Von Ungarn lernen

PDF der Druckfassung aus Sezession 70 / Februar 2016

Martin Sellner

Martin Sellner ist Kopf der österreichischen Identitären Bewegung.

Die euro­päi­schen Natio­nen, allen vor­an Deutsch­land und Öster­reich, befin­den sich in der schwers­ten Kri­se seit dem Zwei­ten Welt­krieg. Der »Gro­ße Aus­tausch« hat die eth­no­kul­tu­rel­le Sub­stanz unse­rer Län­der aus­ge­höhlt, und fast wäre die­ser Pro­zeß »rei­bungs­los« und ohne nen­nens­wer­ten Wider­stand ver­lau­fen. Durch einen his­to­ri­schen Zufall und einen hys­te­ri­schen Tau­mel wur­den 2015 eine Reiz­schwel­le über­schrit­ten und das sanf­te Ste­tig­keits­prin­zip durch­bro­chen. Der »inte­gra­le Staat« der gren­zen­lo­sen Uto­pis­ten zer­bricht an sei­nen inne­ren Wider­sprü­chen, sei­ner unge­sun­den Ver­schmel­zung natio­na­ler, par­ti­ku­la­rer Rech­te mit einer uni­ver­sa­lis­ti­schen, gren­zen­lo­sen »Mensch­heit«. Die »Refu­gees« sind dafür nur ein Anlaß­fall. Die Gegen­öf­fent­lich­keit und oppo­si­tio­nel­le Par­tei­en und Bewe­gun­gen außer­halb des gesell­schaft­li­chen Main­streams flo­rie­ren. All das ereig­net sich in jenem »his­to­ri­schen Fens­ter«, in dem die gegen­wär­tig leben­de, indi­ge­ne Bevöl­ke­rung noch theo­re­tisch die Mög­lich­keit zu einer Wen­de hat. Noch hat sie die nöti­ge Mas­se zur Revol­te auf der Stra­ße und an den Wahl­ur­nen. Noch kann es eine deut­sche und euro­päi­sche Zukunft geben. Also ist aller­höchs­te Zeit, sich die Fra­ge nach einem »Wie« zu stellen.

Natür­lich gibt es kein Rezept und kei­nen Punk­te­plan. Jedoch gibt es eini­ge Berei­che mit ver­schie­de­nen Ein­fluß­mög­lich­kei­ten. Ana­ly­siert man diver­se Trends, ob im Bereich von Mode oder poli­ti­schen Mei­nun­gen, wie das der ame­ri­ka­ni­sche Sozi­al­psy­cho­lo­ge Mal­com Glad­well tat, so gerät man schnell an jenes mys­te­riö­se »Umschla­gen«, das auch namens­ge­bend für sein bekann­tes­tes Buch wur­de: The Tip­ping Point. Gemeint ist jener schwer defi­nier­ba­re Punkt, an dem ein Stil urplötz­lich »ver­al­tet« wirkt, an dem auf ein­mal ein neu­er nomos »ist« und ein alter »war«. Ein Über­lau­fen der bis­lang sat­tel­fest im Getrie­be sit­zen­den Intel­lek­tu­el­len, die das sin­ken­de Schiff einer alten Leh­re ver­las­sen, kün­digt es an – wie eine leich­te Bri­se den Gewit­ter­sturm. Um die neue Idee for­mie­ren sich nach dem »Gesetz der Weni­gen« ent­schei­den­de Per­so­nen­grup­pen, für die Glad­well eine eige­ne funk­tio­na­le Typo­lo­gie auf­stellt. Viral ver­brei­ten sich ihre Bil­der, Infor­ma­tio­nen und Ideen mit expo­nen­ti­ell stei­gen­der Geschwin­dig­keit. Als Pio­nie­re beken­nen sich ers­te Pro­mi­nen­te und Intel­lek­tu­el­le zu den neu­en For­de­run­gen, ihren Trä­ger­par­tei­en und Bewe­gun­gen. Schließ­lich eta­bliert sich eine deut­lich reno­vier­te Agen­da als neue Ver­nunft und Mit­te. Ihre Pro­gram­ma­tik wan­dert aus dem Rand­be­reich des nach einem ame­ri­ka­ni­schen Poli­to­lo­gen benann­ten »Over­ton Win­dow« von »undenk­bar« über »akzep­ta­bel« bis hin zur popu­lä­ren poli­ti­schen Tagesordnung.

