Das war’s. Diesmal mit: Panik vor Büchern und unserem “Stoff”

30. Dezember 2017 -- Ich bin ein paar Tage allein...

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

Ich bin ein paar Tage allein mit der Jüngs­ten. Wir lesen die Nibelungen.

Mit den ande­ren Kin­dern hat­te ich die auch „durch­ge­nom­men“, in unter­schied­li­chen Nach­dich­tun­gen, dies­mal ist Franz Füh­mann dran. Die lie­be Klei­ne hat die ers­ten Ver­se mit­tel­hoch­deutsch aus­wen­dig gelernt und folgt begeis­tert. Pas­sa­gen­wei­se hört sie stau­nend zu, dann will sie dis­ku­tie­ren, es ist eine Freude!

Nur eine komi­sche Sache hat sich im Köpf­chen fest­ge­setzt: „Falls im Nil wirk­lich der Schatz der Nibe­lun­gen…“ – „Im RHEIN!“-„ Ach­so, ja. Ich ver­wechs­le immer Nil und Rhein.“

So geht das zwei, drei Mal über die Vor­le­sungs­aben­de. Zwei­mal muß ich lachen, beim drit­ten Mal bin ich (eigent­lich ist die Jüngs­te näm­lich ein ech­ter Topo­gra­phie-Spe­zi, sie schlägt dar­in sogar ihre älte­re Schwes­tern) genervt: „Mann! In DEUTSCHLAND fließt der RHEIN und NICHT DER NIL!! Das kann man sich ja wohl mal merken?“

Die Toch­ter strei­chelt beschwich­ti­gend mei­ne Hand: „ Mama, Ent­schul­di­gung bit­te. Eigent­lich sind nicht die Flüs­se das Pro­blem. Manch­mal ver­wech­sel ich ein­fach Deutsch­land und Sudan.“

Wer’s nicht glaubt, kennt mei­ne Toch­ter nicht. Und eh: Kann ja mal pas­sie­ren. (Nach­ge­reich­ter Kom­men­tar einer alt­klu­gen Gro­ßen: In Deutsch­land ste­cke ja schon buch­stäb­lich der Sudan.)

– – –

31. Dezem­ber 2017 – Die Nibe­lun­gen sind so sehr unser Stoff! Ach, es wür­de den Rah­men die­ser hei­te­ren Kolum­ne spren­gen, wie sehr! Und nun Füh­mann, der Her­zens­gu­te, der Ver­blen­de­te, der Rei­ne, der Dreck­sack, der zugleich wah­rer Poet und Kitsch­künst­ler war…

Ich selbst stam­me aus einem ganz und gar unaka­de­mi­schem Haus­halt, aber die väter­li­chen Erzäh­lun­gen von den Nibe­lun­gen haben mei­ne Kind­heit durch­zo­gen, viel mehr als alles  von den Grimms.

Als wir anno 2002 in die­ses ver­fal­le­ne Rit­ter­gut ein­ge­zo­gen sind, gab es fol­gen­de Epi­so­de: Im Juli roll­ten wir mit einem Umzugs­trans­por­ter auf dem Hof. Drei klei­ne Kin­der waren an Bord. Ich war deut­lich schwan­ger und trug, weil‘s ein schmut­zi­ger Tag war, ein schmut­zi­ges T‑Shirt einer beklopp­ten Trash-Metal-Band („Torment“).

Vom Haus gegen­über (das moch­te anno­da­zu­mal ein Gesin­de­haus des alten Guts gewe­sen sein) beob­ach­te­ten eini­ge geschei­tel­te Ker­le unse­ren Ein­zug mit Argus­au­gen. Bald wur­den stram­me Paro­len rüber­ge­ru­fen: „Sie betre­ten doit­sches Gebiet!“  Usw., usf., – ent­spre­chend doit­sche Musik schall­te bald rüber. Es war klar, daß wir die Fein­de aus dem Wes­ten waren, die Öko-Punks oder so.

