Sezession
2. August 2017

Humanitaristischer Universalismus vs. Nominalismus

Johannes Poensgen / 20 Kommentare

Hufeisentheorien, auch bekannt als der Ausruf: „Die Extreme berühren sich!“, sind für das Denken gefährlich. Es ist sehr verführerisch, alle, die man nicht mag, unter einem Etikett zu subsumieren („der Satan“, „das Kapital“, „der Totalitarismus“), vor allem, wenn man den eigenen Weg dabei als goldene Mitte anpreisen kann. Trotzdem soll hier eine gewagt werden.

Johannes Konstantin Poensgen

Johannes Konstantin Poensgen studiert Politikwissenschaft und Geschichte.

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In der europäischen Rechten, vor allem dem an Alain de Benoist geschulten Teil, gehört die Feindschaft gegen den Universalismus zum Standardrepertoire. An den hiesigen Antiuniversalismus gewöhnt, brachte es mich zum Nachdenken, als ich hörte, wie der TRS-Mitgründer Mike Enoch die Linken des Nominalismus bezichtigte.

Nun ist Mike Enoch kein Philosoph, und das hier soll erst recht keine Wiederaufbereitung fast ein Jahrtausend alter Streitfragen der Scholastik sein. Angesichts der polemischen Natur derartiger Debatten ist es nicht nur ausreichend, sondern im Gegenteil sogar viel aufschlußreicher, die polemischen Aussagen zunächst als solche zu untersuchen.

Was meint der europäische Neurechte, wenn er Linke, Liberale etc. des „Universalismus“ bezichtigt? Er beschuldigt sie, die Welt vereinheitlichen zu wollen, keine Unterschiede anzuerkennen, alles auf einen Nenner, den der Menschheit, zu bringen.

Umgekehrt: Was meint Mike Enoch, wenn er vom „Nominalismus“ der Liberals spricht? In der Form des Arguments ist dieser Nominalismus das berühmte „Nichts hat mit nichts zu tun“. Moslems haben nichts mit Terror zu tun, Einwanderer einschlägiger Herkunft nichts mit Kriminalität, Homosexuelle nichts mit Pädophilie und weibliche Funktionäre der Grünen nichts mit einer unerträglichen Tantenhaftigkeit. Jeder ist einzigartig. Alle Fälle sind Einzelfälle. Wehe dem, der irgendwelche Zusammenhänge zu erkennen vermeint.

Nachdem dies geklärt, ist lohnt sich doch einen Blick auf die Philosophie. Hegel schreibt am Ende des ersten Kapitels der Phänomenologie des Geistes:

Sie sprechen von dem Dasein äußerer Gegenstände, welche noch genauer als wirkliche, absolut einzelne, ganz persönliche, individuelle Dinge, deren jedes seines absoluten Gleichen nicht mehr hat, bestimmt werden können; dieses Dasein habe absolute Gewißheit und Wahrheit. Sie meinen dieses Stück Papier, worauf ich dies schreibe oder vielmehr geschrieben habe; aber was sie meinen, sagen sie nicht. Wenn sie wirklich dieses Stück Papier, das sie meinen, sagen wollten, und sie wollten sagen, so ist dies unmöglich, weil das sinnliche Diese, das gemeint wird, der Sprache, die dem Bewußtsein, dem an sich allgemeinen, angehört, unerreichbar ist. Unter dem wirklichen Versuche, es zu sagen, würde es daher vermodern; die seine Beschreibung angefangen, könnten sie nicht vollenden, sondern müßten sie andern überlassen, welche von einem Ding zu sprechen, das nicht ist, zuletzt selbst eingestehen würden. Sie meinen also wohl dieses Stück Papier, das hier ein ganz anderes als das obige ist; aber sie sprechen wirkliche Dinge, äußere oder sinnliche Gegenstände, absolute einzelne Wesen und so fort, das heißt, sie sagen von ihnen nur das Allgemeine; daher was das Unaussprechliche genannt wird, nichts anderes ist als das Unwahre, Unvernünftige, bloß Gemeinte. – Wird von etwas weiter nichts gesagt, als daß es ein wirkliches Ding, ein äußerer Gegenstand ist, so ist es nur als das Allerallgemeinste und damit viel mehr seine Gleichheit mit allem als die Unterschiedenheit ausgesprochen. Sage ich ein einzelnes Ding, so sage ich es vielmehr ebenso als ganz Allgemeines, denn alle sind ein einzelnes Ding; und gleichfalls dieses Ding ist alles, was man will. Genauer bezeichnet, als dieses Stück Papier, so ist alles und jedes Papier ein dieses Stück Papier, und ich habe nur immer das Allgemeine gesagt.

