Szene-Kaleidoskop XI: Streifen, Schwulstzug, Sbirren

Der Juristin und Soziologin Sibylle Tönnies, Enkelin des Geburtshelfers der deutschen Soziologie Ferdinand Tönnies,...

Nils Wegner

Nils Wegner ist studierter Historiker, lektorierte 2015–2017 bei Antaios, IfS und Sezession und arbeitet als Übersetzer.

wird ein schö­nes Bon­mot zuge­schrie­ben. Es dia­gnos­ti­ziert die Dege­ne­ra­ti­on des heu­ti­gen Parlamentarismus:

Die Spe­zi­es der Poli­ti­ker bil­det eine nega­ti­ve Aus­wahl aus der Bevöl­ke­rung. Weil die Poli­ti­ker aus den Krei­sen derer rekru­tiert wer­den, die sich von Jugend auf in den Par­tei­en bewährt haben, derer, die den zer­mür­ben­den Hür­den­lauf einer Par­tei­kar­rie­re schon auf­ge­nom­men haben, bevor sie über­haupt eine eige­ne poli­ti­sche Mei­nung ent­wi­ckeln konn­ten, ergibt sich eine ungüns­ti­ge Selektion.

Dies vor Augen, wun­dert man sich auch kein biß­chen mehr um die offen­kun­di­ge Nega­tiv­aus­le­se in der Thü­rin­ger Lan­des­po­li­tik. Vom “Casus” der Erfur­ter Pro­test­kreu­ze gegen die geplan­te Moschee der Ahma­di­y­ya-Gemein­de hat­ten wir es ja schon vor zwei Wochen; in der Zwi­schen­zeit waren aus dem ein­zel­nen Kreuz der “Bür­ger für Erfurt” gan­ze elf Stück gewor­den. Die sind nun alle fort: Am ver­gan­ge­nen Mitt­woch ließ der Eigen­tü­mer des Grund­stücks, auf dem die Kreu­ze stan­den, einen Abriß­bag­ger anrol­len und sie wegen “ille­ga­ler Anbrin­gung” entfernen.

Nun, über soviel pri­va­tes Enga­ge­ment freu­en sich nicht nur ein­ge­fleisch­te ANCAPs, son­dern ins­be­son­de­re auch die rot­rot­grü­ne Regie­rungs­ko­ali­ti­on im Frei­staat. Und der West­im­port-Minis­ter­prä­si­dent, der gelern­te Kauf­mann und ehe­ma­li­ge Gewerk­schafts­funk­tio­när Bodo Rame­low, warf denn auch all sein rhe­to­ri­sches und poli­ti­sches Kön­nen in die Waag­scha­le, um sei­ner Freu­de Aus­druck zu ver­lei­hen. Der blaue Haken neben dem Namen bürgt übri­gens für Kom­pe­tenz, oder so ähnlich…

Nun aber, da Erfurt fürs ers­te erle­digt ist, rüber nach Hal­le: Die Jungs von “Laut Gedacht” haben einen schö­nen Ver­weis unse­rer neu­en Sonn­tags­held-Rubrik auf­ge­grif­fen und den “Based Stick Man” auf sei­ne Vor­bild­funk­ti­on hin abge­klopft; letz­ten Endes gab es dann aller­dings doch wich­ti­ge­re The­men zu bespre­chen, zum Bei­spiel die Dis­kur­s­ho­heit gewis­ser älte­rer Poli­ti­ker. Es muß halt doch nicht immer die Alt­Right sein…

Tja, und dann war da noch ver.di. »Mit dir – gemein­sam kön­nen wir viel errei­chen«, heißt es bei denen, und gera­de möch­te sich die welt­an­schau­li­che Füh­rung der Ver­ein­ten Dienst­leis­tungs­ge­werk­schaft deren Mann­stär­ke ins­be­son­de­re zur Aus­son­de­rung des eige­nen Abweich­ler­po­ten­ti­als bedie­nen. Mel­den, mel­den, mel­den heißt es da, wo immer poli­ti­sches Abweich­ler­tum zu ver­mu­ten steht: Eine Zusam­men­fas­sung der Kri­te­ri­en und Maß­nah­men, um alle schön auf Linie zu brin­gen, fin­det sich unter ande­rem hier. Ulkig ist es schon, daß durch sol­ches Geham­pel längst klas­sisch gewor­de­ne Sezes­si­on-Arti­kel wie­der aktu­ell wer­den; man wer­fe ruhig noch­mals einen Blick auf das »Dys­to­pi­sche Poten­ti­al« der Bun­des­re­pu­blik und ihrer Sozialschranzen.

Nils Wegner

Nils Wegner ist studierter Historiker, lektorierte 2015–2017 bei Antaios, IfS und Sezession und arbeitet als Übersetzer.

