Sezession
20. August 2018

Der Geist des Lagers (II)

Martin Sellner / 50 Kommentare

Die letzte Woche verbrachte ich in Frankreich im Leitungskader der diesjährigen Sommeruniversität. Das diesjährige Motto:

Martin Sellner

Martin Sellner ist Kopf der österreichischen Identitären Bewegung.

die griechischen Antike, die als Leitthema mehr als 200 Jugendliche in einem ehemaligen Schulgelände in der französischen Provinz sammelte. Aktivisten aus zahlreichen europäischen Ländern – Deutschland, Frankreich, England, Schottland, Irland, Österreich, Italien, Griechenland, Tschechien, Ungarn, Flandern und Dänemark – unterzogen sich körperlich intensivem Training und öffneten sich geistig jener Kultur, die unserem Kontinent ihrem Namen gab.

Die Aktivisten teilten sich in Gruppen, die jeweils den Namen eines Philosophen, Kriegers oder Gottes trugen. Die Wahl von „Athena“, „Aristoteles“, „Hektor“ oder „Leonidas“ mußte beim abendlichen gemeinsamen Lagerfeuer ausführlich begründet werden.

Ebenso war es Aufgabe jeder Gruppe, inspiriert durch einen Vortrag über politisches „Campaigning“ eine lokale oder nationale Kampagne auszuarbeiten und zu präsentieren. Die Tage waren gespickt mit Sport, Aktionstraining, Vorträgen und Gruppenarbeit. Dazwischen sorgte deftige französische Küche (ich aß bis auf die Andouillets alles) für das leibliche Wohl.

Am Lager herrschte sonst generell Alkohol- und Smartphone- und Junkfoodverbot. Das führte in der knapp bemessenen Freizeit zu guten Gesprächen. Die Jugendlichen tauschten Erfahrungen und Ideen aus oder zeigten von bretonischen Volkstänzen bis zum Twist, was sie konnten (oder in Einzelfällen, mich eingeschlossen, gerne könnten).

In den Vorträgen gingen wir tief und differenziert auf das Griechentum und seine Botschaft an uns ein. Die Geschichte der Perserkriege, die Jahrtausende zuvor, ebenfalls in den ersten Augustwochen entschieden wurden, wurde im Detail nachgearbeitet.

Es ging insgesamt um die Entstehung der griechischen Identität, in ihrer Konfrontation mit dem total Fremden und in der Folge die radikale Unterscheidung zwischen „Europa" und „Asien“. Die basal sprachliche Unterscheidung vom „Barbaren“ wurde durch kulturelle Kritik der Perser verfeinert. Zum grundlegenden Unterscheidungsmerkmal wurde die „Hybris“, der Hang zum kulturellen und politischen Exzess, den die Griechen ihren Gegner vorwarfen. Das Maßhalten im Ausüben der eigenen Freiheiten wurde den Aktivisten als demokratisches und europäisches Kernideal vor Augen gehalten.

Wir sprachen über die Bedeutung der Polis in ihrer verschiedene Kulturen, Philosophien und Staatsformen übersteigenden, ethnokulturellen Dimension. Die „Isegoria“, die freie und gleiche Rede als Synonym für Demokratie, wurde als politisches Äquivalent der Phalanx identifiziert. Das gegenseitige Vertrauen freier Männer siegte in der Phalanx, dieser „Polis in Waffen“, gegen die multikulturellen, von Zwang und Terror zusammengehaltenen Perserheere.

Der Verrat der Tyrannen an der freien Rede und der Freiheit der Polis gleichermaßen wurde uns im Fall des Psisistratus vor Augen geführt, als er die Athener zum letzten Mal auf der Agora versammelte, um sie danach für immer ins Privatleben zu schicken.

Das Politische als aktive Anteilnahme, freie Rede und metapolitischer Kampf um den öffentlichen Raum wurde uns in seiner historischen Dimension bewusst gemacht. Der gute Bürger seiner Polis ist Aktivist.

Heute sind Identitäre die wahren Erben der Isegoria, der öffentlichen Rede die überall der Tyrannei zum Opfer fällt. Sie sind keine Spezialisten oder Profis. Sie sind Bürger, die willens sind ihre Heimatländer und ihre große Heimat Europa zu verteidigen.

Die Identitäre Bewegung fordert die freie, politische Rede wieder ein und erobert den öffentlichen Raum, die Agora zurück, die den Griechen alles bedeutete. Sie fordern die Isegoria ein: Gleichheit und Freiheit der Rede im öffentlichen Raum.

So schloss ein Historiker seinen Vortrag über die griechische Polis. In einer weiteren Präsentation eines jungen Aktivisten, welche ein optimistisches Fazit der bahnbrechenden Erfolge populistischer Parteien in Europa darstellte, wurde der Bedeutung dieses Begriffs auf den Grund gegangen.

Der Populismus, so der Vortragende, sei die politische Notwehr jener, für welche die liberale Globalisierung letztlich die Vernichtung ihrer Lebensgrundlage bedeutet. Er stellte dazu „plebs“ (Volk im sozialen Sinne), „ethnos“ (Volk im kulturellen Sinne) und „populus“ (Volk im politischen Sinne) gegenüber. Ethnos, aus dem politischen Diskurs verbannt und von den Medien verfemt, hat als diffuse Stimmung nur als plebs überlebt. Der ethnos äußert sich als populus in den Wahlen von Trump, Salvini, Kurz, Strache und vielen anderen „Populisten“.


Martin Sellner

Martin Sellner ist Kopf der österreichischen Identitären Bewegung.