Vie­le die­ser Pro­zes­se erleb­ten wir in den letz­ten Jah­ren bereits, gegen den Wider­stand der bein­har­ten Ideo­lo­gen zwar, etwa in Fra­gen der Islam­kri­tik. Die ers­ten, zar­ten Anzei­chen eines meta­po­li­ti­schen Para­dig­men­wech­sels sind klar sicht­bar, wenn man sie sehen will, von umfang­rei­chen Bespre­chun­gen des asyl­apo­ka­lyp­ti­schen Romans Das Heer­la­ger der Hei­li­gen über die Ein­la­dung der IBÖ in eine Talk­show bis hin zu zahl­rei­chen, vor­sich­ti­gen Annä­he­run­gen aus ver­schie­dens­ten Lagern. Hun­dert­tau­sen­de Bio­gra­phien neh­men im Moment eine poli­ti­sche Wen­dung. Jedes wei­te­re Fanal inner­halb des Schei­terns der Mul­ti­kul­ti-Ideo­lo­gie, das uns der Will­kom­mens­wahn wie ein eigens dafür kon­zi­pier­tes Lehr­stück vor­führt, macht die Über­läu­fer zahl­rei­cher und mutiger.

Es geht jetzt dar­um, die­se Span­nung scharf und klar auf­recht zu erhal­ten, um zwei mög­li­che Gefah­ren zu unter­bin­den: Wenn sich eine Bewe­gung gegen den Gro­ßen Aus­tausch auf der Stra­ße, als Par­tei oder als Think­tank zu radi­kal, unver­söhn­lich und sek­tie­re­risch gibt, ver­hin­dert sie das Über­lau­fen und hemmt das eige­ne Wachs­tum. Gibt sie sich zu ver­söhn­lich und gibt die For­de­rung nach dem Stopp des Gro­ßen Aus­tauschs auf, geht sie am Ende, womög­lich unter wüs­ten Spalt­pro­zes­sen, im Main­stream auf. In bei­den Fäl­len wür­de das der­zei­ti­ge Auf­fla­ckern eines Wider­stands abge­fe­dert und die Selbst­ab­schaf­fung Deutsch­lands und Euro­pas zum irrever­si­blen Vor­gang werden.

Damit das nicht geschieht, muß eine patrio­ti­sche Bewe­gung mit vol­lem Bewußt­sein und vol­ler Kraft an der Auf­recht­erhal­tung und Kul­ti­vie­rung die­ser Span­nung arbei­ten. Vor allem muß dazu ein kla­res Feind­bild her­aus­ge­ar­bei­tet wer­den. Die vom ame­ri­ka­ni­schen Poli­to­lo­gen Saul Alin­sky for­mu­lier­ten »Rules for Radi­cals« könn­ten hier hilf­reich sein. Die Mas­se der Unzu­frie­de­nen und Besorg­ten muß einen kla­ren Kreis an Ver­ant­wort­li­chen vor Augen haben, mit deren Rück­tritt und Ent­las­sung allein eine Ver­än­de­rung mög­lich erscheint. Die­ser Kreis darf sich nicht nur auf die obers­ten Regie­rungs­ver­ant­wort­li­chen beschrän­ken, son­dern muß auch die Ent­schei­dungs­trä­ger der vier­ten Gewalt erkannt und benannt haben. Sie müs­sen, wie Alin­sky sagt, »ein­ge­fro­ren«, »per­so­na­li­siert«, »iso­liert« und »pola­ri­siert« wer­den. Sie müs­sen zum Sym­bol des Schei­terns der mul­ti­kul­tu­rel­len Gesell­schaft wer­den, ihnen muß gleich­zei­tig jede Legi­ti­ma­ti­on und Auto­ri­tät abge­spro­chen wer­den. Das eige­ne Lager ist im kras­sen Gegen­satz dazu der Ver­tre­ter einer ech­ten Zukunft und als Samm­lung der Rea­lis­ti­schen und Vor­wärts­ge­wand­ten zur poli­ti­schen Herr­schaft beru­fen. Oder, wie es Vik­tor Orbán ein­mal aus­drück­te: »Die Hei­mat kann nicht in Oppo­si­ti­on sein.«

