Sezession
12. August 2016

Dissidente Denkzirkel Europas

Gastbeitrag

Während sich im Zuge der europäischen Flüchtlingskrise rechtskonservative Parteien im allgemeinen Aufwind befinden, treten Strategiezirkel und Denkfabriken naturgemäß weniger öffentlich hervor. Nichtsdestoweniger lohnt sich auch in dieser Hinsicht der Blick auf unsere Nachbarn, die in vielen Fällen eigenwillige und innovative Wege gefunden haben, Alternativen zu den bestehenden nationalen und internationalen Systemen zu denken und zu diskutieren. Die folgende Überblicksdarstellung besorgten Benedikt Kaiser (BK) und Nils Wegner (NW) unter Mithilfe von Johannes Schüller (JS).

Frankreich
Im Windschatten des souveränistisch-patriotischen Front National
(FN) um bereits drei Generationen der Familie Le Pen reüssieren kleinere Gruppen der außerparlamentarischen Rechten in gänzlich verschiedener Hinsicht. Während die Identitäre Bewegung – vor allem im Süden des Landes um Philippe Vardon – verstärkt Anschluß an den FN sucht und parlamentarische Partizipation anstrebt, bleibt jenseits der Identitären sowohl im jugendaktivistischen als auch im metapolitischen Bereich einiges in Bewegung. Die relevantesten außerparlamentarischen Jugendgruppen sind derzeit – von rechts nach links – die reaktivierte, traditionsreiche Action française (AF; monarchistisch), die Groupe Union Défense (GUD; nationalistisch) und die Organisation Socialiste Révolutionnaire Européenne (OSRE; linksnationalistisch). Letzte wird von Alain de Benoist unterstützt, der im geistigen Laboratorium namens Frankreich seit Jahrzehnten die prägende Figur ist. Sein intellektuelles Kioskmagazin éléments hat mit Beginn des Jahres die Erscheinungsweise von drei- auf zweimonatlich umgestellt; es erscheint bereits im 43. Jahrgang. Geistiges Manna beziehen die französischen Leser der Nouvelle Droite im weiteren aus den – ebenfalls von de Benoist verantworteten – Periodika Krisis und Nouvelle École. Anders als diese Buchzeitschriften wendet sich La Nouvelle Revue d’Histoire explizit an sowohl metapolitisch als auch historisch Interessierte. Gegründet wurde das Hochglanzmagazin von Dominique Venner, der sich im Mai 2013 aus Protest gegen den Niedergang Europas in Notre-Dame zu Paris erschoß. Anläßlich des ersten Jahrestags der Selbsttötung des Historikers und Schriftstellers wurde 2014 von einigen Weggefährten ein Bildungsinstitut gegründet, das sich der Pflege des Ideenkreises dieses »rebellischen Herzens« verschrieben hat: »Iliade. Institut pour la longue mémoire européenne« lädt seit Mai 2014 jährlich zu einem Kongreß ins Zentrum der französischen Hauptstadt, zu dem strömungsübergreifend Redner aus ganz Europa eingeladen werden; bis zu 1000 Gäste können verzeichnet werden. Die europäische Ausrichtung ist zentral: Das Iliade-Institut hat sich dem »Wiedererwachen des europäischen Bewußtseins« verschrieben. Es möchte gemäß Eigendarstellung den Reichtum des gemeinsamen europäischen Kulturgutes hervorheben. Dafür werden Tagungen organisiert, Publikationen verbreitet und kulturelle Veranstaltungen ausgerichtet. Das Iliade-Institut ist daher gegenwärtig der zentrale Akteur der intellektuellen französischen Rechten, wobei speziell bei dessen Jahreskongreß ein vielfältiges Milieu – von Radiosendern bis zu Magazinen und Verlagen – seine Projekte einem internationalen Publikum präsentiert. (BK)

