Sezession
23. Juli 2018

»Marx von rechts« und der Panikmodus

Benedikt Kaiser / 43 Kommentare

In wenigen Wochen erscheint ein neues Buch im Jungeuropa Verlag. Es sorgt schon jetzt für Anfeindungen und Zensurmaßnahmen.

Benedikt Kaiser

Benedikt Kaiser ist Politikwissenschaftler und arbeitet als Verlagslektor.

Es war allen Beteiligten klar, daß dieser Titel für Aufsehen sorgen würde: Marx von rechts wird am 9. August erscheinen.

Alain de Benoist, der französische Vordenker der europäischen Neuen Rechten, Diego Fusaro, ein »linker Rechter« und Uni-Dozent aus Mailand sowie ich selbst klopfen Marxens Werk auf Anknüpfungspunkte »von rechts« ab.

Dieses »von rechts« ist dabei für alle nun Aufheulenden freilich das eigentliche Problem:

Rechte, vor allem liberalkonservativ und neonationalsozialistisch orientierte, monieren, man könne den Philosophen des Gulags gar nicht von rechts her denken; seine Gedanken führten direkt zu Stalin und Pol Pot. Über Marx oder dessen Analysen auch bloß nachzudenken sei "Querfront-Rotz", "Spinnerei", "Dreck", "krank", "gefährlich", "irre".

Linke wiederum stoßen sich an dem Zusatz »von rechts«, weil sie "Diskurspiraterie", "Wortklauberei", "Betrug", "Nebelkerzen", und, natürlich auch hier, "Querfront"- oder gar "Nazi"-Bestrebungen wittern. Ihr Idol Marx soll in seinem Jubiläumsjahr (200. Geburtstag) vor falschen Interessenten geschützt werden, die Übeltäter des geistigen Diebstahls werden entsprechend mit Verbalinjurien und Anfeindungen, nicht indes mit Gegenargumenten konfrontiert.

Doch ebenso wie ihre rechten Panikgenossen wissen sie nicht, was im Buch von Fusaro, Benoist oder mir aufgeboten wird, sondern bedienen sich eines ermüdenden Empörungsrituals, das jeden Diskurs als die Quintessenz ideenpolitischer Offenheit unmöglich macht. Denken darf in entsprechenden Blasen ebenjene Blasen nicht überschreiten, nicht überwinden, noch nicht einmal experimentell übertreten.

Liberale bis Libertäre nun haben – für mich durchaus verblüffend, weil sie weder als Marxianer noch rechts zu bezeichnen wären, also maximal unbeteiligt sind – ebenfalls virtuelle Wutausbrüche hingelegt. Die Argumentationen bleiben bis dato inhaltsarm, sie erinnern an jene von manchen Liberalkonservativen und Hitleristen (Gulag, Querfront-Rotz, Spinnerei), sind aber zusätzlich persönlich vulgär; ein hessischer JA-Funktionär, der sich selbst als Hayekianer sieht, mutmaßte via Facebook-Auftritt des Jungeuropa Verlags etwa, Kaiser sei nicht nur ungebildet, sondern auch homosexuell – wo der Konnex zu einer kritischen Marx-Exegese von rechts zu suchen ist, bleibt sein Geheimnis.

Kurz gesagt: Marx von rechts ist der Stich ins Wespennest, ob dieses Nest politisch nun rechts, links, liberal oder vorgeblich apolitisch positioniert ist. Denn auch Amazon reagierte, und zwar auf eine altbekannte Art und Weise: Nach wenigen Tagen und recht passablen Verkäufen wurde der Titel gelöscht – eine Zensurmaßnahme, die an Antaios-Vorgänge um Richard Millet oder an die Causa Bublies erinnert.

Wer regelmäßig die Sezession liest und sich mit konservativer, neurechter Publizistik beschäftigt, weiß, welche Bedeutung Amazon als Quasi-Monopolist auch für den deutschsprachigen oppositionellen Buchmarkt besitzt. Viele Leser recherchieren mittlerweile über die Plattform, wo Buchverweise auf andere, womöglich bisher unbekannte Titel aufmerksam machen. Wer hier nicht auffindbar ist, findet nicht statt, wer nicht stattfindet, sieht sich, monetär betrachtet, existentiell bedroht.

Denn was diese Boykottmaßnahme für Akteure wie Antaios von Götz Kubitschek und den 2016 gegründeten Jungeuropa Verlag von Philip Stein bedeutet ist klar. Antifaschisten und einzelne Neonationalsozialisten, die hier jubeln, solch – erneut – "Dreck" dürfe ja auch nicht bei einem wichtigen Anbieter wie Amazon erscheinen, argumentieren mit bemerkenswerter Heuchelei; entsprechende Mechanismen sind nicht per se gegen neurechte Theorie gerichtet, sondern können prinzipiell jede fundamentalkritische Publikation treffen.

Alle, die sich im Panikmodus befinden, könnten dabei eigentlich einen Gang herunterschalten. Wer Karl Marx und dessen Werk für überflüssig hält, muß nicht auf das Buch klicken; wer denkt, »von rechts« versteht ohnehin qua obligatorischer Dummheit keiner das, was Marx und sein Kompagnon Engels verzapften, muß nicht auf das Buch klicken; wer meint, bisherige ideenpolitische Grenzen dürfen nicht angetastet werden, um neue Synthesen zu bilden und alte Fehler zu vermeiden, muß nicht auf dieses Buch klicken.

Alle anderen sind eingeladen, in Band II der Jungeuropa-Reihe »Theorie« (nach Kulturrevolution von rechts) Ansätze für einen Neubeginn neurechter Marx-Rezeption zu suchen, darüber zu diskutieren, zu streiten und die einzelnen Aspekte – jeder drei Autoren sucht und findet seine eigenen Schwerpunkte – abzuwägen und gegenüberzustellen.

Gemein ist allen drei Autoren des Bandes der prüfende Ton, die ergebnisoffene Herangehensweise an ihren Gegenstand. Philip Stein, der Marx von rechts als herausgebender Verleger einleitet, hat in diesem Sinne die Grundmaxime für das Werk vorgegeben, indem er Alain de Benoists Zeilen aus der Sezession zitiert:

Eine nüchterne und unvoreingenommene Lektüre von Karl Marx, die sich von der Verteufelung ebenso fernhält wie von der Anbetung, ist nicht nur möglich, sondern sogar notwendig: nicht, um sich dem Marxismus zuzuwenden, sondern um zu prüfen, was an seinem Werk fruchtbar und aktuell geblieben ist.

Gemäß dieses Leitbildes ist Marx von rechts zu interpretieren, ist Bernd Rabehls erfreulich stark nachgefragter kaplaken-Band Raumrevolution zu lesen und zu deuten, zumal das gilt, was Yves Müller im Antifaschistischen Infoblatt über das Vorhaben neurechter Kapitalismuskritik im allgemeinen bzw. neurechter Marx-Lektüre im besonderen – ein wenig zugespitzt – postulierte:

Man will kein rechts-linkes Bündnis gegen den Kapitalismus. Vielmehr soll linke Kapitalismuskritik überflüssig gemacht und von rechts neu besetzt werden.

Wer damit ein Problem hat, sollte das Buch ignorieren oder aber die inhaltliche Auseinandersetzung suchen. In keinem Fall kann er sich jedoch auf den konservativen Jahrhundertautor Ernst Jünger berufen, der selbst formulierte:

Wir sind mit Karl Marx der Meinung, daß es in erster Linie nicht darauf ankommt, die Welt zu interpretieren, sondern sie zu verändern. Wir fragen nicht lediglich als denkende, sondern als tätige und wollende Wesen.

In diesem theoretischen wie praktischen Sinne ist Marx von rechts ein Baustein auf dem Wege zur Veränderung. Die Schriften von Karl Marx sind dabei selbstverständlich kein allumfassender Schlüssel.

»Wer darauf bestehen würde«, so Diego Fusaro treffend in seinem Buch Schon wieder Marx (Westend Verlag, Frankfurt am Main 2018)

die heutigen Umwälzungen des Kapitals (Finanzkrisen, Auseinanderklaffen der ökonomischen Schere, et cetera) einzig durch die Marx’sche Brille betrachten und interpretieren zu wollen, würde sicher wenig verstehen, da es einfach unmöglich ist, sich ein Bild von Ereignissen zu machen, die Marx gezwungenermaßen nicht vorhersehen konnte. Ebenso wahr ist allerdings,

lenkt Fusaro ein,

dass jeder, der sich weigert, auch diese Brille aufzusetzen, nichts vom Heute und seinen Veränderungen verstehen wird.

Doch diese zukunftsweisende Herausforderung – die zahllosen Veränderungen in Gesellschaft, Politik und Wirtschaft zu verstehen lernen – muß von rechts in Angriff genommen werden, will man den vielzitierten einen Schritt voraus sein. Daß Gegner einer zukunftsfähigen »Neuen Rechten« angesichts dessen in seltener Eintracht dem Panikmodus verfallen, darf weder verwundern noch beunruhigen.

Vor allem darf das die Diskussion, die in Marx von rechts eröffnet wird, nicht in status nascendi beenden. Denn eine neue Marx-Lektüre ist zwingend nötig, weil jedwede Kapitalismuskritik fruchtlos bleiben muß, die eine Auseinandersetzung – so kritisch sie sein möge – mit dem tiefschürfenden Kapitalismus-Analytiker Marx scheute – was nicht besagen soll (und auch nicht kann), das integrale Werk Marxens bejahen oder gar en bloc in eine neurechte beziehungsweise konservative politische Theorie einfügen zu wollen.

Worum es vielmehr geht, ist neue Fragen zu stellen und unkonventionelle Antworten zu finden, die Synthesen auf der Höhe der Zeit zustandebringen, welche im besten Falle den politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Herausforderungen des frühen 21. Jahrhunderts genügen.

»Der vorliegende Band«, so Philip Stein zutreffend, »soll hierfür einen Startschuss markieren – er wird dies- und jenseits des Grabens vernommen werden.«

Man darf hoffen, daß ihn auch jene vernehmen, denen es, gleich wo sie politisch stehen, um Substanz für die Kontroversen von morgen geht, nachdem sich all die Panikakteure von gestern ihrerseits längst bemerkbar gemacht haben.


Benedikt Kaiser

Benedikt Kaiser ist Politikwissenschaftler und arbeitet als Verlagslektor.

Kommentare (43)

Fritz
23. Juli 2018 12:35

Kann das nicht empfehlen. Marx steht auf den Schultern von Hegel, und die idealistische Philosophie ist tot.

Die beste Analyse von Marx`Werk und seinen Schwächen ist Leszek Kolakowskis "Hautströmungen des Marxismus".

Nils Wegner
23. Juli 2018 14:01

@ Fritz: Nee, lassen Sie mal. Die Beschäftigung mit »Hautströmungen« überlassen wir lieber der Psychophysiologie.