Kubit­schek war noch am sel­ben Abend rüber­ge­gan­gen, um Hal­lo zu sagen. Fazit: „Kräf­ti­ge Ker­le, ohne Maß­stab, auf dem völ­lig fal­schen Damp­fer.” Aber bestimmt nicht unrett­bar! In den fol­gen­den Mona­ten nahm er sich die Jungs von Gegen­über regel­mä­ßig zur Brust. Das waren kei­ne Rechts­ra­di­ka­le, das war halt­lo­ser patrio­ti­scher Bodensatz!

Kubit­schek fand, dort müs­se man nicht mit Geschichts­stun­den begin­nen, son­dern mit ganz ein­fa­chen Grund­la­gen. Er wähl­te die Nibe­lun­gen, schlich­tes­te Nach­er­zäh­lung. Drei der vier Jungs erwie­sen sich als mehr oder weni­ger gut bild­bar. Der vier­te nicht. Es stell­te ich bald  her­aus, daß Ron­ny Herz (der eigent­lich anders heißt) glat­ter Analpha­bet ist. Er konn­te Kubit­scheks sehr simp­le „Haus­auf­ga­ben“ schlicht nicht lesen! Für uns war das damals ein Schock.

Die WG von gegen­über hat­te sich nach weni­gen Jah­ren auf­ge­löst. Einer der vier Jungs hat­te sich tot­ge­fah­ren. Ein wei­te­rer ist ein guter Kun­de von Antaios.de. Vor zwei Jah­ren lern­te ich eine beein­dru­cken­de Frau ken­nen, die sich nach anre­gen­dem Gespräch als Freun­din von X. vor­stell­te. Von „Ron­ny“ aber: kaum eine Spur.

Und nun das: Nach Weih­nach­ten waren eine Men­ge Bestel­lun­gen im Ver­lag ange­lau­fen. Das Ver­triebs­bü­ro war schmal besetzt, des­halb half ich beim Schrei­ben der Rech­nun­gen. Aus­ge­rech­net ein­mal „Sie­fer­le, Finis Ger­ma­nia“, ging an Ron­ny Herz. (Auch sein ech­ter Name ist nicht gera­de Mas­sen­wa­re. Er muß es also sein.)

– – –

1. Janu­ar 2018 – Du lie­be Güte: Im Bestand der Pots­da­mer Stadt­bi­blio­thek fin­den sich angeb­lich „auch rund 20 umstrit­te­ne Bücher – mit neu­rech­ter Ideo­lo­gie und Ver­schwö­rungs­theo­rien. Sie hei­ßen Finis Ger­ma­nia, Die Asyl-Indus­trie oder Kon­troll­ver­lust.“

Die „umstrit­te­nen“ Autoren Udo Ulf­kot­te (ehe­ma­li­ger FAZ-Redak­teur) und Rolf-Peter Sie­fer­le (ordent­li­cher Pro­fes­sor der Geschichts­wis­sen­schaf­ten) dürf­ten im Gra­be rotie­ren ange­sichts der Eti­ket­tie­rung;  Schul­te; sechs­und­zwan­zig Jah­re lang mehr oder weni­ger pro­mi­nen­tes CDU-Mit­glied und recht­schaf­fe­ner Unter­neh­mer, dürf­te wenigs­tens mit den Augen rollen.

Bei den „Pots­da­mer Neu­es­te Nach­rich­ten“ ist man aber alar­miert. PNN-Redak­teur Hen­ri Kra­mer äußert in alt­vä­ter­li­chem Ton:

Es sind eini­ge sol­cher Schrif­ten zu viel. Es lässt sich näm­lich treff­lich argu­men­tie­ren, dass in Zei­ten, in denen im Inter­net jede noch so absur­de Ver­schwö­rungs­theo­rie und rech­te Het­ze jed­we­der Art als nor­ma­le Mei­nungs­äu­ße­rung durch­ge­hen, sol­che Inhal­te nicht noch in öffent­li­chen und von Steu­er­gel­dern bezahl­ten Biblio­the­ken ange­bo­ten wer­den müssen.

