21. März 2017

Mem-Magie in Aktion

Nils Wegner / 13 Kommentare

Was in den »dunklen Höhlen des Internets« (G.W. Bush) vor sich geht, scheint dem äußeren Beobachter oft erstmal sinn- und ziellos – es findet sich aber auch echtes Gold, so wie vor zehn Tagen:

Nils Wegner

Nils Wegner ist studierter Historiker und arbeitet als Übersetzer und Lektor.

Nun ist das allerdings eine Frage des Maßstabs: Natürlich liegt bei den Nutzern solcher Imageboards (ich werde mich hüten, hier "Bilderforen" oder sonstige Peinlichkeiten zu verwenden) wie 4chan, seines deutschen Gegenstücks Krautchan oder Reddit in aller Regel kein metapolitischer Masterplan vor, wenn es auf zum Trolling geht.

Es ist auch nicht von der Hand zu weisen, daß ein Großteil dieser Millionen über die ganze Welt verstreuter Nutzer in keinster Weise rechts oder auch nur wirklich politisch interessiert ist; nicht umsonst nahm auch das kurzzeitig in den Medien gefeierte Hackerschreckgespenst "Anonymous" maßgeblich dort seinen Anfang. Die 4chan-"Anons", wie die einzelnen Einheiten des memetischen Kollektivs – dazu mehr in Sezession 77 – heißen, sind in der Regel vor allem auf Schadenfreude und Provokation aus.

Das heißt aber nicht, daß man als geneigter Verächter des medialen und politischen Establishments nicht über so manche Aktion die berühmte »klammheimliche Freude« empfinden dürfte. Und von Kellerkindern oder Nerds kann da nicht mehr die Rede sein, wo das Trolling den anonymen Raum des Internets verläßt und sich vor aller Augen manifestiert!

Das jammervolle Schicksal der Kamerainstallation "He Will Not Divide Us" war schon mehrmals Thema (etwa hier und hier). Das ursprünglich auf die vollen vier Jahre der Präsidentschaft Donald Trumps angelegte "Kunstprojekt" wurde nach nur knapp vier Wochen – d.h. vier Wochen intensivsten Trollings seitens penetranter AltRight-Aktivisten und diverser "Anons", die einfach Spaß am Chaos hatten – schlußendlich abgebaut, nachdem ein Unbekannter über Nacht Kamera und Mikrofon mit pinker Farbe übersprüht hatte.

Der nur ganz leicht psychisch labile Schauspieler Shia LaBeouf wäre aber nicht er selbst, hätte er sich nicht nicht zu diesem Zeitpunkt bereits eine Ausweichlösung zurechtgelegt gehabt: Nach nur wenigen Stunden ohne Übertragung zeigte der Internet-Livestream von "He Will Not Divide Us" plötzlich eine schlichte weiße Flagge mit dem Namen des "Projekts" vor blauem Himmel, irgendwo im Nirgendwo.

Eine nette, wenn auch nicht sonderlich kreative Idee, um doch noch seinen Willen zu bekommen, eines der vielbeschrienen "Zeichen" zu setzen und sich gegen Troll-Dämonen abzuschirmen. Allerdings nur auf den ersten Blick. In Zeiten des Internets funktioniert sowas nämlich nicht mehr, und schnell trat /pol/ auf den Plan, um es zu beweisen.

Nur kurz zur Erklärung: /pol/ ist das 4chan-Unterforum für Politik, das schon immer ein wahres Gestrüpp aus extrem kontroversen Bildern und Meinungen war; die massive Nutzung von Pepe dem Frosch in rechten Zusammenhängen etwa stammt maßgeblich von dort. An LaBeouf und seiner "Kunst" hatten die "Anons" von /pol/ sofort einen Narren gefressen, weil die hilflose Aggressivität des Prominenten gegenüber ihren Störaktionen sie zu immer weiteren Angriffen anspornte.

Als die neue, geheime Installation von "He Will Not Divide Us" ans Netz ging, wurde das sofort zum großen Thema. Als ein Nutzer auf die Kondensstreifen von Flugzeugen am Himmelshintergrund aufmerksam wurde, schaltete die Community auf vollen Autismusmodus um – eine selbstironische Bezeichnung für die intensive Beschäftigung mit (nur scheinbar!) sinnlosen Dingen.

