“Dann geht alles zugrunde”

pdf der Druckfassung aus Sezession 14/Juli 206

sez_nr_144Ein Interview mit dem Politikwissenschaftler
Prof. Dr. Paul Gottfried, Elizabethtown College (Pennsylvania)

Sie beschreiben die Politik der Schuld und des Multikulturalismus als ein Phänomen, das in allen westlichen Nationen existiert...

Gottfried: Ja, aber ich glaube, daß das Phänomen in Deutschland in seiner Reinform vorkommt. Man kann sagen, daß, will man die Gattung in Reinform studieren, dann muß man sich nach Deutschland begeben.

 Gastbeitrag

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Wo ist das Phä­no­men zuerst aufgetreten?

Gott­fried: Ich glau­be, daß das Phä­no­men bei uns in den Ver­ei­nig­ten Staa­ten auch zu fin­den war, schon in der Nach­kriegs­zeit. Damals waren die Ame­ri­ka­ner sich schon im kla­ren dar­über, daß ein Ras­sen­pro­blem in den Süd­staa­ten und anders­wo exis­tiert und man mein­te, daß die Regie­rung ein­schrei­ten müs­se, um dem Ras­sis­mus ent­ge­gen­zu­tre­ten. In den sieb­zi­ger Jah­ren kam die zwei­te Pha­se, als es dar­um ging, auch der Frau­en­be­we­gung und den Homo­se­xu­el­len gegen­über sozia­le Gerech­tig­keit zu gewähr­leis­ten, inklu­si­ve Son­der­be­hand­lung für die­se Grup­pen. Gleich­zei­tig haben auch die Deut­schen – sozu­sa­gen auf eige­ne Faust – die zwei­te Pha­se des „Umer­zie­hungs­pro­zes­ses” ein­ge­lei­tet, wie Cas­par von Schrenck-Not­zing in der Neu­auf­la­ge sei­nes Buches schön zu zei­gen ver­mag. Die Deut­schen haben also die­sel­be Zeit­mo­de, aller­dings mit beson­de­rem Nach­druck beson­ders zuge­spitzt, mit­ge­macht. Sie haben sich in den­sel­ben Geschichts­pro­zeß eingeordnet.

Wor­in sehen Sie die tie­fe­ren Ursa­chen der Schuld­po­li­tik in den west­li­chen Staaten?

Gott­fried: Ich muß Ihnen geste­hen, daß ich stark von Nietz­sche beein­flußt wor­den bin. Ich glau­be, daß ande­re Zivi­li­sa­tio­nen wegen ihres Man­gels an Nächs­ten­lie­be ein sol­ches Phä­no­men nicht her­vor­ge­bracht hät­ten. Man kann sagen, daß dies ein allein der west­li­chen Zivi­li­sa­ti­on inne­woh­nen­des Pro­blem dar­stellt. Heu­te ver­fällt die christ­li­che Ortho­do­xie und es hat sich eine Nach­fol­ge­re­li­gi­on her­aus­ge­bil­det, die sich die christ­li­che men­ta­le Hin­ter­las­sen­schaft zu eigen gemacht hat und noch wei­ter verwendet.
Ist das eine Krank­heit der west­li­chen Zivilisation?

Gott­fried: Ja, aber da wäre viel­leicht zu unchrist­lich, das so zu sagen. Ich glau­be, am Chris­ten­tum ist viel Gutes zu fin­den. Und eine west­li­che Zivi­li­sa­ti­on ohne Chris­ten­heit wäre unvor­stell­bar. Das Chris­ten­tum hat, was an unse­rer Zivi­li­sa­ti­on am bes­ten ist, mit­ge­prägt und mit­ge­stal­tet. Es ist ein Grund­pfei­ler unse­rer gesam­ten Zivi­li­sa­ti­on. Aber wenn die christ­li­che Zivi­li­sa­ti­on zugrun­de geht, so bleibt die­ser men­ta­le Über­rest, von dem sich die Poli­tik der Schuld im all­ge­mei­nen und der Mul­ti­kul­tu­ra­lis­mus im beson­de­ren wei­ter näh­ren kann.

Aber in Ver­ei­nig­ten Staa­ten gibt es doch star­ke christ­li­che Bewegungen?

