Sezession
1. Juli 2006

„Dann geht alles zugrunde“

Gastbeitrag

pdf der Druckfassung aus Sezession 14/Juli 206

sez_nr_144Ein Interview mit dem Politikwissenschaftler
Prof. Dr. Paul Gottfried, Elizabethtown College (Pennsylvania)

Sie beschreiben die Politik der Schuld und des Multikulturalismus als ein Phänomen, das in allen westlichen Nationen existiert...

Gottfried: Ja, aber ich glaube, daß das Phänomen in Deutschland in seiner Reinform vorkommt. Man kann sagen, daß, will man die Gattung in Reinform studieren, dann muß man sich nach Deutschland begeben.

Wo ist das Phänomen zuerst aufgetreten?

Gottfried: Ich glaube, daß das Phänomen bei uns in den Vereinigten Staaten auch zu finden war, schon in der Nachkriegszeit. Damals waren die Amerikaner sich schon im klaren darüber, daß ein Rassenproblem in den Südstaaten und anderswo existiert und man meinte, daß die Regierung einschreiten müsse, um dem Rassismus entgegenzutreten. In den siebziger Jahren kam die zweite Phase, als es darum ging, auch der Frauenbewegung und den Homosexuellen gegenüber soziale Gerechtigkeit zu gewährleisten, inklusive Sonderbehandlung für diese Gruppen. Gleichzeitig haben auch die Deutschen - sozusagen auf eigene Faust - die zweite Phase des „Umerziehungsprozesses" eingeleitet, wie Caspar von Schrenck-Notzing in der Neuauflage seines Buches schön zu zeigen vermag. Die Deutschen haben also dieselbe Zeitmode, allerdings mit besonderem Nachdruck besonders zugespitzt, mitgemacht. Sie haben sich in denselben Geschichtsprozeß eingeordnet.

Worin sehen Sie die tieferen Ursachen der Schuldpolitik in den westlichen Staaten?

Gottfried: Ich muß Ihnen gestehen, daß ich stark von Nietzsche beeinflußt worden bin. Ich glaube, daß andere Zivilisationen wegen ihres Mangels an Nächstenliebe ein solches Phänomen nicht hervorgebracht hätten. Man kann sagen, daß dies ein allein der westlichen Zivilisation innewohnendes Problem darstellt. Heute verfällt die christliche Orthodoxie und es hat sich eine Nachfolgereligion herausgebildet, die sich die christliche mentale Hinterlassenschaft zu eigen gemacht hat und noch weiter verwendet.
Ist das eine Krankheit der westlichen Zivilisation?

Gottfried: Ja, aber da wäre vielleicht zu unchristlich, das so zu sagen. Ich glaube, am Christentum ist viel Gutes zu finden. Und eine westliche Zivilisation ohne Christenheit wäre unvorstellbar. Das Christentum hat, was an unserer Zivilisation am besten ist, mitgeprägt und mitgestaltet. Es ist ein Grundpfeiler unserer gesamten Zivilisation. Aber wenn die christliche Zivilisation zugrunde geht, so bleibt dieser mentale Überrest, von dem sich die Politik der Schuld im allgemeinen und der Multikulturalismus im besonderen weiter nähren kann.


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