Sezession
18. Januar 2018

Wie rechts ist Simon Strauß?

Ellen Kositza / 5 Kommentare

Was für eine verrückte Frage! Anscheinend aber eine Gretchenfrage.

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

Am Rande bekommt man seit längerem mit, daß der „Rechtsverdacht“ innerhalb des Kulturestablishments ein heiß gehandeltes Thema ist.

Los ging die aktuelle Debatte mit einem Artikel in der taz: Mit seiner „Ultraromantik“, wie sie in seinem Romandebüt Sieben Nächte zutage trete, bediene Simon Strauß „die Agenda der Rechten.“ Der Kontakt von Strauß zu einem gewissen Götz Kubitschek soll dabei eine Rolle spielen. Der wiederum hatte sich, lang ist’s her, mal in die Straußsche Echokammer begeben.

Auch im jüngsten Spiegel fragte man sich, ob Simon Strauß ein „Wegbereiter der Rechten“ sei.

In der Welt  findet man, daß der junge Strauß zwar „auf den Schmock des Herrn Papa anderthalbe gesetzt“ habe, daß es aber so dämlich wie typisch sei, daß nun Literaturkritiker als Gesinnungsprüfer auf den Plan träten.

Und in der Zeit sind Ijoma Mangold und Antonia Baum unterschiedlicher Meinung. Mangold spricht von „Rufmord“ (anscheinend gibt es nichts Ekligeres oder Brutaleres, als mit dem Etikett „rechts“ behängt zu werden?); Frau Baum hingegen sieht klare Indizien dafür, daß Strauß krasse Dinge denkt:

„In Strauß’ Buch spielt Männlichkeit eine wichtige Rolle: Der Erzähler isst Fleisch und fährt Auto, wie sich das für richtige Männer gehört.“

In Sezession 80 hatte ich den Roman Sieben Nächte besprochen, Hier ist die vollständige Rezension:

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In den großen Medienformaten hat man sich bereits am Erscheinungstag der Publikation geäußert: Alle haben ihren Senf zu den »250 Gramm Pommersches Eastcoast Entrecôte an Pfifferlingen« gegeben. Simon Strauß, der projekthaft die sieben Todsünden durchleidet und sich hier der »Völlerei« anheimgibt, ist belletristischer Debütant. Daß das FAZ-Feuilleton durch Straußens Festanstellung erheblich an Glanz gewonnen hat, dürfte nicht ausschlaggebend sein für das übergroße Interesse an diesem Büchlein. Simon, Jahrgang 1988, ist der Sohn von Botho Strauß. Der Vater ist nicht nur etablierter Romancier und Dramatiker; er wird aufgrund seiner Essays »Der letzte Deutsche« (2015) und vor allem »Anschwellender Bocksgesang« (1993) vielleicht wider Willen, aber nicht zu Unrecht als Vordenker einer intellektuellen Neuen Rechten verehrt. Nun also seine leibliche Frucht – »Fruchtzwerg«, schrieb der boshafteste Kommentator.

Simon Strauß – natürlich ist es Rollenprosa, der Erzähler fungiert als »S.« – ist verdrossen, ist überdrüssig jener Realität, deren Essenz ihm auf einer Großstadtparty ein »junger Mann aus Syrien« mittels eines Bonmots vorträgt: »Von der Wiege bis zur Bahre, Formulare, Formulare.« S., allerbestens ausgestattet für eine Musterkarriere (Superschüler, Topstudent auf hohem Reflexionsniveau: »Ein Sympathiesüchtiger. Der von Gegnerschaft träumt, und im entscheidenden Moment doch lieber nichts sagt.«), will kein Norm-und-Form-Mensch sein. Gut, welcher Deutsche mit Hochschulbefähigung möchte das schon? Rebellion statt Stagnation, das Credo der Spätpubertierenden! Nur, man bedenke unsere Zeit, in der alle Grenzen und Tabus gefallen sind. S. weiß das, weiß, daß alle halbgaren Versuche, auszuscheren, doch nur eingemeindbare »Kniefälle vor der Konvention« sind: »Kompromisse schwächen den Händedruck. Wer zu oft den Fahrstuhl nimmt, findet nicht mehr den Weg zur Hintertreppe. Der bleibt in der Bequemlichkeit stecken, verliert den Drang.«

Wie Strauß schreibt über diese Sehnsucht, sich Kerben zu schlagen, wesentlich zu werden, diese ersten zwölf Seiten des schmalen Romans also – das ist deutlich mehr als ein verwechselbares Coming-of-age-Zeugnis eines schreibbegabten Spätzwanzigers. Es ist ein vital-poetisches Manifest, selbst wenn hier nichts manifestiert wird, sondern mit Wucht eine Lücke kenntlich wird: »Die einzige Sehnsucht, die trägt, ist die nach dem schlagenden Herzen. Zu viel Gelände ist verlorengegangen an den Zynismus, der seine kalten Finger um alles legt. Der noch die letzte Kerze ausbläst, die letzte Fluchttür verriegelt, den letzten Vorhang herunterreißt.« S. nun will das Feuer neu entfachen, Türen aufstemmen, Schatten suchen – indem er sich an sieben Abenden den sieben Todsünden ausliefert, in deren Nähe, so will es die Legende hier, ihn Abend für Abend die per SMS übermittelten Wegweisungen eines Freundes führen.