Vereinfacht: Wenn ich etwas beschreibe, das heißt: es in sprachliche Ausdrücke fasse, dann kann ich das nur durch den Gebrauch von Allgemeinheiten. Denn sprachliche Ausdrücke sind nicht von dem konkreten Etwas, sondern immer von einer Gattung abgeleitet. Das gilt selbst für den Ausdruck „konkretes Etwas“. Hegelianisch gesprochen:

Ein solches Einfaches, das durch Negation ist, weder dieses noch jenes, ein Nichtdieses, und ebenso gleichgültig, auch dieses wie jenes zu sein, nennen wir ein Allgemeines; das Allgemeine ist also in der Tat das Wahre der sinnlichen Gewißheit.

Das bedeutet, wenn ich von etwas sage, es sei einzigartig, mit nichts anderem zu vergleichen, dann beschreibe ich damit nur die Eigenschaft, die es mit allem anderen teilt, das existiert, nämlich eben daß es existiert: das banale Wunder seines bloßen Vorhandenseins.

Wenn ich etwas dann genauer beschreibe, etwa als „Stück Papier“, dann schränke ich die Menge der dadurch beschriebenen Dinge zwar ein, bediene mich aber immer noch einer Allgemeinheit, dem Ausdruck „Stück Papier“. Selbst „dieses Stück Papier“ kann eben jedes beliebige „dieses Stück Papier“ sein. Dem ganz Konkreten kann sich die Sprache nur annähern.

Oswald Spengler, der diesem Einmaligen, Unwiderruflichen einen Ausdruck gab, den er nur unter großen Vorbehalten als Philosophie bezeichnete, mußte zugeben, daß das Problem seiner Methode des physiognomischen Taktes darin liegt, daß auf dem Wege verstandesmäßigen Nachdenkens nur ihr Gegenteil gefunden werden könne, eben dieses Denken in Allgemeinheiten.

Das hat eine wichtige Implikation. Sinnvolles Sprechen und auch sinnvolles Denken ist nur möglich, wo ein der Situation angemessener Grad von Allgemeinheit eingehalten wird. Andernfalls stellt sich folgendes Problem ein: Auf der einen Seite steht eine sinnlose Allgemeinheit, die meist alles umfaßt, was in der gegebenen Situation von Belang ist. Menschheit zum Beispiel ist alles, was atmet, zwei Beine und keine Federn hat. Auf der anderen Seite steht dann die ebenso sinnlose Konkretion, die selbst wieder nur besagt, daß das gemeinte Ding zur betreffenden Allgemeinheit gehört. Der einzelne Mensch als Mensch ist etwas, das atmet, mit zwei Beinen und ohne Federn.

Was diese Konkretionen, in unserem Fall die einzelnen Menschen, dann unterscheidet, wird dadurch zum berühmten Einzelfall, also zu dem Fall, den man tatsächlich, wie es immer heißt, „nicht verallgemeinern kann“. Man kann ihn deshalb nicht verallgemeinern, weil man nicht über einen angemessenen Grad der Verallgemeinerung verfügt. Er verbleibt als Einzelfall, über den sich nichts weiter aussagen läßt, als daß er vorhanden ist.


Johannes Konstantin Poensgen

Johannes Konstantin Poensgen studiert Politikwissenschaft und Geschichte.

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Kommentare (20)

Toni Dalvai
2. August 2017 11:46

Stringent und tiefsinnig.