Zum Thema an sich: flott geschriebener und grundrichtiger Artikel. Nichtsdestoweniger sollte man sich über das Pfeifkonzert von den billigen Plätzen für geistige Frührentner und Apperzeptionsverweigerer nicht zu sehr tangieren lassen. Es ist ein Szeneproblem, sich stets zu sehr um Zeitgenossen zu bemühen, deren Beitrag zur erlebbaren Realität nicht über Unkenrufe hinausgeht. Ich kann dazu nur zustimmend Richard Spencer zitieren, dessen Erfahrungen mit dem geschäftsmäßigen US-Konservatismus auch ein schlechterdings global(isiert)es Phänomen kennzeichnen:

»Unter amerikanischen Konservativen [...] kursiert eine Liste mit Büchern, die man angeblich nicht lesen darf, weil sie Amerika zerstören. Ich erinnere mich, beim Blick auf diese Liste gedacht zu haben: „Unsinn, JEDER sollte diese Bücher lesen!“ Bücher wie Nietzsches Jenseits von Gut und Böse oder Das Kapital und das Kommunistische Manifest. [...] In der US-Rechten gibt es einen gewissen antiintellektuellen Einschlag, und ich finde, dass es mir genützt hat, mich eingehend mit Marx, der Frankfurter Schule, Freud und anderen zu beschäftigen. Natürlich ist es wichtig, seine Feinde zu kennen, aber ich halte es für ebenso wichtig, gelegentlich etwas von ihnen abzuschauen. Die Linke hat mindestens in den letzten hundert Jahren im intellektuellen Bereich viel gründlicher gearbeitet als die Rechte. [...] Es gibt anscheinend eine gewisse Asymmetrie: Wenn man konservativ oder rechts ist, dann wird man ein Geschäftsmann, und wenn man links ist, dann wird man auf die eine oder andere Weise zum Kulturschaffenden [...]. Es gibt zu denken, dass die Rechte diese Bereiche einfach aufgegeben hat und sie sogar mit Argwohn betrachtet. [...] Eigentlich ist das eine wirklich üble Sache und erklärt ein ganzes Stück weit, warum die Rechte ins Hintertreffen geraten ist. Natürlich ist im Einzelfall nichts Falsches daran, ein Geschäftsmann zu sein, aber wenn das dazu führt, dass es auf der Rechten kein echtes geistiges Leben mehr gibt, dann wird es zur Katastrophe. Ich habe mich mit der Frankfurter Schule ebenso ernsthaft auseinandergesetzt wie mit Nietzsche [...], und ich glaube, daß es eine gewisse konservative Mentalität gibt à la: „Lest dieses scheußliche Zeug nicht, wir beschützen euch davor!“ Das mag gut gemeint sein, aber wir müssen uns doch mit der Krise der modernen Welt auseinandersetzen! Wir können sie nicht einfach wegwünschen [...]. Wir müssen sie angehen. Und es gibt auf der Rechten die ziemlich träge und kindische Tendenz, über solche Dinge einfach nicht nachdenken zu wollen und sich nur für Familie, Arbeit und Unterhaltung zu interessieren. [...] ich sehe die Alt-Right als Ort echter Ideen. Manchmal höre ich mir konservative Kommentatoren an, wie sie sich über Steuersenkungen streiten und irgendeine kulturelle Neuheit oder die politische Korrektheit bejammern – dort gibt es keine großen, kühnen und gefährlichen Ideen, überhaupt keine.«

Man kann immer mal ein bißchen mehr wagen. Und zwar nicht nur dabei, des Nachts möglichst vermummt an irgendeinem einsamen Feldweg ein Stickerchen aufzukleben, sondern auch und gerade im Denken.

Maiordomus
23. Juli 2018 15:12

Die Forderung nach einer Orientierung "Marx von rechts" mag als Methode, den Gegner gegen den Strich zu bürsten, manchmal originelle und kreative Ergebnisse zeitigen. Ich praktizierte dies zum Beispiel 1976 mit der Erstellung eines Argumentatoriums gegen eine linke Schweizer Volksinitiative für betriebliche Mitbestimmung, indem ich mich auf die Schrift von Friedrich Engels "Über die Autorität" (1872) berief, wo u.a. drin steht "Die Autorität in der Grossindustrie abzuschaffen hiesse die Grossindustrie selber abschaffen zu wollen", das System verlange nach einer "gebieterischen Autorität", allerdings nach Marx/Engels natürlich einer Autorität mit dem richtigen sozialistischen Bewusstsein. Mit Marx und Engels lässt sich in der Tat prima gegen anarchischen "lumpenproletarischen" Chaotismus argumentieren. Natürlich hat bei der Kritik am sogenannten Kapitalismus bei Marx und Engels fast niemand behauptet, dass alles dran falsch sei, wiewohl etwa die frühere Analyse von Franz von Baader von 1835, in England erstellt, vieles vorher und viel genauer und im übrigen von einem antirevolutionären konservativen Standpunkt aus so analysiert, dass Baader langfristig sicher stärker recht bekommen hat als Marx und Engels, indem er nämlich die Integration des Proletairs, deren Lage er in den englischen Bergwerken analysierte, als Jahrhundertaufgabe postulierte. Das Problem wurde dann im Prinzip gegen Ende des 19. Jahrhunderts auch von der ansetzenden katholischen Soziallehre ab Papst Leo XIII. in vielem fruchtbringend erfasst. Wer "Marx von rechts" fordert, hat sich aber damit abgefunden, dass das Geistesleben zumal an den Hochschulen und in den Feuilletons der westlichen Welt sich seit Jahrzehnten sektiererisch in Richtung Kulturmarxismus und sog. Kritischer Theorie verengt hat, dass man im Bereich der Psychologie vielleicht gerade noch (den keineswegs marxistisch denkenden) Freud kennt, aber leider nicht das gigantische geistige Bergwerk Jean Paul, der vieles genauer und tiefer gesehen hat als die Freudsche Schule, wie Joachim Bodamer vor 50 Jahren in mehreren Büchern nachgewiesen hat. Und im Hinblick auf Soziologie und Gesellschaftslehre wäre es höchst angebracht, sich allenfalls wieder mal mit dem guten alten Helmut Schoeck auseinanderzusetzen, seinem Standardwerk Der Neid, Eine Theorie der Gesellschaft, da hat vieles einiges mehr mit der Wirklichkeit zu tun als Habermas. Falls man ihn nicht als Ideologen nimmt, ihn nicht so zitiert wie die Marxisten ihren Marx, bleibt freilich auch ein Carl Schmitt überaus lehrreich; wie einst der verketzerte Meister Eckhart empfiehlt es sich aber, ihn ohne Namennennung zu zitieren, weil dieselbe im Geistesleben nach wie vor eine neurotische Wirkung auslöst. Wo er indes recht hat, behält er auch ohne seine katastrophalen Irrtümer und Charaktermängel recht, gilt in einem gewissen Sinn für Mar Weber. Es bleibt aber dabei, dass man "Marx von rechts" nur fordern kann, weil einem eine breite differenzierte staatsphilosophische Bildung fehlt einschliesslich der Fähigkeit, Standardwerke auch auf Lateinisch oder im Französischen der Aufklärung zu lesen. Der Vorschlag ist besser als nichts, aber doch zumal Ausdruck einer geistigen Hilflosigkeit, man kann ja auch nichts dafür für die Bildung, die einem fehlt, weil an unseren Hochschulen vielfach nur Kaiser ohne Kleider lehren. Ebensogut und mit noch mehr Berechtigung könnte man einen "Montalembert von rechts" fordern, aber wer kennt schon einen Montalembert? Er war wohl einer der fruchtbarsten christlichsozialen Denker im 19. Jahrhundert, von der Kirche natürlich verurteilt, so wie für das 20. Jahrhundert und die Gegenwart eine Frage der bildungspolitischen Orientierung ist, ob man sich mit Walter Benjamin oder mit Leopold Ziegler befasst. Dabei wäre es aber nicht verboten, sich auch gleich mit beiden auseinanderzusetzen, wer aber kennt schon Leopold Ziegler?

Der Kulturmarxismus wäre weniger verhängnisvoll, hätte er nicht allseits die geistigen Perspektiven verengt.
Die Forderung "Marx von rechts" setzt voraus, dass man sich an die manipulativen Diskurshoheiten der letzten etwa 60 Jahre gewöhnt hat und von grosser europäischer Staatslehre keine Ahnung mehr hat, angefangen bei Aristoteles, Seneca, Cicero, über Machiavelli, Hobbes, Pufendorf, Rousseau, Montesquieu, Burlamaqui, Althusius, Barbeyrac, de Vattel, Bonald, de Maistre, Donoso Cortez, Burke, Baader, den unglaublichen Schweizer Troxler, der als fast einziger den deutschen Idealismus mit der direkten Demokratie zu verbinden wusste, aber auch von den grossen Totalitarismuskritikern Voegelin, Popper, Oswalt von Nell-Breuning keine Ahnung hat, zu schweigen von der deutschen Lübbe-Schule, der unter anderen auch der kritische katholische Philosophieprofessor Martin Rhonheimer entstammt, der sich noch nie eines linken Zungenschlages bedient hat, bei nicht wenigen bedeutenden Anregungen für die Auseinandersetzung mit dem heutigen Zeitgeist. In diesem Sinn gilt es, vom Mainstream wegzukommen. Von nicht kleiner Bedeutung bleibt natürlich seit dem Mittelalter die Frage nach unserer Stellung im Universalienstreit, nur wäre es falsch, Universalisten generell als potentiell Linke und Nominalisten als potentiell Rechte einzuschätzen. Die geistige Wirklich ist und bleibt komplexer. Letztlich ist aber fast alles, das hat Carl Schmitt wohl am präzisesten gesehen, ausserdem der britische Kardinal Mannings, eine Frage der Politischen Theologie. Insofern sollte man sich alleweil wieder mal bei der Bibellektüre erholen. An letzteren Grundsatz hielt sich in seinen alten Tagen kein Geringerer als Ernst Jünger.

Gustav Grambauer
23. Juli 2018 15:18

Hier gleich noch ein Stich ins Wespennest:

Der Bolschewismus ist eine uralte und eherenwerte aus dem slawischen Heidentum stammende Strömung in Rußland, eine Art mystischer Urkommunismus. Weiß nicht, ob man so weit gehen kann, zu sagen, die Ur-Sowjets (сове́т = Rat, die institutionelle Basis der Bolschewiki, die ja auch zu Namensgeberinnen der Sowjetunion wurden) wären vergleichbar mit den Things der alten Germanen gewesen. Vielleicht ist der Bolschewismus in Rußland als Resonanzboden entfernt vergleichbar mit dem "Geheimen Deutschland" hierzulande. Der Bolschewismus ist ideologisch neutral, abgesehen von seinem zentralen Anliegen, dem Eintreten für die Volksinteressen, Mehrheitsinteressen (daher der Name, "Bolschinstwo" = Mehrheit), die er insbesondere über die Volksbildung (daher z. B. die Formeln: "Wissen ist Macht", "Lernen, Lernen und nochmals Lernen", die auch Pjakin in kaum einem Youtube-Interview zu erwähnen vergißt und die viel älter als Lenin sein dürften) wahrnehmen möchte. Allein der Begriff Volksbildung, bis hin zu Margot Honecker, dürfte aus dem Urstrom kommen. Ein weiteres Charakteristikum ist, daß der Bolschewismus Hauptträger der tief in der russischen Seele mit ihrer ganzen Mystik wurzelnden Sojus-Sehnsucht / Allunions-Sehnsucht war und ist, was später im Liedgut der UdSSR bis hin zur Allunionshymne und bis hin zur heutigen Hymne der Russischen Föderation außerordentlich stark zum Ausdruck kommt.