Für jeden wei­te­ren Skan­dal, der sich im Abge­sang des Mul­ti­kul­ti-Pro­jekts ereig­net, muß die­ser Kreis per­sön­lich ver­ant­wort­lich gemacht wer­den. Eine wach­sen­de patrio­ti­sche Bewe­gung auf den Stra­ßen muß nicht nur den Rück­tritt der Regie­rung, son­dern auch die Ent­las­sung oder juris­ti­sche Ver­fol­gung die­ser Ver­ant­wort­li­chen for­dern. Der Rest der Gesell­schaft wird sich ent­lang die­ser For­de­run­gen in Unter­stüt­zer und Kri­ti­ker auf­tei­len. Tat­säch­lich geht es hier dar­um, eine mög­lichst mas­si­ve Span­nung und kla­re Zuspit­zung der Gegen­sät­ze auf­zu­bau­en, die zu einer nie dage­we­se­nen Poli­ti­sie­rung der Gesell­schaft füh­ren wird. Dies ent­spricht zwar nicht dem Ide­al einer demo­kra­ti­schen Mei­nungs­bil­dung, stellt aber tat­säch­lich den not­wen­di­gen Befrei­ungs­schlag gegen eine jahr­zehn­te­al­te ideo­lo­gi­sche Hege­mo­nie dar, die durch ihre Omni­prä­senz unsicht­bar gewor­den ist. Die­se Fokus­sie­rung des Drucks auf einen wei­te­ren Kreis soll eine blo­ße Aus­wechs­lung von Reprä­sen­tan­ten, einen nur ober­fläch­li­chen Kurs­wech­sel der Mul­ti­kul­tis verunmöglichen.

Dem als Geg­ner erkann­ten und benann­ten Kreis darf kei­ne Alter­na­ti­ve als der uneh­ren­haf­te Abtritt in die Ver­sen­kung gege­ben wer­den. Mit jeder wei­te­ren Erschüt­te­rung und Schwä­chung der Mul­ti­kul­ti-Ideo­lo­gie muß die­ser Kreis klei­ner, radi­ka­ler und ver­stock­ter wer­den. Sein offe­nes und selbst­be­wuß­tes Auf­tre­ten, das bis zum Schluß den eige­nen Unter­gang leug­nen wird, ist als ent­ge­gen­ge­setz­ter Pol für das Auf­recht­erhal­ten der Span­nung wich­tig. Das trot­zi­ge Behar­ren der Mul­ti­kul­tis auf ihren Paro­len und Illu­sio­nen ist glei­cher­ma­ßen eine »List der Iden­ti­tät«, die zu einer Kon­zen­tra­ti­on und Iso­la­ti­on die­ser zukünf­ti­gen Rand­grup­pe führt.

Ein kon­kre­tes Bei­spiel für die­se Mecha­nis­men lie­fert uns die »kon­ser­va­ti­ve Revo­lu­ti­on« Vik­tor Orbáns, die in Ungarn von 2002 bis 2010 statt­fand und die von ihm lang­fris­tig geplant wur­de. Als Orban 2002 erst­mals eine Wahl gegen die Sozi­al­de­mo­kra­ten ver­lor und in die Oppo­si­ti­on ging, grün­de­te er ein ungarn­wei­tes Netz­werk patrio­ti­scher Bür­ger­krei­se. Die trot­zi­ge Stim­mung war ganz auf eine APO gerich­tet. In der­sel­ben Zeit ent­stand auch die radi­ka­le­re JOBBIK, die das gesell­schaft­li­che Kli­ma ent­schei­dend mit­prä­gen soll­te. Orbán erkann­te, daß es für eine ech­te Wen­de in Ungarn einen lan­gen Anlauf brauch­te. Schon damals dürf­te er die gro­ße Gefahr des Libe­ra­lis­mus für ganz Euro­pa erkannt haben.

Vie­le Sozio­lo­gen haben das, was in den fol­gen­den Jah­ren in Ungarn gesche­hen ist, unter­sucht. Det­lev Claus­sen nennt es fas­sungs­los eine »eth­no-natio­na­le« Wen­de. Es wür­de zu weit füh­ren, die umfas­sen­den meta­po­li­ti­schen Ent­wick­lun­gen die­ser Zeit im Detail zu schil­dern. Sie stel­len auch eine sehr spe­zi­fisch »unga­ri­sche« Spe­zia­li­tät dar. Grob gesagt kam es im gan­zen Land, auch in Reak­ti­on auf die zuneh­men­de Moder­ni­sie­rung, Libe­ra­li­sie­rung und Glo­ba­li­sie­rung, zu einer Remy­thi­sie­rung des Natio­na­len, die von Orbáns FIDESZ und der JOBBIK stark geför­dert wurde.