Geh ich auf die Netz­sei­te der PNN, erhal­te ich dort sofort und pro­mi­nent eine „kos­ten­lo­se Spiel­ein­la­dung“ zum mili­ta­ris­ti­schen Com­pu­ter­spiel „Call of War“. Geh ich auf die Netz­sei­te der Pots­da­mer Stadt­bü­che­rei, fin­de ich dort im Kata­log eine unglaub­li­che Men­ge an Ver­schwö­rungs­ther­orie­bü­chern aus der Feder frei flot­tie­ren­der Stimmungsmacher.

Kur­ze Stipp­vi­si­te: Vol­ker Wei­ßens Die auto­ri­tä­re Revol­te, lin­ke Het­ze und Angst­ma­che vom Feins­ten: ent­leih­bar! Gan­ze fünf Bücher der umstrit­te­nen links­ra­di­ka­len Autorin Andrea Röp­ke: ent­leih­bar! Maja­kow­skis bol­sche­wis­ti­sche Revo­lu­ti­ons­ly­rik, Lenins Ergüs­se: ent­leih­bar! Mit Steu­er­gel­dern! Usw., uvm.

– – –

2. Janu­ar 2018 – Ver­mut­lich kom­men nur Haus­frau­en mei­nes Typs von wesent­li­chen Fra­gen auf haus­ge­mach­te und vice ver­sa. Der Bei­trag von Thor Kun­kel hat ja für ein hüb­sches nach­träg­li­ches Feu­er­werk gesorgt.

Die einen kla­gen, „mei­ne Güte, wie plump“, die ande­ren freu­en sich: „End­lich sagt‘s mal einer!“

Unser hoch­ge­lahr­ter Dis­pu­tant maior­domus hat dazu (und zu Bea­trix von Stor­chens inkri­mi­nier­tem Tweet) befunden:

Das ist, wie ich beto­nen möch­te, kei­ne Stil­fra­ge oder Fra­ge des guten Geschmacks, son­dern eine Text­sor­ten­fra­ge. Des­glei­chen Thor Kun­kel. In einem Forum, in dem es um poli­ti­sche Theo­rie geht und um die Ver­tie­fung des lang­fris­ti­gen poli­ti­schen Bewusst­seins, passt die Pro­pa­gan­da­spra­che nun mal nicht.

Nun zum Ein­ge­mach­ten: Wir sind ein pho­to­ap­pa­rat­frei­er Haus­halt. Das ist kei­ne Ideo­lo­gie, son­dern Neigung.

Wir haben nie ein Neu­ge­bo­re­nes, nie einen Schul­an­fän­ger, nie eine Abitu­ri­en­tin etc. aus unse­rem Hau­se abge­lich­tet. Es exis­tie­ren auch kei­ne Urlaubs­pho­tos. Viel­leicht ist das scha­de – aber ist so. Gele­gent­lich kom­men Pho­tos auf uns, die Freun­de oder Ver­wand­te zu beson­de­ren Anläs­sen geknipst haben: schön, freut uns!

Nun hat­ten unse­re Kin­der uns zu Sil­ves­ter ein klei­nes Über­ra­schungs­pa­ket ser­viert: kur­ze Gele­gen­heits­vi­de­os aus dem ver­gan­ge­nen Jahr­zehnt, irgend­wie heim­lich auf­ge­nom­men. Ach, war das herzig!

Auf dem Schnip­sel, wo eine (heu­te längst gro­ße) Toch­ter durch die Gegend krab­belt, sehen wir einen ein­sa­men Socken unter einem Schrank lie­gen. Ich, spon­tan: „Kenn ich! Der liegt immer noch dort!“ (Es stell­te sich als Fehl­be­haup­tung her­aus. An glei­cher Stel­le lag nun ein ande­rer Singlesocken.)

