28. Juli 2017

Die Entmündigung des Lesers

Nils Wegner / 22 Kommentare

Montag aufgezeichnet, seit gestern abend im Netz anzusehen: Götz Kubitschek hat Jasmin Kosubek von "Der fehlende Part" ein ausführliches Interview zum "Fall Sieferle" und dem Inhalt des Skandalbuchs gegeben.

Nils Wegner

Nils Wegner ist studierter Historiker und arbeitet als Übersetzer und Lektor.

Das journalistische Vorgehen, dem erhofften Konsumenten nicht mehr – zumindest nicht mehr nur – den tatsächlichen Sachinhalt eines konkreten Themas vorzustellen, sondern gleich auch noch eine Anweisung mitzuliefern, wie die geschilderten "Fakten" zu verstehen und umzusetzen seien, ist längst so sehr gang und gäbe, daß es kaum noch auffällt. Man vergleiche hierzu etwa die zugegebenermaßen gar nicht dummen Hinterlistigkeiten der ach so "konservativen" FAZkes Bender und Bingener, die ich mir schon im vergangenen Jahr vorgeknöpft habe. Nichtsdestoweniger scheinen sich die wohltuenden Ausnahmen von dieser nervtötenden Norm zu mehren – so hat just Jasmin Kosubek von "Der fehlende Part" im Kielwasser aktueller Skandälchen dem Rittergut einen Besuch abgestattet.

Das Filmteam von RT Deutsch hat damit die seit Beginn des Feuilletongeflatters um Rolf Peter Sieferles Finis Germania die erste journalistische Anstrengung unternommen, den Verleger des »miserablen Buchs« (Herfried Münkler) selbst zum Werk, dessen Inhalt, seinen (meta-)politischen Absichten bei der Publikation und – vor allem! – der Schnellrodaer Perspektive auf den Umgang des Establishments mit der kontroversen Schrift zu befragen. Kubitschek antwortet ausführlich und offen; im Mittelpunkt steht dabei der Aspekt des eifersüchtigen Wachens der etablierten Tastaturritter über ihr Latifundium der Vergangenheitsbewirtschaftung. Anschauen ist Pflicht!

Beim Cicero hat sich unterdessen Alexander Kissler der Debatte um Finis Germania gewidmet, insbesondere dem Umgang des Spiegel mit der eigenen "Bestseller"-Liste. Für die hat das Blättchen von der Ericusspitze nämlich – zumindest laut Susanne Beyer, ihres Zeichens stellvertretende Chefredakteurin – eine besondere Verantwortung, heißt: Dem Leser ist längst nicht alles zuzumuten, was die sachliche Buchmarktauswertung hergibt, und über die Wahl zwischen Töpfchen und Kröpfchen entscheidet letzten Endes natürlich die Hamburger Informationstroika höchstpersönlich. So ist am Ende die angebliche "öffentliche Meinung" in Wahrheit nicht nur eine magere "veröffentlichte Meinung", sondern sogar bloß noch eine "veröffentlichte Ver-Meinung". Was Kissler treffend (und versenkend) zusammenfaßt: »Nun aber sind die Hamburger Nachrichtenmagazinmacher dreifach blamiert: als Faktenfrisierer aus Leidenschaft, als Heimlichtuer aus Überzeugung, als Leser-für-dumm-Verkäufer.«


Nils Wegner

Nils Wegner ist studierter Historiker und arbeitet als Übersetzer und Lektor.


Kommentare (22)

Martin S.
28. Juli 2017 13:41

" Dem Leser ist längst nicht alles zuzumuten, was die sachliche Buchmarktauswertung hergibt ..."

Nicht umsonst wird "BRD" ja auch mit "BETREUTE Republik Deutschland" umschrieben ...

Martin Himstedt
28. Juli 2017 16:59

Der Auftritt war gelungen und dürfte wieder den Einen oder Anderen zum Nachdenken angeregt, wenn nicht gar überzeugt, haben.

Genau so persönlich, wie tragisch: Ich bin vor einigen Monaten einer falschen Interpretation des Wortes „Mythos“ ebenfalls auf dem Leim gegangen. Allerdings unter politisch diametral anderen Vorzeichen. Was ich damit sagen will: Das geht also auch umgedreht.