Gott­fried: Die fun­da­men­ta­lis­ti­schen Chris­ten in den Ver­ei­nig­ten Staa­ten las­sen sich aus­nut­zen. Wenn man etwa für die Israe­lis im Nah­ost-Zusam­men­hang ein­tre­ten will, dann kann man sie leicht begeis­tern. Ich glau­be, daß die Neo­kon­ser­va­ti­ven den Chris­ten gegen­über eine ganz skep­ti­sche, nüch­ter­ne und auch zyni­sche Hal­tung bezie­hen. Sie glau­ben, daß sie das Chris­ten­tum so umge­stal­ten kön­nen, daß es für ihren Zweck zu ver­ein­nah­men ist. Und das haben sie in den Ver­ei­nig­ten Staa­ten ganz erfolg­reich gemacht. Die meis­ten christ­li­chen Fun­da­men­ta­lis­ten tra­ten begeis­tert und enga­giert für den Krieg im Irak ein. Sie glaub­ten, daß die ame­ri­ka­ni­schen Sol­da­ten im Irak für die Chris­ten­heit kämp­fen. Sie sind ganz blöd­sin­nig, mei­ner Ansicht nach. Der Krieg wird doch geführt im Zei­chen der Moder­ne, der Frau­en­be­we­gung, nicht zuletzt der Säku­la­ri­sie­rung. Man ver­sucht den theo­kra­ti­schen Staa­ten den Gar­aus zu machen und alles nach dem ame­ri­ka­ni­schen, säku­la­ren Vor­bild umzu­ge­stal­ten. Ich hal­te die Neo­kon­ser­va­ti­ven für Trä­ger der Spät­mo­der­ne bezie­hungs­wei­se der mas­sen­de­mo­kra­ti­schen Post­mo­der­ne – in Abgren­zung zur bür­ger­li­chen Moder­ne und der bür­ger­li­chen Denk­wei­se, wovon mein schon ver­stor­be­ner Freund Pana­jo­tis Kon­dy­lis aus­führ­lich geschrie­ben hat.

In den Ver­ei­nig­ten Staa­ten wer­den Sie der intel­lek­tu­el­len For­ma­ti­on der „Paläo­kon­ser­va­ti­ven” zuge­ord­net – in Abgren­zung zu den „Neo­kon­ser­va­ti­ven”. Die ame­ri­ka­ni­schen alt­kon­ser­va­ti­ven Grund­über­zeu­gun­gen las­sen sich aller­dings im deut­schen Kon­text kaum vor­tra­gen, ohne in den Ver­dacht einer zu gro­ßen Nähe zur Ideo­lo­gie des Natio­nal­so­zia­lis­mus zu kom­men. Sie selbst stam­men aus einer Fami­lie öster­rei­chi­scher Juden, die genau vor die­sem Natio­nal­so­zia­lis­mus in die USA geflo­hen ist. Sehen Sie da einen Widerspruch?

Gott­fried: Sicher, wenn jetzt in Deutsch­land eine Par­tei von Paläo­kon­ser­va­ti­ven, die sich allen gän­gi­gen Zeit­mo­den ent­ge­gen­stemm­te, anzu­tref­fen wäre, dann wür­de sie sicher die­sel­ben Beschimp­fun­gen auf sich zie­hen, wie jetzt die NPD. Die Paläo­kon­ser­va­ti­ven in den Ver­ei­nig­ten Staa­ten müs­sen aller­dings vor dem Hin­ter­grund der ame­ri­ka­ni­schen Geschich­te betrach­tet wer­den, die den alten euro­päi­schen Adels­kon­ser­va­tis­mus so nicht kann­te. In Anleh­nung an Pana­jo­tis Kon­dy­lis lie­ßen sie sich auch als „Alt­li­be­ra­le” bezeichnen.

Sie sind nicht natio­na­lis­tisch aus­ge­rich­tet, son­dern wol­len eher eine orts­ge­bun­de­ne Poli­tik. Sie stan­den in der Geg­ner­schaft zum Staats­im­pe­ria­lis­mus. Sie ver­such­ten den ame­ri­ka­ni­schen Staats­bür­gern in Stamm­buch zu schrei­ben, daß sie sich aus impe­ria­lis­ti­schen Krie­gen her­aus­hal­ten soll­ten. Es ver­steht sich von selbst, daß sie sich der Erwei­te­rung des Bun­des­be­am­ten­staa­tes ent­ge­gen­setz­ten. Sie ver­su­chen alles auf ein gemein­schaft­li­ches Niveau zurück­zu­be­zie­hen. Alles, was die Staats­bür­ger betrifft, das soll­te am bes­ten auf die­sem Orts­ni­veau aus­ge­tra­gen wer­den. Eine ein­zi­ge Aus­nah­me gab es in der Debat­te um Zoll­po­li­tik. Die Befür­wor­tung von Zöl­len war nicht ganz mit der Oppo­si­ti­on zu einer von oben nach unten durch­grei­fen­den Bun­des­po­li­tik zu ver­ein­ba­ren. Aller­dings stam­men die Finanz­quel­len der Alt­rech­ten gro­ßen­teils aus dem Süden und dort lebt man von Tex­til­pro­duk­ti­on, die gefähr­det ist durch bil­li­ge Impor­te aus der drit­ten Welt.

