#TwitterLockOut, Hyperrealität und Horrorshow

Die Schießerei an der Stoneman Douglas High School in Parkland,

Nils Wegner

Nils Wegner ist studierter Historiker, lektorierte 2015–2017 bei Antaios, IfS und Sezession und arbeitet als Übersetzer.


Flo­ri­da am ver­gan­ge­nen Mitt­woch erhitzt seit einer Woche unge­bro­chen die Gemüter.
Es ist nach fast 90 Jah­ren das zwei­te Valentine’s Day Mas­sa­c­re in den Ver­ei­nig­ten Staa­ten. Die US-Pres­se­land­schaft steht kurz vor dem Kol­laps – und in den ver­gan­ge­nen 36 Stun­den hat Twit­ter mas­siv zuge­schla­gen, um das wan­ken­de Nar­ra­tiv zu ret­ten. Wor­um geht es?

Der Ver­lauf der Tat ist bekannt und wenig über­ra­schend, wenn man mit dem Phä­no­men der soge­nann­ten School shoo­tings ver­traut ist – die in der plum­pen deut­schen Pres­se­land­schaft noch immer gepfleg­te Rede vom “Amok­lauf” ist selbst­ver­ständ­lich Unfug, weil es sich um (teil­wei­se mona­te­lang) geplan­te, regel­recht orches­trier­te Taten handelt.

Der 19jährige, adop­tier­te und ver­wais­te, bereits durch Aggres­si­vi­tät und man­geln­de Impuls­kon­trol­le auf­ge­fal­le­ne sowie im Jahr zuvor von eben­die­ser Ober­schu­le ver­wie­se­ne Niko­las Cruz eröff­ne­te am Mit­tag des 14. Febru­ar im Schul­ge­bäu­de das Feu­er und töte­te ins­ge­samt 17 Men­schen, dar­un­ter 14 Schüler.

Um die 130 Men­schen waren auf dem Gelän­de anwe­send, die nach dem Recht des Bun­des­staats Waf­fen hät­ten tra­gen dür­fen (und dem Spuk viel­leicht ein schnel­les Ende berei­tet hät­ten), denen dies aber durch das 1990 erlas­se­ne Bun­des­ge­setz Gun-Free School Zones Act unter­sagt war.

Cruz ließ sich kurz nach der Tat wider­stands­los fest­neh­men und bekann­te sich vor Gericht schul­dig; ihm droht die Todes­stra­fe. Ins­ge­samt macht er einen wenig ver­schwö­re­ri­schen und schon gar kei­nen poli­ti­schen Ein­druck; das wei­ßes­te an ihm ist wohl sein Haft­be­fehl.

 

Über den erwart­ba­ren, nach sol­chen Tra­gö­di­en sogleich ein­set­zen­den übli­chen Shit­s­torm zum The­ma Waf­fen­rechts­ver­schär­fun­gen braucht kein Wort ver­lo­ren zu wer­den – die Nach­be­rei­tung des Blut­bads soll­te schnell ganz ande­re For­men anneh­men. Denn die uner­müd­li­che Inter­net­ge­mein­de fand sehr rasch her­aus, daß der Täter bereits über einen Zeit­raum von zwei Jah­ren unter Klar­na­men(!) im Inter­net durch selbst­ver­letz­ten­des Ver­hal­ten, Posie­ren mit diver­sen Waf­fen und Gewalt­an­dro­hun­gen auf­ge­fal­len war.

Nach einem You­Tube-Kom­men­tar mit dem Inhalt »Ich wer­de spä­ter mal beruf­lich Schu­len zusam­men­schie­ßen« wur­de er beim FBI ange­zeigt, das sich aber außer­stan­de sah, ihn – ich wie­der­ho­le: unter sei­nem Klar­na­men – zu iden­ti­fi­zie­ren, was bei Online-Gesin­nungs­straf­ta­ten weit­aus weni­ger kom­pli­ziert zu sein scheint.