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Kommentare (6)

Gustav Grambauer

24. März 2017 19:39

Falls der Schwulstzug in eine GroKo hineinrollt, dann steht deren Name schon fest: Koalition SchuRkel!

- G. G.

Sven Jacobsen

24. März 2017 19:54

Danke für den Hinweis, Herr Wegner. Ich habe mir die Zeit genommen, den Tweet des Herrn Ministerpräsidenten Bodo Ramelow im Original anzusehen, weil ich das zunächst nicht glauben konnte. - Es stimmt aber. Das ist die Art und Weise des Ministerpräsidenten des Freistaates Thüringen, sich mitzuteilen.  

Cacatum non est pictum

25. März 2017 00:51

@Sven Jacobsen

Danke für den Hinweis, Herr Wegner. Ich habe mir die Zeit genommen, den Tweet des Herrn Ministerpräsidenten Bodo Ramelow im Original anzusehen, weil ich das zunächst nicht glauben konnte. - Es stimmt aber. Das ist die Art und Weise des Ministerpräsidenten des Freistaates Thüringen, sich mitzuteilen.

Das Schwein grunzt. Die Katze miaut. Jeder so, wie er kann.

Nemo Obligatur

25. März 2017 11:18

Mehr ein allgemeiner Hinweis ("Achtung! Sicherheitshinweis: Lassen Sie kein Gepäck unbeaufsichtigt!"). Die Süddeutsche Zeitung hat heute ihr "Buch Zwei" der Neuen Rechten gewidmet. Die reicht inzwischen von Thilo Sarrazin bis sagen wir Martin Sellner. Man hat sich in München Mühe gegen, zumindest mit den Illustrationen. Der Inhalt geht eher in Richtung Agitprop.

Schneekette

27. März 2017 15:45

@ Causa Ramelow

Ich möchte auf etwas hinweisen, was in der Diskussion bisher vollständig übersehen wurde.

Bei dem Verhalten Ramelows handelt es sich um eine absolut gezielte und totale Demütigung des Gegners.

Es handelt sich um den bewusst geschaffenen Eindruck, dass wir überhaupt nicht einmal erst zu nehmen sind, dass wir lächerlich sind und dass wir keine Menschenqualität besitzen wie der vollkommen isolierte, pardon, "Schulhofspacken"!

Ich kann der Rechten nur empfehlen, sich endlich einmal mit den Methoden des Mobbings auseinanderzusetzen. Ich weiß, dass dies vielen Rechten sehr schwer fällt, da die Fraktion der "natürlichen Ordnung und Härte ist super" sich mindestens insgeheim gerne selbst in der rolle des Mobbenden am oberen Ende des Pavianrudels einordnet, während der "Portemoniaekonservative" gar nicht vor lauter "Dazugehören" verstehen kann, wie er auf einmal ans untere Ende der Hackordnung geraten konnte.

Der Mechanismus des Mobbings ist recht einfach: Ein Opfer oder eine Gruppe, von der die Mehrheit durch sehr gezielte Beispiele und Attacken gelernt hat, dass es sich schlicht alles zu gefallen lassen hat, wird niemals auf irgendeine Solidarität der Restgruppe treffen. Im Gegenteil: Der Gemobbte stört durch seine bloße Existenz den Frieden. Er ist verloren. Vollkommen.

Und genau dies ist geschehen. Es ist in der Restgruppe der Eindruck entstanden,  mit uns könne man schlicht alles machen.

In jedem Beitrag über die Reaktionen der Mitläufermehrheit, beispielsweise von Caronline Sommerfeld ließ sich eines ganz klar herausdestilieren: Die unglaubliche Angst (und Gewissheit!), in den Ruch des "Rechten" gekommen, sofort und total isoliert zu sein. Es hat funktioniert.

Das ist das ganze Gehemnis.

Cacatum non est pictum

27. März 2017 22:45

@Schneekette

Interessante Betrachtungsweise. Sie könnten recht haben. Aber wie Abhilfe schaffen?

Im realen Leben lässt sich ein solcher Mobbing-Teufelskreis durchbrechen, indem man dem Hauptakteur auf die Fr... haut und dadurch ihm und allen anderen signalisiert, dass die Opferbereitschaft zu Ende ist. Lässt sich das in eine politische Strategie ummünzen? Alternative Konsequenzen in der Realität wären beispielsweise: in Depression versinken, Suizid begehen, Amok laufen. All das sollten wir nicht tun.

Ungeachtet dessen bleiben die Äußerungen Ramelows eine geistlose Peinlichkeit ersten Ranges. Historiker späterer Generationen werden derlei Auswüchse vielleicht einmal als Menetekel für die untergehende politische Kultur eines einstmals hochgeachteten Volkes deuten.

Für diesen Beitrag ist die Diskussion geschlossen.