Zu Spiegel-Online gibt es eine wissenschaftliche Untersuchung beim Chaos Computer Club: https://www.youtube.com/watch?v=-YpwsdRKt8Q – so wurde unter anderem nachgewiesen, wann und wo Leserkommentare noch erlaubt waren. Bashing gegen Putin/Russland stellte nie ein Problem dar – ganz im Gegensatz zur Kritik an der Willkommenskultur. So macht man halt auch Meinungen, wenn man glaubt, man sei isoliert.

Stil-Blüte
28. Juli 2017 17:11

Geglückt! Schön zu sehen und zu hören, was zwei intelligente Menschen - Interviewer und Interviewter herzugeben vermögen. Glückwunsch! 

Franz Bettinger
28. Juli 2017 18:11

Besonders gut gefallen hat mir, wie schön Kubitschek ab der 7. Minute darlegt, was Rechts heute bedeutet, und dass es SiN darum geht, dieses Wort, bei dem üblicherweise immer etwas Böses mitschwingt, aus der Tabu-Ecke zu befreien. Dass er locker blieb und sich sein Blick sehr professionell - im Gegensatz zu meinem -  nicht ein einziges Mal in der Gestalt der Interviewerin verfing, zeugt von einer bewundernswerten Willenskraft. 

Monika L.
28. Juli 2017 18:22

Wenn der SPIEGEL sich " einbildet, er hätte die Aufgabe, über die Verbreitung von Büchern zu wachen, zumal das gerade in heiklen Bereichen unter den mittlerweilen medialen Bedingungen ohnehin nicht gelingt " ( Helmut Mayer, FAZ) dort:

https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/finis-germania-eine-absolute-ausnahmeliste-15123407.html

dann bin ich sehr froh, daß es mittlerweilen diese medialen Bedingungen gibt. RT Deutsch, Der fehlende Part mit Jasmin Kosubek ist eine wirkliche Alternative. Ein ganz tolles Interview, dem weite Verbreitung zu wünschen ist. Ein mediales Ereignis. Daneben verblassen die Gesinnungsjournalisten und Sprachroboter der  ÖR-Medien. Hier hört man gebannt zu. Zwei intelligente, gutaussehende Menschen unterhalten sich ruhig und sachlich über ein heikles Thema. Wunder geschehen. Wie fad sind inzwischen die mainstreammedien. Das Buch, Das Migrationsproblem, welches noch viel heikler ist, hätte eine ebenso sachliche und ausführliche Diskussion verdient. Ich hoffe, da kommt noch was. Vielen Dank.

Der Feinsinnige
28. Juli 2017 20:57

Ein großartiges Interview. Götz Kubitschek vermag es auch hier, klar und überzeugend Stellung zu beziehen. In einem „normalen“ und wirklich die freie Rede im öffentlichen Bereich pflegenden Land würde ein solches Interview in einem großen Fernsehsender im Rahmen eines populären Kulturmagazins produziert und ausgestrahlt werden. Aber so bleibt eben lediglich die Verbreitung über einen in Deutschland eher weniger beachteten Internetsender. Der Sender RT Deutsch und die Interviewerin Yasmin Kosubek haben sich um die freie Rede und Berichterstattung in diesem Land verdient gemacht. Dieses Interview sollte zumindest über alle in Frage kommenden alternativen Blocks verlinkt werden, um eine möglichst große Reichweite zu erzielen.

Zum Spiegel:

Als gestern morgen (28.7., 7.38 h) ein Kurzbericht samt Kurzinterview mit Götz Kubitschek zu der Stellungnahme des Spiegel über den Radiosender MDR AKTUELL verbreitet wurde (derzeit noch unter MDR AKTUELL - sieben Tage zum Nachhören abzurufen), war ich wieder einmal völlig überrascht. Ich hätte diese Unverfrorenheit des Spiegel nicht für möglich gehalten, offen zuzugeben, die eigene Bestsellerliste aus politischen Gründen zu manipulieren. Welch eine Blamage, welch ein Eingeständnis der eigenen Unglaubwürdigkeit und intellektuellen Hilflosigkeit. Der im obigen Artikel verlinkten Stellungnahme Alexander Kisslers ist eigentlich kaum etwas hinzuzufügen. Die Fortentwicklung der Ereignisse um „Finis Germania“ ist haarsträubend, aber auch erheiternd und – ja - sie stimmt aufgrund der Absurditäten des etablierten medialen Betriebs auch etwas hoffnungsvoll, weil die publizistischen Gegner nun beginnen, ganz offen ihre Maske fallen zu lassen.

