Sezession
22. Februar 2018

#TwitterLockOut, Hyperrealität und Horrorshow

Nils Wegner / 8 Kommentare

#TwitterLockOut, Hyperrealität und Horrorshow

Die Schießerei an der Stoneman Douglas High School in Parkland,
Florida am vergangenen Mittwoch erhitzt seit einer Woche ungebrochen die Gemüter.
Es ist nach fast 90 Jahren das zweite Valentine's Day Massacre in den Vereinigten Staaten. Die US-Presselandschaft steht kurz vor dem Kollaps – und in den vergangenen 36 Stunden hat Twitter massiv zugeschlagen, um das wankende Narrativ zu retten. Worum geht es?

Nils Wegner

Nils Wegner ist studierter Historiker und arbeitet als Übersetzer und Lektor.

Der Verlauf der Tat ist bekannt und wenig überraschend, wenn man mit dem Phänomen der sogenannten School shootings vertraut ist – die in der plumpen deutschen Presselandschaft noch immer gepflegte Rede vom "Amoklauf" ist selbstverständlich Unfug, weil es sich um (teilweise monatelang) geplante, regelrecht orchestrierte Taten handelt.

Der 19jährige, adoptierte und verwaiste, bereits durch Aggressivität und mangelnde Impulskontrolle aufgefallene sowie im Jahr zuvor von ebendieser Oberschule verwiesene Nikolas Cruz eröffnete am Mittag des 14. Februar im Schulgebäude das Feuer und tötete insgesamt 17 Menschen, darunter 14 Schüler.

Um die 130 Menschen waren auf dem Gelände anwesend, die nach dem Recht des Bundesstaats Waffen hätten tragen dürfen (und dem Spuk vielleicht ein schnelles Ende bereitet hätten), denen dies aber durch das 1990 erlassene Bundesgesetz Gun-Free School Zones Act untersagt war.

Cruz ließ sich kurz nach der Tat widerstandslos festnehmen und bekannte sich vor Gericht schuldig; ihm droht die Todesstrafe. Insgesamt macht er einen wenig verschwörerischen und schon gar keinen politischen Eindruck; das weißeste an ihm ist wohl sein Haftbefehl.

Über den erwartbaren, nach solchen Tragödien sogleich einsetzenden üblichen Shitstorm zum Thema Waffenrechtsverschärfungen braucht kein Wort verloren zu werden – die Nachbereitung des Blutbads sollte schnell ganz andere Formen annehmen. Denn die unermüdliche Internetgemeinde fand sehr rasch heraus, daß der Täter bereits über einen Zeitraum von zwei Jahren unter Klarnamen(!) im Internet durch selbstverletztendes Verhalten, Posieren mit diversen Waffen und Gewaltandrohungen aufgefallen war.

Nach einem YouTube-Kommentar mit dem Inhalt »Ich werde später mal beruflich Schulen zusammenschießen« wurde er beim FBI angezeigt, das sich aber außerstande sah, ihn – ich wiederhole: unter seinem Klarnamen – zu identifizieren, was bei Online-Gesinnungsstraftaten weitaus weniger kompliziert zu sein scheint.

So wurde schon sehr früh Kritik laut, die aber schlagartig verstummte, nachdem "entdeckt" worden war, daß der Schütze Kontakte zu einer weit entfernt ansässigen rechten Miliz gehabt habe – eine völlige Absurdität, die allein auf dem Engagement der hauptamtlichen Trollarmee des /pol/-Forums beruhte und unter anderem mit angeblichen Beweisphotos unterfüttert wurde, die nicht einmal dieselbe Person zeigten.

Ihren Ritterschlag erhielt diese famose Gruselgeschichte ausgerechnet durch die Anti-Defamation League (ADL), die ähnlich wie das andere Zielgruppen von "Haßverbrechen" betreuende Southern Poverty Law Center (SPLC) ganze Heerscharen von Mitarbeitern damit beschäftigt, das Internet nach bösen Menschen zu durchforsten und über deren Treiben Dossiers zusammenzustellen.