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts sind die Bolschewiki mit dem Marxismus und der Freimauerei in Berührung gekommen, dadurch, daß sie die SDAPR mitfinanziert haben. Die Leute von Pjakin / FKT haben mir gesagt, daß die bolschewistische Hauptkraft damals die Altgläubigen, die Raskolniki, waren (denen zu Ehren sich offenbar unser Raskolnikow hier bei SiN sein Pseudonym gegeben hat). Die Bolschewiki wurden allzusehr vom Marxismus absorbiert, weil sie ihn in ihrer Naivität allzu vorbehaltlos als modernste und effektivste Lehre angesehen haben, mit der man Rußland aus der Rückständigkeit herausführen könne. Es hat aber damals und auch später in der UdSSR immer eine Unterströmung der Bolschewiki gegeben, die den Marxismus abgelehnt hat. Die Leute von Pjakin / FKT gehen so weit, daß Stalin deren prominentester Vertreter war, daß er als Agent des Generalstabes in die revolutionäre Bewegung eingeschleust wurde und nur als Legende die marxistische Terminologie verwendet hat. Somit wäre die psychologische Wende im Jahr 1941 hin zur Heiligung des Vaterlands auf einer viel tieferen Ebene als mit "Kriegspragmatismus" erklärt. Jedenfalls wurde Stalin nicht wegen der Ärzteprozesse ermordet, sondern dafür, daß er in seinen theoretischen Werken den Marxismus als pseudowissenschaftliche Irrlehre entlarvt hat, wobei er sich stark an den - nicht weniger antisemitischen - Henry Ford angelehnt hat. Hierauf hat sich Gramsci, der ja ein Ex-KOMINTERN-Mann / Mann der Globalen Prädiktor-Ebene war, eingeschossen, womit dieser zugleich dem Kulturmarxismus bereits auf Jahrzehnte oder Jahrhunderte hinaus die Kontur gegeben haben dürfte. Insbesondere hat Stalin wohl (hab`s noch nicht selbst gelesen) nichts von der Marxschen Mehrwertheorie übriggelassen, die ja noch für Jahrtausende gebraucht wird, da an ihr die Klassenkampf-Farce dranhängt, mit der die Eliten die Massen gegeneinanderhetzen können. Es bestreitet übrigens kein Historiker, daß Stalin, der ja aus einem Priesterseminar gekommen war, bis zu seinem Ende regelmäßig in der Kreml-Molelnja innig gebetet hat. (Den weiteren Stich ins Wespennest, inwieweit Lenin und Stalin für den Roten Terror, die Moskauer Prozesse, die Gulags usw. eigentlich verantwortlich zu machen sind, wage ich hier nicht.)

Dieses Wissen ist so heiß, daß selbst über die Herkunft des Begriffs Bolschewiki gelogen wird, er wird bis heute von der Historikerzunft auf die damalige Mehrheit der berechtigten Stimmen in der SDAPR bezogen, was aber absurd ist, da diese Mehrheit gar nicht gegeben war.

Also Vorsicht mit der Abwertung des Begriffs Bolschewismus, wie in "Brüsseler Bolschewiken", "linksgrünversiffte Bolschewiken im Bundestag" usw.

Das alles habe ich auch alles bis zur ein paar Wochen noch nicht gewußt (hatte es allerdings seit meiner Kindheit anhand vieler, vieler, vor allem "weicher" Hinweise, im Kolorit von Persönlchkeiten, Kunstwerken usw. des Ostblocks erahnt). Bin deshalb noch lange kein Bolschewik, aber der Haupteffekt ist, daß ich mit diesem Wissen Marx noch viel weniger ernst nehmen kann als vorher schon.

- G. G.

Maiordomus
23. Juli 2018 15:33

PS. *Die geistige Wirklichkeit ist und bleibt komplexer." Natürlich ist von Max Weber die Rede, nicht von Mar Weber. Der war immerhin kein Kulturmarxist.

Maiordomus
23. Juli 2018 16:03

@Grambauer. Wie "innig" der ehemalige Priesterseminarist Dschougaschwili-Stalin gebetet hat, was im Zusammenhang mit der kritischen Lage 1941 ein Kammerdiener von ihm kolportiert, würde ich zum Beispiel nicht mit urkommunistischen Vorstellungen "Ihrer" Bolscheviki bzw. von Tolstoi in allzu nahen Zusammenhang bringen. Wenn es eng wird, wird jeder Gauner religiös, galt im 15. Jahrhundert auch für das pädosexuelle Scheusal Gil de Rais. Auch Hitler war zweifelsfrei religiös, im Gegensatz zur ebenfalls vorhandenen gottlosen Fraktion in seinem mit dem Schlagwort "Faschismus" nur ungenau festzulegenden Lager, wie der radikale Muslim Achmed Huber als Begründung für ein potentielles Bündnis Islam - Nationalsozialismus immer betonte. Daran hat noch nach dem 2. Weltkrieg auch der berüchtigte Nationalsozialist Leers geglaubt, der aber sehr kirchenkritisch eingestellt war. Das Religiöse gehört bekanntlich gleichzeitig zu den erhabensten und schrecklichsten Seiten des Menschen, im Prinzip gefährlich genug, dass man auf Anhieb eher davon abraten sollte, vgl. noch meine obigen Andeutungen zur Politischen Theologie, welcher Begriff bekanntlich von Carl Schmitt klassisch gemacht worden ist. Ich glaube indes nicht, dass sich der Begriff *Bolschewik* noch retten lässt, weil die von Ihnen genannte falsche Interpretation längst in die Schulbücher des Geschichtsunterrichtes eingegangen ist, habe es für Abitur leider auch noch so gelernt. Klar ist, dass sich in der Geschichte so gut wie nichts jeweils so verhält, wie es in der Schule gelernt wird. Was aber als Kritik auch an dem von Ihnen charakterisierten "guten" Bolschewismus nicht wegzuradieren bleibt, ist: Es handelt sich um eine fanatische chiliastische Weltanschauung, wohl nicht das Gegenteil von spätmittelalterlichen Ketzereien, wie sie in Frankreich grassierten und dann allerdings brutal unterdrückt wurden, eine entsprechende Bildungsreise in die Provence ist insofern immer noch lohnend. Und natürlich lohnt es sich auch, sich mit den politischen Vorstellungen des Heiligen Russland auseinanderzusetzen, aber ohne die Illusion, damit seien heutige politische Probleme zu lösen.

Heino Bosselmann
23. Juli 2018 16:51

Leider in Unkenntnis der aufgerufenen Literatur, deswegen aber um so dankbarer für die Empfehlungen - und als jemand, der aus Gründen seines Herkommens eine Überdosis Marx verabreicht bekam:

Allein schon zwei „Einleitungen“, nämlich zum einen jene zur „Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie“ (1843/44) und zum anderen zur „Kritik der Politischen Ökonomie“ (1857) – kurze, prägnante Texte, leicht im Netz aufrufbar – erhellen, daß Marx vor allem das Verdienst zukommt, die Gesellschaft sachlich aufzufassen, sie also bewußt ihrer Verbrämungen, Ideologisierungen und Idealisierungen zu entkleiden sucht, um ihr solcherart quasi ins Betriebssystem blicken zu können.

Genau dieser Ansatz macht die Marxrezeption gegenwärtig interessant, insofern wir verblüfft erleben, wie unsere Gesellschaft in ihren Selbstwahrnehmungen und durchideologisierten Lebenslügen geradezu neurotisiert – auf eine Weise, daß zwei andere wichtige Namen der Geistesgeschichte ebenfalls zur Kritik moderner politischer Befindlichkeiten heranzuziehen wären, durchaus nämlich Sigmund Freund, dessen persönlicher Neurosen-Begriff interessant auf einen gesellschaftlichen zu erweitern wäre, vor allem aber alle, u. a. auf Ludwig Wittgenstein zurückgehende Sprachkritik als Klärung der Gedanken, da nun mal alle Politik Sprache ist und alle Sprache beinahe Politik. – Wir erleben ja, wie eine harte globalkapitalistische Basis, weitgehend neoliberal dereguliert, durch einen weichlichen Überbau kompensiert werden soll, der auf geradezu dümmlich sozialistische Weise eine Gerechtigkeit für all und jeden verheißt und in dem vorzugsweise das diskutiert wird, um das es mit Blick auf die anstehenden Fragen überhaupt nicht geht, also Geschlechter-, Ernährungs- und Inklusionsthemen. – Die derzeit durchweg sozialistisch verfaßte „Bildung“ verlangte geradezu nach einer frechen marxistischen Kritik.

Aber zurück zu Marx selbst: Daß sich BWLer und VWLer in „Das Kapital“ den Blick schärfen, ist das eine, ein anderes Interessantes liegt darin, daß Marx eben nicht zuerst Kritiker, sondern vielmehr Bewunderer der „Bourgeoisie“ war, diese in ihrer revolutionären Orientierung auf Versachlichung, Leistung, Liberalisierung (im Wortsinne, aber darin wiederum im Sinne der Bourgeoisie) als titanische Kraft begriff und geradezu prophetisch die Globalisierung als Faszinosum wie als Unheimlichkeit bereits im „Kommunistischen Manifest“ von 1848 klarsichtig beschrieb. Und was letztlich Politik und Staat betrifft, so besticht der rationale Blick auf Macht, Parteien und Parlamentarismus ("Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte" u. a.) in ähnlicher Weise wie bei Carl Schmitt. Marx und Schmitt, beide wären in ihren freilich ungewollten, aber hochinteressanten staats- und rechtsphilosophischen Interferenzen ein sehr spannendes Kolloquium wert!

Ansonsten: Die gegenwärtige Linke hat doch mit Marx nicht viel im Sinn! Ganz abgesehen davon, daß alle Welt irgendein diffuses Gefühlsurteil an wirren Zuschreibungen abgibt, ohne sich je durch die Schlüsselwerke hindurchgelesen oder sich auch nur in die für das Zusammenhangsverständnis erforderlichen geschichtlichen Umstände vertieft zu haben. Dies betrifft Marx ebenso wie Hegel und Kant.