Die unver­meid­li­che Fra­ge: Sehen Sie Aus­we­ge aus der gegen­wär­ti­gen Kri­se der west­li­chen Nationen?

Gott­fried: Um es ganz frei­mü­tig aus­zu­spre­chen, ich sehe einst­wei­len kei­nen Aus­weg. Aber ich glau­be, daß frü­her oder spä­ter die­ser Geschichts­pro­zeß abge­bro­chen wer­den muß. Die Wei­te­run­gen des Mul­ti­kul­tu­ra­lis­mus sind furcht­bar. Und ich erschre­cke dar­über, wenn ich den­ke, wie unse­re Zivi­li­sa­ti­on – auch die Über­res­te der bür­ger­li­chen Zivi­li­sa­ti­on, die ich als Kind noch mit­er­leb­te, schon zuschan­den gewor­den sind. Ich glau­be, eine neue Regie­rungs­form muß man sich aus­den­ken. Ich bin des­halb auch mit Karl­heinz Weiß­mann im Gan­zen ein­ver­stan­den. Die ver­ein­zel­ten Indi­vi­du­en in der moder­nen Gesell­schaft, die ohne Ver­wur­ze­lung in einer Gemein­schaft fort­zu­exis­tie­ren ver­su­chen, sind nur eine Aus­nah­me in der mensch­li­chen Geschichte.

Was kön­nen Intel­lek­tu­el­le wie wir in die­ser Situa­ti­on tun?

Gott­fried: Man muß wei­ter­ma­chen, als Kon­ser­va­ti­ver, als Libe­ra­ler. Den schon ange­sag­ten Kampf muß man natür­lich aus­fech­ten. Und ich muß sagen, ich bedaue­re es nicht, daß ich mei­ne eige­ne Lauf­bahn zuguns­ten mei­ner Idea­le auf­ge­op­fert habe. Ich wür­de es noch­mals tun. Was mich aller­dings stört, ist der Ver­such man­cher Kon­ser­va­ti­ver – etwa bei mei­nen katho­li­schen Kol­le­gen, gesell­schaft­li­che Wer­te auf­zu­stel­len und sich alles rein den­ke­risch her­aus­zu­ar­bei­ten, ohne auf die ver­än­der­li­chen sozio­lo­gi­schen Grund­la­gen zu ach­ten. Das ist ein ganz abs­trak­tes, abge­ho­be­nes Unter­fan­gen einen Kon­ser­va­tis­mus sich aus­zu­den­ken – oder wie mein Freund Hans-Her­mann Hop­pe von einem ganz phan­ta­sier­ten Ein­zel­we­sen in der Urzeit aus­zu­ge­hen, das schon mit einem ganz moder­nen Bewußt­sein aus­staf­fiert war, Eigen­tum erwer­ben woll­te und so wei­ter. Ich glau­be, daß man kei­ne guten poli­ti­schen Kon­zep­te her­vor­brin­gen kann, ohne auch dem sozia­len Zusam­men­hang gebüh­ren­de Beach­tung zu schenken.

Wor­über wird der mas­sen­de­mo­kra­ti­sche, mul­ti­kul­tu­rel­le Mana­ger­staat letzt­lich stolpern?