Die folgenden Dinge ereigneten sich in einem Zeitraum von gerade einmal 24 Stunden:

Hunderte /pol/-Nutzer werteten online einsehbare Echtzeitflugpläne aus und verglichen sie mit den Kondensstreifen im Video-Livestream. Sie nahmen die nächtlichen Flaggenaufnahmen unter die Lupe und musterten Sternkarten auf Übereinstimmungen durch; auch die bekannten Flugrouten zwischenzeitlich sichtbarer Zugvögel flossen in die Berechnungen ein. Schnell war das in Frage kommende Gebiet stark eingegrenzt, und schließlich kam der Durchbruch, als auf einem Google-Satellitenbild mitten in der Botanik ganz schwach der Schatten eines Fahnenmasts zu erkennen war.

Zeit, aus dem virtuellen Raum herauszutreten: Sofort traten ortsnahe "Anons" in Aktion, bemannten ihre Wagen und begannen, die fragliche Gegend systematisch abzufahren. Dabei waren sie via Smartphone, Twitter und Instant Messenger ununterbrochen in Echtzeit mit der "Gemeinde" verbunden; da das Mikrophon der "Kunstinstallation" noch immer eingeschaltet war, benutzten sie die Hupen ihrer Autos zur akustischen Triangulation. Innerhalb einer knappen Stunde war die Flagge geortet, und /pol/ schritt zum Coup de grâce – in der Nacht enterte ein Rollkommando das Gelände, kassierte die weiße Fahne ein und hißte stattdessen ein Pepe-Shirt mit aufgesetzter "MAGA"-Mütze.

Wohl eine der bislang schönsten Geschichten des Internets! Die Aktion war vollzogen, das Mem gesetzt, und spätestens jetzt dürfte sich Shia LaBeouf nie wieder von seiner fortgesetzten Schmach erholen. /pol/ ist angesichts der zauberhaften Geschichte bereits jetzt bester Laune und verkündete bereits, selbst wenn die nächste Flagge auf dem Mond postiert würde, werde man sie innerhalb weniger Wochen ausfindig gemacht haben und im Anschluß via Crowdfunding einen Raumflug auf die Beine stellen, um sie zu stehlen. LaBeouf und sein #HWNDU – unter diesem Hashtag findet sich aller Wahnsinn rund um das Projekt versammelt – wurden "BTFO" (blown the fuck out), wie es unter "Anons" so schön heißt.

Nun kann man natürlich mit einem Augenrollen darüber lamentieren, wie so viele junge Leute ihre Zeit mit einer derartigen Clownerei vertrödeln konnten (siehe auch die "Entführung" einer Feminismus-Ikone). Dabei sollte man jedoch nicht vergessen, welchen Symbolgehalt die Aktion hatte – und nur darum geht es im fluiden Netz mit seiner "memetischen Kampfführung". Mike Enoch von TheRightStuff.biz hat das auf einen schönen Terminus der Kommunikationsguerilla gebracht: Culture jamming.

Das ist im Grunde nichts anderes, als was die konservativ-subversive Aktion leisten wollte und dessen sich die IB mittlerweile gelegentlich befleißigt. Neben der Erzeugung starker Bilder gibt es eine ganz klare Botschaft an die Inhaber einer wankenden Diskurshoheit: "Die Zeiten eurer ungestörten Selbstbeweihräucherung sind endgültig vorbei. Ihr könnt nichts mehr tun, ohne daß wir es angehen, in Beschlag nehmen und zu unserem eigenen Erfolg machen. Sorry, not sorry."

Diese Strategie einer kombinierten Raum-, Wort- und vor allen Dingen Bildergreifung schlägt durch wie ein Wolframkern; bislang hatten die Kameraden von der anderen Feldpostnummer dem außer Geschrei und Gewalt nichts entgegenzusetzen. Und nicht einmal die CIA mit ihrem gigantischen Budget schaffte es, diese Mechanismen auch nur zu durchschauen, geschweige denn auszunutzen – obwohl sie sich sehr bemüht hat, wie die "Vault7"-Veröffentlichungen von WikiLeaks gezeigt haben.

Es bleibt also unablässig spannend um die wildwüchsige, anarchische Internetszene voller "Anons" und Trolle. Das alles ist enorm schwer zu über- und durchblicken, aber allein schon für den Unterhaltungswert lohnt es sich, dranzubleiben – und vielleicht die eine oder andere Inspiration mitzunehmen. Lohnende Ziele gibt es ja zuhauf. Shadilay, Brüder und Schwestern!


Nils Wegner

Nils Wegner ist studierter Historiker und arbeitet als Übersetzer und Lektor.


