Szene-Kaleidoskop XV: Selber machen, richtig machen!

Ständiges Klagen darüber, wie furchtbar gemein "das System" ist, mag beruhigen, hilft aber nur bei einigen Minderheiten. Die Devise bleibt: besser selber und selber besser machen!

Nils Wegner

Nils Wegner ist studierter Historiker, lektorierte 2015–2017 bei Antaios, IfS und Sezession und arbeitet als Übersetzer.

Jen­seits des Gro­ßen Teichs ist der Ver­such, die Mei­nungs­äu­ße­rungs­frei­heit lei­se im Schlaf zu erdros­seln, nicht geglückt. Des­halb wird der Kampf um Free speech und Hate speech – auch eine die­ser Bruch­li­ni­en zwi­schen Alt­Right und Alt­Light, wie sich zuletzt vor vier Wochen in Washing­ton, D.C. zeig­te – der­zeit ganz offen und mit har­ten Ban­da­gen aus­ge­tra­gen: eine Aus­ein­an­der­set­zung, die schon eine gan­ze Rei­he inter­es­san­ter Blü­ten getrie­ben hat.

Beson­ders bemer­kens­wert sind dabei digi­ta­le Gras­wur­zel-Unter­neh­men, die in aller Regel auf die Initia­ti­ve ent­nerv­ter Nut­zer der übli­chen Netz­platt­for­men zurück­ge­hen, die sich nicht län­ger von gut­mensch­lich-polit­kor­rek­ten All­ge­mei­nen Geschäfts­be­din­gun­gen ent­mün­di­gen las­sen woll­ten. Eine Vor­rei­ter­rol­le kommt dabei dem Infor­ma­ti­ker Pax Dick­in­son zu: 2013 von sei­ner Stel­le als Tech­ni­scher Direk­tor des inter­na­tio­na­len Nach­rich­ten­por­tals Busi­ness Insi­der – das mitt­ler­wei­le der Axel Sprin­ger SE und dem Ama­zon-Grün­der Jeff Bezos gehört – gefeu­ert, weil er gegen Fem­in­s­tin­nen in der Tech­no­lo­gie­bran­che pole­mi­siert hat­te, grün­de­te er Anfang 2016 zusam­men mit dem umtrie­bi­gen Blog­ger Chuck C. John­son die dis­si­den­te Crowd­fun­ding-Platt­form WeSearchr.com und ging im Fol­ge­jahr mit sei­nem eige­nen, gleich­ar­ti­gen Ser­vice Counter.Fund als Gegen­ka­pi­tal für die Gegen­kul­tur ans Netz.

Die Twit­ter-Alter­na­ti­ve ohne Maul­korb­er­laß hat hier bereits der Kol­le­ge Wes­sels bekannt­ge­macht: Die Micro­blog­ging-Platt­form Gab.ai ist ein unmit­tel­ba­res Resul­tat der lebens­lan­gen Ver­ban­nung des ehe­ma­li­gen Breit­bart-Aus­hän­ge­schilds und necki­schen Anti-Estab­lish­ment-Rabau­ken Milo Yianno­pou­los von Twit­ter vor einem Jahr. Wäh­rend Yianno­pou­los mitt­ler­wei­le nach einem mit­tel­schwe­ren Skan­dal wegen Ein­las­sun­gen zu homo­se­xu­el­lem Kin­des­miß­brauch sei­nen Sta­tus als Pos­ter boy weit­ge­hend ein­ge­büßt hat (vgl. Sezes­si­on 77) und sich der­zeit vor allem dar­um bemüht, sein Buch Dan­ge­rous irgend­wie an den Mann – in Frau­en­klei­dern – zu brin­gen, ist Gab.ai nach dem Abschluß der geschlos­se­nen Test­pha­se aus­ge­rech­net zur hei­ßen Pha­se der Arbeit am Maas­schen “Netz­werk­durch­set­zungs­ge­setz” ins­be­son­de­re durch einen Einstrom deut­scher Nut­zer aufgeblüht.

Was nun beson­ders aktu­ell (und, wie üblich, sar­kas­tisch über­stei­gert) ist: Groß war in den letz­ten Tagen das Geschrei über die Löschung bzw. das Ein­frie­ren der Kon­ten von Lau­ren Sou­thern und der iden­ti­tä­ren Mit­tel­meer-Akti­on “Defend Euro­pe” beim Bezahl­ser­vice PayPal und der Schwarm­fi­nan­zie­rungs­platt­form Patre­on. Nun war die­se Ent­wick­lung – im spe­zi­el­len auf­grund des mitt­ler­wei­le inter­na­tio­na­len Pres­se­echos auf die Plä­ne von “Defend Euro­pe” – ziem­lich abseh­bar, und auch hier steht bereits eine Alter­na­ti­ve in den Startlöchern:

Bereits vor einem Jahr wur­de, wie­der­um von ver­är­ger­ten Nut­zern als Reak­ti­on auf will­kür­li­ches Durch­grei­fen der Patre­on-Ver­ant­wort­li­chen gegen schein­ba­re Gedan­ken­ver­bre­chen und Hate crime, eine Kon­kur­renz­platt­form unter dem schö­nen Namen “Hat­re­on” (wir erin­nern uns: Im Fal­le sol­cher Anwür­fe heißt es Gegen­an­griff und Agree and ampli­fy!) geschaf­fen, die aller­dings erst jetzt gestei­ger­te Auf­merk­sam­keit erfährt.

