AfD nach der Wahl: Aufstand der Mittlinge?

Die Tagung fand statt, um in diesem Rahmen die sogenannte Alternative Mitte (AM) als bundesweit agierende Interessengemeinschaft innerhalb der AfD zu gründen. Zuvor hatte sich die AM bereits in sechs Landesverbänden konstituiert.

 Gastbeitrag

Gastbeitrag

Die Tagung fand statt, um in die­sem Rah­men die soge­nann­te Alter­na­ti­ve Mit­te (AM) als bun­des­weit agie­ren­de Inter­es­sen­ge­mein­schaft inner­halb der AfD zu grün­den. Zuvor hat­te sich die AM bereits in sechs Lan­des­ver­bän­den konstituiert.

Die Grün­dung von Gemein­schaf­ten inner­halb einer Par­tei zwecks Durch­set­zung inner­par­tei­li­cher Inter­es­sen ist an sich natür­lich völ­lig legi­tim. Vor­geb­lich soll die AM die Inter­es­sen libe­ra­ler Mit­glie­der in der Par­tei ver­tre­ten und als Gegen­pol zum natio­nal­kon­ser­va­ti­ven Par­tei­flü­gel fun­gie­ren. In die­sem Kon­text stellt sich aller­dings die Fra­ge, ob die AM tat­säch­lich libe­ra­lem Gedan­ken­gut in der AfD zu neu­en Höhen­flü­gen ver­hel­fen soll, oder ob dem Grün­dungs­im­puls auch ande­re Moti­ve zugrun­de liegen.

Alter­na­ti­ve Mit­te auf Lan­des­ebe­ne – Fall­bei­spiel Sachsen-Anhalt

In Sach­sen-Anhalt erfolg­te die Grün­dung der AM bereits im Juli 2017 und damit zur Unzeit mit­ten im Bun­des­tags­wahl­kampf. Nach erfolg­ter Grün­dung ver­laut­bar­ten die fünf gewähl­ten Spre­cher in einem gemein­sa­men Schrei­ben, daß man sich als Reprä­sen­tant des „gemä­ßig­ten Lagers“ sehe und sich „in der Sache ver­ant­wor­tungs­voll und im Stil bür­ger­lich“ prä­sen­tie­ren wolle.

End­lich drän­gen sie nun also ins Licht der Öffent­lich­keit, jene grund­an­stän­di­gen libe­ra­len und real­po­li­tisch moti­vier­ten Par­tei­mit­glie­der, die sich nicht nur auf popu­lis­ti­sches Hol­zen, son­dern viel­mehr auf gepfleg­te und sach­li­che Umgangs­for­men verstehen.

Doch halt. Ken­ner der Ver­hält­nis­se im AfD-Lan­des­ver­band Sach­sen-Anhalt über­kommt beim Lesen vori­ger Zei­len eine grim­mi­ge Hei­ter­keit. Tat­säch­lich han­delt es sich bei zahl­rei­chen AM-Grün­dungs­mit­glie­dern näm­lich kei­nes­falls um mode­ra­te AfD-Realos.

Im März 2017 geriet ein dama­li­ger AfD-Land­tags­ab­ge­ord­ne­ter und AM-Mit­grün­der in die Schlag­zei­len, nach­dem ruch­bar gewor­den war, daß er eine Geld­spen­de an den rechts­ex­tre­men Ver­ein ‚Thü­gi­da‘ getä­tigt hat­te. Sowohl der AfD-Bun­des­vor­stand als auch der von Björn Höcke geführ­te und natio­nal­kon­ser­va­tiv aus­ge­rich­te­te AfD-Lan­des­ver­band Thü­rin­gen haben einen Unver­ein­bar­keits­be­schluss in Bezug auf die alt­rech­te ‚Thü­gi­da‘ gefasst. Die neu­rech­te Patrio­ti­sche Platt­form in der AfD hat sich die­sem Abgren­zungs­be­schluss ange­schlos­sen. Der Abge­ord­ne­te, der die AfD-Land­tags­frak­ti­on mitt­ler­wei­le ver­las­sen hat, konn­te in sei­ner Spen­de indes kein unan­ge­mes­se­nes Ver­hal­ten erkennen.