Kommentare (50)

Der_Juergen
20. August 2018 12:02

Hier kann man nur ungeteilten Beifall spenden. Wer diese Zeilen gelesen hat, begreift, warum das pseudodemokratische System die Identitären so fürchtet und versucht, sie mit polizeistaatlichen Methoden zu zerschlagen. Gewiss, manchmal überkommt einen angesichts der tagtäglichen Schurkereien des Regimes ohnmächtige Wut, und man empfindet den Drang, zur Knarre zu greifen, doch solche Anwandlungen sind rigoros zu unterdrücken.

Die Forderung nach Meinungsfreiheit ist von absolut zentraler Bedeutung. Meinungsfreiheit ist auch für Menschen einzufordern, die manchen Identitären von ihren Ansichten her zu radikal erscheinen mögen - immer vorausgesetzt, die Betreffenden greifen nicht zur Gewalt und propagieren sie nicht. Mich, und vermutlich auch andere Sezessionisten, enttäuscht das beharrliche Schweigen zum Schicksal jener Männer und Frauen, die weitaus am stärksten unter der Repression zu leiden haben, weil sie die Kernlügen des Systems anzugreifen wagen.

Maiordomus
20. August 2018 12:43

Zu den bildungspolitischen Forderungen, die sich aus diesen Aktivitäten zur Neurezeption der Antike ergeben könnten, ja ergeben müssten, gehörte die Wiederaufnahme des Altgriechischen ins Programm und in den Kanon des Abiturs. Dass einer etwa zum Philosophieprofessor berufen werden kann, der nicht Griechisch kann, wäre eigentlich schon ein schlechter Witz, wie Heidegger schon mal anmerkte; aber selbst mit jüngeren Theologen kann man sich mangels Kenntnissen der alten Sprachen heute nur noch selten auf Niveau über die Bibel unterhalten. (Wobei freilich Erasmus von Rotterdam noch der Meinung war, der Heilige Geist habe im Neuen Testament ein schlechtes Griechisch geschrieben.= Es geht indes nicht um Bildungs-Snobismus, eher schon um Orientierung. Bei der Germanistik zum Beispiel um das Wiederringen eines Niveaus, was die älteren Sprachstufen bis zum Verständnis des Gegenwärtigen betrifft, wie es für die Brüder Grimm noch selbstverständlich war.

Auf differenzierende Weise zuzustimmen bleibt Sellners Analyse zum Beispiel mit dem Hinweis auf die notwendige Abgrenzung zur "Barbarei", was heute freilich schon als Rassismus gelten müsste. Andererseits schrien Kants seinerzeitige Vorstellungen über Indigene Völker, von den Eskimos über die Indios bis zu den Negern. noch wirklich in Sachen tatsächlicher Aufklärung gegen reale Vorurteile noch wirklich zum Himmel des Schöpfers aller Völker. Zum Thema habe ich dieser Tage ein österreichisches Lehrmittel aus dem Jahre 1785 aus der Zeit des Kaisers Joseph II. gelesen mit dem Titel "Kurzer Abriss der Historie für junge Anfänger", Als "Barbarey" werden genannt: Die Wüste Sahara, Nieder- und Ober-Äthiopien, Ober- und Niederguinea, die "Küste der Caffern, Zanghe, und Ayang", Nubien, Ägypten und verschiedene Inseln, Nigritien und das Mohrenland, wobei als die Küste der "Caffern" das "Vorgebürg der guten Hoffnung" genannt wird, welches den Holländern gehöre, anschliessend "das Land der Hottentotten, welches Volk man für die tümmsten und unsaubersten Menschen in der ganzen Welt hält". Immerhin signalisiert das Wort "hält" eine Aussage vom Hörensagen. Was die Sprache der Hottentotten betrifft, wird das "Hottentottische" dann gegenüber dem Arabischen, Abessinischen und Koptischen abgegrenzt, wobei "das Hottentottische dem Geschrey der Druthähne ähnlich sein soll". So weit ein österreichisches Schulbuch für Anfänger aus der Zeit der Aufklärung zum Begriff des "Barbarischen", für die damalige Zeit durchaus auf dem Niveau von Immanuel Kant und dem in Sachen Kritik an Bigotterie und Aberglauben aufgeschlossenen Kaiser Joseph II. Über diese Auffassungen hinaus gelangte dann aber im 20. Jahrhundert der Schweizer Missionsbischof Gallus Steiger (1880 - 1966), der auf höchst verdienstliche Weise und durchaus als Kritiker der britischen Kolonialmacht, übrigens als Nachfolger deutscher Missionsbischöfe in Daressalam eine Suaheli-Grammatik veröffentlichte, mit endlichem Respekt vor den afrikanischen Sprachen. In seinem Missionskonzept war die Verlegung der Afrikaner als Fachkräfte nach Europa nicht vorgesehen, eher umgekehrt, wenn schon. Im Allgemeinen herrscht bei der Analyse solcher Probleme nicht selten ein flächendeckender Mangel an Grundwissen. Bischof Gallus Bernhard Steiger war in der Schweiz ein wunderkindhafter Spitzenschüler in Latein und Griechisch gewesen, konnte schon mit 14 Jahren lateinische Aufsätze schreiben, die dann an der Landesausstellung 1894 in Genf präsentiert wurden. Dort lernte er auch ein sogenanntes "Negerdorf" mit "Völkerschau" kennen, was ihn dann veranlasste, Missionar zu werden in Deutsch-Ostafrika. Die dortigen Ureinwohner waren für ihn nicht im negativen Sinn Barbaren, wiewohl er mit der Einführung von Kirchenuhren das abendländische Verhältnis zu Zeit und Pünktlichkeit zu vermitteln versuchte, eine Basis für die jedoch unterdessen weitgehend stehen gebliebene Revolutionierung der dortigen Welt. Ausser Homer und Sophokles und Sappho lohnt es sich durchaus, afrikanische Lyrik kennenzulernen, so vor kurzem vom Schweizer Exmissionar Al Imfeld, gest. 2017, in einem übersetzten dickleibigen Prachtsband herausgegeben.