So wur­de schon sehr früh Kri­tik laut, die aber schlag­ar­tig ver­stumm­te, nach­dem “ent­deckt” wor­den war, daß der Schüt­ze Kon­tak­te zu einer weit ent­fernt ansäs­si­gen rech­ten Miliz gehabt habe – eine völ­li­ge Absur­di­tät, die allein auf dem Enga­ge­ment der haupt­amt­li­chen Troll­ar­mee des /pol/-Forums beruh­te und unter ande­rem mit angeb­li­chen Bewei­s­pho­tos unter­füt­tert wur­de, die nicht ein­mal die­sel­be Per­son zeigten.

Ihren Rit­ter­schlag erhielt die­se famo­se Gru­sel­ge­schich­te aus­ge­rech­net durch die Anti-Defa­ma­ti­on League (ADL), die ähn­lich wie das ande­re Ziel­grup­pen von “Haß­ver­bre­chen” betreu­en­de Sou­thern Pover­ty Law Cen­ter (SPLC) gan­ze Heer­scha­ren von Mit­ar­bei­tern damit beschäf­tigt, das Inter­net nach bösen Men­schen zu durch­fors­ten und über deren Trei­ben Dos­siers zusammenzustellen.

Nach­dem die /pol/-Geschich­te also von der ADL als deren Recher­che­ar­beit wei­ter­ver­brei­tet wur­de, griff das Medi­en­un­ter­neh­men CBS sie unge­prüft auf, wor­auf­hin sich bald – wenn auch nur kurz­zei­tig – alle ame­ri­ka­ni­schen und in ihrer Fol­ge die welt­wei­ten Main­stream­m­edi­en dar­auf stürz­ten. Wenig hilf­reich war dabei das Ver­hal­ten des schein­ba­ren Ober­häupt­lings der besag­ten win­zi­gen Miliz, eines Jor­dan Jereb, der die Gele­gen­heit gekom­men sah, sei­ne Grup­pe und sich selbst welt­weit ins Gespräch zu brin­gen, und daher die Scha­ra­de wei­ter befeuerte.

Einen inter­es­san­ten Abriß die­ses wahn­wit­zi­gen Medi­en­zir­kus’ hat aus­ge­rech­net das Post­his­toire-Blog »Jaco­bi­te« ver­öf­fent­licht – beson­ders ulkig ist die lan­ge Geschich­te der, um ein­mal die Ein­stel­lungs­be­grün­dung des ers­ten NPD-Ver­bots­ver­fah­rens zu zitie­ren, »man­geln­den Staats­fer­ne« des his­to­ri­schen US-Rechts­ex­tre­mis­mus, zumal die ADL es über lan­ge Jah­re als ihre Haupt­auf­ga­be ansah, sich mit Grup­pen wie der vom post­speng­le­ria­ni­schen Kul­tur­phi­lo­so­phen Fran­cis Par­ker Yockey beein­fluß­ten Kleinst­par­tei Natio­nal Renais­sance Par­ty unter James Mado­le auf ame­ri­ka­ni­schen Stra­ßen herumzuprügeln.

So weit, so Con­fir­ma­ti­on bias – wie in der Kogni­ti­ons­psy­cho­lo­gie die Nei­gung bezeich­net wird, Infor­ma­tio­nen danach aus­zu­wäh­len, wie gut sie in das bereits vor­ge­faß­te eige­ne Welt­bild pas­sen. Die Medi­en gei­fer­ten bereits nach einem wei­ßen Täter, als die Schie­ße­rei noch im vol­len Gan­ge war, und als Cruz’ Iden­ti­tät bekannt­ge­ge­ben wur­de, krieg­te sich die eth­no­po­li­ti­sche Twit­ter-Schi­cke­ria jen­seits wie dies­seits des Gro­ßen Teichs über­haupt nicht mehr ein.

Um so böser das Erwa­chen, als die /pol/-Rabau­ken ihre Täu­schung auf­deck­ten – nun betrieb der polit­me­dia­le Kom­plex ganz schnell (ver­such­te) Scha­dens­be­gren­zung, indem man rech­ten Diver­s­an­ten die “Schuld” an der eige­nen Nach­läs­sig­keit in die Schu­he schob. Und natür­lich den schon selbst zum Mem gewor­de­nen “rus­si­schen Bots”, die ja bekannt­lich auch für die Beschul­di­gun­gen im Umfeld des schon wie­der fast medi­al abge­hak­ten Hol­ly­wood-Sex­skan­dals ver­ant­wort­lich sein sol­len… (News­week befin­det sich übri­gens der­zeit in den letz­ten Atem­zü­gen – eine Fake-news-Schmie­de weniger.)

