What a MAN!

PDF der Druckfassung aus Sezession 64 / Februar 2015

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

Unse­re Pon­ti­fices Maxi­mi sind mit unter­schied­li­chen Attri­bu­ten in die welt­li­che Geschichts­schrei­bung ein­ge­gan­gen. Man spricht von die­sem als demü­ti­gem, von jenem als from­men Papst, von ande­ren als »volks­nah«, als mutig, schwach, als frag­wür­dig gar.

Nun haben wir einen Papst, der als ziem­lich cool gilt. Das ist ein Novum. Daß cool nicht kühl meint, bedarf kei­ner Erläu­te­rung. Papst Fran­zis­kus, der sich bereits mit sei­ner Namens­wahl nicht ein­reih­te in die lan­gen Lis­ten der Tra­di­ti­on, der also ein Ers­ter sein woll­te, ist cool im Sinn von »läs­sig«. Die non­cha­lan­te Dau­men-hoch-Ges­te (face­boo­kisch für: Gefällt mir!) beherrsch­te er von Amts­an­tritt an wie ein auto­chtho­ner Netz­bür­ger. Sein Hand­ge­lenk hat­te er pünkt­lich zum Trend mit knall­bun­ten Loom-Bänd­chen geschmückt. Der Papst, die­ses augen­zwin­kern­de fashion vic­tim, twit­tert auch wie ver­rückt, anläß­lich X‑mas: »With Jesus the­re is true joy!« Rai­se your hands in the air! Soll kei­ner mehr sagen, Papst sei ein alt­mo­di­scher Beruf!

Unser Papst ist ein prag­ma­ti­scher Mensch. Das bewie­sen ein­mal mehr die Nach­rich­ten und Bil­der von sei­nem Besuch auf den Phil­ip­pi­nen. Logisch trägt er ein Schlüs­sel­bänd­chen (als eine Art moder­nes Ska­pu­lier?) um den Hals – die Din­ger gehen sonst so schnell ver­lo­ren, wer kennt das nicht? Logisch trägt er einen grell­gel­ben Regen­um­hang: Petrus hat­te halt kein Nach­se­hen! Und, ey, will man naß wer­den? Nee, oder?

Das aller­dings wären Äußer­lich­kei­ten. Auf dem Rück­flug von den Phil­ip­pi­nen nach Rom im Janu­ar 2015 beant­wor­te­te der Papst Fra­gen zur Gat­ten­lie­be respek­ti­ve zur pri­va­ten Fami­li­en­po­li­tik mit die­sem – scus­atemi la paro­la! – State­ment: »Eini­ge glau­ben, daß wir, um gute Katho­li­ken zu sein, wie die Kanin­chen sein müs­sen. Nein. Ver­ant­wort­li­che Eltern­schaft, die muß man suchen. Und ich ken­ne vie­le erlaub­te Metho­den, die dabei gehol­fen haben.« Der Papst – hier tritt er als coo­ler Con­nais­seur auf, als Bescheid­wis­ser. Es braucht kei­ne irgend­wie gewief­te Beschla­gen­heit, um zu wis­sen, daß die Stich­wor­te »Kanin­chen« und »Ver­meh­rung« vor­züg­lich mit dem gemei­nen Wort »ram­meln« asso­zi­iert sind, und zwar in allen Sprachen.

Fran­zis­kus berich­te­te aus­füh­rend, wie er kürz­lich eine Frau gemaß­re­gelt habe, die mit dem ach­ten Kind schwan­ger ging und schon sie­ben Kai­ser­schnit­te bewäl­tigt hat­te. »Das heißt, Gott her­aus­zu­for­dern«, sag­te Fran­zis­kus, » das ist unver­ant­wort­lich«. Der Christ sol­le »nicht Kin­der am Fließ­band zeugen.«

Die­ser Papst spricht, wie ihm der Schna­bel gewach­sen ist. Das bewies er nun auch zum The­ma ant­is­la­mi­scher Blas­phe­mie: Wenn einer »mei­ne Mama belei­digt, erwar­tet ihn ein Faust­schlag«, sag­te Fran­zis­kus gleich­nis­haft: Man dür­fe »den Glau­ben der ande­ren« nicht her­aus­for­dern. Papst Fran­zis­kus: What a man! – womit wir bei Hei­deg­ger wären. »Das Man« und das »Gere­de« sind bei Hei­deg­ger Insi­gni­en der Kon­ven­ti­on. Es sind Ober­flä­chen, die durch ihre Glät­te und »Ver­stellt­heit« zugleich gekenn­zeich­net sind. »Jeder ist der Ande­re und Kei­ner er selbst. Das Man, mit dem sich die Fra­ge nach dem Wer des all­täg­li­chen Daseins beant­wor­tet, ist das Nie­mand, dem alles Dasein im Unter­ein­an­der­sein sich je schon aus­ge­lie­fert hat.« Wer dem »Man« ver­fal­len ist, denkt und redet in Gemein­plät­zen. Er ist – mit Hei­deg­ger – »seins­ver­ges­sen«.

Der Haupt­ef­fekt des »Man« ist Nivel­lie­rung, es ist ein Ein­pas­sen an Rou­ti­nen und Üblich­kei­ten in der Herr­schaft des Ande­ren. Das Reden im Duk­tus des »Man« ist eine Anpas­sungs­leis­tung und inso­fern im hei­deg­ger­schen Sin­ne eine »Seins­ent­las­tung«, die »jede Aus­prä­gung einer kon­tu­rier­ten und sta­bi­len Iden­ti­tät ver­hin­dert« (Flo­ri­an Großer).