Will sagen: Bei uns ist es nicht so ste­ril. Ich sage gern: Wir sind Anti-Hygie­ni­ker. Immer­hin hat kei­nes unser Kin­der All­er­gien oder lei­det unter Gesichts­bläs­se- das wäre doch mal ein schö­ner Nebeneffekt.

Mein Mot­to als lie­der­li­che Haus­frau ist: Was ech­ter Dreck ist oder in ästhe­ti­scher Hin­sicht stört (Plas­te­kram), muß weg, sofort. Alles ande­re kann man auch mal ste­hen- oder liegenlassen.

Der maior­domus­sche Hin­weis auf die Text­sor­ten ist zwei­fel­los klug. Nichts gegen Rein­heit, wenn es um echt patho­ge­ne Kei­me geht. Und doch, einem gro­ßen Haus steht ein wenig Drun­ter­und­drü­ber ganz gut. Wir sind ja kein Muse­um. Nichts als das! Es lebe Thor, es lebe der Hausmeier!

Ellen Kositz­as gesam­mel­te Wochen­rück­bli­cke der Jah­re 2014–2016 sind in Buch­form erhält­lich! Ellen Kositza: Das war’s. Dies­mal mit: Kin­dern, Küche, Kri­tik, Schnell­ro­da 2017. Hier ein­se­hen und bestellen!

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

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Kommentare (15)

Franz Bettinger

4. Januar 2018 11:41

Nicht, dass es wichtig wäre, aber fragen Sie mal die Kleine, welche 3 Länder sich der äußeren Form nach sehr ähneln? - Ich glaube, das weiß sie nur, wenn sie selbst mal Europa und die Welt auf Karton gemalt und dann die Länder mit der Schere ausgeschnitten hat, um eine Art Puzzel zu machen.

Antwort: Schweiz, Irland, Mongolei.

Der Gehenkte

4. Januar 2018 12:19

 Die Fühmannschen Nibelungen waren auch unser Stoff und zwar in der Hörbuchvariante. Haben wir im Auto hoch und runter gehört und die Kinder konnten es fast auswendig! Wird auch in der Schule als Lesestoff noch behandelt; dort macht man immer wieder die Erfahrung, daß dieses Buch wirkt, Herzen öffnen kann.

Leider sind die Kassetten abhanden gekommen - weiß jemand, wo und wie man das Hörbuch bekommen kann?

Fühmann selber ist ein Großer! - aber im zu kleinen Kontext.

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Glückwunsch an Ronny! Schöne Geschichte.

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Kunkelei: "die anderen freuen sich: „Endlich sagt`s mal einer!“"

Nicht daß, sondern wie ... aber geschenkt. Und was nun "echter Dreck" ist und was nicht - das weiß jeder Ehemann -, darüber kann man streiten. Vermutlich habe ich meine eigene "Allergie" hier zum Maßstab genommen. Vielleicht trifft man sich ja mal auf ein Bier.

Herr K.

4. Januar 2018 12:57

Unheimlich beruhigend, wenn immerhin Sie begriffen haben wie man nicht spaltet...so soll's sein!

Lotta Vorbeck

4. Januar 2018 13:02

@Kositza: "Es lebe Thor, es lebe der Hausmeier!"

Sollte sie sich vertippt und Hausmeister gemeint haben?

Frisch ans Werk - einfach mal den Großen Gockel fragen!

Gleich der erste Suchtreffer überracht den Nichtlateiner ...

"Das Amt des Hausmeiers (oder Majordomus bzw. maior domus, aus lateinisch maior „der Verwalter" und domus „das Haus", also des „Verwalters des Hauses") zählte zu den Ämtern des frühmittelalterlichen Hofes. Im Merowingerreich gewannen die Hausmeier großen Einfluss und bestimmten maßgeblich die Politik des Reiches."

Wer hätte das gedacht? - Der gute Pirmin aus dem alpinen Lande der Eidgenossen ist also Haus-Meier ... äh Verwalter ...

Es lebe der Thor und es lebe der Pirmin!