Off topic: Die Rechte dürfte indessen weniger Schwierigkeiten mit Marx‘ Kritik der bürgerlichen Gesellschaft als mit seiner erfrischenden und vitalen Religionskritik haben, meint sie, die intellektuelle Rechte, gegen die islamische Infiltration doch ein revitalisiertes Christentum als romantisch anmutende "abendländische Bastion" aufrichten zu müssen, anstatt das, was der islamischen bzw. islamistischen Offensive als einziges Paroli bieten könnte, nämlich eine harte laizistische bzw. besser noch konsequent säkulare oder gar atheistische Antwort. Nichts anderes erscheint gegen den alptraumhaften islamischen Fundamentalismus effizient. Mit Novalis' "Die Christenheit oder Europa" (1799/1826) wird man gegen die Islamisierung ebenso erfolgreich sein wie mit der Suche nach der blauen Blume. Religionsfreiheit? Man lese dazu u. a. die sehr wesentliche Antwort auf den Neuhegelianer Bruno Bauer, „Zur Judenfrage“ (1843), eine leider weit unterschätzte Schlüsselschrift der Staatsphilosophie. -

RMH
23. Juli 2018 16:59

Den etwas salopp eingeworfenen Hinweis auf Hegel sollte man dann doch auch einmal ernst nehmen. Zwar ist es vollkommen richtig, Marx und andere linke Schriften von rechts aus zu studieren und ich kann mich hier dem Zitat von Spencer anschließen, gerade das kommunistische Manifest ist bspw. eine kongeniale politische Urschrift, denn sie wendet sich ja gerade an die Verlierer der industriellen Revolution, wie Handwerker, Krämer, Kleinbürger, Zünfte etc. Auch der Hinweis auf die Frankfurter Schule ist richtig (man muss es gar nicht mal so vertieft betreiben, bereits das Urwerk dieser Schule, "Dialektik der Aufklärung" kann man schön von rechts à rebours lesen), aber dennoch sollte einem schon von Beginn an der Lektüre bspw. von Werken von Marx klar sein, dass wir es hier nicht mit einer reinen Analyse des sog. "Kapitalismus" oder gar einer echten Kapitalismuskritik im Sinne einer Anregung zu Reformen oder Verbesserungen zu tun haben, sondern gerade beim Werk von Marx es mit einer pseudowissenschaftlich verfassten Offenbarungsschrift und es beim Marxismus, der sich am Geist der hegelschen Dialektik nährt, mit einer Weltanschauung zu tun haben, die meint, die Gesetzmäßigkeiten der Welt und seiner Wirtschaft erkannt und damit auch für die Zukunft PROGNOSTIZIERBAR gemacht zu haben.

Bei allem Verständnis dafür, dass sich punktuell Vieles von Marx für sehr zutreffend (und vor Allem auch aktuell!) einem darstellt, darf man nie vergessen, dass gerade die oben genannte Grundannahme einer Art von dialektischer Welterklärungsformel des Marxismus eben schlichtweg hanebüchen, unseriös und vor allem pseudoreligiös ist, auch wenn man gerade bei Marx sehr vieles und auch Interessantes gerade zur Ideologiekritik finden kann. Letztlich ist der Marxismus dann aber auch (nur) eine Ideologie.

Es gab in den 80er Jahre mal den New-Wave Song "She blinded me with science". Bei Marx gilt, Achtung, he "will blind you with pseudo-science".

PS: Da es gerade Mode ist, Marx wieder zu entdecken, ist es 100% richtig, wenn auch von rechter Seite dieses Feld beackert wird. Vor übermäßigen Ernteerwartungen möchte ich aber warnen.

ALD
23. Juli 2018 17:26

Gerechtigkeit gegenüber den Wahrhaftigen wird uns nun bescheren. Die Ketten wird er sprengen, die den Deutschen Geist umschlungen.
Die bösen Zungen und üblen Halunken, die nimmer mehr den Anstand wahren, stattdessen versprühen böse Funken, wird er nun das Fürchten lehren.

KEIN GEDANKE IST ILLEGAL!

Er ist DA!

AFD-MANN: https://www.youtube.com/watch?v=tougUCOpUqo

Maiordomus
23. Juli 2018 17:54

@Bosselmann. Mit dem Begriff "laizistisch" und dessen Verbindung mit der Marxschen Religionskritik, wo es in letzter Instanz grundsätzlich um das Denkverbot der Existenz des Schöpfers geht (vgl. Eric Voegelin: Wissenschaft, Politik und Gnosis) bringen Sie zwei Sachen zusammen, die nicht zusammengehören. Laizismus ist eine grundsätzliche Einstellung zum Verhältnis von Religionsgemeinschaften und Staat und hat mit Gottesglauben oder auch Gottesverlorenheit nichts zu tun.

Heutige Marxisten zumal Kulturmarxisten verwenden sich aber vielfach mit grösstem Nachdruck für die Erhaltung des bisherigen Systems der privilegierten Verbindung von Kirche und Staat, wohingegen schon im 19. Jahrhundert radikale Christen die "freie Kirche im freien Staat" gefordert haben. Auch unterscheidet man zumal in den USA ganz grundsätzlich zwischen Gottesglauben und öffentlichrechtlicher Anerkennung von Kirchen bzw. Kirchensteuer. Das letztere System abzulehnen ist laizistisch, nicht hingegen die Gottlosigkeit, welche als Haltung gemäss Rousseau und der Französischen Revolution den Menschen angeblich nicht zur Bildung einer bürgerlichen Gesellschaft fähig macht, weswegen denn schliesslich auch die Französische Nationalversammlung mit grosser verfassungsgebender Mehrheit die Existenz eines "Höheren Wesens" beschlossen hat.

Mir selber ist aufgefallen, dass man sich derzeit in Kirchenkreisen mit Infragestellung der Kirchensteuer aber eher unmöglich macht als mit Atheismus, welch letzter als Haltung sowieso von den wenigsten verstanden wird, die sich Atheisten nennen. Die meisten sind gemäss Nietzsche ("Der tolle Mensch") solche, die "herumstehen und nicht an Gott glauben", von Heidegger "Herumsteher" genannt, also solche, die keine Ahnung haben, was es heisst, Gott gestürzt bzw. "ermordet" zu haben. Im Allgemeinen wird nicht verstanden, was Nietzsche mit dem Satz "Gott ist tot" gemeint hat, womit dann, ebenfalls gemäss Nietzsche, von angeblichen Atheisten die Emanzipation in Form eines "unvollständigen Nihilismus" erst recht verfehlt wird. Noch weniger wird verstanden, was Meister Eckhart mit dem Satz "Got ist niht" gemeint hat. Wenn es indes schon in diesem Blog um einen guten Faden am Marxismus geht, empfehle ich, sich mit Ernst Blochs Auseinandersetzung mit der europäischen Mystik zu befassen, das ist ein ganz anderes Thema als die Laizismus-Debatte. Das eine Mal geht es um den Kern einer Weltanschauung, das andere Mal um das Verhältnis von Religionsgemeinschaften und Staat.

Die Kirchen neigen unterdessen dazu, zur Erhaltung ihrer eigenen jahrtausendealten Privilegien auch dem Islam einen öffentlichrechtlichen Status zuzubilligen, was aber schon rein rechtshistorisch auf eine Idiotie hinausläuft. Man muss also grundsätzlich die Laizismus-Debatte, welche eine Verfassungsdebatte ist, von Kants metaphysischen Fragen nach Gott, Freiheit, Unsterblichkeit, Seele usw. grundsätzlich trennen. Vgl. noch Schopenhauer, der im Vergleich zu Marx ohnehin nochmals eine ganz andere Liga darstellt, schon rein sprachlich: "Gott, wenn es dich gibt, rette meine Seele, so ich eine habe!" Dieses Problem kann mit der staatlichen Garantie der Kirchensteuer in der Tat nicht gelöst werden, auch nicht die Probleme, die in Solschenizyns grossartigem Roman "Krebsstation" debattiert werden. Oder im Film "Der Stalker" von Andrei Starkovski. Die Fragen des Stalkers stellen jenseits von "Laizismus" und "Kirchensystem" so etwas wie den tatsächlichen Ernstfall der Existenz dar. Damit hat sich auch der vor ziemlich genau 100 Jahren geborene grosse schwedische Filmemacher Ingmar Bergman befasst. In seinen Filmen "Wie in einem Spiegel" oder "Wilde Erdbeeren" geht es fürwahr nicht um Laizismus, was ist angesichts der wirklich letzten Dinge die Frage nach der Pensionsberechtigung kirchlicher Angestellter und dergleichen? Ja, solche Sorgen sollte man haben!

PS. Im Vergleich zu Karl Marx ist der Mathematiker und Philosoph Blaise Pascal auch noch eine ganz andere Liga! Die Jesuiten bekämpften seine Denkrichtung bis aufs Blut. Und wenn es schon um Religionskritik geht, bliebe Giordano Bruno ein Thema, geht eher tiefer als die Marxsche Religionskritik. Im Museo della tortura in San Gimignano bei Florenz wird eine eiserne Maske von der Sorte ausgestellt, welche verhinderte, dass Bruno bei seiner Verbrennung auf dem Campo fiori in Rom schreien konnte. Die wahren Schreie dürfen nicht öffentlich werden, das sollte man auch bei der heutigen anscheinend grenzenlosen Kommunikationsgesellschaft bedenken! Der Schrei nach Gott gehört zu den am konsequentesten unterdrückten Schreien der modernen westlichen Zivilisation, wobei "Allah Akbar" gerade nicht mit dem bei Nietzsche Gott suchenden Menschen zu verwechseln ist.

Maiordomus
23. Juli 2018 19:04

PS. Der wohl begabteste und bedeutendste sowjetrussische Filmregisseur nebst und nach Eisenstein hiess natürlich Andrei Tarkovski, nicht Starkovski. Seine späten Filme, ebenfalls Meisterwerke wie "Nostalghia" drehte er aber dann in Italien und generell in Westeuropa.

Lotta Vorbeck
23. Juli 2018 19:19

Seinerzeit in der Berufsschule unübersehbar plakatiert hatte man, ohne dessen Herkunft zu nennen, das Wladimir Iljitsch Uljanow zugeschriebene Zitat: "Die Lehre von Marx ist allmächtig, weil sie wahr ist."

Siehe: https://ost-shop.de/WebRoot/Store17/Shops/ea8cb98f-7fa8-4eb0-956f-54adf52437fe/5A9D/8419/86A3/B68F/C5B3/0A48/3549/349E/Magnet_Lehre_Marx_Portraet.jpg

Während der Schulzeit mit "Mohr und die Raben von London"

Siehe: https://images.booklooker.de/s/03438806_MjAxNzEwMTgyMQ==/Vilmos-und-Ilse-Korn+Mohr-und-die-Raben-von-London.jpg

als Pflichtlektüre gequält, hätte ich im Erwachsenenleben keinerlei Karl-Marx-Lektüre wieder angefaßt.

Von Benedikt Kaiser und Nils Wegner empfohlen, wird dieses Buch (nicht beim AMAZON-Monopolisten) geordert.

Solution
23. Juli 2018 19:49

Soll man nur lesen, was einen immer gleich in seinen Ansichten zu 100% bestärkt oder grundsätzlich alles, um immer wieder zu testen, ob die eigene Meinung fremder Kritik standzuhalten vermag?

Ich habe an einer Kommunisten-Uni 6 Semester "Politische Ökonomie" studiert und dabei aufmerksam das primitive Gezänk der roten Sekten über die Interpretation noch so kleiner Details verfolgt.

Marx habe ich nie etwas abgewinnen können. Egal wieviel er auch von anderen Denkern kompiliert hat, seine Thesen konnten mich nie überzeugen.

Heute zehre ich allerdings noch von meinem Studium und dessen folgender Weiterentwicklung, wenn ich mit Linken über den DiaMat oder HistoMat diskutiere, da dort kaum noch jemand tiefschürfende Kenntnisse hat.

Vielleicht ist Marx überschätzt worden, doch seine Wirkung war enorm. Sich mit ihm zu beschäftigen ist schwer und zeitraubend. Dennoch muß man den Gegner kennen.

Meiner Meinung nach ist es weder einem Oberlercher, noch einem Rabehl gelungen, marxistische Methoden und Inhalte "von rechts gedacht" schmackhaft zu machen.

