24. März 2017

Szene-Kaleidoskop XI: Streifen, Schwulstzug, Sbirren

Nils Wegner / 6 Kommentare

Der Juristin und Soziologin Sibylle Tönnies, Enkelin des Geburtshelfers der deutschen Soziologie Ferdinand Tönnies, wird ein schönes Bonmot zugeschrieben. Es diagnostiziert die Degeneration des heutigen Parlamentarismus:

Nils Wegner

Nils Wegner ist studierter Historiker und arbeitet als Übersetzer und Lektor.

Die Spezies der Politiker bildet eine negative Auswahl aus der Bevölkerung. Weil die Politiker aus den Kreisen derer rekrutiert werden, die sich von Jugend auf in den Parteien bewährt haben, derer, die den zermürbenden Hürdenlauf einer Parteikarriere schon aufgenommen haben, bevor sie überhaupt eine eigene politische Meinung entwickeln konnten, ergibt sich eine ungünstige Selektion.

Dies vor Augen, wundert man sich auch kein bißchen mehr um die offenkundige Negativauslese in der Thüringer Landespolitik. Vom "Casus" der Erfurter Protestkreuze gegen die geplante Moschee der Ahmadiyya-Gemeinde hatten wir es ja schon vor zwei Wochen; in der Zwischenzeit waren aus dem einzelnen Kreuz der "Bürger für Erfurt" ganze elf Stück geworden. Die sind nun alle fort: Am vergangenen Mittwoch ließ der Eigentümer des Grundstücks, auf dem die Kreuze standen, einen Abrißbagger anrollen und sie wegen "illegaler Anbringung" entfernen.

Nun, über soviel privates Engagement freuen sich nicht nur eingefleischte ANCAPs, sondern insbesondere auch die rotrotgrüne Regierungskoalition im Freistaat. Und der Westimport-Ministerpräsident, der gelernte Kaufmann und ehemalige Gewerkschaftsfunktionär Bodo Ramelow, warf denn auch all sein rhetorisches und politisches Können in die Waagschale, um seiner Freude Ausdruck zu verleihen. Der blaue Haken neben dem Namen bürgt übrigens für Kompetenz, oder so ähnlich...

Nun aber, da Erfurt fürs erste erledigt ist, rüber nach Halle: Die Jungs von "Laut Gedacht" haben einen schönen Verweis unserer neuen Sonntagsheld-Rubrik aufgegriffen und den "Based Stick Man" auf seine Vorbildfunktion hin abgeklopft; letzten Endes gab es dann allerdings doch wichtigere Themen zu besprechen, zum Beispiel die Diskurshoheit gewisser älterer Politiker. Es muß halt doch nicht immer die AltRight sein...

Tja, und dann war da noch ver.di. »Mit dir – gemeinsam können wir viel erreichen«, heißt es bei denen, und gerade möchte sich die weltanschauliche Führung der Vereinten Dienstleistungsgewerkschaft deren Mannstärke insbesondere zur Aussonderung des eigenen Abweichlerpotentials bedienen. Melden, melden, melden heißt es da, wo immer politisches Abweichlertum zu vermuten steht: Eine Zusammenfassung der Kriterien und Maßnahmen, um alle schön auf Linie zu bringen, findet sich unter anderem hier. Ulkig ist es schon, daß durch solches Gehampel längst klassisch gewordene Sezession-Artikel wieder aktuell werden; man werfe ruhig nochmals einen Blick auf das »Dystopische Potential« der Bundesrepublik und ihrer Sozialschranzen.


Nils Wegner

Nils Wegner ist studierter Historiker und arbeitet als Übersetzer und Lektor.


Kommentare (6)

Gustav Grambauer
24. März 2017 19:39

Falls der Schwulstzug in eine GroKo hineinrollt, dann steht deren Name schon fest: Koalition SchuRkel!

- G. G.

Sven Jacobsen
24. März 2017 19:54

Danke für den Hinweis, Herr Wegner. Ich habe mir die Zeit genommen, den Tweet des Herrn Ministerpräsidenten Bodo Ramelow im Original anzusehen, weil ich das zunächst nicht glauben konnte. - Es stimmt aber. Das ist die Art und Weise des Ministerpräsidenten des Freistaates Thüringen, sich mitzuteilen.  