Italien
Die patriotischen Bewegungen Italiens schöpfen freizügig aus historischen Beständen. Diese umfassen die sozialrevolutionären Ursprünge des Faschismus vor Benito Mussolinis Machtübernahme 1922, die Avantgarde des italienischen Futurismus, aber auch die nationale Einigungsbewegung des Risorgimento der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Den Stellenwert alternativer, ethnopluralistischer Europakonzeptionen in Italien zeigt das Wirken des intellektuell wirkmächtigsten, im weitesten Sinne »rechten« Vordenkers Gabriele Adinolfi: Das von ihm mit ins Leben gerufene Centro Studi Polaris versteht sich als antiglobalistischer und nationalrevolutionärer Zirkel, der politische Strategien und Konzepte nicht für die Lobbygruppen der Wirtschaft, sondern »für die nationale Gemeinschaft Italiens« erarbeiten will. Neben eigenen Studien veröffentlicht das Institut auch die mindestens einmal jährlich erscheinende Zeitschrift Polaris. Intellektuellen Einfluß hat er auf Italiens bedeutendste nonkonforme und neofaschistische Bewegung CasaPound. Diese betreibt in zahlreichen Städten des Landes Zentren, außerdem eigene Modemarken, Bars sowie den sich »Faschisten des dritten Jahrtausends« nennenden Aktivisten nahestehende Musikgruppen. CasaPound ist aufgrund der Kombination einer klaren weltanschaulichen Haltung mit einem popkulturellen Stil sehr erfolgreich; in Bozen konnte die Bewegung bei den Kommunalwahlen im Mai 2016 mit 6,7 Prozent drei italienische Stadträte entsenden. Im Umfeld von CasaPound entstanden im Laufe der vergangenen Jahre zahlreiche alternative Gruppen, darunter die European Solidarity Front for Syria, die u.a. mit libanesischen und syrischen Exilkreisen kooperiert, das Künstlerkollektiv Circolo Futurista sowie die ethnopluralistisch ausgerichtete Organisation Comunità Solidarista Popoli Onlus. Letztere unterstützt in ihrer Existenz und Identität bedrohte Volksgruppen durch Hilfslieferungen und Zusammenarbeit vor Ort – darunter auch die im Kosovo verbliebenen Serben sowie die Minderheit der Karen in Burma. Unabhängig von CasaPound wurde im Umfeld der einst separatistisch, jetzt national ausgerichteten erfolgreichen Partei Lega Nord in Mailand der Thinktank Il Talebano (dt. »Der Taliban«) gegründet, der eigene Konferenzen veranstaltet und unter iltalebano.com ein Onlinemagazin betreibt. (JS)

Großbritannien
2001 formierte sich mit der Conservative Democratic Alliance eine Abspaltung von der seit 1961 bestehenden konservativen Lobbyorganisation Monday Club. Zum Gründungsvorstand gehörte neben dem Initiator Michael Keith Smith insbesondere der nationalistische Querdenker und Künstler Jonathan Bowden.

Bowden hatte seit 1992 dem »konservativ-revolutionären« Revolutionary Conservative Caucus vorgestanden, mit dem innerhalb der als zu pragmatisch empfundenen Conservative Party eine starke rechte Position bezogen und kommuniziert sowie »abstraktes Denken in die Tiefenstruktur der Partei« eingeführt werden sollte. Vor allem aufgrund Bowdens, der die Maximen seiner Gruppe mit »nationale Souveränität, europäische Kultur, Männlichkeit, schonungsloser Elitismus und ethnische Reinheit« umriß, blieb der Caucus lediglich eine Splittergruppe. Die von 1993 bis 2006 aus seinem Umfeld herausgegebene Theoriezeitschrift Right Now! entfaltete mit diversen Autoren der kontinentaleuropäischen Neuen Rechten sowie prominenten Beiträgern wie Patrick Buchanan, J. Philippe Rushton, Samuel Francis und Roger Scruton jedoch eine enorme Wirkung innerhalb des englischsprachigen rechtsintellektuellen Milieus.

Die Conservative Democratic Alliance wandte sich gegen die Amerikanisierung Großbritanniens und die dahinterstehende Ideologie der freien Marktwirtschaft. 2002 sorgte sie für landesweites Aufsehen, als der Daily Telegraph einen offenen Brief der Organisation an die Conservative Party veröffentlichte, in dem »Filz, doppeltes Spiel, Arroganz, Inkompetenz, Europhilie, Gleichgültigkeit« gegeißelt wurden. Die Gruppe betrieb auch aktive Oppositionsarbeit innerhalb der Partei bis hin zu demonstrativen Gegenkandidaturen.