PS. Kants Auffassungen über die "Barbaren", wie sie auch dem österreichischen Schulbuch von 1785 entsprechen, sind u.a. im Dokumentarband, erschienen vor ca. 60 Jahren, "Kants grosse Völkerschau", ausführlich wiedergegeben.

Sandstein
20. August 2018 13:49

Kurze Frage an die Sezessionistas: gibt es die Möglichkeit abseits des Forums mitforisten direkt zu kontaktieren? Meinen klarnamen habe ich hier irgendwann schon mal gepostet, bin auch bereit das nochmal zu tun wenn das Bedingung sein sollte.
Geht übrigens nicht um Sellner. An dieser Stelle meinen Respekt für das Engagement. Habe ja meine Meinung zu Gruppendynamik, und der IB im Speziellen. Aber was da aufgebaut wird nötigt eben schon Respekt ab, und es ist nur begrüßenswert dass so Dinge wie Handyverbot und Alkoholverbot anscheinend von allen mitgetragen werden. Übrigens ein Unterschied zu JA Treffen, wo das Saufen wie auf Verbindungshäusern zum guten Ton zu gehören scheint.

antwort kubitschek:
schreiben Sie in einen kommentar, mit wem Sie in kontakt treten wollen. ich schreibe dann eine neutrale kontaktadresse darunter und vermittle.

Nath
20. August 2018 13:53

"Die „Isegoria“, die freie und gleiche Rede als Synonym für Demokratie, wurde als politisches Äquivalent der Phalanx identifiziert."
Es mutet historisch ein wenig problematisch an, den modernen, positiv besetzten Demokratiebegriff auf die antike griechische Polis zurueckzufuehren, als ob die Demokratie von ihnen selbst als das Unterscheidungsmerkmal zur "asiatischen Tyrannis" oder Hybris aufgefasst worden waere. Dies wird nicht zuletzt durch die Tatsache offenkundig, dass diie grossen Denker der Athener Bluetezeit - Sokrates, Platon und Aristoteles - nicht nur allesamt heftige Gegner der Demokratie waren, sondern eine Tradition ontologisch begruendeter Demokratiekritik einleiteten, die eigentlich - zumindest was die vormodernen Philosophen anbetrifft - nur die Ausnahme Spinoza kennt, der sie tatsachlich fuer die beste Staatsform haelt. Ansonsten sind sich etwa Plotin, Proklos, Thomas v. Aquin, Descartes, Leibniz, Kant, Fichte, Hegel, Schelling, Nietzsche und Heidegger, bei allem, was sie sonst voneinander trennt, doch darin einig, dass sie die "Herrschaft der Vielen"ablehnen. (Die englischen Empiristen, etwa Hume, hielten eine Art Mischfrom aus Demokratie und Elitenherrschaft fuer die beste Loesung: bei Husserl weiss ich es nicht genau, aber seine bezeugte Kaisertreue vor 1918 laesst ihn nicht gerade als einen "Musterdemokraten" erscheinen.)

All dies laesst natuerlich die Frage, ob die Demokratie gleichwohl die beste - oder die am wenigsten schlechte aller Staatsformen ist und ob die identitare Bewegung sich zu ihr bekennen soll, voellig offen. Auch sei damit keiner wie auch immer gearteten diktatorischen oder "autoritaeren" Herrschaftsform das Wort geredet. Es sollte nur zu denken geben, dass ausgerechnet die groessten Philosophen eben jener Griechen, welche als Begruender der modernen Demokratie gelten, die 'Herrschaft der Wenigen' bevorzugten - auch aufgrund der persoenlichen Erfahrungen mit ihr.

Der_Juergen
20. August 2018 15:03

@Maiordomus

Zu Ihrer Forderung nach Wiedereinführung bzw. Stärkung des Griechischunterrichts: Das Griechische, das wir fünf Jahre lang jeweils sechs Stunden pro Woche lernten, war am Humanistischen Gymnasium mein absolutes Lieblingsfach, noch vor Latein, das ich auch sehr mochte.

Allerdings stellt sich die Frage, ob der immense Zeitaufwand, den die zumindest einigermassen flüssige Beherrschung eines so komplexen Idioms erfordert, tragbar ist. Da jedes bedeutende Werk der griechischen und lateinischen Literatur ins Deutsche übersetzt ist, würde ich als Alternative vorschlagen, die grossen griechischen und lateinische Autoren auf deutsch zu lesen. Die Möglichkeit zum Erlernen der Originalsprachen sollte besonders begabten und motivierten Studenten allerdings offenstehen.

Um die Berechtigung des altsprachlichen Unterrichts zu beweisen, greift man bisweilen zu falschen Argumenten wie "Wer Latein kann, lernt viel leichter Französisch, Italienisch und Spanisch" oder "Latein und Griechisch schulen die Denkfähigkeit". Wenn der einzige Sinn des Lateinstudiums darin bestünde, das Erlernen romanischer Sprachen zu erleichtern, wäre es natürlich logischer, die betreffenden Sprachen direkt zu lernen. Mit dem Zeitaufwand, der erforderlich ist, um auch nur Cäsar, geschweige denn Tacitus oder Horaz, halbwegs flüssig zu lesen, kann man mühelos drei oder vier moderne romanische Sprachen auf demselben Niveau lernen. Und wenn man seine Denkfähigkeit durch das Studium einer fremden Sprache schulen will, bietet sich als ideales Idiom das Türkische an, das fast frei von Ausnahmen und daher viel logischer als Latein oder Griechisch ist und dazu noch einen vollkommen fremden, für uns sehr schweren Satzbau besitzt, der hohe Anforderungen an das logische Denken stellt.