Danke für Ihre Zeilen.

niekisch
2. August 2017 13:18

"die Falschen sich durchgesetzt haben"

Und warum? Weil sie ihren fast alles außer sich selber auflösenden Universalismus immer im Hinterkopf den Aufzulösenden äußert wirksam und ganz konkret als helle Zukunft zu verkaufen vermögen. Konsequenz für uns: J e d e m universalistischen Begriff einen möglichst allgemeinbedeutsamen Gegenbegriff entgegenstellen, z.B. die Entwurzelten - die Einheimischen, die Raffenden - die Erschaffenden, die Globalisten - die Identitären usw. das weltanschauliche Gerüst immer im Kopf - mit den Worten hämmern!

Der_Jürgen
2. August 2017 13:59

Ich finde die Beiträge von Johannes Constantin Poensgen meist überzeugend, aber dieser scheint mir sein bisher stärkster auf Sezession. Hut ab.

Aus dem Herzen spricht mit Poensgen u. a. mit seiner Kritik an Alain de Benoist, dem man Bildung und Talent gewiss nicht absprechen kann, der aber ganz gewisss nicht der Lichtbringer ist, zu dem ihn viele Rechte unverständlicherweise verklären. Allein schon seine Vorstellung, in Frankreich könne man riesige islamische Parallelgesellschaften auf Dauer dulden, disqualifiziert ihn in meinen Augen, und seine kategorische Weigerung, Kulturen zu werten,  ist meines Erachtens eine Art von Fahnenflucht.

Aehnliche Kritik übe ich hier an einem Denker, den ich über de Benoist stelle, dem Russen Alexander Dugin. In seinem Buch "Meschdunarodnye otnoschenia", das anno 2014 unter dem Titel "Konflikte der Zukunft" auszugsweise in deutscher Übersetzung beim Verlag "Pour le Merite" erschien, verficht er, um ein markantes Beispiel zu nennen, die These, die indischen Hindus besässen das Recht, ihre Witwen zu verbrennen; andere Kulturen seien nicht befugt, sich in ihre Angelegenheiten einzumischen und ihnen die Witwenverbrennung zu verbieten. Ein italienischer Freund (traditionalistischer Katholik), dem ich dies berichtete, meinte, Dugin missachte hier das Naturrecht: Da Witwe werden kein Verbrechen sei, habe niemand, unabängig von seinem Kulturkreis, das Recht, eine solche zu töten, schon gar nicht auf so grausame Weise. Diesem Standpunkt stimme ich zu. 

Im Gegensatz zu de Benoist meint ein anderer Säulenheiliger der französischen Rechten, Guillaume de Faye, kurz und bündig, die europäische Kultur sei die grösste der Geschichte. Ich kenne die Einwände, die gegen diese Sicht erhoben werden: Objektive Kriterien zur Beurteilung der Grösse einer Kultur gebe es nicht, weil der Beurteilende zwangsläufig die Kriterien seiner eigenen Kultur anlege.

Dennoch: Kann jemand ernstlich bestreiten, dass keine aussereuropäische Kultur je eine Musik hervorgebracht hat, die sich mit den Werken der grossen abendländischen Tonschöpfer auch nur entfernt vergleichen liesse? Aehnliches gilt, allerdings in geringerem Ausmass, für Malerei und Architektur. Auf dem Gebiet der Literatur, auch der Philosophie, haben die Chinesen, die Japaner, die Inder und andere Asiaten Grosses geschaffen.  Ob es sich aber mit den Leistungen europäischer Schriftsteller und Denker auf eine Stufe stellen lässt? Der Chinese, der Japaner und der Inder werden die Frage vielleicht bejahen, die europäische Überlegenheit auf dem Feld der Musik jedoch anerkennen.

Auf dem Felde der Wissenschaft haben die Chinesen bedeutende Leistungen vollbracht, was aber nichts daran änderte, dass sie aufgrund ihrer technischen Rückständigkeit zur leichten Beute westlicher Mächte wurden, die sie nach Strich und Faden demütigten. Die moderne Technologie haben Chinesen, Japaner und Koreaner zwar mit grosser Leichtigkeit übernommen, aber eben nicht selber geschaffen.