Das alles wäre eigent­lich schon mehr als genug erbärm­li­ches und lächer­li­ches Klim­bim um ein tra­gi­sches Ver­bre­chen, das bereits wie­der zur gän­gi­gen Ein­zig­ar­tig­keit auf­ge­bläht wird – dabei datiert das töd­lichs­te Schul­mas­sa­ker in den USA schon über 90 Jah­re zurück. Wir sind aber längst noch nicht am Boden der Mise­re ange­langt, die eini­ges über die media­le Schein­welt aus­sagt, in der wir nolens volens alle schweben.

Wir haben es hier näm­lich auf der Ebe­ne der “Bericht­erstat­tung” mit einer veri­ta­blen Schau­spiel­num­mer zu tun, die bis dato ihres­glei­chen sucht – und doch logi­sche Fol­ge der Fern­seh­be­richt­erstat­tung vor allem über das Mas­sa­ker an der Colum­bi­ne High School 1999 ist. Wir erin­nern uns: Damals gin­gen die Bil­der der Über­wa­chungs­ka­me­ra in der Schul­men­sa um die Welt, die die Täter Eric Har­ris und Dyl­an Kle­bold bei der Suche nach ver­steck­ten poten­ti­el­len Zie­len zeig­ten und zur wich­ti­gen Vor­la­ge für Gus Van Sants Film Ele­phant von 2003 wurden.

Zusam­men mit der berüch­tig­ten “Schlacht von North Hol­ly­wood” gehör­te Litt­le­ton zu den ers­ten Schie­ße­rei­en, die auf tech­ni­schem Wege der­art doku­men­tiert wur­den, daß dem Zuschau­er bei­na­he die Patro­nen­hül­sen ent­ge­gen­zu­sprin­gen schie­nen. Das aber führ­te zusam­men mit der zuneh­men­den Ver­füg­bar­keit des Inter­nets zu einem mäch­ti­gen Effekt der Selbst­ver­stär­kung, dem die Medi­en mit Blick auf ihre Wer­be­ein­nah­men nur all­zu­ger­ne nach­ka­men und ‑kom­men – und hin­sicht­lich ihrer poli­ti­schen Agen­da, wie sich gera­de beson­ders ekla­tant zeigt.

Denn in der Wech­sel­wir­kung zwi­schen den in über­wäl­ti­gen­der Mehr­heit libe­ra­len und gegen die “Waf­fen­lob­by” (und über die­se als Vek­tor gegen Prä­si­dent Trump) ein­ge­stell­ten Medi­en und den von ihnen so drin­gend gesuch­ten Kam­pa­gnen­ge­sich­tern schla­gen vie­ler­lei Eigen­in­ter­es­sen zu Buche. Nicht nur ver­such­ten Medi­en­ver­tre­ter in ihrer gren­zen­lo­sen Scoop-Geil­heit, wie oben gezeigt noch wäh­rend der Tat O‑Töne von den um ihr Leben fürch­ten­den Schü­lern ein­zu­ho­len – unter eben die­sen mach­te gleich­falls noch wäh­rend des Ver­bre­chens ein jun­ger Mann namens David Hogg von sich reden, indem er Augen­zeu­gen­be­rich­te sei­ner Mit­schü­ler ins Netz stellte.

Eben die­ser David Hogg – rein zufäl­lig(?) der schein­bar schau­spie­le­risch erfah­re­ne Sohn eines dezi­diert gegen Trump ein­ge­stell­ten ehe­ma­li­gen FBI-Beam­ten – wur­de sogleich nach dem Mas­sa­ker zum Pos­ter boy einer vor allem vom “Clin­ton-News-Net­work” CNN initi­ier­ten neu­en Kam­pa­gne zur Ver­schär­fung der Waf­fen­ge­set­ze, die noch in der Woche der Schie­ße­rei zu einem Kin­der­kreuz­zug gen Washing­ton am 24. März aufrief.