Gott­fried: Ein Zuviel an Mino­ri­tä­ten. Ei Zuviel an Auf­trä­gen, die­se Mino­ri­tä­ten zu inte­grie­ren. Man kann das nicht leis­ten. Man ver­sucht, den Mino­ri­tä­ten Son­der­be­hand­lung zuzu­wei­sen und ach­tet nicht dar­auf, wenn sie ihre eige­nen Frau­en unter­drü­cken, Straf­ta­ten ver­üben und ande­re Din­ge tun, die der Mehr­heits­be­völ­ke­rung in die­ser Form nicht erlaubt sind. Wenn man ver­sucht, die­se Mino­ri­tä­ten soweit ein­zu­bin­den, daß eine Anglei­chung der Grup­pen geschafft wer­den könn­te, dann muß man sich über­an­stren­gen. Damit hat man sich über­nom­men, und ich glau­be, daß an die­sem Anlie­gen der the­ra­peu­ti­sche Staat not­wen­di­ger­wei­se schei­tern muß – aller­dings nicht unbe­dingt auch der sozi­al­de­mo­kra­ti­sche Wohl­fahrts­staat. Die­se Unter­schei­dung muß ich her­vor­he­ben. Wohl­fahrts­re­gie­rung gibt es seit Bis­marck in Deutsch­land. Man muß mit dem Gege­be­nen rech­nen, und ich glau­be, daß die Bevöl­ke­rung immer mehr auf den Staat ange­wie­sen ist und sein wird, dar­an ist wohl nicht zu rüt­teln. Lei­der. Die Regie­rung ver­sorgt den deut­schen Staats­bür­ger mit aller­lei Leis­tun­gen, Pen­sio­nen und so wei­ter. Das wird sich nicht so leicht ver­än­dern. Ich weiß, daß es eine Unaus­ge­gli­chen­heit zwi­schen den Erwerbs­tä­ti­gen und den Rent­nern gibt. Ich ver­steh das ganz gut. Aber was ich mir nicht vor­stel­len kann, ist ein grund­sätz­li­cher Abbruch, oder eine Ablö­sung die­ser Staats­form. Das ist jetzt nicht vor­stell­bar. Was schei­tern muß, oder was ich hof­fe, daß es schei­tert, betrifft die the­ra­peu­ti­schen Aspek­te die­ser Staatsform.

Aber glau­ben Sie nicht, daß die Noch-Mehr­heits­be­völ­ke­rung in den west­li­chen Natio­nen bald selbst eine Min­der­heit ist? Und wenn die jet­zi­gen Min­der­hei­ten in der Mehr­heit sind, wer hat dann noch ein Inter­es­se dar­an, die Situa­ti­on zu ändern?

Gott­fried: Aber dar­an müs­sen doch die Strei­tig­kei­ten ent­bren­nen. Ich hof­fe, daß die wei­ße Mehr­heit zu einem gewis­sen Punkt die­sem gan­zen Unter­fan­gen den Gar­aus machen wird. Und daß man dar­auf drin­gen wird, die Mino­ri­tä­ten bal­digst abzu­schie­ben, die ohne Recht gekom­men sind. Das muß auch in den Ver­ei­nig­ten Staa­ten pas­sie­ren. Die bei­den gro­ßen Par­tei­en tra­gen Sor­ge, sich mit die­sen heik­len Pro­ble­men nicht zu befas­sen, aber sie müs­sen es tun. Bei uns ist das jetzt die drin­gen­de Streit­fra­ge in der ame­ri­ka­ni­schen Poli­tik. Ich hof­fe, in abseh­ba­rer Zukunft wer­den die Ille­ga­len, die Ver­bre­chen bege­hen oder schwarz­ar­bei­ten, rigo­ros abge­scho­ben wer­den. Und anschlie­ßend auch die ande­ren Ille­ga­len. Letzt­end­lich gilt es, aus der Immi­gra­ti­on herauszukommen.

Was pas­siert, wenn das doch nicht geschieht?

Gott­fried: Dann geht alles zugrun­de. Und das kann pas­sie­ren! Ich ver­su­che, Ihnen ein opti­mis­ti­sches Bild zu geben. Aber ich befürch­te, daß man die Wei­chen nicht recht­zei­tig umstel­len wird. Offen­bar bin ich dem Pes­si­mis­mus mehr zuge­neigt. Das hängt mit mei­ner deutsch-jüdi­schen Natur zusammen.

Unter wel­cher Fah­ne soll­te sich die Mehr­heits­be­völ­ke­rung im Zwei­fels­fall zusammenfinden?

Gott­fried: Ich weiß, daß vie­le Men­schen aus Ost­deutsch­land für die Links­par­tei stim­men, und zwar weil sie über­zeugt sind, daß die­se Par­tei sie gut ver­so­gen und sie mit Leis­tun­gen über­schüt­ten wird. Ande­rer­seits sind sie mit dem Migran­ten­pro­blem unzu­frie­den und sie wer­den immer mehr erbost und erzürnt. Was mich erstaunt, ist die Unfä­hig­keit der Mehr­heits­be­völ­ke­rung, eine Bezie­hung her­zu­stel­len zwi­schen ihrem Ein­satz als Stimm­ge­ber für die Lin­ke und der Ver­schär­fung des Immi­gra­ti­ons­pro­blems. Die­ser Zusam­men­hang muß ins öffent­li­che Bewußt­sein drin­gen. Dar­um stim­men jetzt vie­le für eine rechts­las­ti­ge, mit dem Ruch des „Faschis­mus” behaf­te­te Par­tei, die wirk­lich Par­tei ergreift.

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