Nach einem Stimmungsumschlag Michael K. Smiths, der seinen Widerstand gegen die Parteilinie mit sofortiger Wirkung einstellte, löste sich die Alliance 2008 auf und wurde umgehend von der Nachfolgeorganisation Traditional Britain Group beerbt, die bis heute einen regen Tagungs- und Publikationsbetrieb an den Tag legt. Ihre politische Agenda lehnt sich eng an die Neue Rechte auf dem Kontinent an, wiewohl anglophonen Referenten und Autoren stets der Vorzug gegeben wird. (NW)

Ungarn
Während in Ungarn die führende, sich selbst als »konservativ« definierende Denkfabrik Századvég Alapítvány (»Jahrhundertwende-Stiftung«) einen stark liberalismuslastigen, transatlantischen und EU-freundlichen Kurs fährt, hat der schwere Vertrauensverlust, den Ministerpräsident Viktor Orbán infolge der Indiskretion eines seiner Fürsprecher Anfang 2015 beim Wahlvolk hinnehmen mußte, zu einem deutlichen Erstarken rechter metapolitischer Arbeit abseits der nationalkonservativen Regierungspartei Fidesz geführt. Der Politologe und strategische Direktor der Századvég, Gábor G. Fodor, hatte in einem Interview mit der Wochenzeitung Magyar Narancs freimütig ausgeplaudert, daß es sich bei der bürgerlich-wertkonservativen, auf Gott, Nation und Familie fokussierten Agenda (»polgári Magyarország«) des Ministerpräsidenten lediglich um ein sorgfältig formuliertes Lippenbekenntnis handele, um das Wählerpotential der Mittelschicht abzuschöpfen.

Unter den in der Folge von entsetzten Rechten, die in Orbán einen Vertreter ihrer Interessen gesehen hatten, gegründeten dissidenten Intellektuellenzirkeln nimmt die der Partei Jobbik nahestehende Konzervatív Hallgatók Szövetsége (»Allianz konservativer Studenten«) eine hervorgehobene Stellung ein. Erst zum Jahresbeginn 2016 gegründet, zählt die Organisation bereits mehrere Hundert Mitglieder und ist an allen ungarischen Hochschulen vertreten. Dort tritt sie der universitären Subversion durch sozialistische und anarchistische Studentengruppen entgegen und verficht eine Rückbesinnung auf nationale, konservative und christliche Maximen in der Hochschulbildung. Zu diesem Zweck findet ein reger Seminar- und Schulungsbetrieb statt, der stark von der europäischen Neuen Rechten und ihrer metapolitischen Perspektive inspiriert ist.

Die Nähe zu Jobbik ist insoweit sinnfällig, als die Partei – deren Wählerschaft überdurchschnittlich hoch gebildet ist – 2003 selbst aus einem antikommunistischen Studentenbündnis heraus entstand und besonders in ihrer Führungsriege stark vom integralen Traditionalismus Julius Evolas und René Guenons geprägt ist. Eine Auswahl von Schriften Evolas erschien 2012 unter dem Titel Jobboldali fatalok kézikönyve (»Handbuch der nationalistischen Jugend«) im Szeneverlag Kvintesszencia Kiadó; die Einführung stammte aus der Feder des Jobbik-Vorsitzenden Gábor Vona. Der Verlag gibt auch die »ungarische Sezession«, das metapolitische Theorieorgan Magyar Hüperión, heraus. (NW)