Und hier wird es im mehr­fa­chen Wort­sinn ganz per­vers: Nicht nur sind Hogg und sei­ne Lei­dens­ge­nos­sen – ins­be­son­de­re auch Emma Gon­za­lez, als “Mul­ti­op­fer” (Ange­hö­ri­ge einer eth­ni­schen “Min­der­heit”, Schwu­len­ak­ti­vis­tin, Frau) gera­de­zu der feuch­te Traum aller strom­li­ni­en­för­mi­gen Redak­tio­nen und dem­entspre­chend natür­lich selbst von der Tages­schau schon hei­lig­ge­spro­chen – medi­al nun allgegenwärtig.

Nicht nur scheint ihnen die neue Berufs­be­trof­fen­heit nicht gera­de schwer­zu­fal­len, wie etli­che offen­bar vor­schnell ver­öf­fent­lich­te Bil­der (hier und vor allem hier; es bleibt wohl abzu­war­ten, wie lan­ge Caro­li­ne West noch bei CBS beschäf­tigt sein wird…) zeigen.

Nicht nur wur­de ein Vater, der bei der Suche sei­ner mög­li­cher­wei­se erschos­se­nen Toch­ter aus­ge­rech­net im MAGA-Hemd abge­lich­tet wur­de, online mit Gal­lo­nen von Haß und Häme über­schüt­tet bis hin zum Anwurf, er habe kei­ner­lei Mit­ge­fühl ver­dient, da er durch sei­ne Trump-Unter­stüt­zung qua­si mit­schul­dig an den Mor­den sei; und nicht nur erstreckt sich der Furor längst bis auf die Fami­li­en von über­le­ben­den Schü­lern, wenn sie es wagen, nicht im offi­ziö­sen Anti-NRA-Trump-wasau­chim­mer-Rei­gen mitzutanzen.

Nein, die betei­lig­ten Sen­der und Redak­tio­nen haben sich offen­bar auch beflei­ßigt, die “enga­gier­ten” und von der plötz­li­chen Auf­merk­sam­keit ange­zo­ge­nen Schü­ler­ak­ti­vis­ten ihren eige­nen Vor­stel­lun­gen ent­spre­chend zu instru­ie­ren. Nur so las­sen sich ihre fast schon par­la­ments­rei­fen O‑Töne erklä­ren, die aller­dings nur im geord­ne­ten Rah­men Bestand zu haben schei­nen. Schü­ler mit “unpas­sen­den” Ansich­ten wur­den gleich­zei­tig aktiv dar­an gehin­dert, ihre Stel­lung­nah­men und Fra­gen öffent­lich vorzutragen.

Vor dem Hin­ter­grund sol­cher Sze­nen ist es kein Wun­der, daß schon seit gerau­mer Zeit bei der­ar­ti­gen Vor­fäl­len – ins­be­son­de­re “Amok­läu­fen” von Kino in Auro­ra über die San­dy-Hook-Grund­schu­le bis hin zum Schwu­len­nacht­club “Pul­se” – bin­nen kür­zes­ter Zeit Gerüch­te kur­sie­ren, daß die jewei­li­ge Tat nicht wie offi­zi­ell gemel­det oder sogar gar nicht statt­ge­fun­den habe und es sich bei in den Medi­en befrag­ten Augen­zeu­gen in Wahr­heit um pro­fes­sio­nel­le Cri­sis actors han­de­le, also bezahl­te Schau­spie­ler, die etwa bei Groß­übun­gen des Kata­stro­phen­schut­zes ver­letz­te und pani­sche Pas­san­ten mimen. Im betrof­fe­nen US-Bun­des­staat Flo­ri­da hat ein Ver­tre­ter die­ser Theo­rie des­halb bereits sei­nen Job ver­lo­ren.