Nachdem die /pol/-Geschichte also von der ADL als deren Recherchearbeit weiterverbreitet wurde, griff das Medienunternehmen CBS sie ungeprüft auf, woraufhin sich bald – wenn auch nur kurzzeitig – alle amerikanischen und in ihrer Folge die weltweiten Mainstreammedien darauf stürzten. Wenig hilfreich war dabei das Verhalten des scheinbaren Oberhäuptlings der besagten winzigen Miliz, eines Jordan Jereb, der die Gelegenheit gekommen sah, seine Gruppe und sich selbst weltweit ins Gespräch zu bringen, und daher die Scharade weiter befeuerte.

Einen interessanten Abriß dieses wahnwitzigen Medienzirkus' hat ausgerechnet das Posthistoire-Blog »Jacobite« hier veröffentlicht – besonders ulkig ist die lange Geschichte der, um einmal die Einstellungsbegründung des ersten NPD-Verbotsverfahrens zu zitieren, »mangelnden Staatsferne« des historischen US-Rechtsextremismus, zumal die ADL es über lange Jahre als ihre Hauptaufgabe ansah, sich mit Gruppen wie der vom postspenglerianischen Kulturphilosophen Francis Parker Yockey beeinflußten Kleinstpartei National Renaissance Party unter James Madole auf amerikanischen Straßen herumzuprügeln.

So weit, so Confirmation bias – wie in der Kognitionspsychologie die Neigung bezeichnet wird, Informationen danach auszuwählen, wie gut sie in das bereits vorgefaßte eigene Weltbild passen. Die Medien geiferten bereits nach einem weißen Täter, als die Schießerei noch im vollen Gange war, und als Cruz' Identität bekanntgegeben wurde, kriegte sich die ethnopolitische Twitter-Schickeria jenseits wie diesseits des Großen Teichs überhaupt nicht mehr ein.

Um so böser das Erwachen, als die /pol/-Rabauken ihre Täuschung aufdeckten – nun betrieb der politmediale Komplex ganz schnell (versuchte) Schadensbegrenzung, indem man rechten Diversanten die "Schuld" an der eigenen Nachlässigkeit in die Schuhe schob. Und natürlich den schon selbst zum Mem gewordenen "russischen Bots", die ja bekanntlich auch für die Beschuldigungen im Umfeld des schon wieder fast medial abgehakten Hollywood-Sexskandals verantwortlich sein sollen... (Newsweek befindet sich übrigens derzeit in den letzten Atemzügen – eine Fake-news-Schmiede weniger.)

Das alles wäre eigentlich schon mehr als genug erbärmliches und lächerliches Klimbim um ein tragisches Verbrechen, das bereits wieder zur gängigen Einzigartigkeit aufgebläht wird – dabei datiert das tödlichste Schulmassaker in den USA schon über 90 Jahre zurück. Wir sind aber längst noch nicht am Boden der Misere angelangt, die einiges über die mediale Scheinwelt aussagt, in der wir nolens volens alle schweben.


Nils Wegner

Nils Wegner ist studierter Historiker und arbeitet als Übersetzer und Lektor.

Kommentare (8)

Lotta Vorbeck
22. Februar 2018 15:35

DANK an Nils Wegner - eine grandiose Analyse!

RMH
22. Februar 2018 16:26

Natürlich wird Trump jetzt als "empathieloses" Trumpeltier (Spickzettel-Gate) dargestellt, dem nichts besseres einfällt, als Lehrer zu bewaffnen.