Österreich
Die Freiheitliche Partei ist tonangebend: Sie kann sich in Wahlumfragen nicht nur seit Monaten als stärkste Kraft behaupten, sondern bestimmt – wesentlich stärker als patriotische Kräfte vergleichsweise in Deutschland – die öffentliche Debatte. Das Meinungsklima richtet sich jedoch auch in Österreich vor allem bei Prominenz und politischen Eliten betont gegen die FPÖ. Zuletzt wurde dies bei der sehr knapp zum Nachteil der Freiheitlichen ausgegangenen Stichwahl zum Bundespräsidenten im Mai deutlich. Im Zuge der illegalen Masseneinwanderung wächst unter den Österreichern das Mißtrauen gegenüber etablierten Medien und Politik aber spürbar. Hinzu kommt, daß die FPÖ bzw. das national-freiheitliche »dritte« Lager über zahlreiche Vorfeldorganisationen verfügt. Dazu zählen unter anderem der Freiheitliche Akademikerverband, der Ring Freiheitlicher Jugend sowie die Freiheitliche Bauernschaft Österreichs. Das »FPÖ-Bildungsinstitut« bietet neben Seminaren zu Rhetorik und Gemeindearbeit auch Veranstaltungen zu weltanschaulicher Grundlagenarbeit an. Der 2012 in Oberösterreich wiedergegründete Freiheitliche Arbeitskreis Attersee gibt unter anderem zuwanderungs- und EU-kritische Schriften heraus; im Rahmen des quartalsweise erscheinenden Attersee.Report werden umfangreiche politische Studien und Umfragen veröffentlicht. Eine wichtige Rolle spielen die zahlreichen Schüler- und Studentenverbindungen, deren politisch aktive Mitglieder meist in der FPÖ organisiert sind. Durch das gegenüber Deutschland weitaus aktivere Verbindungswesen werden zugleich politische Vorarbeit und Vernetzung geleistet. Außerhalb des freiheitlichen Umfelds formieren sich – neben der medial sehr präsenten Identitären Bewegung – alternative Zirkel um Zeitschriften. Zu nennen sind insbesondere die quartalsweise erscheinende Grazer Neue Ordnung, die regelmäßig Veranstaltungen durchführt und sich auf Geschichte im allgemeinen sowie auf Ideenpolitik und religiöse Fragen im besonderen spezialisiert hat, ferner die junge geopolitische Zeitschrift Info-DIREKT aus Linz, die zweimonatlich erscheint. (JS)

Skandinavien
Die in Göteborg ansässige Denkfabrik Motpol wurde im Mai 2006 vom schwedischen Unternehmer und politischen Publizisten Daniel Friberg gegründet. Der Name läßt sich mit »Gegenpol« übersetzen; demgemäß ist es das Ziel des Zirkels, dem stromlinienförmigen öffentlichen Diskurs in Schweden und Europa eine geistig anspruchsvolle Alternative von rechts entgegenzusetzen und Diskussionsforum zum Austausch unter widerständigen Geistern zu sein – »gegen Liberalismus, Nihilismus und Dekadenz«. Zu diesem Zweck findet ein reger Theorieimport insbesondere aus der französischen Nouvelle Droite statt, deren Protagonisten – wie Alain de Benoist oder Guillaume Faye – über den mit Motpol assoziierten, »antimodernistischen« Arktos-Verlag für das schwedische und internationale Publikum erschlossen werden. Darüber hinaus reicht die thematische Bandbreite vom integralen Traditionalismus Julius Evolas über kulturpessimistische Belletristik und die Werke Oswald Spenglers bis hin zum radikalen finnischen Tiefenökologen Pentti Linkola.

Neben publizistischer Arbeit und der Pflege eines internationalen rechtsintellektuellen Netzwerks, wozu auch das von etlichen Köpfen der weltweiten rechten Netzpublizistik mitgetragene, multimediale Internetprojekt RightOn.net (Motto: »Wir setzen die Aktion in ›Reaktion‹«) dient, richtet Motpol in Stockholm seit 2009 die jährliche Konferenz »Identitär Idé« (»Identitärer Geist«) aus. Dort werden Fragen nach authentischem Konservatismus, europäischer Identität und Alternativen zur globalistischen Welt des »Einen Marktes« debattiert. Auf der metapolitischen Tagesveranstaltung, die die größte ihrer Art in ganz Skandinavien darstellt und weitgehend konkurrenzlos ist, sprachen bereits renommierte Gäste wie der paläokonservative US-Professor Paul Gottfried, der kanadisch-australische Verfassungsjurist Prof. Andrew Fraser, der französische Multiaktivist Philippe Vardon, der russische »postmoderne Antimodernist« Alexander Dugin, Alex Kurtagic und Manuel Ochsenreiter. (NW)