Auf jeden Fall werde ich mir das Buch kaufen - alleine schon zum geistigen Training.

nom de guerre
23. Juli 2018 20:00

@ Gustav Grambauer
"Den weiteren Stich ins Wespennest, inwieweit Lenin und Stalin für den Roten Terror, die Moskauer Prozesse, die Gulags usw. eigentlich verantwortlich zu machen sind, wage ich hier nicht."
Das ist sehr schade. Gibt es denn für mich verständliche, d.h. nicht russischsprachige Quellen, die etwas anderes behaupten? Es würde mich interessieren.

@ Maiordomus
Da Sie in letzter Zeit so auf eine korrekte Rechtschreibung bedacht sind: Das pädosexuelle Scheusal hieß meines Wissens nach Gilles de Rais, nicht Gil.

Maiordomus
23. Juli 2018 21:57

@nom de guerre. Haben Sie gewusst, dass unlängst eines der wenigen, wenn nicht das einzige russische GULAG-Museum unter einem Vorwand geschlossen wurde? Das Buch von Georges Bataille über Gilles de Rais las ich vor ziemlich genau 30 Jahren, da konnte mir die verkürzte Schreibung des Vornamens wohl passieren. Entsetzlich, dass er zum engeren Umfeld der Jeanne d'Arc gehörte.

Fritz
23. Juli 2018 22:24

Den Gegner kennen? Auf Marx berufen sich heutige Linke kaum noch. Foucault oder Butler, evtl.auch Adorno sind wichtiger.

Gustav
23. Juli 2018 22:51

Fundstück:

Der preußische Regierungsagent Karl Marx

Es war seit jeher der verborgene Sinn des Werkes von Karl Marx, die Leute mit nutzlosen Studien dicker Schwarten von weiteren kritischen Gedanken und Aktivitäten abzuhalten. Daher wird Karl Marx von Mitgliedern der herrschenden Kreise als besonders großer und tiefer Denker gefeiert und sein Werk darf sogar an den Universitäten diskutiert und in den Massenmedien gerühmt werden. Es ist ja davon für die herrschenden Interessen nichts zu befürchten: Junge Menschen, denen das System aus guten Gründen suspekt ist, studieren hoffnungsvoll diese Schriften, um sie dann nach Monaten oder Jahren mit "Wertformanalyse" vergeudeter Zeit enttäuscht zur Seite zu legen und das Thema einer Überwindung der herrschenden Verhältnisse für den Rest ihres Lebens nicht mehr weiter zu verfolgen.

Nun gibt es aber auch Studenten, die sich in ihrer Jugend und bis zum ersten Kontakt mit Marxisten an der Universität lediglich mit Fußball oder Formel1 beschäftigt hatten und dem Marxismus ihr erstes politisches Erwachen und die Erkenntnis verdanken, dass es zum Beispiel Klassenkämpfe nicht nur in der Regional- bis Bundesliga gibt, sondern auch Klassen wie die Arbeiter und das Kapital und deren Kämpfe aus materialistischen Motiven. Es ist also verständlich, dass diese erstmals vom Marxismus politisierten Menschen für den Rest ihres Lebens Karl Marx und Friedrich Engels als revolutionäre Denker und Aufklärer in guter Erinnerung behalten wollen und jede Kritik abweisen.

Dass Marx und Engels keine gefährlichen Revolutionäre, sondern preußische Agenten waren, ist keine aufregende Entdeckung, sondern ein alter Hut und die Angehörigen der herrschenden Kreise haben das selbstverständlich schon immer gewusst. Wenn Sie es bis heute nicht wussten, erinnern Sie sich doch einfach, wie Sie in ihren Kinderjahren voller Vertrauen auf die Eltern und andere Erwachsene noch an den Weihnachtsmann und den Osterhasen geglaubt haben. Die großen Revolutionäre Karl Marx und Friedrich Engels sind der Weihnachtsmann und der Osterhase für rebellische Arbeiter und aufmüpfige Studenten. Die maßgeblichen Journalisten und Professoren würden sich hüten, die Namen von Marx und Engels zu kennen, anstatt sie ständig als geniale Kritiker des Kapitalismus ins Gespräch zu bringen, wenn sie über den Betrug nicht informiert wären.
https://www.wolfgang-waldner.com/der-marx-engels-schwindel/

Gustav Grambauer
24. Juli 2018 00:15

Maiordomus

"Ich glaube indes nicht, dass sich der Begriff *Bolschewik* noch retten lässt, weil die von Ihnen genannte falsche Interpretation längst in die Schulbücher des Geschichtsunterrichtes eingegangen ist ..."

Das würde ja heißen, daß auch der Begriff *Deutschland* nicht mehr zu retten wäre, weil die Schulbücher des BRiD-Geschichtsunterrichts nur noch von den zwölf Jahren dominiert sind.

Das wäre die Kapitulation sowohl vor Larry King als auch vor Guido Knopp.

Weiter schreiben Sie zu Stalin: "Wenn es eng wird, wird jeder Gauner religiös ..."

Sie wissen, ich bin nicht zimperlich. Es könnte noch so herauskommen, daß - im Gegenteil zur Annahme des von Ihnen angeführten Carl Schmitt - Lenin und Stalin als Katechone in die Annalen eingehen. Komme in meiner Antwort an nom de guerre darauf zurück.

Sie sagen weiterhin: "Und natürlich lohnt es sich auch, sich mit den politischen Vorstellungen des Heiligen Russland auseinanderzusetzen, aber ohne die Illusion, damit seien heutige politische Probleme zu lösen."

Aber genau mit denen werden (!) doch in Rußland heute tagtäglich die Probleme gelöst, nicht allein die Probleme Rußlands sondern sogar die Probleme auf planetarer Ebene. Denn auch Putin und Lawrow stehen genau in dieser Tradition. Jewgeni Fedorow hat es einmal so gesagt: Putin als Verbündeter des Volkes und Repräsentant des Staates gegen die Oligarchie (in der Trias Volk - Staat - Oligarchie).

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nom de guerre

Wenn Sie in Moskau eine Buchhandlung betreten, dann liegen dort gleich am Eingang zwei etwa gleichgroße - und sehr große - Stapel mit Titeln. Die einen versuchen, Lenin und Stalin alle Schuld für alles in die Schuhe zu schieben, die anderen, die beiden komplett von allem reinzuwaschen. (Ich überspitze selbstverständlich, aber die Polarisierung ist schon extrem.) Tertium datur. Ich würde folgende Aspekte sehen, die dabei in Betracht gezogen werden sollten:

1.) Was Lenin betrifft, so ist zunächst die Frage, wieviel vom Roten Terror überhaupt auf sein und wieviel auf das Konto dero Trotzki, Dzierzynski, Frenkel & Consorten geht. Ganze Bataillone von Historikern mit ihren "Stapeln" haben unumstößliche Beweise in der einen und in der anderen Richtung, ebenso in Bezug auf Stalin, so daß diese Frage für den Außenstehenden nur noch eine Glaubensfrage ist. Muß gestehen, daß ich selbst, nach der sonst meist äußerst sicheren und treffsicheren Methode der historischen Symptomatologie arbeitend, schon etliche Arbeitshypothesen wieder aufgeben und wieder bei Null anfangen mußte. Meine Skepsis ist inzwischen riesig.

2.) Dann sollte man sehen, daß Lenin, was immer er auch sonst verbrochen hat, der Garant der damaligen und auch jedweder (!) späteren Staatlichkeit Rußlands war und ist. Denn ohne Lenin wäre Rußland schon damals um ein vielfaches heftiger vergewaltigt worden als in den 1990er Jahren, aber ohne die Basis zur Renaissance wie ab 2001, die eben Lenin geschaffen hatte. Lenin hatte zum Entsetzen der damaligen Gönner à la Soros die Gelder, die Trotzki und Parvus in Manhattan beschafft hatten und die zur Niederschleißung Rußlands (via Finanzierung der Terrorbanden wie Tscheka usw.) bestimmt waren, in die Entwicklung Rußlands umgeleitet. Die Glühbirne hieß damals in Rußland Lampotschka Lenina, das Lenin-Lämpchen. Zu dieser Entwicklung gehörten auch z. B. die in der Lomonossow-Tradition stehende Akademie der Wissensschaften, nebenbei hat er gegen heftige Widerstände für den sorgfältigsten Erhalt der Zarenschlösser, Galerien, Orchster, Museen, Opern, Theater als Basis der Nationalkultur gesorgt u. v. a. m.

3.) Wiederum sollte man die Ambivalenz der forcierten Entwicklung Rußlands sehen. Der GOELRO-Plan ist das beste Beispiel, denn er ist der klarste Ausdruck der Ingebrauchnahme dämonischer Kräfte (Elektrizität, später Kernspaltung), einmal ganz abgesehen von den hunderttausenden Todesopfern dieses Plans. Wofür dieser Preis eigentlich bezahlt wurde, weit über Rußland hinaus, wird mir mehr und mehr klar. Ob und woher Lenin das Recht hatte, diese Kräfte in Anspruch zu nehmen und die Hunderttausenden in einem übergeordneten Interesse diesen Preis bezahlen zu lassen, das wage ich nicht zu beurteilen. Sage nur ganz leise 'Katechon'. Vergessen wir auch nicht die von Lenin gegründete und zwischenzeitlich nach Frunse benannte Militärakademie, ohne die allein es Rußland heute nicht mehr gäbe, geschweige denn eine russische Staatlichkeit. Was das Fehlen Rußlands im gesamten Weltgefüge bedeuten würde, kann sich jeder selbst ausmalen, gerade was das Überleben der weißen Rasse betrifft.

Da dies von den maßgeblichen Kreisen in Rußland verstanden wird, liegen Lenins Gebeine noch heute, und zwar immer noch genau als Signal an diese Soros-Typen, aber auch als Signal alle weiteren Feinde Rußlands, am Roten Platz - auch wenn er selbst sowie die Krupskaja verfügt hatten, daß er im Familiengrab auf dem Wonkowo-Friedhof in St. Peter bestattet werden sollte, und auch wenn wahrscheinlich Putin persönlich ihn lieber dort bestattet sehen würde als am Roten Platz aufgebahrt, allein daran sieht man die ganze Komplexität.

Hätte Ihnen bis vor kurzer Zeit noch Uschkujnik / Larikow: "Paradoxie der Geschichte" empfohlen, aber nehme davon wegen neuerer Einblicke, die ich selbst erst für mich sortieren muß, Abstand. Vielleicht trifft es Andrejew am besten, der in "Rosa Mira"

https://de.wikipedia.org/wiki/Rosa_Mira

Lenin und Stalin als "Dunkle Hirten" charakterisiert hat.

- G. G.

Andreas Walter
24. Juli 2018 00:29

"[The boy] was pampered and dressed in better clothes than he had ever known. The evening began with a large meal and heavy drinking, particularly hippocras, which acted as a stimulant. The boy was then taken to an upper room to which only Gilles and his immediate circle[!] were admitted. There he was confronted with the true nature of his situation. The shock thus produced on the boy was an initial source of pleasure for Gilles.[29]"

Danke, nom de guerre, dass Sie mich auch auf diesen Kreis aufmerksam gemacht haben. Viele Menschen unterschätzen die Bedeutung solcher Erscheinungen gerade auch in den Zirkeln der Macht, allerdings auch in der Kunst. Denn auch hier werden gerne Grenzen überschritten, die einen dann zu unglaublichen Höhenflügen inspirieren können, nebst seltsamen Gebaren.