Nun kann man natür­lich bie­der sein und bei einem sol­chen Namen erst ein­mal schwer schlu­cken – allein, es zählt das Ergeb­nis. Zwar befin­det sich das Pro­jekt noch (wie der­einst Gab.ai) in einer Erpro­bungs­pha­se und bedarf der Bewer­bung um ein Benut­zer­kon­to, doch haben sich bis­lang bereits Zug­pfer­de wie der anar­chi­sche Alt­Right-Kaba­ret­tist Sam Hyde, der von einer Pres­se­meu­te aus sei­ner schot­ti­schen Hei­mat ver­trie­be­ne You­Tube-Phi­lo­soph Colin Robert­son ali­as “Mill­en­ni­al Woes” (hier sein sehr sehens­wer­ter Vor­trag auf der berüch­tig­ten 2016er-Kon­fe­renz des Natio­nal Poli­cy Insti­tu­te in den USA) sowie Richard Spen­cer höchst­per­sön­lich – wenn auch mit einem in ers­ter Linie iro­nisch gemein­ten Account – in der Com­mu­ni­ty eingefunden.

Sol­che Alter­na­tiv­an­ge­bo­te, etwa auch für Vide­os und Pod­casts, gibt es mitt­ler­wei­le in Hül­le und Fül­le. Es zeigt sich also wie­der und wie­der: Ein wenig Fach­kennt­nis, Lei­den­schaft und Spaß an der Sache vor­aus­ge­setzt, ist es zumin­dest in den Wei­ten des vir­tu­el­len Raums in aller Regel kein Pro­blem mehr, Alter­na­ti­ven zu den eta­blier­ten Gän­gel­bän­dern zu fin­den. Und sei es, indem man den Mit­tels­mann aus­schal­tet und sich direkt an den Groß­han­del anschließt.

Wer auf der Stu­fe des Heu­lens und Zäh­ne­knir­schens ste­hen­bleibt, anstatt abseits der Pfa­de zu spä­hen, befin­det sich ent­we­der im schwe­ren Irr­tum über die Lage – oder hat den Opfer­fe­ti­schis­mus der ande­ren Feld­post­num­mer ver­in­ner­licht, ob nun bewußt oder nicht.

Und was das emsi­ge Sel­ber­ma­chen hier im Hau­se angeht: Die Arbeits­fu­ro­re infol­ge des Medi­en­rum­mels um Sie­fer­les Finis Ger­ma­nia (der übri­gens bis zum heu­ti­gen Tage anhält) hat neben zahl­lo­sen zufrie­de­nen Kun­den und einem ver­blüff­ten Ama­zon-Kun­den­dienst auch eini­ge fil­mi­sche Impres­sio­nen abge­wor­fen, die wir auf dem kanal schnell­ro­da für Sie zusam­men­ge­faßt haben. Film ab!

Nils Wegner

Nils Wegner ist studierter Historiker, lektorierte 2015–2017 bei Antaios, IfS und Sezession und arbeitet als Übersetzer.

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Kommentare (4)

Solution

24. Juli 2017 23:51

Endlich mal ein wenig frischer Wind und ein berechtigter Optimismus. Es gibt tatsächlich immer mehr Aktivitäten. Der Blick in die USA ist schon seit längerem wieder lohnenswert. 

Wir brauchen auch bei uns Kreativität und Eigeninitiative. Jedoch kann man es drehen und wenden, wie man will: Je mehr Geld durch die Adern unserer Projekte fließt, umso mehr entsteht auch wieder daraus. 

Hier noch ein weiteres, ganz junges Projekt, das zeigt, wie man mit sehr wenig Aufwand helfen kann:

https://rootbocks.com/

Wichtig ist, daß auch etwas in der realen Welt, jenseits der virtuellen, geschieht. Gut daß es Schnellroda, EinProzent und all die anderen gibt, wo jegliche finanzielle Unterstützung sinnvoll ist.

Wenn z.B. jeder der 3000 Sezessions-Abonnenten in den nächsten Tagen mindestens 1 zusätzliches Sieferle-Buch kaufen würde, könnte man die Positionen Nr. 1 bei Amazon oder bei der SPIEGEL-Bestsellerliste noch längere Zeit aufrechterhalten und den Effekt in aller Öffentlichkeit verstärken. Die Urlaubszeit ist jetzt besonders günstig, weil der Buchabsatz hier geringer ausfällt und relativ wenige Käufe eine realtiv große Wirkung zeigen.

Herr K.

25. Juli 2017 01:28

Ich mag ihre Artikel, die sind immer so angenehm realitätsnah... Es freut mich über aus, dass die Rechte sich jetzt verlebendigt, hier in Leipzig kotzen die linken ob des neuen Selbstbewusstseins... 

PB

25. Juli 2017 02:03

geil.

silberzunge

26. Juli 2017 18:32

Eine Bereicherung, Ihre Beiträge!

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