Weit krasser stehen die Dinge noch, wenn man die europäischen Leistungen mit denen jener Völkerschaften vergleicht, die den alten Kontinent heute überschwemmen. Ein Arabist, dessen Name mir nicht mehr gegenwärtig ist, meinte, seit 500 Jahren sei in arabischer Sprache nichts wirklich Wichtiges mehr geschrieben worden. Kulturelle oder zivilisatorische Leistungen der Schwarzafrikaner? Ja, sie haben eine respektable Jazzmusik und schöne Negro Spirituals geschaffen (leider aber auch den scheusslichen Lärm, den sie Rap-Musik nennen). Damit hat es sich wohl.

Wer Vertreter dieser Kulturen und Ethnien scharenweise nach Europa holen will, ist entweder geistig unzurechnungsfähig, oder er verfolgt eine böse Absicht - im Klartext, die Zerstörung unseres Kontinents, seiner Völker, seiner Kultur.

Bei aller scharfen Kritik, die ich bezüglich einer ganz anderen Frage vor Jahren an Guillaume Faye üben musste, steht er mir in diesem Punkt viel näher als de Benoist oder Dugin. Deren exzessiver Werterelativismus ist nicht nur intellektuell fragwürdig. Er ist verhängnisvoll, weil er den Selbstbehauptungswillen der Europäer in der gefahrvollsten Periode ihrer Geschichte schwächt.

Der Gehenkte
2. August 2017 14:46

@ Der _Jürgen

 „Nothing has been written in Arabic that matters for at least the last five centuries.” (David Starkey, Historiker)

Der_Jürgen
2. August 2017 15:08

@Der Gehenkte

Danke für den wertvollen Hinweis. Sie sind wahrhaftig eine wandelnde Enzyklopädie!

Der Gehenkte
2. August 2017 15:20

Poensgen beschreibt ein ganz wesentliches philosophisches Problem, das sich letztlich aus den Paradoxien der Sprache ergibt: daß einerseits mehr Sein als Sprache gibt, daß also Sein oder auch Seiendes nie sprachliche vollständig gebannt werden kann, daß es andererseits aber auch mehr Sprache als Sein gibt, daß die Sprache letztlich also schöpferisch ist und Sein/Seiendes hervorbringen kann. Dessen eingedenk, ist Kommunikation nie wirklich möglich - sie braucht ein Bereitwilligkeitsapriori, den Willen zum Verständnis und die Bereitschaft, das zirkuläre Definitionsspiel - "Definiere doch erstmal X" - aus pragmatischen Gründen zu unterbrechen. Diese Bereitwilligkeit ist im politischen parteiübergreifenden Gespräch derzeit massiv gestört.

Dazu ein Text: Sprache und Sein - ein produktives Paradox

Wie kann man es lösen? Die historische Vorgabe nennt Poensgen selbst:

"Sinnvolles Sprechen und auch sinnvolles Denken ist nur möglich, wo ein der Situation angemessener Grad von Allgemeinheit eingehalten wird. Andernfalls stellt sich folgendes Problem ein: Auf der einen Seite steht eine sinnlose Allgemeinheit, die meist alles umfaßt, was in der gegebenen Situation von Belang ist. Menschheit zum Beispiel ist alles, was atmet, zwei Beine und keine Federn hat. Auf der anderen Seite steht dann die ebenso sinnlose Konkretion, die selbst wieder nur besagt, daß das gemeinte Ding zur betreffenden Allgemeinheit gehört."

Das Beispiel entstammt Diogenes Laertius (VI,40) und hat eine wesentliche Fortsetzung und es ist kein Zufall, daß ausgerechnet Diogenes von Sinope, der Kyniker, hier den Erkenntnisgewinn vorantreibt:

 "Als Platon die Definition aufstellte, der Mensch ist ein federloses zweifüßiges Tier, und damit Beifall fand, rupfte er einem Hahn die Federn aus und brachte ihn in dessen Schule mit den Worten: 'Das ist Platons Mensch;' infolgedes­sen ward der Zusatz gemacht 'mit platten Nägeln'"

Wir sehen paradigmatisch das Phänomen der kommunikativen Annäherung. Der Struktur nach finden wir hier eine Antizipation Poppers, denn nichts anderes als die von abstrakten Begriffen befreite Falsifikationstheorie wird hier, in der Tat, vorgeführt und dies im dreifachen Wortsinn, durchaus auch in ihrer Trivialität. Popper hat Platon, und sei es seinem Versagen, offensichtlich mehr zu danken, als ihm lieb sein konnte (siehe "Offene Gesellschaft".)