Balkan
Ein halbes Jahrhundert kommunistischer Diktatur hat die meisten konservativen und nationalistischen Traditionen der südosteuropäischen Staaten abgetrennt. Nach dem Zusammenbruch des Ostblocks haben sich neue, intellektuelle Dissidenzbewegungen nur sehr zögerlich etabliert und befinden sich zumeist noch in der Aufbauphase. Eine Ausnahme bildet die älteste kroatische »NGO«, der 1842 in Zagreb von Graf Janko Draškovic gegründete Kulturverein Matica Hrvatska. Er bildete das Zentrum der kroatischen Nationalbewegung im 19. Jahrhundert sowie zwischen den Weltkriegen und wurde erst 1972 im Zuge der Unterdrückung des »Kroatischen Frühlings« verboten; dabei spielte vor allem das Engagement für die kroatische Nationalsprache eine Rolle. In den 1990ern wieder aufgebaut, zählt die Organisation heute rund 4000 Mitglieder und verfügt über mehr als 120 lokale Niederlassungen. Sie verlegt mehrere Hundert Bücher im Jahr und gibt drei Zeitschriften heraus, darunter das führende kroatische Kulturorgan Vijenac. Prominentestes Mitglied der Matica Hrvatska war der spätere erste Präsident des freien Kroatien Franjo Tudjman.

2012 gründete sich in Kroatien außerdem die Jugendorganisation Obnova (»Erneuerung«), die eine »kulturelle, ethische und politische Erneuerung der kroatischen Gesellschaft« anstrebt. Sie hat um die 100 Mitglieder, zumeist Studenten, organisiert in unregelmäßigen Abständen öffentliche Diskussionsveranstaltungen und publiziert eine gleichnamige Halbjahreszeitschrift, die sich sozialen und politischen Themenschwerpunkten wie kultureller Hegemonie oder geopolitischen Alternativen auf theoretischem Wege nähert.

Einen ähnlichen Zusammenschluß gibt es seit Oktober 2015 auch in Bulgarien: Der nationalkonservative Verein Otechestvo (»Vaterland«) wurde ebenfalls von Studenten und anderen Jugendlichen gegründet und veranstaltete bislang vor allem gemeinschaftliche Unternehmungen – Fahrten zu Kulturveranstaltungen, Wanderungen etc. –, die den Mitgliedern das kulturelle Erbe ihres Landes nahebringen sollen.

Nennenswert ist außerdem das »neurechte« serbische Onlinemagazin Novipolis, dessen Mitarbeiterstamm aus mehr als 60 Schriftstellern, Akademikern und Künstlern besteht. (NW)

Polen
In Polen ist die politische Landschaft auch auf der Rechten historisch von einer Abneigung gegenüber Deutschland und Rußland gekennzeichnet. Die aktuelle Regierung der rechtskonservativen Partei Recht und Gerechtigkeit (PiS) äußert sich zwar EU- und islamkritisch, unterstützt aber andererseits die Präsenz der USA in Europa. Zudem herrscht in Polen in diesen Tagen geradezu eine antirussische Hysterie, die dazu führte, daß Mitte Mai der Vorsitzende der kleinen linkspatriotischen und prorussischen Partei Zmiana (»Wechsel«), Dr. Mateusz Piskorski, vom polnischen Inlandsgeheimdienst verhaftet wurde und seitdem im Gefängnis auf seinen Prozeß wegen angeblicher Spionagetätigkeit wartet. Die polnische PiS-Regierung – aber auch die liberale Vorgängerregierung – sah in Piskorskis US-kritischer und pro-europäischer geopolitischer Arbeit stets ein großes Ärgernis.

Piskorski leitet in Warschau das Europäische Zentrum für Geopolitische Analysen, gleichzeitig ist er stellvertretender Direktor des Deutschen Zentrums für Eurasische Studien in Berlin. Die Arbeit des Warschauer (und auch des Berliner) Thinktank beschränkt sich nicht nur auf Analysen und theoretische Arbeit. Piskorski wurde bekannt durch seine »praktische Geopolitik« – Organisation von internationalen Wahlbeobachtungen (Krim-Referendum 2014, Wahlen im Donbass 2014) sowie sogenannte »Fact Finding Missions« in Kriegs- und Krisengebieten. Er kritisiert dabei immer die destruktive Rolle der US-Politik und setzt sich für ein unabhängiges Europa ein. (BK)

Rußland
In Rußland gilt die Denkfabrik Katehon als eine der derzeit interessantesten Einrichtungen mit konservativer Schlagseite. Gegründet wurde Katehon vom tiefreligiösen russisch-orthodoxen Oligarchen Konstantin Malofeew, der heute auch Direktor des russischen Thinktanks ist. Bei Katehon forschen und arbeiten Experten für Geopolitik und Geostrategie, auf der Netzseite katehon.com gibt es Analysen insbesondere zu tagespolitischen Themen.

