hier auf­tre­ten­den Figu­ren von ihrem Schöp­fer zu tren­nen bemüht ist.

Graf Det­loff (in Kin­der­ta­gen: »der Depp«) von Wei­sen­fels hat sei­nen Jugend­freund, den Ich-Erzäh­ler, auf sein Schloß in dem ver­fal­le­nen Städt­chen gela­den. Das Wei­sen­fels des Romans erin­nert an das anhal­ti­sche Wei­ßen­fels (in des­sen Land­kreis sich der Geburts- und Ster­be­ort Nietz­sches befin­det) der Jetzt­zeit, aber Indi­zi­en deu­ten dar­auf hin, daß wir uns in einer Sphä­re der nahen Zukunft befin­den. Det­loff, dar­auf beschränkt sich die Hand­lung, führt den frü­he­ren Ver­trau­ten durch die Gemä­cher des Herrensitzes.

Dabei wird die Lebens­ge­schich­te des lebens­mü­den Gra­fen auf­ge­ru­fen, der feh­len­de Vater, die kal­te Mut­ter, die dürf­ti­ge Kind­heit, die früh ein­ge­nom­me­ne Außen­sei­ter­po­si­ti­on, die resul­tie­ren­de Mis­an­thro­pie. Det­loff ist ein Son­der­ling, ein »Narr aus über­leb­ter Zeit«. Sein Schloß hat er seit dem Tod sei­ner Eltern ange­füllt mit Hun­der­ten Gips­fi­gu­ren, Mas­ken, gla­sier­ten Ter­ra­kott­aköp­fen und Pho­to­gra­phien gesichts­lo­ser Kriegs­to­ten. »Ver­däch­tig, so viel Abend­land!« heißt es.

Det­loff, mit einer »Welt­sicht fern der Gegen­wart« begabt, phi­lo­so­phiert über das Gesicht, die Phy­sio­gno­mik, den Schä­del – einen gan­zen Roman ent­lang! Das Ant­litz, so Sof­skys Det­loff, habe – anders als Wor­te – ein unmit­tel­ba­res Ver­hält­nis zur Wahr­heit. Hüb­sche Sen­ten­zen sind hier zu pflü­cken: Daß die »Unver­kenn­ba­ren« stets »Men­schen am Ran­de« sei­en, die sich fern der Mit­te hiel­ten. Daß der Indi­vi­dua­li­täts­kult der Kunst­be­flis­se­nen und Kunst­blin­den »eine Bana­li­tät, eine Bar­ba­rei!« sei. Daß der »Pro­pa­gan­da des Ver­bots« und mit­hin den »Tole­ranz­prü­fern, Zen­so­ren und Diät­meis­tern«, nicht zu trau­en sei, weil sie eine »Alli­anz der Macht­gläu­bi­gen mit den Gut­gläu­bi­gen« beför­de­re. Ja, klu­ge Gedanken!

Sof­sky unter­bricht den spar­sa­men Fort­gang sei­nes Romans – Zim­mer für Zim­mer – durch kur­siv gesetz­te Ein­spreng­sel: Mär­chen, Mythen, Erin­ne­run­gen. Die­ser Roman erfor­dert einen gedul­di­gen Leser. Und selbst der scharrt bald mit den Hufen: Die gräf­li­chen Mono­lo­ge über Whis­ky, Zigar­ren, Musik, Bil­der und Pflan­zen erschei­nen prä­ten­ti­ös und con­nais­seur­haft, man zwei­felt dar­an, wie ein der­art men­schen­scheu­er Ere­mit »eini­ge Affai­ren« an Land gezo­gen haben soll, kurz: man fin­det inmit­ten die­ser schwer­mü­ti­gen Innen- und Gesich­ter­schau eine Geschwät­zig­keit, die die Lek­tü­re hemmt und stol­pern läßt. Des Eigen­bröt­lers Brot schmeckt etwas sauer.

 

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

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