Dazu André Glucksmann: "Diogenes propagierte eine Nicht-Definition, die ähnliche reflexive Eigenschaften hat wie eine Definition" (Eros des Westens).

Letztlich gilt, was Friedrich Engels in einer erleuchteten Stunde zu Papier brachte: "Die einzig reelle Definition ist die Entwicklung der Sache selbst, und diese ist aber keine Definition mehr" (MEW 20, 578)

Sinnlose Verallgemeinerung und sinnlose Konkretion lassen sich nur durch willentliche Annäherung überwinden, verbunden mit der Suche und Analyse der zahlreichen logical fallacies (Darauf hatte der selige Winston mal aufmerksam gemacht).

Karl
2. August 2017 15:26

"Der Nominalist ging erst in Kampfstellung gegen den Universalismus, als die Farben der Welt verblaßt, die Gestaltungskraft fast erstickt und die Würde des Menschen kraß verletzt war."

(Armin Mohler Titel: Die nominalistische Wende. Erstveröffentlichung in: Criticón 47, Mai-Juni 1978, S. 135-145 „Scholien aus San Casciano“ – ISSN 2199-3548 – ID 2015040 URL: https://scholien.wordpress.com/2015040-2/)

AUS: "Universalismuskritik Irrtümer und Grundsätze Teil 3":

https://derfunke.info/?p=327

 „Der, oft schmerzhafte, Prozess der Universalismuskritik ist es, die „Tradition gewordene Antitradition“ stellenweise aufbrechen zu müssen und identitären Kernbestand von universalistischer Verzerrung zu scheiden. Überall da, wo eine fanatisch-chauvinistische Idee zur totalen Mission und Vereinheitlichung der Welt aufkommt, wo eine geschichtslineare Weltsicht vorherrscht, von Menschheit und Werten an sich die Rede ist, besteht der Verdacht und die Notwendigkeit zur Kritik. Die klare Kritik und Analyse ist notwendig, um klar zu erkennen, wie sich ethnokulturelle Identität zu universalistischer Weltsicht verhält. ...

Wir müssen uns allerdings ... die Frage stellen, was es für uns bedeutet, dass Universalismus „denkmöglich“ ist. Warum lehnen wir ihn eigentlich ab? Aus vielen Absätzen zusammengefasst kann man sagen, dass es in seiner aphilosophischen und gleichmacherischen Haltung liegt. Er ist wahrheits- und lebensfeindlich. Beim ihm und in ihm kommt die Frage nach Wahrheit und Sein zum Erliegen, ebenso wie er die Vielfalt der Religionen, Völker und Sprachen dauerhaft und gezielt vernichtet.

Hat man eine grundsätzlich lebensbejahende Haltung, die auch in der Suche und Frage nach Wahrheit eine sinnvolle Aufgabe, eine Freude mehr als eine Last und eine Qual sieht, so sieht man sich ganz grundsätzlich in eine feindliche Haltung zum Universalismus gestellt, ob man sich dessen bewusst ist oder nicht. Überall, wo eine ehrliche und edle Haltung Zurückhaltung, Gewähren lassen und Respekt fordert, bricht der Universalismus mit plumper Heftigkeit und Zudringlichkeit ein.

Wo in der Antike die Spannung zwischen ethnokultureller Kontingenz und der Suche nach Transzendenz in einer fruchtbaren Polarität ertragen wurde, spitzt sie der Universalismus derart zu, dass am Ende nur die radikale, extremistische Entscheidung bleibt. Aus stillen, messianischen Hoffnungen macht er fanatische Apokalyptik, aus der radikalen Frage nach reiner Wahrheit starre Dogmatik, aus dem Wunsch zur Mitteilung und dem Bewusstsein einer Aufgabe Bekehrung und fiebriges Sendungsbewusstsein. Die eigene Kultur taucht er in Chauvinismus, den interkulturellen Austausch macht er zur Einbahnstraße, die Idee einer übernationalen Ethik und Verständigung macht er zur „Menschheit“ und zum Weltstaat.