Die hier aufgeschriebenen Erfahrungen wirken dadurch authentisch und nicht am Schreibtisch konstruiert. Zum Vorteil, literarisch gesehen, gerät solche Versuchsanordnung allerdings nicht immer. Großartig ist Superbia, der Hochmut. S. soll sich vom Hochhaus stürzen, an einem Gummiseil. Allein der Weg dorthin! »Wie mich diese Welt braucht. Wie sehr sie mich nötig hat. Jetzt. Heute. Hier. […] Ich trete den Bettlern ihre Becher weg, haue den Musikschülern ihre Wollmützen vom Kopf. […] Den dummen Kindern reiße ich die Luftballons aus den Händen, sollen sie doch heulen. Mein Gang wird nur noch breiter, meine Brust geschwellter. […] Wenn ich einmal an der Macht bin […], werde ich Plätze bauen, die nicht vereinnahmt werden von irgendwem, sondern offen bleiben, beweglich, in Angriffsposition.« Solche jubelnde Hochmütigkeitsprosa sucht ihresgleichen, das ist Kunst! Aber andere Todsündenprojekttage geraten flau. Was soll ein bekennender Ehrgeizling auch zu Acedia schreiben, zur Trägheit, zu der er selbst gar nicht neigt? Manche Autoren haben »Acedia« mit »Feigheit« übersetzt. Diese Untugend jedoch wird nicht explizit abgehandelt, subkutan allerdings bildet sie den Basso continuo. Sprich, das hübsch ausgedachte Todsündenraster trägt nicht durch. Es taugt nicht, um die eigene, sehr persönliche Begrenztheit zu erkennen.

Ratschlag: Die Lektüre auf Seite 129 abbrechen. Auf den letzten Seiten kommt Freund »T.« zu Wort, der S. mit warmen Worten dazu gratuliert, »die Reifeprüfung« bestanden zu haben. Das ist unerquicklicher Firmbischofston. Für S. stellt »das dreißigste Jahr« eine Pforte dar. Man kennt das, nicht zuletzt von Ingeborg Bachmanns gleichnamigem Erzählband, wo ebenfalls die Frage nach der Anpassungsfähigkeit und dem »Mitkreisen in geordneten Bahnen« zur Disposition stand. Man darf gespannt sein (man ahnt’s), wohin es Simon Strauß dann verschlagen haben wird.

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Simon Strauß: Sieben Nächte, Berlin: Blumenbar 2017. 144 S.,16 €, hier bestellen.


Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

Kommentare (5)

Der Gehenkte
18. Januar 2018 10:10

Bestellung ist raus! - der Rezension natürlich! So was will ich auch nächstes Jahr lesen.

Vaterland
18. Januar 2018 10:54

In Hinsicht auf das Thema habe ich in der "Zeit" nachfolgenden Leserkommentar veröffentlicht:

""Gewiss ist Simon Strauß kein Linker, aber ist alles, was außerhalb des linksliberalen Meinungskorridors nach neuen ästhetischen Ideen sucht, schon gleich AfD beziehungsweise Zurüstung zum Holocaust?"

"Mit diesem Satz betreiben die beiden 'Zeit'-Autorinnen genau das, was sie - vollkommen zu Recht -, dem linken 'Juste-Milieu' vorwerfen: Sie stellen einen abstrusen und nicht zu rechtfertigenden Kontext her, nämlich zwischen der demokratisch und rechtsstaatlich legitimierten 'AfD' und dem 'Holocaust'.
Darüber hinaus verwenden die Autorinnen die Begriffe 'Rechte' und 'Neonazis' genau so, wie es im linken 'Juste-Milieu' leider üblich ist, nämlich als Synonyme . Auch das ist weder plausibel noch zu rechtfertigen:
Jeder, der sich mit Blick auf die entsprechenden Szenen kundig gemacht hat, weiß, dass die 'Neuen Rechten' keine 'Neonazis' sind."