Ein gebürtiger Hesse
28. Juli 2017 21:03

Grundlegende und vor allem klärende Worte, die jeden Journalisten, der vorher Zeder und Mordio gerufen hat, zur wenigstens partiellen Einsicht bringen sollten. Ein wirklich gutes Video: die Ansage steht und kann nur mit bösem Willen verrückt werden. Würden sie sich trauen, die saturierten Torwächter von Spiegel & Co., träten sie NUN in die Diskussion ein. Mit GK vor laufenden Kameras, live. Das wäre der Film des Jahres.

E.
28. Juli 2017 21:15

Wow, binnen eines Tages bereits über 20.000 Aufrufe des Videos.

Solution
28. Juli 2017 21:22

Der Skandal ist längst auch schon in den USA angekommen:

https://voxday.blogspot.de/

Katzbach
29. Juli 2017 00:15

Catch 22, anscheinend gelingt wirklich nichts wie geplant.

Der Spiegel macht unbezahlbare Werbung für ein Buch, dass angeblich keine Werbung verdient. Da scheint die Gesinnung im Vordergrund steht und nicht der Effekt.Ergebnisse sind dementsprechend für Spiegel-Sytem-Claqueuren auch Nebensache, solange sie sich in der Suhle ihrer Antipathien wohlig umtreiben können.Schade das Flachheiten so überhand nehmen.

silberzunge
29. Juli 2017 01:25

Gutes Interview. Würde man in einem öffentlich-rechtlichen Fernsehen so nie zu Gesicht bekommen.

lohengrin
29. Juli 2017 01:54

Wir kommen allmählich wieder in der DDR an.Tatort: Deutsche Bücherei Leipzig 1979; Ausleihe eines Buches von Wolf Biermann( 1976 ausgebürgert) beantragt.Ablehnung mit dickem roten! Stempel und dem Vermerk:" Nur für wissenschaftliche Zwecke"-Wenig später Seminar für Marxismus; Diskussion um eine These von Friedrich Engels: Freiheit sei auch die Fähigkeit, mit Sachkenntnis(sic!) entscheiden zu können... Die sich entwickelnde Kontroverse, auch mit Hinweis auf die nicht vorhandene Reisefreiheit, führt ein Jahr später durch tatkräftige Mithilfe einer " Kollegin" zu einem Relegationsverfahren von der Uni-mit Glück überstanden, da die Mehrheit der Seminargruppe sich dem staatlichen Mobbing nicht anschließt.Ob es heute noch so ausginge...?

Gardeleutnant
29. Juli 2017 12:36

Ganz ausgezeichnet. Mit feinem, trockenem Humor ("Halte ich auch für einen Vorteil, es selbst zu lesen..."), deutlich und hart in der Sache und absolut professionell. "Der fehlende Part" ist manchmal unfreiwillig komisch, so auch hier (z.B. der Untertitel: "Götz Kubitschek - war bei der Bundeswehr"), aber GK hat mittlerweise eine Vermittelbarkeit, die geeignet ist, jeden Vernünftigen zu erreichen.

Erst durch dieses Video habe ich verstanden, warum gerade Sieferles aus meiner Perspektive kein bißchen skandalöse und schon oft von anderen so ähnlich formulierte Aussagen zum Auschwitz-Mythos so viel Aufregung verursacht haben. Das hielt ich bislang für eine bewußte Skandalisierung um der Skandalisierung willen, wider besseres Wissen. Daß ein denkender Mensch tatsächlich nicht in der Lage sein könnte, "Lüge" von "Mythos" zu unterscheiden, war mir gar nicht in den Sinn gekommen. Danke!

Martin Himstedt
29. Juli 2017 14:10

Können wir eigentlich auf eine Wiederauflage von Epochenwechsel hoffen?

Lotta Vorbeck
29. Juli 2017 14:24

Schön zu wissen, daß RT deutsch® nunmehr auch den Weg nach Schnellroda gefunden hat, wobei sich Götz Kubitschek bei der Aufzechnung dieser Sendung wahrlich in Hochform präsentierte.

Wenn sie nicht gerade mal wieder SED/PDS/Linke-Personal im Studio vor sich sitzen hat, handelt es sich bei "Der fehlende Part" mit Jasmin Kosubek um eine der Perlen auf RT deutsch®.

Nautilus
29. Juli 2017 15:59

Ein grandioses Interview Herr Kubitschek kann ich da nur sagen. Mein Dank gilt aber auch Jasmin Kosubek, sie hat wirklich gezeigt, dass sie verstehen will um was es in dem Buch wirklich geht. Kein dümmliches dazwischenquatschen wie man es sonst so kennt.