Die­ser neu erwach­te Patrio­tis­mus for­mier­te einen ent­schlos­se­nen Wider­stand gegen die herr­schen­de sozia­lis­ti­sche Regie­rung, die in die Tra­di­ti­on der Kom­mu­nis­ten gestellt und damit weit­ge­hend dele­gi­ti­miert wur­de. Gleich­zei­tig rüs­te­te man sich für die Aus­übung von Druck auf der Stra­ße. Orbáns Ver­trau­ter Gábor Kuba­tov bau­te über die Bür­ger­krei­se eine digi­ta­le Mit­glie­der­da­ten­bank mit 800000 FIDESZ-Stamm­wäh­lern auf (als »Kuba­tov-Lis­te« bekannt) die zu einer Art »Wun­der­waf­fe« der Kom­mu­ni­ka­ti­on und Mobi­li­sie­rung wer­den soll­te. Regel­mä­ßig errei­chen bis heu­te Rund­brie­fe und Fra­ge­bö­gen die eige­nen Mit­glie­der und bin­den sie opti­mal ein. Die sozia­len Medi­en wur­den inten­siv genutzt, und über eini­ge FIDESZ-nahe Zei­tun­gen und Sen­der bil­de­te sich eine Gegen­öf­fent­lich­keit. Wit­zi­ge Akti­ons­ideen luden zum Mit­ma­chen ein. So brach­ten etwa Akti­vis­ten der Bür­ger­krei­se im Zuge einer Kam­pa­gne namens »Wach auf Ungarn« hun­der­te Wecker und Uhren vor das Par­la­ment. Orbán gelang es, eine Platt­form auf­zu­bau­en, die alle bür­ger­li­chen und kon­ser­va­ti­ven Kräf­te ver­ein­te. Für die hit­zi­ge­ren und radi­ka­le­ren Gemü­ter gab und gibt es die JOBBIK, die in ihren Vor­stö­ßen regel­mä­ßig das poli­ti­sche Koor­di­na­ten­sys­tem verschiebt.

Inzwi­schen spitz­te sich in Ungarn die öko­no­mi­sche Lage auch auf­grund der Vor­we­hen der Wirt­schafts­kri­se immer wei­ter zu. Die Gesell­schaft pola­ri­sier­te sich, die Leu­te sehn­ten sich nach einer Wen­de. Doch die nächs­te Wahl im Jahr 2006 ver­lor Orbán über­ra­schend gegen den jun­gen Sozia­lis­ten Gyurcsá­ny. Im ent­schei­den­den TV-Duell hielt er sich zurück und wirk­te lust­los. Vie­le poli­ti­sche Insi­der mein­ten im Nach­hin­ein, daß er den Wahl­sieg bewußt nicht for­ciert habe. Wenn dem so wäre, war es eine genia­le Stra­te­gie. Die Wirt­schafts­kri­se traf Ungarn mit vol­ler Wucht und mach­te die Legis­la­tur­pe­ri­ode der Sozia­lis­ten zum pro­gram­mier­ten Desas­ter. Die Stim­mung im Land war längst gekippt. Das Nar­ra­tiv der fort­ge­setz­ten kom­mu­nis­ti­schen Dik­ta­tur, das Gefühl einer Fremd­herr­schaft und einer Unter­drü­ckung der Patrio­ten setz­te sich durch. Dann folg­te ein ent­schei­den­der Skan­dal. Kurz nach dem Wahl­sieg, am 26. Mai, hielt Gyurcsá­ny eine inter­ne Rede, die als »Lügen-Rede« in die Geschich­te ein­ge­hen soll­te. In einem emo­tio­na­len Wort­schwall gab er wört­lich zu, daß man die Men­schen »Tag und Nacht nur belo­gen« hätte.