In dieser Haltung ruiniert der Universalismus alles organisch gewachsene und verdirbt jeden Geschmack, jede Ehrlichkeit, jede Geborgenheit. Er zerstört Sprachen, Kulturen, Traditionen, Identitäten. Er tritt in Form des Kapitalismus, des Marxismus, des Totalitarismus und Anarchismus, des Weltbürgertums und des Nationalismus auf. Er ist die Essenz dessen, was wir als Entzauberung, Umweltzerstörung, Kulturvernichtung und Gleichmacherei erleben. Die Frage, die wir, wenn wir den Universalismus so umschrieben haben, stellen müssen, ist: Warum ist er möglich?“

Seinsvergessenheit und Universalismus

In dieser Frage muss auch der Begriff Universalismus (wir haben seine Dürftigkeit bereits erwähnt) in Frage gestellt werden. Vielmehr erscheint uns eine Verwandtschaft zwischen dem Universalismus der Universalismuskritik und Heideggers Seinsvergessenheit zu bestehen.

Die Seinsvergessenheit … ist „Entzug des Seins“ und Aufgabe der Frage nach dem Sein, das was auch den Denkabbruch des Universalismus kennzeichnet. …Seinsvergessenheit ist zuletzt das Verfallen des Menschen an seine eigenen metaphysischen Auslegungen des Seienden, d. h der Welt und der Menschen in ihrer Ganzheit. Indem er versucht, durch eine allgemeine Abstraktion des „Wesen der Dinge/des Menschen an sich“ oder einem letzten Wert und Prinzip die Welt auf einen archimedischen Punkt festzustellen, verstellt er sich die Ur-Frage nach dem Sein. Diese ist zuletzt auch die Frage nach der Zeitlichkeit und Veränderlichkeit des Seins und der Wahrheit, die überepochale Frage nach dem Ereignis und dem „Wie“, indem sich das Sein in verschieden geschichtlichen Epochen gibt.
Ein bestimmtes Seiendes rückt in die Rolle und die Position des Seins. Alles wird in seinem Licht gedeutet und interpretiert. Heidegger beschreibt eine ganze „Seinsgeschichte“, in der eine metaphysische Interpretation die andere ablöst, bis am Ende das Ganze im Nihilismus enden muss. Die Seinsvergessenheit leugnet die „Gegebenheit“ des Seienden, sie vergisst das Dynamische, ereignishafte, einer bestimmten „Offenbarung“ der Welt, auf die sich verbergende und entziehende „Dunkelheit“, die sich mit jeder Erscheinung der Welt in einem bestimmten Licht einstellen muss. Vereinfacht könnte man sagen: sie vergisst auf die strukturelle Perspektivität und Kontingenz der Frage nach Sein und Wahrheit, womit sie sowohl deren endliche Begrenztheit als auch deren unendlichen Anspruch preisgibt.

Ein Urschrei geht um den Globus und dient den tausenden Peripheren als Aufbruchssignal. Sie brechen ins Zentrum der Moderne und des Liberalismus, in sein Warenlager, seine Bilder und Ideologienschmiede, den „heiligen Westen“ auf, um möglichst nahe am pulsierenden Herz der Moderne zu sein. Hier winkt ein langes, gesundes, mit Lust und Spaß und wenig Arbeit erfülltes, abgesichertes Leben, für das Milliarden bereit sind ihre Religionen, Identitäten und Kulturen aufzugeben. Der radikale Bekehrungserfolg des Islams und des Christentums gegen die heidnischen Religionen, der radikale Erfolg des Marxismus im „kidnapping“ des Befreiungsnationalismus wiederholt sich im weltweiten „Erfolg“ des american way of life gegen jede Tradition.