Wolf
29. Juli 2017 18:33

Kubitschek ist in der Tat einer der klügsten Köpfe der Rechten, der Antaios-Verlag verdient die allergrößte Unterstützung. (Vorschlag: z.B. das Buch von Sieferle mehrfach kaufen und verschenken). Unterstützung (jedweder Art) verdient aber vor allem der Aufbau einer Vernetzung im rechten Lager, ohne sich gleich  auf das  Parteien-Pöstchengerangel einzulassen. Das RT-Interview blamiert den Spiegel bis auf die Knochen.

Hartwig aus LG8
29. Juli 2017 18:45

Ich möchte zur Frage nach dem Selbstbewusstsein als Nation etwas ergänzen. Viele unserer Landsleute halten die "vorbildliche Vergangenheitsbewältigung" für einen Teil des Erfolges, den sie in der Existenz der BRD sehen. Dabei spielen Vokabeln wie "Wirtschaftswunder", "Härte der D-Mark" oder "Exportweltmeister" eine große Rolle, aus der der Bundesbürger (West) seinen Stolz zieht. Es ist schwierig zu argumentieren, der Gründungsmythos  Auschwitz stünde einem positiven Bewusstsein im Wege, denn für viele ist die BRD ein Erfolg, und ihre tragende Rolle in der EU ein weiterer Beleg von Bedeutung und künftigen Gedeihens, zumindest grundsätzlich.

Das Problem ist, dass Nationalstolz umdefiniert wurde; weg vom selbstverständlichen Stolz aufs Deutsche ohne Wenn und Aber, hin zu einem Stolz auf die Nachkriegszeit.  Das ist bei jeder Argumentation zu beachten.

Es geht m.E. nicht nur darum, positive Elemente unserer deutschen Geschichte in den Vordergrund zu stellen, sondern immer auch darum, den zweiten Weltkrieg und die Rollen der einzelnen Nationen zu thematisieren. Die Verankerung des Heute mit der Vergangenheit darf nicht irgendwann andocken,  als Deutschland gerade groß oder schön war, sondern es muss ein Verständnis für die Frauen und Männer der 20er, 30er und 40er Jahre geschaffen werden. Man wird nicht darum herumkommen, solange es Filmverleihern nach wie vor gelingt, geschichtsklitternde angelsächsische Filmproduktionen mit Publikumserfolg in deutsche Kinos zu bringen. Für das nächste Machwerk wird jedenfalls gerade kräftig geworben.

Ralf Beez Ofw d. R.
29. Juli 2017 23:33

Werter Götz Kubitschek ! Herzlichsten Dank und ein aufrichtiges Vergelt´s Gott in allerdeutlichst verschärfter Form für dieses stark Nobelpreisverdächtige Interview, ein Meilenstein in der heutigen "Mainstreampresselandschaft" ! MkuvG !

Solution
30. Juli 2017 11:55

G.K. hat hier einen absolut professionellen Auftritt hingelegt: sachlich, nüchtern, überzeugend. Es ist eine Sache, etwas zu schreiben, jedoch derart in der Öffentlichkeit aufzutreten, verlangt einiges mehr. Die Art und Weise wie die sorgsam gewählten Worte dem Zuschauer geboten werden - es könnte kein geübter Medienprofi besser rüberbringen. Und das bei den heikelsten Themen, die es überhaupt gibt. Respekt. Nicht zuletzt das äußerst faire Verhalten der jungen Dame hat das Interview zu einer runden Sache gemacht.

Toni Dalvai
30. Juli 2017 18:52

Habe "finis germania" heute online gelesen.

Schade, dass sich kaum etwas im Netz finden lässt, dass inhaltlich Bezug zu den Aussagen von Rolf Peter Sieferle nimmt.

Herr K.
1. August 2017 03:18

Köstlich anzuschauen, ja selber lesen ist vielleicht wirklich beste Idee...

Die Frage, wie man Auschwitz bewertet, bleibt nach wie vor ein Deutungskrieg zwischen Links und Rechts. Hier ist vlt. noch Land zu gewinnen, denn die negativistische Sichtweise der Linken bietet zwar einen drögen Pseudomythos, passt aber dann doch nur als Gegenstück zu einer denkbefreiten Konsumgesellschaft. Was, wenn passenderes  Narrativ  gefunden wird....?

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