Das Klappern der Mühle – Habermas ist 80

In Vorahnung des heutigen Ereignisses veröffentlichten wir gestern Abend schon den Aufsatz Gehlen und Habermas unseres...

Götz Kubitschek

Götz Kubitschek ist Verleger (Antaios) und seit 2003 verantwortlicher Redakteur der Sezession.

Autors Karl­heinz Weiß­mann. Heu­te Mor­gen kön­nen wir fest­stel­len: Haber­mas ist tat­säch­lich 80 gewor­den, und irgend­wie müs­sen wir die­sen Tag bege­hen. Das ist nicht leicht.

Vor 150 Jah­ren schon schrieb Arthur Scho­pen­hau­er über Jür­gen Haber­mas fol­gen­de Sätze:

Um nun den Man­gel an wirk­li­chen Gedan­ken zu ver­ber­gen, machen man­che sich einen impo­nie­ren­den Appa­rat von lan­gen, zusam­men­ge­setz­ten Wor­ten, intri­ka­ten Flos­keln, unab­seh­ba­ren Peri­oden, neu­en und uner­hör­ten Aus­drü­cken, wel­ches (…) einen mög­lichst schwie­ri­gen und gelehrt klin­gen­den Jar­gon abgibt. Man emp­fängt kei­ne Gedan­ken, fühlt sei­ne Ein­sicht nicht ver­mehrt, son­dern muss auf­seuf­zen: ‘Das Klap­pern der Müh­le höre ich wohl, allein ich sehe das Mehl nicht.

Und Micha­el Klo­n­ovs­ky (Focus) stellt knapp fest:

Das Werk des Jür­gen Haber­mas, liest man, sei in alle gro­ßen Spra­chen der Welt über­setzt worden.
Außer ins Deutsche.

Auch Sibyl­le Tön­nies (Sozio­lo­gin) schreibt “Kei­ne Hommage”:

Kein The­ma, das der gro­ße Mann nicht ange­fasst – und auch kein The­ma, das er nicht lie­gen gelas­sen hät­te – kein Stand­punkt, den er nicht ver­tre­ten – aber auch wie­der auf­ge­ge­ben hät­te. Dabei lag er häu­fig im Main­stream, bekam im pas­sen­den Moment noch die Kur­ve oder wur­de wie im His­to­ri­ker­streit um die his­to­ri­sche Ein­ma­lig­keit der NS-Ver­bre­chen in den spä­ten 80er-Jah­ren zum Trend­set­ter einer Aufarbeitungswelle.

Spöt­ti­sche Töne? Aber ja: Spott ist die Aner­ken­nung einer Über­mäch­tig­keit. Haber­mas ist über­mäch­tig, ganz und gar im Gegen­satz zu sei­ner For­de­rung nach dem herr­schafts­frei­en Dis­kurs. Wie­der­um Tön­nies, die als Lehr­be­auf­trag­te an deut­schen Uni­ver­si­tä­ten den Ein­blick in die Kar­rie­re-Mecha­nis­men des Intel­lek­tu­el­len-Milieus hat:

Wenn die Haber­mas-Anhän­ger eine idea­le Kom­mu­ni­ka­ti­ons­ge­mein­schaft bil­den – ist die Tat­sa­che, dass sie die Tex­te nicht ver­ste­hen und sich gegen­sei­tig das Ver­ständ­nis vor­täu­schen, dem Ide­al abträg­lich? Und wie steht es mit der Herr­schafts­frei­heit der von Haber­mas beein­fluss­ten Kom­mu­ni­ka­ti­ons­ge­mein­schaft? Wenn Examens­no­ten und Kar­rie­ren von der Aner­ken­nung sei­ner Theo­rie abhän­gen und Lehr­stüh­le mit ihr erreicht oder ver­fehlt wer­den? Wenn der­je­ni­ge befürch­ten muss in den Orkus der Dumm­heit gewor­fen zu wer­den, der zugibt, dass er die Dis­kurs­theo­rie nicht ver­steht? Denn so sieht es heu­te im aka­de­mi­schen Milieu tat­säch­lich aus. Wenn Haber­mas auch in der stren­gen Phi­lo­so­phie nicht ernst genom­men wird, so wird dar­über doch nicht laut gespro­chen. Nie­mand traut sich, wie das Kind in Ander­sens Mär­chen zu rufen: Der Kai­ser hat ja gar nichts an!

Aber mehr als eine Fest­stel­lung sol­cher Geis­tes­mon­ar­chie ist uns nicht gege­ben. Es wird noch eine Wei­le so wei­ter­ge­hen, wie Haber­mas es uns ein­ge­rich­tet hat. Und wenn es wahr ist, daß die Dis­kurs­theo­rie vor allem einen Ertrag hat: näm­lich, daß sich die Intel­lek­tu­el­len end­lich als die ent­schei­den­de Men­schen­klas­se ver­ste­hen kön­nen – dann will von uns kei­ner mehr einer sein, nicht?

Die Bei­trä­ge:

Tön­nies: Des Kai­sers neue Klei­der – kei­ne Hommage
Klo­n­ovs­ky: Nur ein Dis­kurs kann uns retten
Scheil: His­to­ri­ker­streit oder Eine Form der Herrschaftsausübung

Götz Kubitschek

Götz Kubitschek ist Verleger (Antaios) und seit 2003 verantwortlicher Redakteur der Sezession.

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