Dass man nicht Philosophieprofessor werden sollte, ohne sehr gute Lesekenntnisse des klassischen Griechischen unter Beweis gestellt zu haben, damit bin ich mit Ihnen einig.

MARCEL
20. August 2018 15:07

Curzio Malaparte (1898-1957) schrieb um 1931 einen Traktat mit dem Titel "technique du coup'état"(deutsche Übersetzung vergriffen) , der seinerzeit links wie rechts einige Furore machte. Er beschreibt darin nicht nur, wie ein moderner Staat gekapert werden kann, sondern ebenso, wie er zu verteidigen wäre.
Tenor: Auf die Massen ist nie Verlass, eine entschlossene Elite muss her, für den Angriff wie für die Verteidigung.

Martin Heinrich
20. August 2018 16:10

Lieber Herr Sellner,

vielen Dank für Ihren ausführlichen Bericht. Der Absatz bezüglich nüchterner Selbstkritik ist sehr wichtig, zeigt er doch das intensive Ringen, dass die IB nicht in eine Politsekte abgleitet. Das ist für all die aussenstehenden Unterstützer wichtig, die keinen direkten Einblick in die Diskussionsprozesse haben.

Machen Sie weiter so, passen Sie gut auf sich auf und schützen Sie sich vor Burnout, der schneller kommt als man denkt!

Es grüßt vom Rhein
Martin Heinrich

Tobinambur
20. August 2018 18:22

Ich freue mich solche Zeilen zu lesen. Hier kann sogar ein hoffnungsloser Pessimist wie ich wieder Hoffnung schöpfen.

RMH
20. August 2018 19:34

Da wäre man doch gerne noch einmal 30 Jahre jünger und dabei gewesen --- zum Glück scheint das Alkoholverbot Abends ja gelockert gewesen zu sein. Was wäre Frankreich, ohne ein Gläschen Wein?

Mit der Antikenrezeption, so gut und wertvoll sie auch ist, sollte man es auch nicht übertreiben. Ich denke, gerade in Deutschland als "späte Nation" wurde damit im 19. und frühen 20 Jhdt. vielfach übertrieben - und es war nicht unbedingt immer vorteilhaft, was dabei heraus gekommen ist.

Waldgaenger aus Schwaben
20. August 2018 21:10

Die Frage ist erst mal_
Setzt man auf einen Umsturz oder auf den Langen Marsch durch die Institutionen?

Im letzteren Fall, ist der Versuch einer Wiedergeburt der Renaissance in Zeiten des heutigen Umbruchs eher suboptimal.
Die zukünftigen "Fouder and CEO of startUps" werden eher mit dem Altgriechischen nicht zu gewinnen sein.
Ob man mit dem Altgriechischen zukünftige Revolutionäre anlockt, sei auch auch dahin gestellt.

Die IB, wenn sie die Jugend gewinnen will, sollte sie mäeutisch vorgehen. Dazu bedarf es der Demut.

quarz
20. August 2018 21:23

"Mit der Antikenrezeption, so gut und wertvoll sie auch ist, sollte man es auch nicht übertreiben."

Zumal die überwiegende Mehrheit aller Philosophen, die je gelebt haben, heute noch leben. Und die schreiben nicht auf Griechisch. Also bei allem Respekt vor den alten Griechen ...

Maiordomus
20. August 2018 22:01

@RMH. Sie haben bedauerlicherweise wohl wenig Ahnung von der Antikenrezeption, die in der Aufklärung und zur Zeit Winckelmanns, Lessings, Karl Philipp Moritzens und Goethes und Wielands noch bedeutender war als im 19. Jahrhundert, noch einmal gewichtiger in der vorhergehenden Epoche des Humanismus, zu schweigen von der ganzen deutschen Theatergeschichte, und selbst bei dem bei Deutschnationalen einst hochgepriesenen Meister Eckhart werden Plinius, Seneca, Cicero, Tacitus, Origines, Ambrosius, Augustinus, Petrus Lombardus, Gregor der Grosse zu schweigen von Aristoteles, schlicht tausendfach zitiert. Und besuchen Sie ein beliebiges europäisches und amerikanisches Kunstmuseum, so weit da nicht einfach nur gelungener oder auch weniger gelungener moderner Schrott ausgestellt wird, was da auf antiker Grundlage als die Basis unserer Bildung gezeigt wird, und suchen Sie vielleicht den grossen Platz von Florenz auf mit dem Perseus von Benvenuto Cellini, dessen Autobiographie dann von Goethe übersetzt und kommentiert wurde, sie wollen doch nicht etwas behaupten, es sei in Deutschland in den letzten 20 Jahren ein literarisches Werk von vergleichbarem Rang und Bildungswert wie dieser Goethesche Cellini noch gerade neu auf den Buchmarkt gekommen, dafür allein schon lohnt sich eine Reise nach Florenz. An die Operngeschichte ist desgleichen zu erinnern. Es ist aber klar, dass die Bildung, die man nicht hat, von niemandem vermisst wird; gemäss Oswald Spengler waren die Zeitalter der europäischen Bildung als Kultur, diejenigen der bloss noch verschulten Bildung Zivilisation zu nennen. Ad fontes heisst in diesem Sinn in Sachen Bildung "Zurück zu den Wurzeln!" Da waren die Jungen rund um Sellner durchaus auf einer Spur, die sie noch weiterbringen könnte.