Dabei ist es rein logisch gedacht die einzig mögliche Lösung bzw. zukünftige Verbesserung der Schutzlage an Schulen. Die USA ist ein Land mit seit über 200 Jahren bestehender und gepflegter Kultur des privaten Waffenbesitzes. Ich google das jetzt nicht vorher, aber ich vermute, in dem Land könnte es über 1 Mrd. Schusswaffen geben. Vor diesem Hintergrund hätte man jetzt 2 denkbare Möglichkeiten:
1. Möglichkeit: Man nimmt sich 1 bis 2 Millionen Mann (pardon, auch Frau etc.) und stellt das Land auf den Kopf, durchsucht alles und beschlagnahmt jede Waffe. Dürfte bei der Fläche der USA Jahre dauern und finden wird man auch nicht alles, da die Leute ihre Waffen zu verbergen werden wissen (von bewaffneten Widerstand dagegen möchte ich gar nicht erst anfangen, zu reden).
2. Möglichkeit:
Lehrer bekommen Schießunterricht und schusssichere Westen und wenn es irgendwo rumst im Schulhaus haben Sie zur Abwechslung mal ihre staatsbürgerliche Pflicht zu tun ...

Meiner Meinung nach handeln Donald und seine Berater hier also 100% rational und effektiv. Das Thema School-Shooting hat sich mittlerweile zu einem Underdog-Rache-Mythos schlechthin entwickelt, der sicher nicht mehr wegzubekommen sein wird und auch zukünftig wird es leider wieder zu solchen Vorfällen kommen - nur dass dann dem Was-auch-Immer-Täter etwas unmittelbar entgegengesetzt werden kann.

PS: Die strikte Ohnmacht, die Schüler gegenüber ihren Lehrern in der Phase des Heranwachsens empfinden, wird im Übrigen immer dazu führen, dass unter zig Millionen Schüler alle paar Jahre mal einer komplett durchdreht. Das kann auch bei uns passieren und als Vater schulpflichtiger Kinder hätte ich gegen trainierte, geschulte und bewaffnete Lehrer genauso wenig einzuwenden, wie gegen Polizisten, die einem ja selbst bei einem Verkehrsunfall wie selbstverständlich bewaffnet entgegen treten. Aber unsere deutsche Gesellschaft hat im öffentlich kundgetanen Bereich eine Waffenparanoia - versteckt und unter der Hand erleben hingegen Schützenvereine und andere Formen des legalen Zugangs zu Schusswaffen auch bei uns einen kleinen Boom (wurde mir erst heute wieder von einem Schützenbruder bestätigt - so viele Neumitglieder in seinem Verein, wie seit Jahrzehnten nicht mehr. Noch vor ein paar Jahren hatten sie sich Sorgen um den Nachwuchs im Verein gemacht).

Im Übrigen möchte ich an George Orwell erinnern (Linker!):

"The totalitarian states can do great things, but there is one thing they cannot do: they cannot give the factory-worker a rifle and tell him to take it home and keep it in his bedroom. That rifle, hanging on the wall of the working-class flat or laborer's cottage, is the symbol of democracy. It is our job to see that it stays there."

jojo
22. Februar 2018 17:27

Während es bei Philip K. Dick vor über 50 Jahren durch die moralische Frage,was menschlich oder künstlich,echt oder unecht ist , erkannt wurde , sind die heutigen Simulacren nur durch gesinnungsethische Unterscheidungen zu beurteilen.
Der Kampf hat sich ein Feld erobert, welches Hyperrealität
genannt wird.....

Solution
22. Februar 2018 17:50

Es wird Zeit, daß auch wir in der BRD Halbautomaten legal kaufen dürfen. Wie sollen wir uns sonst in einer zunehmend bedrohlicheren Welt wehren, in der die Polizei überlastet und die Gerichte voller Verbrecherversteher sind?