Marx halte ich persönlich zwar (noch?) nicht für eine solche Figur, doch Freimauerer war er wohl, ebenso wie Stalin. Das aber auch Trotzki ein Monster war, wie auch Yagoda, Yezhof und Beria, oder der Befehl zur Exekution der Romanows von Lenin kam, scheint mittlerweile gesichert zu sein.

Kenne allerdings auch keinen Milliardär, der nicht auch als Philanthrop bezeichnet wird. Das Eine sagt darum noch nicht viel über das Andere und nur an reines Glück glaube ich nicht.

Darum aber hört und liesst man auch nichts über Telford. Ist durch das Medienspektakel um Novichok und dann die Fussballweltmeisterschaft erfolgreich verdrängt worden.

Maiordomus
24. Juli 2018 07:22

@Gustav. Guter Vergleich mit dem Weihnachtsmann und dem Osterhasen. Beide Figuren haben u.a. die Funktion, vom tatsächlichen mystischen Geschehen von Weihnachten und Ostern abzulenken und das Fest spiessbürgerkompatibel zu machen. Noch Eindruck machte mir Friedrich Engels als Denker der letzten Dinge: "Am Ende wird sein ein Brand und ein Schutt." Aber, so glaubt er , die "Materie" werde sich nach dem Weltuntergang "neu organisieren". Übrigens bekundeten Marx und Engels nur Spott und Hohn für die Bemühungen des grossen Humanisten und Lateiners, der in den Kirchenstaat ins Exil ging, weil man dort für Homosexualität nur in die Hölle kam, nicht ins Gefängnis: Karl Heinrich Ulrichs, der bedeutendste Pionier für die Befreiung in der Homosexuellen in Deutschland. . Für Ulrichs hege ich als einen Menschheitsbefreier von hohem und höchstem kulturellem und geistigem Niveau eine Bewunderung und Achtung, die ich der gegenwärtigen Gender- und Schwulenbewegung in fast keiner Weise mehr entgegenbringen kann.

Die modernen Ideologen als Sozialreligionen gründen auf Klassenhass, Rassenhass, Völkerhass, vielleicht auch Geschlechterhass usw. Damit können wir uns jederzeit auseinandersetzen, jenseits der Frage, welche feindseligen Postings im Internet als "Hass-Postings" gelten und welche nicht. Es macht natürlich in der öffentlichen Beurteilung einen Unterschied, ob ein primitiver Neonazi sich äussert oder ein Minister in der Art von Herrn M.

Für eine kritische Auseinandersetzung mit Marx und Engels wäre noch die Buchreihe aus dem Herderverlag von Gerd-Klaus Kaltenbrunner wertvoll, leider längst vergriffen, noch ein später Ausläufer des Kalten Krieges, wiewohl von Kaltenbrunner nicht nur in dieser Eigenschaft betreut. Höchst wertvoll der Band über die Marx-Engelssche Einstellung zum Terror: sie verabscheuten den kontraproduktiven anarchistischen individuellen Terror, hatten aber etwas übrig für Massenterror, so weit mit diesem wirkliche historische Tatsachen gesetzt würden. Vermutlich hätten sie mit Lenins Versuch, die Zarenfamilie auszurotten, vor genau 100 Jahren, als Beispiel für historisch vergleichsweise nachhaltigen Massenterror leben können. Auch Vorkommnisse in der Pariser Kommune gingen bei den beiden sozialistischen Klassikern noch als Massenterror durch und wurden entsprechend nicht verurteilt, vgl. noch Napoleon: "Für die Kollektivverbrechen ist niemand haftbar.". Massenmorde sind im Sinn der marxistischen Weltanschauung also nicht ausgeschlossen, Insofern fragt es sich doch, ob Pol Pot hätte als Marxist durchgehen können. Im Zusammenhang mit der Holocaust-Ideologie bleibt für die modernen "Sozialreligionen" (Voegelin) zumal von Bedeutung, welche Personen man problemlos massenhaft ausrotten könne, je nachdem Juden, Klassenfeinde, Embryonen (letztere gelten juristisch nicht als Personen), Weisse, Deutsche, welche Flüchtlinge bzw. Volksgruppen usw. Es kommt offensichtlich auf die Qualität der Opfer und die Rechtfertigung der Täter an. Dass man in diesem Sinn den Juden-Holocaust als einzigartig hinstellt, hat möglicherweise auch die Funktion, andere durchaus noch vergleichbare Menschheitsverbrechen als vergleichsweise historisch legitim durchgehen zu lassen. Dabei ist es nicht falsch, dass sich Russland nicht analog zu Auschwitz einen GULAG-Komplex einreden lässt, mit welchem das Land zu einer "Täternation" gemacht würde So etwas müssen die Russen sich nun wirklich nicht einreden lassen. Dass allerdings jetzt ein GULAG-Museum geschlossen wurde, steht für das andere Extrem der Auschwitz-Ideologie und kann wohl von keinem Leser Solschenizyns gutgeheissen werde. So verlogen zum Beispiel noch vor 20 bis 30 Jahren, als ich jenes Lager regelmässig mit Schülern besuchte, das ehemalige Lager Natzwiller-Struthof im Elsass präsentiert wurde, so wäre ich doch dagegen gewesen, eine solche Stätte des Schreckens zu schliessen. Es ginge bloss um mehr Ehrlichkeit bei der Präsentation, mit französischen Helden und deutschen Verbrechern; noch lehrreich war für mich 1986 der Besuch des ehemaligen Lagers in Vaihingen Enz, wo es nie gelungen war, die Ehemaligen zu einem Gedenktreffen zusammenzubringen, weil in jenem Lager eine Art Selbstverwaltung mit Terrorisierung der Häftlinge untereinander herrschte, natürlich speziell teuflisch. Auschwitz habe ich bisher nie besucht; es bleibt interessant, das bereits die polnische Sicht des Lagers als unzulässig gilt. Der kritisch denkende und auch dem Zynismus gelegentlich zugeneigte Henrik M. Broder bezeichnete die Cafeteria von Auschwitz noch als besuchenswert. Ein weites Feld. Selbst wenn nicht die Auschwitzlüge das wahre Problem darstellt, sondern die Wahrheit über Auschwitz, wird es sich dabei im Sinn der Marxschen Theorie wohl um Massenterror gehandelt haben, einen historisch durchaus echten Versuch, mit Massenmord historische Tatsachen zu setzen. Leider ist das nicht so besonders einmalig, wiewohl für alle historischen Ereignisse gilt: Wirklich ist der Einzelfall. Der Glaube an Zahlen lenkt von den fürchterlichen Einzelschicksalen ab und hat zumal eine massenpsychologische Wirkung. Wenn zum Beispiel die auch schon mal auf unzählige Millionen geschätzte Zahl der Opfer der Hexenprozesse herabgesetzt werden musste, ändert dies bekanntlich grundsätzlich und moralisch nicht viel am auch juristisch katastrophalen Geschehen, wiewohl Opferzahlen selbstverständlich historisch nicht belanglos sind. Ich weigere mich indes, die 100 Millionen Opfer des Kommunismus zu meinem Glaubensbekenntnis zu machen. Mich interessiert als Historiker nur der jeweils sauber recherchierte Einzelfall. Von Simone Weil, der Karmeliterin, welche tiefsinnige philosophische Aufsätze schrieb, weiss ich, dass sie in Auschwitz umgekommen ist, nicht jedoch, ob sie vergast worden sei.

Der_Juergen
24. Juli 2018 08:14

Ich werde das Buch nach meiner Heimkehr von einem Auslandurlaub sicher bestellen.

Marx' Grundthese, dass die Geschichte eine Geschichte von Klassenkämpfen sei, ist augenscheinlich falsch. Der Spartakusaufstand, der Deutsche Bauernkrieg u. a. waren Klassenkämpfe oder Klassenkriege, aber sie waren und sind in der Geschichte die Ausnahme und nicht die Regel. Dies mussten z. B. die Sowjets zu ihren Ungunsten erfahren, als sie sich vor dem 2. Weltkrieg in der Illusion wiegten, im Kriegsfall werde der deutsche Arbeiter gleich die Fronten wechseln und ins Lager der proletarischen Macht übergehen...

Marx übersah, oder unterschätzte zumindest, die Rolle der Persönlichkeit und den ethnischen Faktor. Sein schematisches Geschichtsbild war schon zu seiner Zeit als fragwürdig und ist heute eindeutig als falsch zu erkennen.

Dies ändert aber nichts daran, dass seine Schriften wie die von Engels auch viel Richtiges enthalten. Die Aufregung mancher Rechter über das angekündigte Buch finde ich deshalb kindisch. Dass es einen Index von Büchern geben soll, die man als Rechter nicht lesen "darf", ist wohl die Krone der geistigen Beschränktheit. Wer seiner Weltanschauung sicher ist, braucht sich vor der Konfrontation mit anderen Weltbildern nicht zu fürchten und wird sich auch nicht scheuen, als richtig erkannte Elemente aus diesen zu übernehmen.

Maiordomus
24. Juli 2018 08:49

PS. Der Ausdruck "das tatsächliche mystische Geschehen um Weihnachten und Ostern" ist natürlich, @Gustav, missverständlich. Nicht jedermann hat ein metaphysisches und mystisches Wirklichkeitsverständnis. Es geht, wenn schon, um Sinn und Bedeutung dieser Feste, so wie auch in historischen Angelegenheiten der Satz aus Tarkovskis Film "Der Stalker" gilt: Wer keine Erinnerung hat, hat kein Leben.

Maiordomus
24. Juli 2018 09:25

@Grambauer. Den Vergleich des Verständnisses von Bolsheviki, was immerhin zu einer Parteibezeichnung wurde, mit Deutschland, dessen Geschichte indes von niemandem, der sich als Historiker bezeichnet, im Ernst auf die 12 Jahre reduziert wird, hinkt stark. So wie man den guten Namen von "Bolsheviki" im Hinblick auf die noch ehrenwerte ursprüngliche Bedeutung praktisch im Sprachgebrauch nicht retten kann, kann man das semiotisch und historisch höchst ehrwürdige Zeichen des Hakenkreuzes, noch um die Jahrhundertwende in frühen Publikationen von Stefan George als Buchschmuck zu finden, heute nun mal definitiv nicht mehr als Gebrauchszeichen retten, auch wenn ich es lächerlich finde, wie zum Beispiel bei Catawiki-Versteigerungen von Militaria auf Internetkatalogen die Hakenkreuze ähnlich wie bei der BILD-Zeitung weibliche oder männliche Geschlechtsorgane überpinxelt werden. Im übrigen bin ich weit davon entfernt, Putins Verhältnis zur Religion anders zu deuten, als es im Lehrbuch der Politik von Machiavelli für den Fürsten empfohlen wird. Er nimmt die Religion, im Gegensatz zu den Bolschewiken, wieder ernst, lässt sich aber durch religiöse Maximen nicht von seiner Auffassung, was politisch notwendig sei, gross beeinflussen. Wichtig ist bei der orthodoxen Tradition der Identitäts- und Stabilitätsfaktor, nicht zu unterschätzen der bei Carl Schmitt ebenfalls lehrbuchmässig erfasste Zusammenhang von Religion und politischer Ästhetik.