H. M. Richter

4. Januar 2018 13:30

"Die Tochter streichelt beschwichtigend meine Hand: „ Mama, Entschuldigung bitte. Eigentlich sind nicht die Flüsse das Problem. Manchmal verwechsel ich einfach Deutschland und Sudan.“

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Wunderbar. Welche Geschichten doch das Leben schreibt …

Und doch, ich sehe sie nun vor mir, die Textpassage, die nun unausweichlich wird: 

„Während er sich in Militärstiefeln und in einer feldgrauen Jacke, die einem Uniformteil gleicht, um die Ziegen kümmert, läßt sie ihre jüngste Tochter, die, was niemanden verwundern kann, einen germanischen Namen und sorfältig geflochtene, blonde Zöpfe trägt, das Nibelungenlied auswendig lernen. Wieder und wieder schallen die Verse rhythmisch durch die Küche. Fehler werden nicht geduldet. Das Ziel dabei ist nicht zuletzt ein neo-koloniales. Inzwischen spricht das blauäugige Kind vom Sudan bereits ganz so, als ob es sich dabei niemals um eine britische Kolonie gehandelt hätte, sondern um einen deutschen Sehnsuchtsort, in dessen Mitte der Nibelungenschatz liegt. Man muß kein Prophet sein, um sich vorzustellen, wie man im neurechten Rittergut darüber denkt, an diesen Schatz zu gelangen": 

https://www.sterntours.de/aegypten-reisen/nilkreuzfahrt/nilschiff-ss-sudan

Caroline Sommerfeld

4. Januar 2018 13:42

Sogleich den Fühmann um 5 Euro bestellt und nach Schnellroda schicken lassen (sonst ist das Porto nach Österreich teurer als das Buch, und wir sehen uns bei der Winterakademie). Das wird beiden Burschen gewiß taugen. Wir haben bisher eine (allerdings schön gezeichnete) Bilderbuchversion.

Was übrigens auch gefällt und gruselt (das ist oft ein und dasselbe im Kindergemüt) ist Otfried Preußlers heuer neu erschienene Sammlung alter deutscher Regionalsagen unter dem Titel "Zwölfe hat's geschlagen".

Der Kleinste hatte länger zu Knabbern an einer Sage von der böhmisch-schlesischen Grenze, in der eine Mutter ihr Baby in einer Schatzhöhle zurückläßt, weil sie von den Schätzen geblendet alles an sich rafft und keine Hand und keinen Sinn mehr für ihr Kind hat.

Lotta Vorbeck

4. Januar 2018 14:34

 

@H. M. Richter - 04. Januar 2018 - 12:30 PM

Werter @H. M. Richter falls Sie am Donnerstag, dem 10. Mai 2018 für den diesjährigen Himmelfahrtstag noch nichts besseres vorhaben, könnten wir ja - das Mineralwasser an Bord gibt's gratis - eine Herrentagstour auf dem Nilkreuzfahrtdampfschiff SS-Sudan buchen ...

 

 

 

 

 

Marodeur

4. Januar 2018 19:12

"haltloser patriotischer Bodensatz"

Danke für die schöne Formulierung. Ein wenig Struktur hätte ich mir als junger haltloser Patriot auch gewünscht. In der DDR-Bibliothek gab es damals leider keine hilfreichen "Verschwörungstheorien", dafür aber jede Menge interessante militärhistorische Werke. Daraus entstand ein eigentümliches Gesinnungsgemenge. Gut, dass es heute wieder auf(rechte) Menschen gibt, die einem Halt geben.

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Kunkels Beitrag und die nachfolgende Diskussion waren ganz wunderbar. Die 50 Kommentare konnte man ohne Ermüdungserscheinungen abarbeiten. Die kritischen Beiträge waren lesenswert und die Befürworter haben viele wichtige Ergänzungen hinzugesteuert. Bedauerlich war allein der Einwand, dass man dann aber bitte bei theoretischen Beiträgen keine Einwände bzgl. Praxisferne oder brotloser Fachsimplei haben möchte. In einem Blog wie diesem, muss Theorie vor Publikum bestehen. Als Wissenschaftler habe ich vor Jahren lernen müssen, dass ein hohes Niveau nicht einfach durch Verzicht auf Abstraktion entsteht. Wenn eine Erkenntnis sich durchsetzen soll, dann ist eine gewisse Bereitschaft zum Erzählen gefragt. Mehr ist doch meist garnicht gefordert, oder?