Kennen Sie irgendeinen Politologen, der ähnlich Reichhaltiges vermitteln kann wie Machiavelli in seinen Discorsi über Titus Livius, auch schon die Basis für sein Lehrbuch der Politik, war auch noch ca. 1 Nummer grösser als Hobbes und 2 Nummern grösser als Carl Schmitt! Ohne diese Kenntnisse liegt ja im politischen Bereich schon fast Regenwurmniveau vor. Können Sie mir einen deutschen Hochschulprofessor der Gegenwart nennen in der Liga von Jacob Burckhardt? Seine Weltgeschichtlichen Betrachtungen, seine Analyse der Macht sowie seine stets bedenkenswerten Ausführungen über Glück und Unglück in der Weltgeschichte wären auch für Reflexionen, das gegenwärtige Zeitalter betreffend, von enormem Wert, wiewohl leider keine direkten Rezepte für Handeln gemäss Maximen der praktischen Vernunft enthaltend. Freilich müsste man über Burckhardts wie auch Schopenhauers begründeten Pessimismus noch hinwegkommen. Mit zu den antiken Grundlagen eines gebildeten Kulturverständnisses würden wohl auch die mehr als 2000 Seiten von Bachofens Standardwerk über das Mutterrecht gehören, über ein vergleichbares Wissen verfügte keine Feministin der letzten 70 Jahre. Vergessen Sie nicht, dass sich Nietzsche nicht Philosoph nannte, sondern Philologe, ohne die Antike, Schopenhauer und vielleicht noch Montaigne wäre ihm nicht viel eingefallen. Mit 18 Jahren hat er auf der Porta schon eine Bildung, wie sie heute Hunderttausende von Gymnasiasten und Gymnasiastinnen nun mal über Google hinaus auch zusammengenommen nicht haben.

Benno
20. August 2018 23:28

Danke für den interessanten Bericht. Das tönt doch alles recht vernünftig und gelungen. Ob es jetzt ein Widerspruch ist, das Lambda als Symbol der Bewegung zu benutzen und sich politisch auf die attische Demokratie zu beziehen, sei einmal dahingestellt. Das ist auch ein Detail. Wichtig ist die jugendliche Dynamik welche der Anlass ausstrahlt. Da ist der Kampfeswille der Lakedaimonier sicher nicht fehl am Platz.

Wenn wir schon dabei sind, was man von den alten Griechen so alles lernen könnte, die IB macht es ja vor: Wie wäre es mit ein zwei Lektionen Sport am Gymnasium. Ringen, Faustkampf, Pankration! Das würde würde die heutigen Gymnasiasten wieder etwas erden und das Selbst- und Körperbewusstsein der Jugend heben. Gewichte stemmen in der Muckibude, um im Sommer die Mädels im Freibad zu beeindrucken, ist nicht alles. Ich fände das wesentlich sinnvoller, als altgriechisch wieder zum Pflichtfach zu erheben, zumal man heute, Jürgen hat es schon erwähnt, die antiken Autoren in Preiswerten Reclam-Ausgaben kennenlernen kann.

Franz Bettinger
20. August 2018 23:43

"Der Verrat der Tyrannen an der freien Rede und der Freiheit der Polis wurde uns vor Augen geführt, als Psisistratus die Athener zum letzten Mal versammelte und sie danach für immer ins Privatleben zu schickte."

Vielleicht passt meine Anmerkung nicht, vielleicht geht sie zu sehr ans Eingemachte, vielleicht auch nicht. Jedenfalls hat Martin Sellner mir den Ball auf den Elfmeter-Punkt gelegt, und ich nutze die Gelegenheit, wenn er mcih lässt. Voilà:

Die AfD-Saar ist in 2 Lager gespalten. Der Dissens dreht sich um einen einzigen Punkt. Das Lager des Vorsitzenden Dörr (2/3) möchte das Delegierten-Prinzip, das andere Lager (1/3) das Mitglieder-Prinzip bei Abstimmungen. Es geht darum, ob nur ausgewählte Mitglieder (=Delegierte) abstimmungsberechtigt sein sollen oder alle Mitglieder. Auf einem der frühen Parteitage ließ Dörr die Mitglieder über diese Frage abstimmen, und damals votierte - aus welchen Gründen auch immer - eine Mehrheit für das Delegierten-Prinzip, das damit in Stein gemeißelt scheint. Die AfD-Partei-Mitglieder haben sich damit wissend oder gutgläubig für alle Zeit selbst entmachtet und ihre Stimme Delegierten überantwortet, die diese Stimme jedoch nach Gutdünken, nicht weisungsgebunden bei Abstimmungen einsetzen dürfen. Die veränderte Partei-Satzung kommt einem Ermächtigungs-Gesetz gleich. Einmal ermächtigt, gibt es keinen Weg mehr zurück zur Basis-Demokratie, die doch im AfD-Partei-Programm als ein großes politisches Ziel angestrebt und verankert ist. Was soll das Volk von einer neuen Partei halten, wenn diese für die BRD groß für Volksabstimmungen und Subsidiarität plädiert, diese aber in den eigenen Landesverbänden nicht beherzigt. Bei uns selbst müssen wir anfangen! Vorbild sein!

Hilfe kann nur von oben kommen. Gemeint ist der BuVo. Der Bundes-Vorstand der AfD soll verbindlich vorschreiben, dass das subsidiäre Prinzip immer dort Vorrang haben muss, wo dies möglich ist, d.h. wo es nicht an praktischen Hindernissen (wie Hallengröße) scheitert. Der BuVo möge verbindlich beschließen, dass Landesvorstände bei Landes-Parteitagen immer dann an Mitglieder-Entscheidungen gebunden sind, wenn die Mitgliederzahl eines Verbandes geringer als 1500 beträgt. Der BuVo möge vor allem (!) auch beschließen, dass alle 2 Jahre die Partei-Mitglieder eines Landes-Verbandes erneut über die Abtretung ihrer Stimmrechte an Delegierte abzustimmen haben. Damit soll der Ewigkeits-Charakter einer einmal getroffenen Entscheidung vermieden werden.