Maiordomus
24. Juli 2018 10:15

@Grambauer. Was "Katechone" sind, die Verhinderer des Antichrist gemäss Thessalonicherbrief, werden Sie wohl auch bei den durchschnittlichen Lesern von Sezession nicht voraussetzen können. Ich finde es verhängnisvoll, "Katechonen" namentlich zu identifizieren, das gehörte irgendwie zur Rechtfertigung der Operation Barbarossa. Brutale Typen, welche die Welt vor noch brutaleren Typen retten sollen, mit ein Grund, warum Stalin derzeit in Russland wieder eine gewisse Konjunktur hat, so wie Sie dazu neigen, Lenin eine politologisch notwendige Rolle für die russische Geschichte zuzubilligen. Der Begriff des Katechonen kann, wie Sie wissen, praktisch nur bei Carl-Schmitt-Insidern vorausgesetzt werden.

Nils Wegner
24. Juli 2018 15:31

»Der Begriff des Katechonen kann, wie Sie wissen, praktisch nur bei Carl-Schmitt-Insidern vorausgesetzt werden.«

Sprach's – mindestens im Hinblick auf die hiesige Durchschnittsleserschaft übrigens fälschlich – und fuhr fort, aus seinem Zettelkasten vorzutragen. Nun, jeder nach seiner Façon; es wird schon das ihm gemäße Publikum finden, ebenso wie das hier ursprünglich thematisierte Buch.

Maiordomus
24. Juli 2018 16:38

@Wegner. Wir können uns nur grundsätzlich über das nicht mal ganz neue Thema "Marx von rechts" auslassen, da, im Gegensatz etwa zu Egyptiens George-Buch, noch nicht direkt auf den Buchtext eingegangen werden kann. Den Appell von _derjürgen, das Buch anzuschaffen, kann man nur unterstreichen, derzeit ist aber über dieses Buch eine Ihnen besser entsprechende Debatte noch nicht möglich, da nicht erschienen. Ich schreibe und argumentiere übrigens stets auswendig, ohne Zettelkasten, selbst auch bei längeren Aufsätzen und Referaten, die ich meist ohne Manuskript halte. Die Politische Theologie von Schmitt, 1972 Gegenstand eines philosophischen Seminars in Zürich, wird man innerhalb und ausserhalb von Sezession wohl nicht bei vielen Lesern voraussetzen dürfen.

Nils Wegner
24. Juli 2018 17:10

@ "Maiordomus": Und wenn Sie sich noch so sehr abstrampeln, um Ihre persönlichen Favoriten wie Josef Pieper (nur aus meiner Erinnerung) oder wen sonst nicht alles hier zu plazieren und das Reden über andere (in der Regel weit weniger vergessene) historische Gestalten mit dem Herbeiphantasieren von deren relativer Unbekanntheit abzutun:

Wer länger als zehn Wochen die Sezession in physischer oder digitaler Form konsumiert, kommt nicht an Schmitt vorbei – das werden Sie auch mit noch so viel Budenzauber nicht widerlegen können. Um zukünftige Fehlgriffe dieser Art zu vermeiden, kann ich nur wärmstens empfehlen, daß Sie auch ihre eigenen schriftlichen Koreferate der gleichen intensiven Prüfung unterziehen wie die ihrer Mitkommentatoren (vor allem einer orthographischen, könnte ich hinzufügen, wenn ich gemein wäre; aber da ich das nicht bin, tue ich es nicht).

Hier kann man durchaus von einer anderen digitalen Gesprächskultur ausgehen als bei PI und kath.net; das bedeutet aber auch, daß Beiträge nicht aus dem immergleichen Baukasten zusammengestückelt werden sollten.

nom de guerre
24. Juli 2018 17:21

@ Gustav Grambauer
Vielen Dank für die ausführliche Antwort! Die Kontroverse, ob nun Lenin oder Stalin vereinfacht gesagt "der Schlimmere" war bzw. für bestimmte Untaten bspw. Trotzki verantwortlich zu machen sei, ist mir zumindest oberflächlich geläufig, allerdings kannte ich die in Ihrem Kommentar weiter oben angedeutete These, beide hätten mit Terror, GULAG usw. wirklich gar nichts zu tun,

nom de guerre
24. Juli 2018 17:40

@ Redaktion:
Sorry, hatte den Kommentar versehentlich abgeschickt, bevor er fertig war. Jetzt noch einmal der ganze Text.

@ Gustav Grambauer
Danke für die ausführliche Antwort! Die Kontroverse, ob nun Lenin oder Stalin vereinfacht ausgedrückt "der Schlimmere" war bzw. für bestimmte Untaten bspw. Trotzki verantwortlich zu machen sei, ist mir zumindest oberflächlich geläufig, allerdings kannte ich die in Ihrem Kommentar weiter oben angedeutete These, wonach beide wirklich gar nichts mit Terror, GULAG usw. zu tun hatten, nicht. Ihrem Lesehinweis werde ich gerne nachgehen.

@ Maiordomus
Das Buch von Bataille habe ich nicht gelesen, mich aber vor einiger Zeit (mehr zufällig anhand eines rechtshistorischen Aufsatzes, über den ich gestolpert war) etwas mit den Thema beschäftigt. Soweit ich mich erinnere, gibt es die Behauptung, die Vorwürfe gegen Gilles de Rais seien nur erfunden/die Taten ihm untergeschoben worden, da interessierte Kreise ihm schaden wollten. Ob das so ist, wird man heute nicht mehr herausfinden können, jedoch würde es die Verbindung zu Jeanne d'Arc weniger merkwürdig erscheinen lassen. Noch etwas: Ich glaube, Sie waren es, der kürzlich das Werk von Volker Mohr gelobt hat. Den Autor kannte ich bis dahin nicht, habe aber inzwischen Die letzte Fahrt gelesen - ein wirklich gutes Buch, das neugierig auf mehr macht. Danke dafür!

@ Andreas Walter
"Denn auch hier werden gerne Grenzen überschritten, die einen dann zu unglaublichen Höhenflügen inspirieren können, nebst seltsamen Gebaren."
Das sind dann allerdings Höhenflüge, auf die die Welt gut verzichten kann...
Nebenbei: Ich glaube nicht, dass es keinen Milliardär gibt, der nicht auch als Philanthrop bezeichnet wird. Von denen redet nur niemand - es sei denn, sie heißen Dagobert Duck.

Monika
24. Juli 2018 18:12

@ Maiordomus
kleine Schulmeisterei
Sie meinen Edith Stein, die in Auschwitz umgekommen ist. Nicht Simone Weil.

Waldgaenger aus Schwaben
24. Juli 2018 20:29

Marx ist Murks.

Es mag meinem begrenzten Denken als Informatiker geschuldet sein. Aber eine Theorie, deren praktische Anwendung so oft versagte, wie alle von Marx inspirierten Wirtschaftssysteme, ist einfach Müll.

Einen Ingenieur, der ein mit Menschen besetztes Flugzeug mit fast leerem Tank starten liesse, weil er meint "Freie Energie" entdeckt zu haben, würde zu Recht einsperrt.

Gesellschaftsingenieure dürfen wieder und wieder die Marx'sche Theorien ausprobieren. Zuletzt in Venezuela. Das Land verfügt über die weltweit größten Erdölvorräte, und die Menschen hungern.
https://www.zdf.de/nachrichten/heute/militaer-kontrolliert-supermaerkte-in-venezuela-100.html

Dazu hatte das Land einst eine produktive Landwirtschaft, die mittlerweile so gut wie still steht.

Das kriegen nicht mal die Islam-Fundamentalisten mit dem Koran als Theoriebasis im Wüstenstaat Saudi-Arabien hin. Um eine Volkswirtschaft so an Wand zu fahren braucht man schon Marxismus.

Aber lesen kann man Marx schon, klar. Von rechts oder von links. Allein schon um zu verstehen, wieso die Menschheit wieder und wieder auf diesen Quatsch reinfällt. Ich verstehe es nicht.

Hartwig aus LG8
24. Juli 2018 20:31

Das Marx-Jubiläum ging auch an mir nicht ganz vorüber, und so las ich empfohlene Sekundärliteratur; speziell: Mitte des vorigen Jahrhunderts verfasste Aufsätze von Franz Borkenau. In der Quintessenz deckt es sich in etwa mit dem, was @RMH andeutet; bis hin zur These der Stiftung einer Art Erlösungsreligion, genannt Marxismus.
Ansonsten eine sehr anregende Debatte zum neuen Buch. (immer wieder erfreut, Beiträge von @Bosselmann und natürlich @Grambauer zu lesen.)
OT: DER (Psycho-)Roman über Gilles de Rais stammt aus der Feder von Joris-Karl Huysmans "La bas", zu deutsch bei Diogenes "Tief unten".

Der_Juergen
24. Juli 2018 22:10

@Maiordomus @Nils Wegner

Die Gestalt des von Paulus in seinem Brief an die Thessalonicher erwähnten "Kathechon", des "Aufhalters" (des Antichristen), spielt in der katholischen Theologie keine grosse Rolle; dies dürfte der Grund dafür sein, dass er im Westen auch unter Gebildeten oft unbekannt ist (sofern sie Carl Schmitts "Der Nomos der Erde" nicht gelesen haben). In der orthodoxen Theologie ist der Katechon hingegen von zentraler Bedeutung. Nach orthodoxer Lehre ist die Aufgabe, das Kommen des Antichristen zu verzögern, die historische Mission Russlands.

Mit diesem Thema setzt sich u. a. Alexander Dugin in seinem Buch "Putin gegen Putin" auseinander, das gegenwärtig ins Deutsche übersetzt wird.

Da das Kommen des Antichrist die unabdingbare Voraussetzung für die Wiederkunft Christi darstellt, läuft die Verzögerung des ersten logischerweise auch auf die Verzögerung des zweiten hinaus. Manche Theologen stellen daher die Frage, ob es überhaupt statthaft sei, die Ankunft des Antichristen aufzuhalten. "Dein Reich komme" heisst dann nämlich im Klartext "Dein Reich komme zwar, aber möglichst nicht so bald."

Halenberg
24. Juli 2018 23:28

Wegner - Georg Diez.

Schmiss.
Energie.
Unbeugsamkeit.
Brille (evtl., man kann es nicht so gut erkennen).

Ist nur mir die Aehnlickeit aufgefallen?

Halenberg
24. Juli 2018 23:29

;-)

Maiordomus
25. Juli 2018 09:09

@Monika. Wie ich oben oder in einem benachbarten Blog ausgeführt habe, lagere ich hier keine Zettelkästen ab, sondern schreibe frischfroh aus dem Gedächtnis, auch dem Gedächtnis des Gelesenen, das mich angelegentlich lebenslänglich verfolgt. Weil ich nun aber die zur Zeit des 2. Weltkrieges verstorbene grosse jüdisch-katholische Philosophin Simone Weil "Aufmerksamkeit für das Alltägliche" und die ihr sehr geistesverwandte Karmeliterin Edith Stein im gleichen Fächlein des Hinterkopfes aufbewahre, ist mir diese peinliche Verwechslung der beiden Frühvollendeten passiert. Wirklich, @Monika, Sie wären meine beste kritische Lektorin, und es bleibt dabei, dass ich mich ohne Ihre jeweils anregenden Beiträge kaum den Blog-Debatten von "Sezession" beteiligt hätte. In diesem Sinn ein herzliches Vergeltsgott für die Korrektur!