Kommentare (13)

Dietrich Stahl
21. März 2017 13:05

Hut ab vor den Inkarnationen von Eulenspiegel, Kasper und Nasreddin. Den verbiesterten Gutmenschen den Spiegel vorzuhalten oder sie einfach nur auf die Palme zu jagen, ich finds wunderbar. Wenn man bedenkt, wofür in Deutschland so alles kreative Energie verschwendet wird. Beispiel: Fanaktionen in Stadien, da wird genäht und gebastelt … Und die deutschen Frauen kaufen derweil Pfefferspray.

Hartwig aus LG8
21. März 2017 13:49

Obwohl "zu alt" für all diese virtuellen und reellen Schnitzeljagden und genannten und ungenannten Boards begrüße ich ausdrücklich diese junge Ergänzung der SiN-Berichterstattung, für die z.B. Wegner und Wessel stehen (und stehe gegen den hier kürzlich geäußerten Unmut über die nicht-mehr-Erkennbarkeit der "Sezession").

Beim geschilderten Fall scheint sportlicher Ehrgeiz die Hauptantriebskraft gewesen zu sein; im Ernstfall nicht ausreichend, aber viel besser als rumsitzen. Mobilisierend.

Wahrscheinlich braucht es ein so bereitetes Umfeld für offensichtlich nötige, skurril-charismatische Figuren, denen Peinlichkeiten und moralische Kosten (Poensgen) am Allerwertesten vorbeigehen. Ich meine nicht Pepe. Ich denke eher an Boris Johnson und an Donald Trump. Und ganz wage an Höcke.

fischer
21. März 2017 17:50

Merkwürdig, dass in der Aufzählung der deutsche imageboards ausgerechnet pr0gramm.com fehlt, wo sich dort doch aktuell - gerade was "meme magic" angeht - deutlich mehr abspielt als bspw. bei krautchan, das schon ein wenig Patina angesetzt hat.

Wegner:

"Merkwürdig" ist an dieser "Aufzählung" (eines einzigen deutschen Imageboards) nicht allzuviel. Wäre es nicht als deutschsprachiges Abbild von 4chan von gewissem Interesse, hätte ich nicht einmal Krautchan erwähnt. Eine internationale Zusammenarbeit ist deutlich sinnvoller und ertragreicher als die Beschränkung auf eine einzelne Region. Davon mal ganz abgesehen, schien mir pr0gramm "zu meiner Zeit", d.h. vor knapp eineinhalb Jahren, noch eine geschlossene Community zu sein, in die man nur auf Einladung hineinkam – also neben einer gigantischen Menge von NSFW-Inhalten ohnehin nichts, was man sich als bloßer Interessent ansehen könnte.

fischer
21. März 2017 19:08

Tonnen an NSFW-Inhalten gibt es freilich auf jedem imageboard. Ein Mindestmaß an Orientierungskompetenz im #neuland muss man schon mitbringen. Unter beliebten tags wie z.B. "deus vult" findet man dann aber recht schnell das, was einen als alt-right'ler interessiert.

An ein invite für pr0gramm kommt man wegen der Größe der community m.E. recht leicht - in der Regel kennt man jemanden, der jemanden kennt.

Wegner:

Oh, kein Zweifel, eine flächendeckende Netzkompetenz wäre wirklich nicht verkehrt. Ist aber noch ein ganzes Stück bis dahin.

Abdiel
21. März 2017 19:24

Sehr schön, das eröffnet neue Welten. Und schön beschrieben.

Die Aktion  mit der Flagge war genial, alles andere als Zeitverschwendung oder Autismus.Im Gegenteil, kreative Hochleistung. Darauf muß man erst mal kommen. Außerdem ist die Zähigkeit, mit der unterschiedliche Mittel eingesetzt wurden, um ein Ziel zu erreichen, bemerkenswert. Sämtliche Hüte ab ...!

Einziger Einwand: Die Identitären befleißigen sich mehr als nur "gelegentlich" - das möchte ich als ihr passionierter Fan doch anerkannt wissen.

Solution
21. März 2017 20:40

Tolle Aktion, toller Artikel. Hier weht ein frischer Wind. Das Internet kann eine wunderbare Waffe sein, die man mit der realen Welt bestens kombinieren kann. Mehr davon!

Schneekette
22. März 2017 00:10

@Hartwig aus LG8

Warum? Warum sind Sie für irgendetwas zu alt? Ich höre so etwas hier ja immer wieder, aber warum? Also ich würde ehrlich gesagt - ohne jetzt gleich von "Rollatorbombern" zu reden - von den Älteren geradezu erwarten, dass gerade sie sich in das Feuer stellen. Wenn man sich überlegt, welche Trolling-Qualitäten da brach liegen... Ein motivierter Rentner ist der beste Vietcong! 