Liebe Freunde, es gibt auch Trost: Man muss das große Bild im Auge haben. Letztendlich ist es nur wichtig, dass die AfD existiert, und es ist momentan nahezu egal in welcher Verfassung sie existiert. An den gigantischen Problemen Deutschlands (Invasion, Brüssel, Euro) etwas ändern kann nur die Bundes-AfD. Die Rest-Arbeit in den Ländern und Kommunen ist ruhmlose, aber nötige Kärrner-Arbeit für die Zukunft. Zieht einfach euren Strang weiter! Danke, dass ich das mal loswerden durfte. Hoffentlich lesen es die Richtigen.

Kaffeesud
21. August 2018 01:27

Was denn, nur 27 Namen? Siebenundzwanzig?! XXVII? Viginti septem??? Nun haben unseren logorrhoischen Rütli-Boomer doch wohl alle guten Geister verlassen. Was ist denn mit Kaltenbrunner?! Reinhold Schneider! Hermann Lübbe? Paracelsus!!!

Ist es Θάνατος, der hier sein Werk verrichtet? Fließt die Λήθη in der Schweiz? Oder kömmt, wie der Strahl aus dem Gewölke kömmt, aus Gedanken die - Gedanken? Paaren sich die Namen bald? O ihr Lieben, so nimmt mich, daß ich büße die Lästerung.

Maiordomus
21. August 2018 09:19

@Tobinambur/Martin Heinrich. Auch wenn Sie sich nur kurz äussersten, so finde ich Ihre Wortmeldungen in verdankenswerter Weise substanziell. Mein eigenes Bekenntnis zur antiken Bildung war, wie Sie vielleicht gesehen haben, etwas verdunkelt beziehungsweise relativiert durch die Kritik am Pessimismus zum Beispiel bei Burckhardt und Schopenhauer, denen zwar Sellners Club wohl kaum je das Wasser wird reichen können. Aber diese Jungen verfügen noch, wie @Tobinambur mit Recht anmerkte, über einen Optimismus, der mit zur Ausstattung einer Handlungsfähigkeit für die Zukunft gehören könnte. In diesem Sinn müssen sie jetzt nicht einfach nur Griechisch nachbüffeln. Bei den Muslimen neige ich dazu, Kenntnisse des Koran-Arabischen als Bildungswert positiv zu veranschlagen. Um uns vor denen nicht schämen zu müssen, sollten wir das Lateinische, Griechische und Hebräische in unseren Bildungsprogrammen wieder stärker pflegen. Das wäre wahre Förderung der "Multikulturalität".

RMH
21. August 2018 10:15

@Maiordomus,

was glauben Sie, warum ich ausdrücklich nur das 19. und 20 Jhdt. genannt habe und nicht die Jhdte davor und auch nur vor einer Übertreibung gewarnt habe und nicht vor einer Beschäftigung damit? Alles hat sein Maß, aber die Altphilologie wurde in Deutschland irgendwann einmal zu einer Art von Selbstzweck und Universalerklärungsmittel und heute ist sie, nachdem Deutschland hier einmal die Spitze der Welt dargestellt hat, faktisch ein totes Pferd, auf dem einige Lehrstuhlinhaber noch für ihren Lebensunterhalt reiten.

Alles zu seiner Zeit und das "Maßhalten", welches auch im Bericht von Herrn Sellner als deutlich europäische und europäisch-antike Tradition genannt wurde, gilt auch in diesem Bereich. Deutschland hat sich so viel eingebildet auf seinen Humanismus, darauf, dass man auf dem Gymnasium Latein und Altgriechisch lernen musste, darauf, dass man, um simpler Pfarrer zu werden, Griechisch und Latein können musste und sogar Theologie studieren muss, so zumindest die altbekannte Vorgabe in der evangelisch-lutherischen (Staats-)kirche. Und was kommt dabei heraus?

Typen wie Bedford-Strohm & Co., die ihr ganzes Mantra auf einer falschen Auslegung der "Nächstenliebe" aufbauen und sich nun für die Bestimmer halten, wenn die Worte Humanismus oder gar "Humanität" (was für ein bullshit) fallen.

In diesem Sinne haben Sie natürlich vollkommen recht, dass man diesen Humanismus-Begriff einmal einer gründlichen ad fontes Kur unterziehen würde. Ich persönlich fühle mich dafür mittlerweile zu schwach und ziehe es vor, nunmehr die jahrhundertealte, protestantische Tradition in meiner Familie abbrechen zu lassen und aus dem Laden auszutreten - meine Kinder sind eh schon ob der Frau wegen katholisch und ob mein Kadaver nun von einem Beffchen- tragenden Äffchen zur letzten Ruhe begleitet wird oder einfach nur eingeäschert und ohne Brimborium entsorgt wird, spielt auch keine Rolle mehr für mich und mein Seelenheil.

Alveradis
21. August 2018 10:29

"Christliche Demokratie"?

Polen gibt gerade mit seiner neuen Einwanderungspolitik ein abschreckendes Beispiel dafür. Fremdvölker, man beginnt mit den Philippinen, sind erwünscht, wenn sie denn christlich sind. Das Christentum wächst in Afrika gerade besonders schnell, es stehen also Millionen Retter des "christlichen Abendlandes" und potenzielle Teilhaber an der "christlichen Demokratie" zur Verfügung.

Bennon spricht vom Überlebensrecht des jüdisch-christlichen Abendlandes. Wenn die europäischen Völker also nun von auch noch "rechts" durch die jüdisch-christliche Weltanschauung ersetzt werden, ist die biologische Ausrottung keineswegs abgewendet. Sie können dann allerdings als durchaus bunter Gegenentwurf zum Islam ins Feld geführt werden.