Twit­ter, wo der­ar­ti­ge Streit­fäl­le immer beson­ders hit­zig aus­ge­tra­gen wer­den, hat im Lau­fe des vor­gest­ri­gen Tags nun zum ver­such­ten Ent­haup­tungs­schlag aus­ge­holt und – zum Jubel der libe­ra­len Ver­tre­ter der offi­zi­el­len Ver­si­on der Vor­gän­ge – nach der­zei­ti­gem Stand meh­re­re tau­send Accounts von “Zweif­lern” gesperrt, weil sie »Ver­hal­tens­mus­ter poli­ti­scher Bots« zeig­ten. Noch ist offen, wie vie­le die­ser Nut­zer durch neu­er­li­che Iden­ti­fi­ka­tio­nen zurück­keh­ren und wie vie­le stumm blei­ben wer­den – die mitt­ler­wei­le unter #Twit­ter­Lock­Out (am heu­ti­gen Mitt­woch­mor­gen der am häu­figs­ten genutz­te Hash­tag bei Twit­ter) lau­fen­de Säu­be­rung ist jeden­falls schein­bar noch im Gan­ge, wes­halb mög­li­cher­wei­se eini­ge der hie­si­gen Links nicht dau­er­haft abruf­bar sein werden.

Wäh­rend sich das lau­fen­de Nach­spiel wei­ter ent­fal­tet und auch hier­zu­lan­de die ein­schlä­gig Inter­es­sier­ten fröh­lich ihren trans­at­lan­ti­schen Medi­en­herr­chen nach­kläf­fen, bleibt – wie so oft – ein bit­te­rer Beigeschmack.

Zwar ist in den USA der Besitz voll­au­to­ma­ti­scher Waf­fen ohne expli­zi­te Aus­nah­me­ge­neh­mi­gung der zustän­di­gen Behör­de ATF bereits seit Ein­füh­rung des Natio­nal Fire­arms Act 1934 ver­bo­ten, und zwar liegt die Mord­ra­te in den USA im Ver­hält­nis zum lega­len Waf­fen­be­sitz (der allein von zukünf­ti­gen Ver­bo­ten betrof­fen wäre) im Bereich des Lächer­li­chen, doch wird das die ent­spre­chen­den Lob­by­grup­pen kaum davon abhal­ten, wei­ter­hin Druck aus­zu­üben und neue Geset­zes­vor­la­gen vor­an­zu­trei­ben, wie sie es bereits seit bald 20 Jah­ren tun.

Was wächst, ist allein die kogni­ti­ve Dis­so­nanz, die Kluft zwi­schen ver­ord­ne­tem Nar­ra­tiv und wahr­nehm- oder schein­ba­rer Rea­li­tät. Hin­zu kommt der berech­tig­te Zorn über die immer­glei­chen, von bös­ar­tig bis abstrus rei­chen­den Kom­men­ta­re aus den Elfen­bein­tür­men der Redak­tio­nen und Pun­dits, der “enga­gier­ten” Intel­lek­tu­el­len, wäh­rend es gleich­zei­tig genau die­sel­ben Cha­rak­ter­mas­ken sind, die unun­ter­bro­chen wei­ter an der Zer­set­zung der Gesell­schaft arbei­ten und ihres­glei­chen zu Hel­den des Wider­stands hochjubeln.

Auch die vom SPLC zusam­men­ge­klöp­pel­te gro­tes­ke Lis­te angeb­lich »der Alt­Right« zuzu­schrei­ben­der Mord­ta­ten gehört zu die­sem eng­ma­schi­gen Netz der Wirk­lich­keits­ver­dre­hung – dar­über lie­ße sich ein eige­ner Arti­kel schrei­ben; als beson­ders absur­des Bei­spiel sei hier nur der als Blut­bad eines wei­ßen Ras­sis­ten dar­ge­stell­te Fall Elli­ot Rod­ger genannt, der im kali­for­ni­schen Isla Vis­ta sechs Men­schen und sich selbst töte­te. Sein per Mani­fest erklär­tes Motiv war Frau­en­haß, weil er selbst mit 22 Jah­ren noch immer Jung­frau war – und schwar­ze Stu­den­ten bei wei­ßen Mäd­chen mehr Erfolg zu haben schie­nen als er, der “immer­hin” zur Hälf­te(!) weiß sei.