Die Rede wur­de »gelea­ked« und wirk­te wie Spreng­stoff. Zwei Wochen vor den Kom­mu­nal­wah­len wur­de sie gezielt ver­öf­fent­licht. Sofort rie­fen FIDESZ und JOBBIK zu Pro­test­kund­ge­bun­gen auf, denen sich die Mas­sen anschlos­sen. Am Kos­s­uth­platz ereig­ne­ten sich his­to­ri­sche Sze­nen, die bewußt an den Volks­auf­stand 1956 anschlie­ßen woll­ten. »Ötven­hat, Ötven­hat«, »Fünf­und­sech­zig, Fünf­und­sech­zig«, hall­te es durch die Stra­ßen. Ein mit­rei­ßen­des Video wur­de ver­öf­fent­licht, in dem Sze­nen von 1956 mit Bil­dern der Pro­tes­te zusam­men­ge­schnit­ten wur­den. Schau­spie­ler und Pro­mi­nen­te schlos­sen sich der Pro­test­be­we­gung an. Die JOBBIK über­nahm die »radi­ka­le­ren« Auf­ga­ben, etwa die Beset­zung des Gebäu­des des öffent­li­chen Rund­funks. Unter den jun­gen Akti­vis­ten war auch László Toro­cz­kai, der spä­ter als Bür­ger­meis­ter von Ásott­ha­lom als einer der ers­ten gegen die Refu­gees-Inva­si­on aufstand.

Die Regie­rung reagier­te hilf­los: dop­pel­te Poli­zei­kor­dons schlos­sen sich um das Par­la­ment, Hun­dert­schaf­ten an uner­fah­re­nen Hilfs­kräf­ten wur­den aus dem Land in die Haupt­stadt gekarrt. Es kam zu Poli­zei­ge­walt und Über­re­ak­tio­nen, die unschö­ne Erin­ne­run­gen an die Sowjets wach­rie­fen. Alte Vete­ra­nen des Volks­auf­stands gegen den Kom­mu­nis­mus ver­wei­ger­ten Regie­rungs­chef Gyurcsá­ny bei Gedenk­fei­er­lich­kei­ten den Hand­schlag. Gleich­zei­tig blüh­te im gan­zen Land eine Renais­sance von Tra­di­ti­on und Kul­tur. Eine Wie­der­be­le­bung alter Bräu­che wur­de in Gang gesetzt, Denk­mä­ler errich­tet, patrio­ti­sche Volks­fes­te abge­hal­ten. Eine der Sta­tu­en, die das mythi­sche Wap­pen­tier der Ungarn, den »Turul-Vogel« zeigt, steht sym­bo­lisch für Ungarns kon­ser­va­ti­ve Revo­lu­ti­on. Von einem rebel­li­schen Bezirks­bür­ger­meis­ter in Buda­pest errich­tet, woll­te die links­li­be­ra­le Regie­rung den guß­ei­ser­nen Vogel, wegen angeb­li­cher »Pfeil­kreuz­ler-Ästhe­tik« und man­gel­haf­ter Bau­ge­neh­mi­gung, abrei­ßen las­sen. Für die 2007 von der JOBBIK gegrün­de­te, mitt­ler­wei­le ver­bo­te­ne »Unga­ri­sche Gar­de« wur­de die Sta­tue zum sakra­len Ort. Gar­dis­ten hiel­ten dort regel­mä­ßig Kund­ge­bun­gen ab und schwo­ren, die Sta­tue »mit ihrem Leben zu ver­tei­di­gen«. 2008 seg­ne­te ein Pries­ter den eiser­nen Vogel, der seit­dem in kon­ser­va­ti­ven Krei­sen als »Hei­li­ger Turul« bekannt ist.

Orbán selbst nahm an sol­chen Kund­ge­bun­gen nicht teil. Er ver­ur­teil­te sie aber auch nicht, son­dern zeig­te »Ver­ständ­nis« für den Zorn der Bür­ger. Er stand als Ruhe­pol für die Visi­on eines neu­en Ungarn, das alle kon­ser­va­ti­ven Kräf­te hin­ter sich ver­ei­nen soll­te. Am ande­ren Ende die­ser Pola­ri­sie­rung der Gesell­schaft stand die herr­schen­de Eli­te der Sozia­lis­ten sowie die libe­ra­le, inter­na­tio­na­lis­ti­sche Pres­se, die immer mehr als »Nest­be­schmut­zer« wahr­ge­nom­men und ver­ach­te­te wur­de. Sie wur­de von Orbán als das ande­re, alte, fal­sche Ungarn ent­larvt. Ein regel­rech­ter Kul­tur­kampf, in dem das wah­re Ungarn des hl. Ste­fan dem fal­schen Ungarn des Pro­to­kom­mu­nis­ten Béla Kun gegen­über­ge­stellt wur­de, brach aus. Die Links­li­be­ra­len stan­den auf ver­lo­re­nem Posten.