Was soll überhaupt eine "christliche Demokratie sein? Wird unter so einem Regime die Mehrheit der Ostdeutschen und ein großer Teil der Westdeutschen zwangschristianisiert oder einfach unsichtbar gemacht?

Ich habe genug von diesen Konzepten die erschaffen wurden die Völker einzuebnen. Allein das jüdische Volk hat innerhalb der drei abrahamitischen Religionen eine eigene Bedeutung und einen religiös begründeten Überlebens- und Führungsanspruch. Für alle anderen Völker sind die drei Religionen der Todesstoß, der willig angenommen werden soll.

Ich sehe Völker nicht als Ideen, sondern als biologisch historische Gegebenheit und Vorbedingung von Kultur, Kult, Mythen , Religionen. Wie schnell sind wir sonst bei der geltenden Meinung angelangt nach der Völker Konstrukte sind, wenn wir, nur aus einer etwas anderen Richtung, das gleiche erzählen?

Dass sich das Christentum nicht aus dem Genpool der europäischen Völker entwickelt hat ( nur teilweise anpasste) ist ja bekannt. Fremde Mythen können die eigenen zwar überlagern aber sie können sie, wenn wir Mythen als wichtigen Teil des Überlebens der Völker verstehen, nicht ersetzen, so wenig wie wir Deutschen durch Menschen aus dem Nahen Osten ersetzt werden können.

Die Figuren der Vogelherdhöle, die Malerei in der Chauvet-Höle sind unser spirituelles Erbe, nicht der blutende Christus am Kreuz, der eine Figur und die Phantasie einer ganz anderen Region, eines ganz anderen Genpools ist und sich sogar sprachlich durch den dort verwendeten Begriff "Vater"in unsere eigene Ahnenreihe eindrängte und uns zu Siefkindern machte, die die eigenen "heidnischen" Vorfahren zu verachten lernten. Die Vorstellung eigene Identität aus einer fremden Identität, ja von fremden Völkern zu generieren finde ich recht absurd.

Vom eng verbundenen Dreigespann Orban, Putin und Netanjahu können wir nicht viel erhoffen. Was die Ungarn, Russen oder Israelis wählen ist natürlich deren Sache. Was Steve Bennon will und wer er ist, kann und sollte jeder selbst herausfinden. Dass er Geld verteilen kann und über erprobte Konzepte der Meinungsmaniulation verfügt, macht ihn nicht zu unserem Retter.
"Der Geist des Lagers" - kann man so oder so lesen, wenn man Lagerinsasse ist, dann hört sich das gar nicht toll an. Ich verabscheue diesen mir aufgezwungenen Zustand.

Wir Deutschen sollten nicht versuchen in fremden Kleidern
unsere Identität zu suchen.

Kaffeesud
21. August 2018 10:30

Jetzt hat mir der Singular den Plural erschlagen, oben, im zweiten Absatz (und es waren doch nur zwei!), und ich bin erniedrigt, zerstört. Das ist die Strafe, die Rache dafür, nicht synaptisch mit seinen Kanones verschaltet zu sein, statt dessen gar auf Projekt Gutenberg mit copy und paste die lyrischen Weiden abzugrasen (O Hölderlin!). Die Τισιφόνη packt mich am Kragen, ich werde gerüttelt und geschüttelt. Seht den stillen Triumph in der Schweiz, seht den Meister ohne Kreis (doch mit Radius) mit nachlässiger Gebärde nun auch noch das Hebräische - ja vielmehr: sein Hebräisch - rühmen! Und als ob das nicht ausreichte, um meinen Stolz zu knebeln und zu knechten, jetzt auch noch - den Koran! Ganz recht, den Koran! Wer kann den Erinnyen entkommen, wenn sie obendrein sich noch mit JHWH und Allah verbünden? Die Lehre, liebe Freunde, die aus meinem Fall zu ziehen sind (wo doch mein Aufstieg nicht einmal begonnen hat): Legt Euch nicht mit Schweizer Mystikern an, sie können töten, ohne zu berühren.

H. M. Richter
21. August 2018 10:41

Nun könnte man meinen, Martin Sellner selbst hätte hier die „altgriechische Flanke“ aufgemacht, doch schlage ich vor, diese hier an dieser Stelle nicht unbedingt weiter zu vertiefen, sondern in den Blick zu nehmen, was gerade geschieht, wenn beispielsweise ein ehemaliger Berater von Helmut Kohl in der NZZ von Angela Merkel als einer „Grabplatte, die sich auf Deutschland gelegt hat“ spricht –
https://www.nzz.ch/meinung/merkel-und-ihr-schattenmann-ld.1411764

Da stellt sich doch wohl die Frage, wer jetzt(!) in der Lage ist, diese Grabplatte anzuheben, den sich daran anschließenden Anblick zu ertragen und dennoch Neues zu schaffen.
________________________________________________

@ Waldgaenger aus Schwaben

Zu Ihrer Frage:
Ein Drittes scheint mir denkbar.
Die Implosion.
Auch dann wäre die Frage, wer darauf und wie vorbereitet ist.

Kaffeesud
21. August 2018 11:06

*Lehren, mein Gott! Kann mich denn kein Lektor vor weiteren Fettnäpfchen bewahren, wo ich doch schon von Feinden umzingelt bin? Das war's, ich kehre in die Stille ein, büße, büße.

Maiordomus
21. August 2018 11:14

@Kaffeesud/Jakob Augstein. Kompliment für das Zitieren in griechischen Buchstaben. Mit zum Verständnis Sellners trägt wohl das Hölderlingedicht bei, wo noch die Fragestellung zu ergänzen wäre: "Leben die Bücher bald?"Das war ja für Hölderlin die entscheidende Frage als Bedingung der Möglichkeit des Durchbruchs der Deutschen zur Freiheitsfähigkeit, was heute noch nicht geschafft zu sein scheint.