So legen sich wie im viel zu unbe­kann­ten Film Wag the Dog (1997), in dem der US-Prä­si­dent zur Ver­tu­schung eines pri­va­ten Skan­dals mit Hil­fe der Medi­en im Hand­um­dre­hen einen völ­lig fik­ti­ven Krieg insze­niert, immer neue Ebe­nen der Ver­wir­rung und Ver­zer­rung über­ein­an­der, und wäh­rend man das alles mit Kopf­schüt­teln, Stirn­run­zeln oder Zäh­ne­knir­schen beob­ach­tet, soll­te man eines nicht ver­ges­sen – jeder Fall wie die­ser, in dem sich zu selbst­si­che­re Medi­en an ihrer übli­chen Arbeit ver­he­ben, steht für Dut­zen­de, die wir nicht bemerken.

Dafür sor­gen nicht nur hoch­ak­ti­ve Medi­en­be­ein­flus­sungs­sei­ten wie ShareB­lue, deren inter­ne Anlei­tun­gen zum Anfeu­ern von aus­schlacht­ba­ren Online­de­bat­ten durch soge­nann­te Sock­pup­pets, also im Prin­zip genau das, was die­se “Pro­gres­si­ven” selbst unun­ter­bro­chen Ruß­land, Chi­na oder Nord­ko­rea nach­zu­wei­sen ver­su­chen, unlängst an die Öffent­lich­keit gelangten.

Dafür sorgt viel­mehr vor allem die Eigen­dy­na­mik der immer mehr und immer rasan­ter mit ihrer eige­nen Abbil­dung der Rea­li­tät, dem Simu­la­krum, ver­wach­sen­den Medi­en, vor allem in der uner­gründ­lich gewor­de­nen Rhi­zom­struk­tur des Inter­nets. Fol­gen wir der klas­si­schen Theo­rie des hier unum­gäng­li­chen Jean Baudril­lard, so schei­nen wir uns mitt­ler­wei­le in der End­pha­se sei­ner »Drei Ord­nun­gen der Simu­la­k­ren« (Imi­ta­ti­on – Pro­duk­ti­on – Simu­la­ti­on) zu befin­den. Am Ende die­ses Pro­zes­ses soll eine Art Implo­si­on hin zu einem voll­stän­dig bezugs­lo­sen Zustand ste­hen, der »Hyper­rea­li­tät«, in der eine Unter­schei­dung zwi­schen Rea­li­tät und Fik­ti­on nicht mehr mög­lich ist.

Das ist – auch – eine unver­meid­li­che Fol­ge des (Informations‑, mit­hin Katastrophen-)Konsums, wie in der Ago­nie des Rea­len fest­ge­hal­ten steht:

Der Man­gel ist nie­mals dra­ma­tisch, es ist die Sät­ti­gung, die fatal wirkt: denn sie führt gleich­zei­tig in den Pro­zeß eines Starr­kramp­fes und in die Bewegungslosigkeit.

In Situa­tio­nen wie die­ser steht uns klar vor Augen, daß der unab­läs­si­ge Echt­zeit­da­ten­strom des welt­wei­ten Net­zes gleich­zei­tig Schlüs­sel und Tor die­ser Ent­wick­lung ist, die mög­li­cher­wei­se irgend­wann ein­mal in einem schick­sal­haf­ten Augen­blick der soge­nann­ten “Sin­gu­la­ri­tät” (vgl. Sezes­si­on 78) einen sol­chen neu­en Bewußt­s­eins­zu­stand ver­ur­sa­chen und somit – mit den unsterb­li­chen Wor­ten Eric Voe­ge­lins – »das Escha­ton imma­nen­ti­sie­ren« wird.

Der ein­zi­ge Weg dar­an vor­bei scheint zumin­dest teil­wei­se in die Ana­lo­gie zurück­zu­füh­ren; hin zu einem ent­schleu­nig­ten und viel bedach­te­ren Umgang mit der Wirk­lich­keit im greif­bar-aller­nächs­ten Umfeld.

Nils Wegner

Nils Wegner ist studierter Historiker, lektorierte 2015–2017 bei Antaios, IfS und Sezession und arbeitet als Übersetzer.

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Kommentare (8)

Lotta Vorbeck

22. Februar 2018 15:35

DANK an Nils Wegner - eine grandiose Analyse!