Hartwig aus LG8
22. März 2017 08:22

@ Schneekette

Ich bin nicht alt und auch kein Rentner. Mein "zu alt" bezog sich ganz speziell auf die von Wegner geschilderte virtuelle Flaggenjagd und das endlose Herumtreiben in Internetboards. Das ist etwas für junge Leute, die zu Hause keine Schar Kinder haben, die einer führenden Hand bedürfen, dies aber regelmäßig in Abrede stellen.

Ansonsten, verehte @Schneekette, versichere ich Ihnen, dass ich die meisten, auch viele Jüngere, noch in den Sack stecke.

Monika L.
22. März 2017 10:14

Ich liebe Dada, culture jamming, Trolling .... - alt fühle ich mich nur im Hinblick auf die technische Umsetzbarkeit - Frage: Wie können die Alten die Jungen unterstützen, ohne p e i n l i c h zu sein ? Wie Geld und Erfahrungsschatz am besten einbringen ? Shadilay, Ihr alten Säcke:

https://m.youtube.com/watch?v=3Nv3yiYGheQ

Kann man so etwas mit teiggesichtigen äh, gesichtslosen deutschen Bischöfen machen ?

RMH
22. März 2017 12:30

Auch unabhängig der ganzen I-Net Kultur haben schlichte, passende Formeln enorme Wirkkraft bzw. können eine solche erzielen. Es ist ohnehin oft die Frage, was ist eher da, die entsprechende "Stimmung" oder die entsprechenden Aktionen, Kampagnen etc., die eine solche Stimmung erzeugen oder verbreiten oder verstärken. Das schlichte "Merkel muss weg" ist - von rechter Seite und auch von Pegida etc. maßgeblich vorangebracht - mittlerweile mehrheitsfähig, nur leider profitiert nun Herr Schulz davon, dessen spin docters und Kampagnenmacher ja ziemlich dreist aus den USA abkupfern, bspw. auch der "Schulz-Zug" als Game etc.

Fazit: Merkel ist weg, da muss von rechter Seite nicht mehr viel gemacht werden, dass erledigt sich von alleine, jetzt gilt es eher: Stoppt Schulz (in Anlehnung an die sehr erfolgreiche Stoppt Strauß Kampagne). Gegen Schulz muss kreativ getrollt etc. werden - denn dieser "ruft doch bitte mal Martin"-Mann macht alles für Macht.

Tweed
22. März 2017 14:44

Bringen wir's auf den Punkt: Die Moderne, die Philosophie und also die neuzeitliche Philosophie lehrt uns das Ende der Tatsachen: Es gibt keine absolute Wahrheit, die Wirklichkeit wird dekonstruiert, jede Wahrheit ist relativ, alles wird Tribunalisiert. Die Linke konstruiert daraus ihren Dogmatismus des absoluten Weltgewissens. Wer das Gewissen ist, braucht keines zu haben (Odo Marquard). Die Rechte sieht darin die Bestätigung ihres Nominalismus (Antiuniversalismus) und ihrer Skepsis, aufgrund der menschlichen Endlichkeit. Ihre Strategie kann daher nur heißen: Spielen wir mit den linken Narrativen und halten ihr den Spiegel vor, in dem sie dann als eine "Orgie von Fehlanzeigen" (O.M.) erscheinen. Setzen wir also den Fake-News unsere Fake-News höherer Ordnung entgegen. Oder wie es ein Freund von mir formulierte: "Bei mir läuft nur rt. Wenn schon Propaganda, dann von der richtigen Seite." Ich hörte kürzlich im Radio eine Sendung mit dem Titel "Eine Welt genügt nicht. Die Flucht in Fantasy-Welten." Man ersetze "eine Welt" in "One World"! Angesichts der One-World-Ideologie und dem Internet wird der Troll zum postmodernen Krieger. Der Mann im hohen Schloss oder: Viva la gente nuova!

Nils Wegner
22. März 2017 17:03

Der Spaß geht derweil übrigens nahtlos weiter, siehe hier...

jak
24. März 2017 12:03

Die Flucht nach UK hat für HWNDU offenbar auch nicht geholfen:

https://heatst.com/culture-wars/trolls-tear-down-he-will-not-divide-us-liverpool-flag-after-just-one-day/

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