In der politischen Ausrichtung erkennt man klar die Handschrift des russischen Geopolitikexperten und Philosophen Prof. Alexander Dugin, der ebenfalls dem Expertenrat von Katehon angehört. Mit besonderem Interesse verfolgt man in der Denkfabrik die euroskeptischen Parteien und Organisationen innerhalb der EU, verschiedene regierungskritische US-Organisationen sowie die Ereignisse in Südamerika und in Afrika. Katehon bewirbt das Konzept der »multipolaren Welt« und richtet sich gegen die politischen, kulturellen und wirtschaftlichen US-Hegemonialbestrebungen. Dabei läßt sich die Arbeit von Katehon weder als »rechts« noch als »links« bezeichnen. Besonderes Augenmerk wird auch auf den Nahen und Mittleren Osten gelegt. Katehon-Analysten und -Experten besuchen regelmäßig Syrien und den Iran zum politischen Meinungsaustausch.

In der Denkfabrik arbeiten neben Malofeew und Dugin auch noch andere prominente russische Denker, Politiker und Diplomaten mit, darunter Senator Andrey Klimov, stellvertretender Vorsitzender des Komitees für Außenpolitik beim Russischen Föderationsrat, und Dr. Leonid Reschetnikow, früherer ranghoher sowjetischer und russischer Geheimdienstoffzier und heute Präsident des Russischen Instituts für Strategische Analysen (RISS). Zu den deutschen Mitarbeitern von Katehon zählt der Chefredakteur des Deutschen Nachrichtenmagazins ZUERST! und Direktor des Anfang 2016 in Berlin gegründeten Deutschen Zentrums für Eurasische Studien, Manuel Ochsenreiter.

Der russische Politikwissenschaftler Leonid Sawin, der ebenfalls bei Katehon mitarbeitet, ist Chefredakteur der Zeitschrift Geopolitika, die regelmäßig geopolitische Analysen publiziert. Auch Geopolitika bewirbt das Konzept einer multipolaren Weltordnung, Sawin gilt zudem als ausgewiesener Experte für Lateinamerika und Kuba. Auch hier zeigt sich, daß die Kriterien von »rechts« und »links« nicht zutreffen. Die Rolle sozialistischer Bewegungen wird ebenso positiv bewertet wie die von konservativen und rechten Euroskeptikern. Die Klammer ist die Kritik gegenüber den USA und der EU. Das bereits erwähnte RISS von Leonid Reschetnikow, das 2009 durch ein Dekret des russischen Präsidenten Wladimir Putin gegründet wurde, spielt unter den russischen Denkfabriken ebenfalls eine wichtige Rolle – nicht zuletzt durch die Personalie Reschetnikow. Der Generalleutnant im Ruhestand arbeitete von 1976 bis 2009 zunächst im sowjetischen, dann im russischen Auslandsgeheimdienst und leitete dort zuletzt die Analyseabteilung. Die Aufgabe des RISS ist, Expertisen zu außenpolitischen Themen zu erstellen und diese dem Präsidenten der Russischen Föderation, der Duma und den Ministerien zur Unterstützung ihrer Arbeit zur Verfügung zu stellen. Das RISS unterhält lokale Zentren in Simferopol (Krim), Königsberg, Rostow am Don, Kazan, Jekaterinburg, Archangelsk, Tscheljabinsk und Wladiwostok. Zudem gibt es Außenstellen in Polen, Finnland, Frankreich und Serbien. Zusätzlich betreibt das RISS ein Analysezentrum in Transnistrien (östlicher Teil Moldawiens, der sich Anfang der 1990er für unabhängig erklärt hat). (BK)


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