RMH

22. Februar 2018 16:26

Natürlich wird Trump jetzt als "empathieloses" Trumpeltier (Spickzettel-Gate) dargestellt, dem nichts besseres einfällt, als Lehrer zu bewaffnen.

Dabei ist es rein logisch gedacht die einzig mögliche Lösung bzw. zukünftige Verbesserung der Schutzlage an Schulen. Die USA ist ein Land mit seit über 200 Jahren bestehender und gepflegter Kultur des privaten Waffenbesitzes. Ich google das jetzt nicht vorher, aber ich vermute, in dem Land könnte es über 1 Mrd. Schusswaffen geben. Vor diesem Hintergrund hätte man jetzt 2 denkbare Möglichkeiten:
1. Möglichkeit: Man nimmt sich 1 bis 2 Millionen Mann (pardon, auch Frau etc.) und stellt das Land auf den Kopf, durchsucht alles und beschlagnahmt jede Waffe. Dürfte bei der Fläche der USA Jahre dauern und finden wird man auch nicht alles, da die Leute ihre Waffen zu verbergen werden wissen (von bewaffneten Widerstand dagegen möchte ich gar nicht erst anfangen, zu reden).
2. Möglichkeit:
Lehrer bekommen Schießunterricht und schusssichere Westen und wenn es irgendwo rumst im Schulhaus haben Sie zur Abwechslung mal ihre staatsbürgerliche Pflicht zu tun ...

Meiner Meinung nach handeln Donald und seine Berater hier also 100% rational und effektiv. Das Thema School-Shooting hat sich mittlerweile zu einem Underdog-Rache-Mythos schlechthin entwickelt, der sicher nicht mehr wegzubekommen sein wird und auch zukünftig wird es leider wieder zu solchen Vorfällen kommen - nur dass dann dem Was-auch-Immer-Täter etwas unmittelbar entgegengesetzt werden kann.

PS: Die strikte Ohnmacht, die Schüler gegenüber ihren Lehrern in der Phase des Heranwachsens empfinden, wird im Übrigen immer dazu führen, dass unter zig Millionen Schüler alle paar Jahre mal einer komplett durchdreht. Das kann auch bei uns passieren und als Vater schulpflichtiger Kinder hätte ich gegen trainierte, geschulte und bewaffnete Lehrer genauso wenig einzuwenden, wie gegen Polizisten, die einem ja selbst bei einem Verkehrsunfall wie selbstverständlich bewaffnet entgegen treten. Aber unsere deutsche Gesellschaft hat im öffentlich kundgetanen Bereich eine Waffenparanoia - versteckt und unter der Hand erleben hingegen Schützenvereine und andere Formen des legalen Zugangs zu Schusswaffen auch bei uns einen kleinen Boom (wurde mir erst heute wieder von einem Schützenbruder bestätigt - so viele Neumitglieder in seinem Verein, wie seit Jahrzehnten nicht mehr. Noch vor ein paar Jahren hatten sie sich Sorgen um den Nachwuchs im Verein gemacht).

Im Übrigen möchte ich an George Orwell erinnern (Linker!):

"The totalitarian states can do great things, but there is one thing they cannot do: they cannot give the factory-worker a rifle and tell him to take it home and keep it in his bedroom. That rifle, hanging on the wall of the working-class flat or laborer's cottage, is the symbol of democracy. It is our job to see that it stays there."

jojo

22. Februar 2018 17:27

Während es bei Philip K. Dick vor über 50 Jahren durch die moralische Frage,was menschlich oder künstlich,echt oder unecht ist , erkannt wurde , sind die heutigen Simulacren nur durch gesinnungsethische Unterscheidungen zu beurteilen.
Der Kampf hat sich ein Feld erobert, welches Hyperrealität
genannt wird.....

Solution

22. Februar 2018 17:50

Es wird Zeit, daß auch wir in der BRD Halbautomaten legal kaufen dürfen. Wie sollen wir uns sonst in einer zunehmend bedrohlicheren Welt wehren, in der die Polizei überlastet und die Gerichte voller Verbrecherversteher sind?