Mit jedem Jahr stieg die Span­nung, mit jedem Pro­test die Anzahl und die Wut der Teil­neh­mer. Orbán ver­stand es mit Volks­be­geh­ren und Kund­ge­bun­gen die Span­nung auf­recht zu erhal­ten und bis ins Äußers­te zu stei­gern. Die Regie­rung war längst rück­tritts­reif. Bei den Wah­len im Jahr 2010 ent­lu­den sich der ange­stau­te Zorn und die Sehn­sucht nach einem ful­mi­nan­ten Wahl­sieg für die patrio­ti­schen Par­tei­en. Orbán hat­te als Wäh­ler­auf­trag eine Ver­fas­sungs­mehr­heit und den Wunsch zur patrio­ti­schen Erneue­rung Ungarns erhal­ten, dem er nun Schritt für Schritt nach­kommt. Die alten, abge­wähl­ten sozia­lis­ti­schen Klün­gel räu­men nach und nach ihre Pfrün­den und Macht­po­si­tio­nen in Poli­tik und Medi­en. Orbán voll­streckt dabei aber nur den Wil­len der unga­ri­schen Mehr­heit. Ein Medi­en­ge­setz, das sich mit­tel­bar gegen aus­län­disch finan­zier­te anti­unga­ri­sche Bericht­erstat­tung rich­tet, wur­de erlas­sen. Von einer umfas­sen­den proun­ga­ri­schen Boden­re­form über die Ent­mach­tung der inter­na­tio­na­len Ban­ken, Umbe­set­zun­gen im öffent­li­chen Rund­funk und Ver­fas­sungs­ge­richt, der Neu­be­set­zung der Lei­tung des Staats­thea­ters mit einem Kon­ser­va­ti­ven bis hin zu einer neu­en Ver­fas­sung, in deren Prä­am­bel sich Ungarn zu Gott und Kro­ne, zu sei­ner eth­no­kul­tu­rel­len Iden­ti­tät bekennt, läßt Orbán die ange­sam­mel­te meta­po­li­ti­sche Kraft zu poli­ti­scher Wirk­lich­keit wer­den. Und – das erwähn­te Denk­mal in Buda­pest wird als eine der ers­ten Amts­hand­lun­gen mit einer eige­nen »Lex Turul« lega­li­siert . Es steht heu­te noch und ist im 12. Gemein­de­be­zirk zu bewun­dern, und die Ste­phans­kro­ne hat einen Ehren­platz im Parlament.

In einem euro­päi­schen Land, glo­bal betrach­tet nur einen Stein­wurf von Deutsch­land ent­fernt, hat sich eine patrio­ti­sche Wen­de, eine »kon­ser­va­ti­ve Revo­lu­ti­on« ereig­net, wie es der Intel­lek­tu­el­le Kris­tóf Nyí­ri 2011 in einem Fern­seh­in­ter­view dezi­diert aus­sprach. Was kön­nen wir aus die­sem gro­ben Abriß ler­nen? Gewiß hat Ungarn eine völ­lig ande­re Aus­gangs­la­ge und befin­det sich phy­sisch und psy­chisch in einer völ­lig ande­ren Ver­fas­sung als Deutsch­land. Eine grund­le­gen­de anti­kom­mu­nis­ti­sche Hal­tung bestimmt seit dem Ende des eiser­nen Vor­hangs die Moral der Zivil­ge­sell­schaft. Der Patrio­tis­mus und die Lie­be zum Land ist, trotz und wegen Tria­non, tief in die See­le der Ungarn eingebrannt.

Den­noch muß­ten Orbán und sei­ne Leu­te sich im eige­nen Land gegen die »nati­onbuil­der« und NGOs der west­li­chen Bevor­mun­der durch­set­zen. Ande­re ehe­ma­li­ge Obst­lock­staa­ten zei­gen eben­falls, daß die­se grund­le­gen­de Reform kei­nes­falls geschenkt wur­de oder »von selbst« ablief. Das Bei­spiel hat Schu­le gemacht, und mit Polen sind nun fast alle Mit­glie­der der »Visegrád-Grup­pe«, einem losen Staa­ten­ver­band ehe­ma­li­ger kom­mu­nis­ti­scher Kolo­nien, aus dem links­li­be­ra­len Grund­kon­sens des Wes­tens aus­ge­bro­chen. Orbáns Visi­on und Vor­bild­wir­kung über­steigt Ungarn. Er selbst spricht in einem Inter­view von einem »gehei­men Euro­pa«, das sich nach einem Aus­bruch aus dem links­li­be­ra­len Sys­tem sehnt.