Aufgabe einer Universalismuskritik ist es vielleicht, in dem Bösen, was sich im Universalismus zeigt, in der Institutionalisierung des Nihilismus im Chaos, das als Ordnung auftritt, den Entzug einer Wahrheit zu sehen, die immer noch nicht verloren ist. Sie ist genauso lange nicht verloren, als eine Gemeinschaft an klaren Geistern durch die Jahrtausende hinweg, eisern und unerbittlich eine Spur verfolgt, eine Suche nicht aufgibt, eine Tradition nicht abbrechen lässt und tiefer, echter und eigentlicher frägt.“

CJD
5. August 2017 01:10

Respekt, Johannes Konstantin Poensgen, und besten Dank für Ihren inspirierenden Beitrag! Eine total wahre Sicht der Dinge inklusive absolut sicherer Erkenntnis der Motivation kann jeder nur bezüglich seiner eigenen Angelegenheiten haben. Ausgehend von uns selbst treffen wir, die uns umgebenden konzentrischen Kreise (Ich, Familie, Freundeskreis, Dorf, Kanton, Bundesland, Nation, usw.) durchschreitend, auf mehr oder weniger Gleichgesinnte. Je weiter wir uns dabei von uns selbst entfernen, um so allgemeiner werden die Nenner, bezüglich derer man sich überhaupt mit seinen Mitmenschen auseinandersetzen oder gar organisieren muß (= idealerweise Subsidiaritätsprinzip bei der Staatsorganisation). Gleichzeitig gilt es, die Sphären des Privaten und Politischen auseinander zu halten. Auf meiner Couch kann ich mich mit (fast) jedem Mitmenschen über meine und seine philosophischen Ansichten und persönlichen Vorlieben austauschen. Während ich vorzugsweise Schopenhauer lese und gern Downhill fahre, ist es durchaus aufschlussreich, sich wenigstens einmal im Leben mit jemandem zu unterhalten, der vorzugsweise Filmmusik komponiert und außerdem gerne synchronschwimmt. Somit ist es sinnvoll, sich im apolitischen, privaten Couch-Bereich (= in Friedenszeiten) mit den vielen Spielarten der menschlichen Natur – dem Einzelfall - zu beschäftigen, weil dies oft mit einem beträchtlichen Erkenntnisgewinn einhergeht (entweder Selbstbestätigung oder Anregung zum Nachdenken). Je weiter man sich jedoch als Zoon politicon in die Außenbereiche der konzentrischen Kreise begibt - mit dem Verteidigungsfall als Kulminationspunkt - , umso weniger gescheit ist es, sich mit allem Möglichen gemein zu machen, sonder vielmehr sollte man nur seinen eigenen, ganz einfachen Wesenskern im Blick haben und sich auch nur bezüglich Selbigem organisieren. Somit reicht es, sich im relativ weit entfernten Kreis der Nation ausschließlich auf seine Eigenschaft als Deutscher zu besinnen und diese Eigenschaft mit den dort anzutreffenden Gleichgesinnten bestmöglich zu verteidigen. Wenn ich mich auf Grund des gemeinsamen Nenners „Deutscher zu sein“ Rücken an Rücken mit dem synchronschwimmenden Komponisten auf's Schlachtfeld begeben könnte, wäre das letztendlich ausreichend. Schlußendlich trennt sich die Spreu dadurch final vom Weizen, erstens den Friedensfall vom Verteidigungsfall unterscheiden und zweitens im Verteidigungsfall die Entscheidung zwischen Selbsterhaltung und Verständnis für den Anderen zugunsten der Selbsterhaltung fällen zu können. Oder anders (für viele Zeitgenossen nicht mehr verständlich) formuliert: bin ich willens – wenn der Mohr vor der Türe steht und sich meine Couch (inkl. Weib, Kühlschrank und Downhill-Maschine) krallen will - , mich und meine Stammhalter auf Kosten eines Anderen zu erhalten/durchzusetzen? Folglich ist dem Linken zwingend ein Minderwertigkeitskomplex eigen. Interessanterweise korreliert dieser Komplex meist mit fehlendem Realitätssinn, also der Unfähigkeit, zum richtigen Zeitpunkt den Fokus auf Einzelfall oder großes Ganzes richten, sprich: adäquat zwischen Friedens- und Verteidigungsfall unterscheiden zu können. Hingegen muß man als sich selbst bejahender Mensch logisch zwingend ein Rechter sein. Im Ernstfall ist alles eine Frage der Lust zur Wehrhaftigkeit, bei einigen Erlauchten ergänzt um ein paar wahrhaft idealistische Motive.