Maiordomus

4. Januar 2018 23:33

@Betrifft: Hausmeier und Hausmeister. Korrekturprogramme korrigieren oft zugunsten des häufigeren Gebrauchs, also Hausmeister statt Hausmeier. Und die Pippins als merowingische Hausmeier dürfen natürlich nicht mit subalternen Hausbeamten verwechselt werden. Die Vorkarolinger bildeten bei all ihrer Brutalität eine Morgendämmerung des Abendlandes, nicht zu vergessen Muslimenbezwinger Karl Martell, der freilich mal einer Frau die Schulter ausgerenkt haben soll. Für die Kinder ist es wohl am besten, dass man ihnen das Nibelungenlied mündlich erzählt, die Neuübersetzungen befriedigen nicht richtig. Es wäre höchst wünschenswert und das gebotene Minimum an Gymnasialbildung und zumal germanistischer Ausbildung, dass man wieder Gotisch, Althochdeutsch, Altsächsisch, Altenglisch, Altnordisch verstehen lernt, weil alte Sprachen wohl dasjenige sind, was man nicht einfach Googeln kann und hier wirklich noch in der Schule was zu lernen ist, z.B. im klassischen Gymnasium, dem die grössten Wissenschaftler Europas entstammen, da lernte man dank formaler Bildung nach dem Rezept von Goethe-Freund Wilhelm von Humboldt fast nur unnütze Sachen, und sodann: je unnützer, desto weniger rein ideologische Manipulation, wie häufig im geisteswissenschaftlichen Unterricht. Kommt dazu, dass das Althochdeutsche zum Beispiel in seinen diversen Vaterunserversionen sowie das Mittelhochdeutsche des Nibelungenliedes, von dem eine Originalhandschrift in St. Gallen aufzusuchen sich lohnt, als wunderschöne Sprachen erklingen. Da könnte einem die Schule sogar wieder Freude machen!

Fritz

5. Januar 2018 09:14

Fand die Nibelungen immer ziemlich öde; die griechische Mythologie hat mich schon als kleiner Junge viel mehr fasziniert.

Caroline Sommerfeld

5. Januar 2018 10:52

@Marodeur:

Bedauerlich war allein der Einwand, dass man dann aber bitte bei theoretischen Beiträgen keine Einwände bzgl. Praxisferne oder brotloser Fachsimplei haben möchte. In einem Blog wie diesem, muss Theorie vor Publikum bestehen.

Ihr letzter Satz ist vollkommen richtig. Nur ist es für Theoretiker ernüchternd, wenn nicht die Art und Weise, w i e  sie Theorie zu vermitteln imstande sind, sondern die schiere Tatsache, daß es Theorie ist, verabscheut wird.

Dasselbe gilt auch für Beiträge, die sich mit linken Ansätzen oder Autoren beschäftigen und sie auseinanderpflücken. Da heißt es regelmäßig, das wäre doch müßig und vertane Liebesmüh', die Linken hätten sowieso verloren.

Man muß ja auch auf SiN nicht alles lesen. Es gibt Menschen, die können mit Theorie nichts anfangen, es gibt Menschen, die können mit Moral nichts anfangen, es gibt Menschen, die können mit Satire nichts anfangen, es gibt Menschen, die können mit "Sexualgrotesken" (Max Goldt) nichts anfangen.

Unser Haus hat viele Wohnungen. Unser Binnenpluralismus überbietet den der Linken bei weitem. Ich finde das hocherfreulich!