Zarathustra
22. Februar 2018 17:52

In dem Zusammenhang ein kleiner Tipp, für diejenigen, die es noch nicht kennen: https://www.youtube.com/watch?v=gdkcqXQ53EQ

Durendal
22. Februar 2018 18:58

@Solution
Als Jäger und Sportschütze dürfen Sie in Deutschland doch bereits Halbautomaten bzw. Selbstladebüchsen erwerben.
In Notwehrsituationen sind sie allerdings weitestgehend ungeeignet, da sie so ein Gewehr in der U-Bahn oder auf der Straße wohl kaum mitführen würden, selbst wenn das legal wäre.
Jäger oder Sportschütze werden bzw. Waffen dieser Art erwerben sollte man daher m.E. nicht aus dem von Ihnen genannten Motiven. Da die Jagd oder der Schießsport aber ehrenwerte Formen der Freizeitgestaltung sind, ist dies unabhängig von diesen Motiven natürlich sehr empfehlenwert.
Motive der von Ihnen genannten Art dafür vorzubringen, gefährdet nur die Möglichkeit, dies auch künftig tun zu können, weil Sie dadurch diejenigen unnötig und grundlos verunsichern, die auch in Deutschland entsprechende Rechte immer stärker einschränken wollen.

Teufel
23. Februar 2018 08:00

@Solution

"Es wird Zeit, daß auch wir in der BRD Halbautomaten legal kaufen dürfen. Wie sollen wir uns sonst in einer zunehmend bedrohlicheren Welt wehren, in der die Polizei überlastet und die Gerichte voller Verbrecherversteher sind?"

Seien Sie nicht dumm! Sobald hier Schusswaffen zu kaufen sind, werden Mahmut und Ali als erste zuschlagen und DANN haben wir ein Problem.

RMH
23. Februar 2018 09:11

"Seien Sie nicht dumm! Sobald hier Schusswaffen zu kaufen sind, werden Mahmut und Ali als erste zuschlagen und DANN haben wir ein Problem."

Wenn wir vorerst einmal das Thema illegale Bewaffnung einschließlich Messer etc. außen vor lassen, dann passiert das doch schon seit längerem ganz legal. Fragen Sie einfach mal in Schützenvereinen nach, wie viele "Nichtdeutsche" dort Mitglied sind, so lange am Training teilnehmen, bis der Bedürfnisnachweis erbracht ist und danach kaum noch zu sehen sind (m.W.n. sind gerade mal 5 Jahre ständiger Aufenthalt ausreichend, um als Nicht-EU-Ausländer sich um eine Waffe bemühen zu können). Und im Grunde genommen ist das auch immer noch besser, als wenn sich diese Kreise auf dem Schwarzmarkt eindecken, denn so wissen die Behörden wenigstens, wo, wer, was hat und eine Zuverlässigkeitsprüfung findet auch statt.

Das Thema Waffenrecht ist zu vielschichtig, als für Schwarz-Weiß Denken und Handeln im Sinne der alleinigen Alternativen, gebt alles frei, oder verbietet alles.

Bemerkenswert ist grundsätzlich - und hier legt die NRA durchaus den Finger in die Wunde - dass sich wie ein Automatismus die Diskussion sehr oft denn auf das Waffenrecht verengt und das davor sehr häufig geschehene Versagen von Schulen, Ärzten, Psychiatern, Pharmaindustrie etc. im besten Falle gerade mal andiskutiert wird, aber man dann hier letztlich nicht tiefer einsteigen will und im Gegenteil, der Hinweis darauf dann zumeist nur als "Ablenkungsmanöver" pauschal abgewertet wird. Im hier besprochenen Fall in den USA kam ganz offenbar auch noch ein Fall individueller Feigheit eines Hilfspolizisten dazu. In früheren Zeiten hätte man das als in Summe "das Böse" bezeichnet, welches sich eben niemals überlisten und ganz ausschalten lässt. Sehr schlimm für alle Angehörigen, die jetzt damit weiterleben müssen. Ehrliche, echte Hilfe erhalten Sie vermutlich zu wenig, laufen aber Gefahr, für die bekannten Interessenlagen eingespannt zu werden.

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