Im Juli 2017 wur­de bekannt, dass ein AfD-Direkt­kan­di­dat für die Bun­des­tags­wahl Bil­der von Adolf Hit­ler und SS-Män­nern auf Face­book mit einem ‚Gefällt mir‘ ver­se­hen hat­te. Dem Vor­stand des kon­ser­va­tivs­ten Lan­des­ver­ban­des in der AfD blieb nichts ande­res übrig, als die Direkt­kan­di­da­tur zurück­zu­zie­hen. Der Anse­hens­scha­den für den Lan­des­ver­band war enorm. Kei­ne zwei Wochen spä­ter war der vor­ma­li­ge Direkt­kan­di­dat Grün­dungs­mit­glied der AM in Sachsen-Anhalt.

Bei vie­len AM-Prot­ago­nis­ten han­delt es sich dem­nach kei­nes­falls um arg­lo­se und vom ker­ni­gen natio­nal­kon­ser­va­ti­ven Par­tei­flü­gel ver­schreck­te Vorzeigeliberale.

Wei­ter­hin steht in der Grün­dungs­schrift der AM Sach­sen-Anhalt geschrieben:

Im Umgang mit­ein­an­der sind Sach­lich­keit, Anstand und gegen­sei­ti­ger Respekt unser Anspruch.

Man sei mit­hin eine

ver­ant­wor­tungs­vol­le Kraft in der Par­tei, wel­che einen sach­li­chen und anstän­di­gen Umgang unter­ein­an­der pflegt und den gegen­sei­ti­gen Respekt – trotz even­tu­el­ler inhalt­li­cher Unter­schie­de – in der Par­tei hochhält.

Um vori­ge Zei­len auf ihren Wahr­heits­ge­halt zu prü­fen, muß man wis­sen, daß fast alle Grün­dungs­mit­glie­der und sämt­li­che gewähl­te Spre­cher der AM Sach­sen-Anhalt Mit­glie­der der auf­ge­flo­ge­nen kon­spi­ra­ti­ven Chat­grup­pe ‚Die Ver­bün­de­ten‘ waren. Erstellt wur­de besag­te Chat­grup­pe vom jet­zi­gen AM-Sprecher.

Bei den ‚Ver­bün­de­ten‘ han­del­te es sich um eine petry­na­he Grup­pie­rung, die sich zum Ziel gesetzt hat­te, den AfD-Lan­des­vor­stand in Sach­sen-Anhalt zu stür­zen. Außer­dem soll­te Mit­glie­dern der Grup­pe auf dem Lis­ten­par­tei­tag zur Bun­des­tags­wahl mit demo­kra­tie­tech­nisch frag­wür­di­gen Mit­teln Zugang zu guten Lis­ten­plät­zen und also den poli­ti­schen Fut­ter­trö­gen ver­schafft werden.

Die in dem öffent­lich gewor­de­nen 370seitigen Chat­pro­to­koll vor­herr­schen­de Tona­li­tät ist kei­nes­falls als eine klas­sisch bür­ger­li­che zu bezeich­nen. Es fol­gen eini­ge Kost­pro­ben, ortho­gra­phi­sche Feh­ler und Satz­bau wie im Original:

Ein nun­meh­ri­ger AM-Spre­cher for­der­te, man müs­se den sach­sen-anhal­ti­schen AfD-Lan­des­vor­stand „wie Unkraut bekämp­fen“ und „für immer ent­sor­gen“. Anschlie­ßend müs­se man „das Feld neu bestel­len und nur das Bes­te“ – also einen vor­de­ren Platz an den Fleisch­töp­fen des Poli­tik­be­trie­bes – „ern­ten“.

Ein Chat- und Grün­dungs­mit­glied der AM for­der­te, man müs­se „mit aller Gewalt zuschla­gen, dass es rich­tig kracht“, und müs­se den Lan­des­vor­stand „mit einem Schlag hin­weg­fe­gen“. Danach sol­le man einen mit eige­nen Gefolgs­leu­ten besetz­ten neu­en Lan­des­vor­stand „instal­lie­ren“.

Ein ande­res AM-Grün­dungs­mit­glied ver­laut­bar­te in der ‚Verbündeten‘-Gruppe, es herr­sche ein „Bür­ger­krieg in der AfD“, wäh­rend ein wei­te­res Mit­glied dem Land­tags­ab­ge­ord­ne­ten und Lan­des­vor­stands­mit­glied Till­schnei­der unter­stell­te, die­ser arbei­te „mit bol­sche­wis­ti­schen Metho­den“, wes­halb „sein kran­ker Geist bekämpft wer­den“ müsse.