 

Maiordomus

5. Januar 2018 11:37

@Fritz. Lesen Sie mal die Trilogie "Die Nibelungen" von Friedrich Hebbel, wurde vor Jahren leider noch arg gekürzt in St. Gallen und anderswo aufgeführt. Als Lesedrama meines Erachtens jedoch sackstark. Natürlich lohnt es sich, die Orestie etwa in der Übersetzung des kongenialen Kurt Steinmann zu lesen, welche letztes Jahr in Darmstadt von Regissuer Rueb genial - mit Stanley Kubrick als Modell-Vorbild -  in Szene gesetzt wurde, als Opernfassung auch in Basel. Da in den letzten zehn Jahren meines Erachtens in der deutschen Literatur, wohl aufgrund des geistigen Klimas der Zeit, trotz der zum Beispiel noch guten Bücher von Arnold Stadler (die Psalmen sind indes das Beste)  nie etwas wirklich Grosses und mutmasslich überzeitlich Weiterwirkendes erschienen ist, lohnt es sich durchaus, auf Vorgestriges zu rekurrieren, zumal es heute leichter zugänglich ist als noch gestern und zumal auch die Preise etwa für antiquarische Literatur, siehe www.abebooks.de, in den letzten Jahren dank des Rückgangs gebildeter Leser stark gesunken sind. 

Ein gebürtiger Hesse

5. Januar 2018 11:51

@ Fritz

So kann's gehen. Manchmal braucht es eine Weile, um zu erkennen, was das vor ewiger Zeit Gewesene mit dem heutigen Eigenen zu tun hat. Lesen Sie einmal, was Günter Scholdt in der bei Antaios erschienen "Literarischen Musterung" zum Nibelungen-Urtext zu sagen hat, dann sehen Sie womöglich neues Land.

Klaus D.

5. Januar 2018 13:28

@Lotta VorbecK

"...Mineralwasser an Bord ... Herrentagstour auf dem Nil ..."

Herrentagstour mit Frauen? Naja, die neue Zeit macht´s möglich. Und dann mit Mineralwasser? Oje, aber an der Stelle aufgepaßt - nur aus noch fest verschlossenen Flaschen trinken! Dies hätte ich bei meiner Nilkreuzfahrt beherzigen sollen, habe die Tour wegen einer heftigen Magen-/Darmverstimmung in unguter Erinnerung. Das Nilpanorama sowie Teile der Tempel- und Grabanlagen sind natürlich großartig, ansonsten viel Staub und Gewühle (ständig 2-3 Schiffe in Sichtweite).

Fräulein von Trense

5. Januar 2018 18:53

Auch wenn ich nun von der Hausherrin und ihren Gästen hier Prügel kriegen mag: Fritz hat recht. Im Vergleich zu zB. Gustav Schwabs "Schönsten Sagen des klassischen Altertums" sind die Nibelungen in jeder mir bekannten Version einfach nur - nett, mehr nicht.

Die alten Griechen waren nun einmal so einzigartig an Vorstellungskraft, Phantasie, Geistesschärfe und Intelligenz, daß sich dieses Eigenschaftengemenge selbst auf das Niveau solcher Volkskunst wie es die Sagenwelt darstellt, auswirkt.

Wie flach und blaß sind dagegen die Römer mit ihrem Staatsheldentum oder eben die Germanen mit ihren, sagen wir, rustikalen und handfesten Heroen. Siegen, Schmausen und viel in der Hütte Haben - darauf läßt sich das Ideal des  vormodernen Epos reduzieren, aber während meinen gewiß laienhaften Kenntnissen nach es sich mit dieser beseligenden Trias bei allen Nichtgriechen dann auch hat, tritt einem schon seit Homer auch anderes, ganz anderes in der griechischen Sagenwelt entgegen.

Bildlich ausgedrückt, bringen normale Völker mit ihren Heldensagen zweidimensionale  Prachtgemälde zustande (ist ja auch eindrucksvoll und schön), die Griechen aber machen ein mindestens dreidimensionales Riesenpanorama, so weit und groß wie das ganze Leben, daraus (das ist dann eben doch eine andere Kategorie).

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