In Ungarn hat kei­ne radi­ka­le Ver­schie­bung der kul­tu­rel­len Hege­mo­nie statt­ge­fun­den, viel­mehr wur­den lose, vor­her bestehen­de Aspek­te zu einem staats­tra­gen­den und mobi­li­sie­ren­den Mythos ver­eint, der im Wider­stand gegen Gyurcsá­ny eine maxi­ma­le Span­nung und Pola­ri­sie­rung der Gesell­schaft erreich­te. Die­se Jah­re der Span­nung gene­rier­ten die Kraft, die zur ech­ten Renais­sance nötig war. Statt einem ein­fa­chen poli­ti­schen Macht­wech­sel nach der Miß­wirt­schaft der Sozia­lis­ten und der Wirt­schafts­kri­se, wie er im demo­kra­ti­schen Hin und Her unzäh­li­ge Male vor­kommt, hat Orbán lang­fris­tig geplant. Sein Weg war ein meta­po­li­ti­scher, sein Ziel war der Auf­bau eines Nar­ra­tivs und Mythos, der die Gesell­schaft so pola­ri­sier­te, daß die Leu­te ins­ge­samt ins patrio­ti­sche Lager über­lie­fen. Dafür hat er sich zwei Legis­la­tur­pe­ri­oden in der Oppo­si­ti­on Zeit gelas­sen und bewußt den Auf­bau einer Gegen­öf­fent­lich­keit für den Druck auf der Stra­ße unter­stützt. Er hat den Korps­geist der Links­li­be­ra­len und ihr ver­zwei­fel­tes Klam­mern an die Macht bewußt aus­ge­nutzt und sie, nach den Regeln Alin­skys, »ein­ge­fro­ren« und iso­liert. In einer patrio­ti­schen Basis­be­we­gung wur­de ein ech­ter »tip­ping point« erreicht, für den die Gewin­nung von Pro­mi­nen­ten und intel­lek­tu­el­len Mul­ti­pli­ka­to­ren maß­ge­bend war.

So konn­te aus einem ein­fa­chen Macht­wech­sel eine ech­te Wen­de wer­den, in der die vom Aus­land instal­lier­ten links­li­be­ra­len Brü­cken­köp­fe in Ungarn besei­tigt wur­den. Grund­le­gend dafür waren ganz kon­kre­te und ein­fa­che Maß­nah­men, wie die Grün­dung von »Bür­ger­krei­sen«, Ver­net­zun­gen und Mit­glie­der­be­treu­ung im Stil moder­ner NGOs, Nut­zung sozia­ler Medi­en, und die har­mo­ni­sche Zusam­men­ar­beit von Par­tei, Bewe­gung und meta­po­li­ti­schen Den­kern. Orbán hat Erkennt­nis­se und Tech­ni­ken von For­schern wie Glad­well und Alin­sky in sei­ner Oppo­si­ti­ons­po­li­tik umge­setzt. Das sind Maß­nah­men, die auch bei uns mög­lich sind und in eini­gen jun­gen Pro­jek­ten erst­mals erprobt werden.

In der kom­men­den Zeit wird kein Kon­ser­va­ti­ver mehr zum neu­tra­len Beob­ach­ter und kein Neu­tra­ler zum Lin­ken wer­den. Im Gegen­teil: Die Intel­lek­tu­el­len schie­len fast auto­ma­tisch nach rechts. Je höher die Span­nung, des­to wahr­schein­li­cher ist es, daß ers­te Köp­fe das Lager wech­seln wer­den. Jetzt müs­sen die ent­schei­den­den Bil­der geprägt, jetzt müs­sen die Ver­ant­wort­li­chen und Schul­di­gen in Poli­tik und Medi­en mar­kiert wer­den. Der Riß ist noch nicht tief genug.

Martin Sellner

Martin Sellner ist Kopf der österreichischen Identitären Bewegung.

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