Auf die Ver­öf­fent­li­chung von Aus­zü­gen aus dem Chat-Pam­phlet durch den Lan­des­vor­stand reagier­ten die Grup­pen­mit­glie­der mit dem Vor­wurf, eini­ge der Text­stel­len sei­en aus dem Zusam­men­hang geris­sen wor­den. Dabei sind die publik gewor­de­nen Zita­te von ein­deu­ti­ger Unzweideutigkeit.

Grün­dungs­mit­glie­der der AM Sach­sen-Anhalt sehen also einen „Bür­ger­krieg in der AfD“, wol­len einen demo­kra­tisch gewähl­ten Lan­des­vor­stand „hin­weg­fe­gen“ und einen neu­en „instal­lie­ren“ und wol­len den „kran­ken Geist“ inner­par­tei­li­cher Wider­sa­cher „bekämp­fen“.

Des­wei­te­ren möch­te ein Spre­cher eben jener Inter­es­sen­grup­pe, die sich im Ein­klang mit den Qua­li­täts­me­di­en über den gau­land­schen Duk­tus in der Cau­sa Özo­guz echauf­fiert, einen AfD-Lan­des­vor­stand „für immer ent­sor­gen“. Glaub­wür­dig­keit geht anders. Ange­sichts des­sen ent­behrt es nicht einer gewis­sen Komik, wenn ein wei­te­rer sach­sen-anhal­ti­scher AM-Spre­cher auf der ‚Deutsch­land­ta­gung‘ der AM ver­laut­bart, er sei es leid, sich „recht­fer­ti­gen zu müs­sen für die Aus­fäl­lig­kei­ten eini­ger“ aus dem natio­nal­kon­ser­va­ti­ven Parteispektrum.

Das Chat­pro­to­koll der ehe­ma­li­gen ‚Ver­bün­de­ten‘ und nun­meh­ri­gen AM-Prot­ago­nis­ten legt zudem nahe, daß die Ver­bün­de­ten-Grup­pie­rung von der ehe­ma­li­gen Bun­des­vor­sit­zen­den Frau­ke Petry unter­stützt wur­de. So schreibt ein AM-Grün­dungs­mit­glied im Ver­bün­de­ten-Chat: „Und wenn ich noch hin­zu­fü­gen darf bit­te unbe­dingt den Brief an Frau­ke Petry fer­tig machen. … Die­se Unter­stüt­zung ist uns sicher.“

Ähn­lich auch ein jet­zi­ger AM-Spre­cher: „Soll­te das Kreis­spit­zen­tref­fen so aus­ge­hen, wie wir das ver­mu­ten, dann soll­ten wir auch einen Hil­fe­ruf an den Bun­des­vor­stand oder vor allem an Frau­ke Petry sen­den. Die­se hat Bereit­schaft bereits signa­li­siert und wird uns auch unterstützen.“

Wir hal­ten fest: Im Kern han­delt es sich bei den rund zwei Dut­zend Prot­ago­nis­ten der AM Sach­sen-Anhalt um eine Mischung ver­blie­be­ner Luckis­ten, ver­spreng­ter Petry-Rea­los, noto­ri­scher Que­ru­lan­ten, frus­trier­ter weil abge­wähl­ter Funk­ti­ons­trä­ger und geschei­ter­ter Kar­rie­ris­ten. Eine fri­sche Bri­se von Libe­ra­lis­mus und Bür­ger­lich­keit sucht man bei der hie­si­gen AM vergebens.

Alter­na­ti­ve Mit­te auf Bundesebene

Doch wie prä­sen­tier­te sich die bun­des­wei­te AM auf ihrem ‚Deutsch­land­tref­fen‘ am 3. Okto­ber? Dazu steht in der Zeit fol­gen­des zu lesen:

Nach Tettau gekom­men sind aus ihren Frak­tio­nen aus­ge­tre­te­ne oder aus­ge­schlos­se­ne Land­tags­ab­ge­ord­ne­te, ent­mach­te­te Funk­tio­nä­re, gekün­dig­te Mit­ar­bei­ter, erfolg­lo­se Bundestagskandidaten.

Und wei­ter:  

Die Alter­na­ti­ve Mit­te will den Geist Bernd Luckes in die Par­tei zurückholen.