RMH
25. Juli 2018 12:36

@Der_Juergen,

Ihr Beitrag zum Verständnis des Katechons in der Ostkirche ist hoch interessant. Die West-Kirchen scheinen sich ja eher als Katalysatoren und damit Reaktions- wenn nicht gar Brandbeschleuniger zu sehen. Die Westkirchen (ich verwende das jetzt einmal so pauschal, wohlwissend, dass es da auch Unterschiede gibt und nicht alle so drauf sind) meinen, sie könnten mit ihrer Bejahung des Verfalls durch Multi-Kulti, Sozialismus etc., die Wiederkehr Christi beschleunigen (aus christlicher Sicht ist das ein wahrhaft satanisches Unterfangen).

Diese christlichen Sichtweisen haben aus meiner Sicht durchaus große Parallelen bzw. Bezug zum Marxismus bzw. chronologisch betrachtet, hat der Marxismus diese Bezüge. Auch hier gibt es Strömungen, die eine Verelendung eher begrüßen, da damit die Revolution befördert werden würde (ähnlichen Quatsch gibt es leider auch bei den Rechten - meist unter der missverstandenen Verwendung des Nietzsches Zitats, "Was fällt, dass soll man auch noch stoßen") und welche, die ganz andere Vorstellungen von der Gestaltung des Sozialismus und der Herrschaft des Proletariats hatten. Ich selber habe bislang Marx auch eher so interpretiert, dass er persönlich gar nicht der große "Revolutionär" war sondern eher meinte, die Revolution ist ein Ergebnis des Kapitalismus.

Entsprechend von den Marxisten schief beäugt wird aus diesen Gründen ja auch die Sozialdemokratie und andere Formen der Arbeiterbewegung (wie bspw. die christliche). Diese verhindern ja gerade mit ihren Verbesserungen der Lebensverhältnisse der Werktätigen die Revolution und sind damit - aus der Sicht der Marxisten - Helfer des Kapitals, Konterrevolutionäre.

Maiordomus
25. Juli 2018 13:38

@Nils Wegner. Dass man sich auf orthographische Schludrigkeiten stärker konzentrieren sollte und diese oder jene Nachlässigkeit mir bei allzu frühem Abschicken dieser oder jener Antwort auf dies oder jenes schon mehr als einmal peinlich war, zu schweigen von der kürzlichen Verwechslung von Simone Weil mit Edith Stein, lässt in mir die Anerkennung aufkeimen, dass Ihre Verlagsprodukte wohl nicht zuletzt dank Ihrer sorgfältigen Bemühungen sich durch ein vergleichsweise hohes formales Niveau auszeichnen. Sie sind mir schon beim Lesen der Nachtgespräche von "Tristesse droite" aufgefallen.

Sie täuschen sich indes mit der Unterstellung, ich würde hier immer nur dieselben Lieblingsladenhüter auspacken. Zu schweigen davon, dass ich nun mal 15 Jahre, bevor Sie das Licht der Welt erblickten, schon um die 15 Bände Carl Schmitt gelesen hatte und dass wir uns in den Seminarien von Hermann Lübbe (ebenfalls einem meiner Ladenhüter) damit befasst haben, dass die sogenannte Kompromittierung von Carl Schmitt im 3. Reich und dessen Ruf an den herkömmlichen Hochschulen um 1968 nichts daran ändern würde, dass CS vieles richtig gesehen hat und zumal, das passt zu "Marx von rechts", dass er viele vermeintliche Errungenschaften der modernen Linken längst vorweggenommen hatte, zu schweigen davon, dass er auch mit Mao erstaunlich viel anzufangen wusste. Das Resultat unserer seminaristischen Bemühungen von damals, als es den Nils Wegner noch nicht gab, kann man zum Beispiel im Aufsatz von Lübbe "Dezisionismus, eine kompromittierte politische Theorie?" im Reclam-Sammelband "Praxis der Philosophie" nachlesen. Das Studium der politischen Philosophie bestand für mich vor rund 50 Jahren zu nicht kleinen Teilen aus der Entdeckung bzw. generell der Wiederentdeckung von Carl Schmitt. Diese Bemühungen wurden meinem Lehrer Lübbe natürlich nachhaltig übel genommen.

Ich habe nun aber weiter oben nicht etwa den nach wie vor schätzenswerten Josef Pieper (der sich in den Dreissigerjahren gründlich mit Ernst Jünger auseinandersetzte) ausgepackt, sondern wieder mal auf Helmut Schoeck verwiesen, einen der wohl bedeutendsten deutschen Soziologen der letzten 60 Jahre, dessen Hauptwerk vor nunmehr 53 Jahren erschienen ist, ich las es gleich beim Erscheinen und seither mehrmals, verwendete es auch für den Unterricht in Philosophie und Ethik. Ferner verwies ich auf den Arzt und Psychologen Joachim Bodamer, den ich in der Tat damals schon als ganz andere Nummer einschätzte als die bei Rechtskonservativen gern zitierte "Psychagogin" Christa Meves, die ich vor 35 Jahren gegen Nazi-Vorwürfe publizistisch in Schutz nehmen musste. Nicht zuletzt aber verwies ich, was zwar eher ein immer wiederkehrender "Ladenhüter" sein mag, auf Oswalt von Nell-Breuning, bei dem unsere Mitdenkerin @Monika noch studiert hat und den grundgescheiten, noch aktiven katholischen Professor Martin Rhonheimer, der sich u.a. methodisch meisterhaft über die praktische Vernunft bei Thomas von Aquin ausgelassen hat. Es schien mir doch stets wichtig zu sein, bei den Katholen nicht in Vergessenheit geraten zu lassen, dass es bei denen trotz Zeitgeistwechseln nicht bloss Linke gibt und das Niveau der deutschen Bischöfe von heute nicht zum Standard erhoben werden sollte. Der bedeutsamste deutsche Bischof der Neuzeit war für mich ohnehin der Regensburger Bischof Johann Michael Sailer, ohne den man die Geistesgeschichte des deutschen Konservativismus wohl nicht verstehen kann. Die 43 Bände seiner Werke, von denen viele zum Beispiel für Görres und Clemens Brentano wichtig wurden, sind von einem Propst Widmer in Beromünster herausgegeben worden.

Lieber Herr Wegner! Ich hoffe gerne, dass Sie als Autor, Publizist und vor allem Lektor noch einen guten Weg gehen. In Sachen lektorialer Brillanz scheint mir der von mir gern zitierte Gerd-Klaus Kaltenbrunner für Sie ein mögliches empfehlenswertes Vorbild zu sein. Meinen Verweis auf die Herder-Buchreihe "Initiative" etwas weiter oben halte ich meinerseits nicht für einen Luxus. Eine vergleichbare Buchreihe hat bis dato in Deutschland kein rechter Verlag geschafft. Für diese Aussage lasse ich mich behaften!

Maiordomus
25. Juli 2018 14:24

@RMH. Was Sie zum Thema des Katechons ausführen, passt insofern zur Debatte über "Marx von rechts", als zum Beispiel der linkskatholische österreichische Philosoph und Schriftsteller Friedrich Heer, den ich 1972 in Freiburg in Breisgau kennenlernen durfte, Marx damals als "eschatologischen Humanisten" vorgestellt hat und ihn entsprechend so sehen wollte. Diesen Strang hat dann aber zumal Ernst Bloch weitergeführt. Auf Koreferate zu solchen Themen möchte ich auf entsprechende Mahnung künftig doch lieber verzichten. Fontane würde sagen: *Das ist ein zu weites Feld." Die ganze Debatte über solche Fragen ist aber meines Erachtens weniger abschweifend als es die Rennleitung vermutet.

0002
25. Juli 2018 17:34

Hatte Maiordomus nicht irgendwann mal erwähnt, daß er einen Spaten auf dem Kopf bekommen hätte ?

Gustav Grambauer
25. Juli 2018 22:38

Nur kurz, da unterwegs und pfiffigwischfernsprecher-muffel: maiordomus, die seit atlantischen epochen bestehende swastika wird IHN überleben, gauland hat's. neulich treffend gesagt ("vogelsch..."). Sie wissen vielleicht nicht um den bolschewistischen identitäts- und stabilitätsfaktor und im nexus nichts vom deren ästhetik. Schauen sie sich mal auf youtube / kanal fonds konzeptuelle technologien das interview "verunglimpfung der siegesparade" über den von den bolschewiki geprägten egregor der russischen streitkräfte an. (Auch) pjakin ist tief religiös und mir war bis vor kurzer zeit auch nicht ansatzweise vorstellbar, wie man das als bekennender bolschewik überhaupt sein kann. Nom de guerre, dass beide gar nichts mit terror, gulag usw. "zu tun gehabt hätten", hätte ich niemals gesagt, beachten sie bitte meine ausführungen zu den hunderttausenden todesopfern des goelro-plans. Bin für näheres heute abend sozusagen technologisch nicht satisfaktionsfähig. - g. g. Von meinem zwölf jahre alten iphone gesendet hihihi

Gustav Grambauer
25. Juli 2018 23:58

Nom de guerre, so viel an erwiderung bin ich ihnen heute noch schuldig: bleiben wir beim goelro als beispiel, da er sich auch hier zur Veranschaulichung eignet. Im besten fall gehen dessen opfer nicht unmittelbar auf die konti lenins und stalins, aber die haben sie billigend in kauf genommen. Es war insbesondere lenins plan, daran gibt es nichts zu rütteln, und er dürfte auch informiert gewesen sein. - g. g.

Maiordomus
26. Juli 2018 02:58

@Empfehle in Sachen Lenin, was etwa seinen Wortschatz und das Verhalten gegenüber "Ungeziefer" betrifft, den ersten Band von "Archipel GULAG" von Solschenizyn nachzulesen, auch "Lenin in Zürich" vom selben Autor. Die belastenden Stellen über Lenin trugen massgeblichst zur Ausschaffung und Ausbürgerung des Autors bei, der schon 1973 im Westen als "äusserst rechts" positionierter panslawischer russischer Nationalist verunglimpft wurde. Zwischen dem Wortschatz Himmlers und demjenigen von Lenin gibt es massiv viele Übereinstimmungen. Zu seinen Lieblingsausdrücken, auch im Zusammenhang mit den Direktiven an Stalin, von dem er zwar zuletzt angelegentlich warnte, gehörten auch "Liquidieren" und vor allem "Erschiessen", galt im Zusammenhang mit dem Satz "Kommunismus ist Sozialismus plus Elektrifizierung des ganzen Landes" auch für pfuschende Elektro-Ingenieure im Zusammenhang mit dem VI. allrussischen elektrotechnischen Kongress, diese Sachen habe ich seinerzeit sogar in der in DDR erschienenen Lenin-Gesamtausgabe so nachgelesen. Noch beeindruckt war ich indes von der Lektüre Lenins von Vorsokratikern, etwa Heraklit, in den Bibliotheken Berns und Zürichs. Seine Bildungsbeflissenheit war enorm. Irgendwo schrieb er auch, es gelte nicht nur das Gesamte, sondern "auch die Details besser zu kennen als der Feind".

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