Und wie steht es mit dem »Sein« die­ses Paps­tes? Hei­deg­ger hat dem »Sein« als rei­nem Vor­han­den­sein bekannt­lich die Dimen­si­on der »Zeit« ange­fügt. Ver­kürzt gesagt: Die Zeit, und damit auch die Tra­di­ti­on, stellt den Ver­ständ­nis­ho­ri­zont dar, in dem das Sein zu suchen ist. Fran­zis­kus nun hat sich mit sei­nem Sein von Anfang an außer­halb der Tra­di­ti­on gestellt.

Der Schrift­stel­ler Mar­tin Mose­bach hat das in einem Inter­view poin­tiert: Die ihm zuju­beln­den Men­schen und die Medi­en, so Mose­bach, bewer­te­ten »ihn wie einen neu­en Prä­si­den­ten, der ein neu­es Pro­gramm vor­legt. So agiert ein Papst tra­di­tio­nel­ler­wei­se nicht. Sein Amt besteht in Kon­ti­nui­tät, nicht in Ver­än­de­rung. Er hat nicht die Auf­ga­be, die Kir­che neu zu erfin­den. Fran­zis­kus hat aber von der ers­ten Sekun­de an eine Zei­chen­spra­che gewählt, die eine media­le Öffent­lich­keit bedie­nen und ver­mit­teln soll­te: Ich mache alles anders. Ange­fan­gen von sei­nem ›Buo­na­se­ra‹ statt des Pries­ter­gru­ßes ›Gelobt sei Jesus Chris­tus‹ über die Ableh­nung päpst­li­cher Klei­dung bis zum Ein­zug ins vati­ka­ni­sche Gäs­te­haus.« Mose­bach moch­te auch mit der koket­ten »neu­en Beschei­den­heit« nichts anfan­gen: »Letzt­lich ist das für mich kei­ne Beschei­den­heit, son­dern das Her­ab­dim­men auf einen Lebens­stil, der sich mit dem der welt­li­chen Macht von heu­te deckt. Mil­li­ar­dä­re tra­gen heu­te T‑Shirt und sit­zen auf beque­men Sofas statt auf har­ten Barock­mö­beln. Die alte Pracht der Kir­che war eine Kunst für die Armen. Schwe­re Bro­kat­män­tel, die die Herr­lich­keit des wie­der­kom­men­den Chris­tus dar­stel­len, sind sehr unbe­quem. Der ›Ber­go­glio-Style‹ darf nicht mit Aske­se ver­wech­selt wer­den. Und selbst wenn Fran­zis­kus Asket wäre, möch­te ich davon auf kei­nen Fall in den Mas­sen­me­di­en erfah­ren. Aske­se hat ihren Wert vor allem im Verborgenen.«

Mose­bach »hät­te lie­ber einen Papst, der gar kei­ne Reden hält. Ich möch­te einen Papst, der den Men­schen die Hän­de auf­legt, der sie seg­net, sie von ihren Sün­den frei­spricht und die Mes­se für sie hält. Einen Pries­ter-Papst, kei­nen Polit- Papst.« Ist es nicht ein Dilem­ma, wenn man als Katho­lik wie Mose­bach sagt: »Mich inter­es­sie­ren die­se gan­zen päpst­li­chen Appel­le eigent­lich nicht«? Ist nicht auch die­ser Papst als Stell­ver­tre­ter Chis­ti auf Erden unfehl­bar? Nein. Unfehl­bar, sagt der Pries­ter und Dog­ma­ti­ker Mat­thi­as Gaudron, sei der Papst allein, wo er ex cathe­dra spricht, wenn er also als obers­ter Leh­rer der Völ­ker eine Wahr­heit des Glau­bens oder der Sit­ten zum ver­bind­li­chen Dog­ma erhebt. Da das II. Vati­ka­ni­sche Kon­zil aller­dings auf sei­ne höchs­te Lehr­au­to­ri­tät aus­drück­lich ver­zich­tet hat, kommt ihren Lehr­schrei­ben auch kei­ne Unfehl­bar­keit zu. Der Hl. Robert Bel­l­ar­min, Jesu­it wie Ber­go­glio, sag­te vor 400 Jah­ren: »So wie es erlaubt ist, einem Papst zu wider­ste­hen, wel­cher den Kör­per anfällt, so ist es auch erlaubt, dem zu wider­ste­hen, wel­cher die See­len beängs­tigt oder den Staat ver­wirrt, und umso mehr, falls er die Kir­che zu zer­stö­ren trach­tet. Es ist erlaubt, sage ich, ihm Wider­stand zu leis­ten, indem man sei­ne Befeh­le nicht erfüllt und ver­hin­dert, daß sein Wil­le rea­li­siert wer­de.« Inso­fern: Die Sor­ge um das Sein bleibt, und den Mann mit dem zu oft gereck­ten Dau­men und der all­zu­welt­li­chen Seins­ver­ges­sen­heit neh­men wir ins Gebet.

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

Nichts schreibt sich
von allein!

Das Blog der Zeitschrift Sezession ist die wichtigste rechtsintellektuelle Stimme im Netz. Es lebt vom Fleiß, von der Lesewut und von der Sprachkraft seiner Autoren. Wenn Sie diesen Federn Zeit und Ruhe verschaffen möchten, können Sie das mit einem Betrag Ihrer Wahl tun.

Verein für Staatspolitik e.V.
DE86 5185 0079 0027 1669 62
HELADEF1FRI

Kommentare (0)

Für diesen Beitrag ist die Diskussion geschlossen.