Es fragt sich, ob sich die Vor­sit­zen­de der AfD-Bun­des­tags­frak­ti­on Ali­ce Wei­del der zuvor geschil­der­ten Zusam­men­hän­ge tat­säch­lich bewußt ist, wenn sie verkündet:

Wich­ti­ger jedoch ist, dass mit der Alter­na­ti­ven Mit­te in unse­rer Par­tei ein wich­ti­ger Pol der Ver­nunft wächst und gedeiht.

Schon schreibt die Bild vom „Auf­stand der Bür­ger­li­chen in der AfD.“ Sowohl die gegen­wär­ti­ge per­so­nel­le Auf­stel­lung der AM als auch die obwal­ten­den Kräf­te­ver­hält­nis­se in der Par­tei las­sen aller­dings – der­zeit – eher einen Zwer­gen­auf­stand ver­mu­ten. Zu dem ‚Deutsch­land­tref­fen‘ der AM reis­ten nur rund 150 Mit­glie­der an. Beim drit­ten Kyff­häu­ser­tref­fen des natio­nal­kon­ser­va­ti­ven Par­tei­flü­gels begrüß­ten die Ver­an­stal­ter laut Poli­zei­an­ga­ben rund 600 Parteimitglieder.

Den Anga­ben der Ver­an­stal­ter zufol­ge hät­ten pro­blem­los 1.500 Kar­ten für das Tref­fen an den Mann gebracht wer­den kön­nen. Ledig­lich begrenz­te räum­li­che Kapa­zi­tä­ten am Ver­an­stal­tungs­ort ver­hin­der­ten eine deut­lich höhe­re Teilnehmerzahl.

Gewiß ist, daß der in ver­gan­ge­nen Jah­ren erstark­te und fort­lau­fend wei­ter erstar­ken­de ‚Flü­gel‘ zwar inner­par­tei­li­che Kom­pro­mis­se ein­ge­hen, aber kei­ne real­po­li­ti­schen Irr­we­ge ins Eta­blier­te beschrei­ten, son­dern am ein­ge­schla­ge­nen bewe­gungs­po­li­ti­schen Erfolgs­weg fest­hal­ten wird. Vor dem Hin­ter­grund der For­de­rung eines fort­ge­setz­ten Par­tei­aus­schluß­ver­fah­rens sei­tens eini­ger AM-Sprach­roh­re ist eben­falls gewiß, daß der Ver­bleib von Björn Höcke als Pri­mus inter Pares unter den natio­nal­kon­ser­va­ti­ven Gali­ons­fi­gu­ren der AfD für den ‚Flü­gel‘ nicht ver­han­del­bar ist.

Wei­ter­hin unge­wiß bleibt hin­ge­gen der Aus­gang des rich­tungs­wei­sen­den Bun­des­par­tei­tags im Dezem­ber. Am Ran­de des ‚Deutsch­land­tref­fens‘ äußer­te ein AM-Ver­tre­ter aus Nie­der­sach­sen gegen­über der Jun­gen Frei­heit, auf dem kom­men­den Par­tei­tag wer­de über das Schick­sal der Par­tei ent­schie­den. Soll­te das soge­nann­te gemä­ßig­te Lager dort mar­gi­na­li­siert wer­den, kön­ne er sich „schon vor­stel­len, daß auch für mich dann die Rei­se vor­bei ist.“

Dem­nach kann nicht aus­ge­schlos­sen wer­den, daß zum Jah­res­en­de wei­te­re Par­tei­mit­glie­der dem Weg von Frau­ke Petry und Mar­cus Pret­zell in die poli­ti­sche Bedeu­tungs­lo­sig­keit fol­gen wer­den. Ein neu­er­li­cher Häu­tungs­pro­zeß der AfD bleibt also im Bereich des Möglichen.

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Dr. Jan Mol­den­hau­er, gebo­ren 1980, stu­dier­te Wirt­schafts­wis­sen­schaf­ten in Köln, Lon­don und Liver­pool. Er arbei­tet als Assis­tent des Frak­ti­ons­vor­stands und als lei­ten­der Refe­rent für die AfD-Land­tags­frak­ti­on in Sach­sen-Anhalt. In Sezes­si­on 68 erschien sein Grund­la­gen­bei­trag »Peak Oil, Glo­ba­li­sie­rung und die Gren­zen der Mach­bar­keit«.

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