Jürg_Jenatsch
6. August 2017 00:41

Erst einmal meinen Dank an Herr Poensgen für diesen exzellenten Artikel. @ der_Jürgen: In den allermeisten Fällen teile ich Ihre messerscharfen und pointierten Wortmeldungen grosso modo, aber in diesem Fall habe ich eine ernste Frage. So sehr ich die Wertschätzung unserer Kultur teile und diese für die größte Zivilisation halte, welche die Welt bislang hervorgebracht hat, so sehr frage ich mich nach den praktischen Auswirkungen des von Ihnen ins Spiel gebrachten Naturrechtes. Wenn wir beim Beispiel Indien bleiben, wenngleich dort Sati nicht das größte Problem darstellt und kein Massenphänomen mehr ist. Was wäre die Reaktion auf eine Weigerung der Inder von dieser, in unseren Augen intolerablen Gepflogenheit abzugehen? Sollen wir analog zu Afghanistan dort einmarschieren und ihnen dies endgültig austreiben, nachdem die Engländer bereits seit dem 19. Jahrhundert Vorarbeit geleistet haben. Haben wir denn den Willen und auch die Mannschaftsstärke, um dies durchzusetzen? Ich bin der Ansicht, daß wir im Gegenteil z.B. in Afrika eine Afrikanisierung vorantreiben sollten. Natürlich muß dies mit einem robusten Nichteinwanderungskonzept gekoppelt werden.

Cacatum non est pictum
6. August 2017 01:56

@Jürg_Jenatsch

Ich bin der Ansicht, daß wir im Gegenteil z.B. in Afrika eine Afrikanisierung vorantreiben sollten.

Wir sollten anderswo als in unseren Gefilden gar nichts mehr vorantreiben. Lasst die Menschen dort leben, wie sie zu leben wünschen. Hört auf, ihnen ihre Ressourcen wegzunehmen, zieht Euch zurück aus ihren Ländern, stoppt die Entwicklungshilfe und überlasst sie sich selbst. Das wären wesentliche Schritte auf dem Weg zu einer Entglobalisierung. Natürlich darf aus diesen Regionen auch keine nennenswerte Einwanderung nach Europa mehr stattfinden. Dann wird so etwas wie eine Reafrikanisierung ganz von allein einsetzen. Freilich: Die bereits entstandenen und nunmehr wild wuchernden Riesenprobleme (vor allem das der Überbevölkerung) harren weiterhin der Lösung, und ich bin ziemlich pessimistisch, dass sie unblutig und ohne massive Opferzahlen gelöst werden können. Das ist tragisch, aber mir ist es im Sinne meiner Nachfahren lieber, dass eine solche Apokalypse auf den afrikanischen Kontinent beschränkt bleibt, als dass sie auch noch auf europäischen Kulturboden übergreift - und dieser Prozess ist gerade in vollem Gange.

Natürlich mache ich mir keine Illusionen darüber, dass die endlos raffgierigen und gewissenlosen Großbankiers und ihre Kettenhunde der politischen Klasse auch nur eine einzige afrikanische Ölquelle freiwillig aufgeben. Eher würden diese Satansanbeter die Welt in Schutt und Asche legen.

Der_Jürgen
6. August 2017 09:48

@Jürg Jenatsch

Als die Engländer noch über Indien herrschten, haben sie die Witwenverbrennung verboten, das Verbot aber nur unvollkommen durchzusetzen vermocht. Auch heute wird dieser furchtbare Brauch auf dem indischen Dorf noch vereinzelt gepflegt, Gesetz hin oder her.

Die Zeiten des Kolonialismus sind vorbei, und wir Europäer besitzen keine Möglichkeit, barbarischen Bräuchen von Nichteuropäern, sei es die in Afrika ungeheuer verbreitete bestialische Gewohnheit der Mädchenbeschneidung oder das Steinigen von Ehebrecherinnen in manchen islamischen Ländern, um nur zwei Beispiele zu nennen, durch Interventionen zu unterbinden. Wir müssten nur dafür sorgen, dass sich diese Bestialitäten nicht auf unserem Kontinent breitmachen. Dasselbe gilt u. a. auch für das tierquälerische Halal-Schlachten (Schächten), das ja in vielen Ländern Europas erlaubt ist.

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