Cacatum non est pictum
25. März 2017 00:51

@Sven Jacobsen

Danke für den Hinweis, Herr Wegner. Ich habe mir die Zeit genommen, den Tweet des Herrn Ministerpräsidenten Bodo Ramelow im Original anzusehen, weil ich das zunächst nicht glauben konnte. - Es stimmt aber. Das ist die Art und Weise des Ministerpräsidenten des Freistaates Thüringen, sich mitzuteilen.

Das Schwein grunzt. Die Katze miaut. Jeder so, wie er kann.

Nemo Obligatur
25. März 2017 11:18

Mehr ein allgemeiner Hinweis ("Achtung! Sicherheitshinweis: Lassen Sie kein Gepäck unbeaufsichtigt!"). Die Süddeutsche Zeitung hat heute ihr "Buch Zwei" der Neuen Rechten gewidmet. Die reicht inzwischen von Thilo Sarrazin bis sagen wir Martin Sellner. Man hat sich in München Mühe gegen, zumindest mit den Illustrationen. Der Inhalt geht eher in Richtung Agitprop.

Schneekette
27. März 2017 15:45

@ Causa Ramelow

Ich möchte auf etwas hinweisen, was in der Diskussion bisher vollständig übersehen wurde.

Bei dem Verhalten Ramelows handelt es sich um eine absolut gezielte und totale Demütigung des Gegners.

Es handelt sich um den bewusst geschaffenen Eindruck, dass wir überhaupt nicht einmal erst zu nehmen sind, dass wir lächerlich sind und dass wir keine Menschenqualität besitzen wie der vollkommen isolierte, pardon, "Schulhofspacken"!

Ich kann der Rechten nur empfehlen, sich endlich einmal mit den Methoden des Mobbings auseinanderzusetzen. Ich weiß, dass dies vielen Rechten sehr schwer fällt, da die Fraktion der "natürlichen Ordnung und Härte ist super" sich mindestens insgeheim gerne selbst in der rolle des Mobbenden am oberen Ende des Pavianrudels einordnet, während der "Portemoniaekonservative" gar nicht vor lauter "Dazugehören" verstehen kann, wie er auf einmal ans untere Ende der Hackordnung geraten konnte.

Der Mechanismus des Mobbings ist recht einfach: Ein Opfer oder eine Gruppe, von der die Mehrheit durch sehr gezielte Beispiele und Attacken gelernt hat, dass es sich schlicht alles zu gefallen lassen hat, wird niemals auf irgendeine Solidarität der Restgruppe treffen. Im Gegenteil: Der Gemobbte stört durch seine bloße Existenz den Frieden. Er ist verloren. Vollkommen.

Und genau dies ist geschehen. Es ist in der Restgruppe der Eindruck entstanden,  mit uns könne man schlicht alles machen.

In jedem Beitrag über die Reaktionen der Mitläufermehrheit, beispielsweise von Caronline Sommerfeld ließ sich eines ganz klar herausdestilieren: Die unglaubliche Angst (und Gewissheit!), in den Ruch des "Rechten" gekommen, sofort und total isoliert zu sein. Es hat funktioniert.

Das ist das ganze Gehemnis.

Cacatum non est pictum
27. März 2017 22:45

@Schneekette

Interessante Betrachtungsweise. Sie könnten recht haben. Aber wie Abhilfe schaffen?

Im realen Leben lässt sich ein solcher Mobbing-Teufelskreis durchbrechen, indem man dem Hauptakteur auf die Fr... haut und dadurch ihm und allen anderen signalisiert, dass die Opferbereitschaft zu Ende ist. Lässt sich das in eine politische Strategie ummünzen? Alternative Konsequenzen in der Realität wären beispielsweise: in Depression versinken, Suizid begehen, Amok laufen. All das sollten wir nicht tun.

Ungeachtet dessen bleiben die Äußerungen Ramelows eine geistlose Peinlichkeit ersten Ranges. Historiker späterer Generationen werden derlei Auswüchse vielleicht einmal als Menetekel für die untergehende politische Kultur eines einstmals hochgeachteten Volkes deuten.

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