Quelle: https://www.zeit.de/2018/04/simon-strauss-faz-autor-afd-faschismus-vorwurf-pro-contra?cid=17555005#cid-17555005

Thomas Martini
18. Januar 2018 11:54

„In Strauß’ Buch spielt Männlichkeit eine wichtige Rolle: Der Erzähler isst Fleisch und fährt Auto, wie sich das für richtige Männer gehört.“

Oha, wehret den Anfängen kann man da nur sagen. Und das, wo doch das „bürgerliche“ Lager und die „Mitte“ der Gesellschaft gerade erst mühsam zur Einsicht gelangt, dass der vegane Umstieg auf’s Fahrrad Ausweis einer umweltbewussten Haltung ist, die dem Feminismus gerecht wird.

Ungeheuerlich von Simon Strauß, die rückwärtsgewandten Autofahrer und ewiggestrigen Fleischesser auf diese Weise zu bestätigen. Es wird Zeit, liebe Mitbürger*innen, endlich Verzicht zu lernen, um die Natur und Tierwelt zu schonen!

Ich selbst muss noch üben: Erst kürzlich hatte mir meine in Hamburg lebende Verlobte für die lange Rückfahrt nach Trier eine Portion „Muffins“ als Proviant mitgegeben. Die habe ich auch auf mehrere Tage verteilt genüsslich und bis auf den letzten Krümel verspeist. Jedoch nicht während der Autofahrt, da – und ich gestehe es voll schuldbewusster Scham – überkam mich der Heißhunger auf Fleisch, und ich musste ihn an einer Raststätte mit einer wabbeligen Frikadelle (mit viel Senf!) im Aufbackbrötchen stillen. Da wäre ich wohl bei Antonia Baum gleich unten durch gewesen.

cubist
18. Januar 2018 12:54

Zumindest hat Strauß zweierlei erreicht: Die Bundestagsbibliothek hat seinen Roman angeschafft (und sie schafft selten Belletristik an ... die muss schon gesellschaftlich = feuilletonistisch besonders verrufen sein oder irgendwas mit Holocaust zu tun haben), und das Buch ist nicht nur ausgeliehen, sondern sogar mit einer Vormerkliste versehen. Übertragen gesagt: mit der Rückendeckung von Jürgen Kaube ist Strauß da ein schöner PR-Coup gelungen, ohne jede existentielle Gefahr, seinen Job zu verlieren und sozial geächtet zu werden. Im Gegenteil. Ich kann mir nicht helfen, aber mir kommt sowas sehr kalkuliert vor. (Schließlich ist die Reaktion des Feuilleton auf "Rechts" zuverlässig wie ein Pawlowscher Reflex.)

hessenbursche
20. Januar 2018 11:33

Heute am 20.01.18 ist in der TAZ ein Artikel von Jens Uthoff erschienen: https://www.taz.de/!5475631/

Es geht um die Frage: Macht Strauß rechte und nationalistische Positionen im deutschen Literaturbetrieb (wieder) salonfähig?
...
Und da ist der Salonbetreiber Strauß, der schon mal Götz Kubitschek auf einen Plausch einlud.
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Am deutlichsten zeigt sich das Zerwürfnis zweier literarischer Zirkel, die sich zunächst neugierig beschnupperten und sich im Verlauf dieser Debatte heillos zerkrachten: Der Strauß’sche Kreis auf der einen Seite und die Berliner Literaturgruppe „Rich Kids of Literature“, die sich rund um den Korbinian Verlag und die Redaktion des Magazins "Das Wetter" gebildet hat, auf der anderen Seite.
Beide sind aus der gleichen Generation, um die 30, und beide beziehen sich irgendwie auf die Romantik. Nur die einen nennen es Neoromantik (Strauß) und die anderen „Ultraromantik“.
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Vor allem Strauß’ journalistische Texte glichen „in seiner Vergangenheitsverklärung dem romantisch-nationalistischen Sprech der Identitären“, schrieben Sascha Ehlert und Katharina Holzmann, Betreiber des Korbinian Verlags.
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Bei Kubitschek sei es eben so gewesen, dass man seine Argumentationsmuster habe verstehen wollen, erklärt Eberhardt – im Übrigen sei man im Streit auseinandergegangen. Die meisten Salonmitglieder hätten linke Ansichten vertreten, versichert er. Verwundert ist man dann über seine Aussage, der Salon sei ein „unpolitischer Zusammenschluss“. Wollte man auch mit Götz Kubitschek mal gänzlich unpolitisch diskutieren?
Wenn man sich als progressiv und egalitär denkender Mensch versteht, kann man es natürlich unappetitlich finden, wie Strauß und Co. mit Ressentiments und der gesellschaftlichen Stimmung spielen. Den Faschismusverdacht sollte man aber zurückstellen. Damit tut man den Rechten nur einen großen Gefallen.

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