Zarathustra

22. Februar 2018 17:52

In dem Zusammenhang ein kleiner Tipp, für diejenigen, die es noch nicht kennen: https://www.youtube.com/watch?v=gdkcqXQ53EQ

Durendal

22. Februar 2018 18:58

@Solution
Als Jäger und Sportschütze dürfen Sie in Deutschland doch bereits Halbautomaten bzw. Selbstladebüchsen erwerben.
In Notwehrsituationen sind sie allerdings weitestgehend ungeeignet, da sie so ein Gewehr in der U-Bahn oder auf der Straße wohl kaum mitführen würden, selbst wenn das legal wäre.
Jäger oder Sportschütze werden bzw. Waffen dieser Art erwerben sollte man daher m.E. nicht aus dem von Ihnen genannten Motiven. Da die Jagd oder der Schießsport aber ehrenwerte Formen der Freizeitgestaltung sind, ist dies unabhängig von diesen Motiven natürlich sehr empfehlenwert.
Motive der von Ihnen genannten Art dafür vorzubringen, gefährdet nur die Möglichkeit, dies auch künftig tun zu können, weil Sie dadurch diejenigen unnötig und grundlos verunsichern, die auch in Deutschland entsprechende Rechte immer stärker einschränken wollen.

Teufel

23. Februar 2018 08:00

@Solution

"Es wird Zeit, daß auch wir in der BRD Halbautomaten legal kaufen dürfen. Wie sollen wir uns sonst in einer zunehmend bedrohlicheren Welt wehren, in der die Polizei überlastet und die Gerichte voller Verbrecherversteher sind?"

Seien Sie nicht dumm! Sobald hier Schusswaffen zu kaufen sind, werden Mahmut und Ali als erste zuschlagen und DANN haben wir ein Problem.

RMH

23. Februar 2018 09:11

"Seien Sie nicht dumm! Sobald hier Schusswaffen zu kaufen sind, werden Mahmut und Ali als erste zuschlagen und DANN haben wir ein Problem."

Wenn wir vorerst einmal das Thema illegale Bewaffnung einschließlich Messer etc. außen vor lassen, dann passiert das doch schon seit längerem ganz legal. Fragen Sie einfach mal in Schützenvereinen nach, wie viele "Nichtdeutsche" dort Mitglied sind, so lange am Training teilnehmen, bis der Bedürfnisnachweis erbracht ist und danach kaum noch zu sehen sind (m.W.n. sind gerade mal 5 Jahre ständiger Aufenthalt ausreichend, um als Nicht-EU-Ausländer sich um eine Waffe bemühen zu können). Und im Grunde genommen ist das auch immer noch besser, als wenn sich diese Kreise auf dem Schwarzmarkt eindecken, denn so wissen die Behörden wenigstens, wo, wer, was hat und eine Zuverlässigkeitsprüfung findet auch statt.

Das Thema Waffenrecht ist zu vielschichtig, als für Schwarz-Weiß Denken und Handeln im Sinne der alleinigen Alternativen, gebt alles frei, oder verbietet alles.

Bemerkenswert ist grundsätzlich - und hier legt die NRA durchaus den Finger in die Wunde - dass sich wie ein Automatismus die Diskussion sehr oft denn auf das Waffenrecht verengt und das davor sehr häufig geschehene Versagen von Schulen, Ärzten, Psychiatern, Pharmaindustrie etc. im besten Falle gerade mal andiskutiert wird, aber man dann hier letztlich nicht tiefer einsteigen will und im Gegenteil, der Hinweis darauf dann zumeist nur als "Ablenkungsmanöver" pauschal abgewertet wird. Im hier besprochenen Fall in den USA kam ganz offenbar auch noch ein Fall individueller Feigheit eines Hilfspolizisten dazu. In früheren Zeiten hätte man das als in Summe "das Böse" bezeichnet, welches sich eben niemals überlisten und ganz ausschalten lässt. Sehr schlimm für alle Angehörigen, die jetzt damit weiterleben müssen. Ehrliche, echte Hilfe erhalten Sie vermutlich zu wenig, laufen aber Gefahr, für die bekannten Interessenlagen eingespannt zu werden.

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