Klar habe ich für die wahre Bildung noch mindestens drei Namen vergessen, nebst Heinrich Zschokke und Joseph Görres etwa Stefan Sonderegger (gest. Dezember 2017), dem besten Kenner des Althochdeutschen im vorigen Jahrhundert und dem wohl bis heute weltweit besten Kenner aller Vaterunserversionen in den germanischen Sprachen als Übersetzungsproblem aus dem Lateinischen, Griechischen und Aramäischen. Sonderegger hat bereits vor 40 Jahren u.a. auch eine Version in Appenzellerdeutsch erstellt, welche die Kritik von Papst Franziskus von 2017 längst vorwegnahm und korrigierte, bloss der Pfarrer bei der Abdankung Sondereggers wusste davon nichts, weder beim Nachruf noch beim Gebet für den Verstorbenen, so geht es eben zu mit der Bildung, die umso kleiner ist, je mehr man glaubt, man habe zum Beispiel Theologie studiert oder meinetwegen Geschichte oder Literatur.

Die Pointe in Sachen Berufung auf Bildung aber kommt noch, nämlich heute im Spiegel die Zitierung von Joseph Görres, dem nach Uta Ranke-Heinemann perversesten und reaktionärsten katholischen Autor der deutschen Geschichte, Gründer des Rheinischen Merkurs und zusammen mit Fichte einer der grossen nationalen Redner an die deutsche Nation, dummerweise auch nicht ganz frei von Antisemitismus, wie sein bedeutender Schüler Johann Nepomuk Schleuniger aus dem Aargau, der indes im radikalen Freistaat während 30 Jahren ein Berufsverbot und die Nichtwählbarkeit in öffentliche Ämter geniessen durfte. Die 5 Bände der "Christlichen Mystik" von Görres bleiben aber sicher das wichtigste Buch, das je in Deutschland zum Beispiel über das Thema "Heilige" geschrieben wurde, die Bände, der wohl kräftigste Kontrapunkt gegen die deutsche Aufklärung, begleiten mich schon seit Jahrzehnten. Und weil jetzt nach Augstein Deutschland vor den Rechten, vor Trump und vor dem Brexit gerettet werden muss, Hauptsache, Deutschland wird gerettet, muss nun also Görres ausgerechnet auch für Augstein herhalten, immerhin auch gegen Nahles und Merkel:

"Denn tapfer muss man schon sein, als Demokratiebürger, tapfer gegen Trump und Brexit, gegen Merkel und Mercedes, gegen Nolz und Schahles.
Und ich wollte diese Leserin auch mal daran erinnern, was unsere Rolle als Journalisten dabei angeht. Weil wir doch alle in der Tradition von Joseph Görres stehen sollen: "Ich will der Welt kundig machen, was es ist was Reiche verdirbt, Völker zu Schanden macht, und Teutschland an den Rand des Unterganges gebracht."

Es bleibt dabei: Augstein behält Unterhaltungswert. Sie glauben es nicht, es steht tatsächlich in SPIEGEL ONLINE. Würde andererseits Herrn Höcke eher nicht empfehlen, Görres zu zitieren, weil er sonst vielleicht doch noch aus der AfD ausgeschlossen werden könnte.

PS. Zu den völlig unterschätzten Autoren der deutschen Literaturgeschichte gehört ohne Zweifel der von Görres in Aarau aufgesucht Johann Daniel Heinrich Zschokke aus Magdeburg, notabene ein Lieblingsautor von Ernst Jünger, der mit dem "Goldmacherdorf" den ersten Genossenschaftsroman der Weltliteratur schrieb, worüber an einer Demokratietagung am 29. September im luzernischen Entlebuch die Rede sein wird. Was hilft es, für die Nation zu schwärmen, wenn an der kommunalen Basis Demokratie, Selbstbestimmung und Selbstverwaltung und Eigenverantwortung nicht geschafft werden? Zschokke war im übrigen nebst Pestalozzi einer der absolut bedeutendsten Pioniere der Volksbildung in der deutschsprachigen Geistesgeschichte.

Maiordomus
21. August 2018 11:55

@RMH. Was Sie über die Überbewertung der Altphilologie im 19. Jahrhundert anmerken, für mich doch eher eine Hilfswissenschaft, hätte noch vor Jahrzehnten der Schweizer Altphilologe Josef Vital Kopp (1906 - 1966), Verfasser einer Doktorarbeit über "Das physikalische Weltbild der Griechen" nur bestätigt. In seiner Programmschrift "Das christliche naturwissenschaftliche Gymnasium" (1960) forderte er eine Reduktion der 14 Wochenstunden Latein und Griechisch zugunsten von Physik und höherer Mathematik, wobei nun aber unterdessen im Kanton Luzern das Latein an diversen Gymnasien mittlerweile ganz wegfällt, schon wegen der Chancengleichheit für die Bildungsfernen geht das halt nicht mehr so. Auch Heinrich Federer plädierte vor 120 Jahren für weniger Latein und mehr Deutschunterricht, aber das war eine Kritik in ganz anderen Proportionen! Selber hatte ich noch einen Gymnasiallehrerkollegen, der seine Diplomarbeit und seine Prüfungen (in Rom) samt und sonders noch Lateinisch absolviert hat, mit schlechteren Noten als ich seinerzeit in Zürich, aber ich hätte es wohl in Rom kaum geschafft! Ein 1817 in der Schweiz hingerichteter homosexueller Jurist hat übrigens in Tübingen eine wunderbare lateinische Dissertation zum römischen Erbrecht geschrieben, so wie Karl Heinrich Ulrichs, der Vater der deutschen Homosexuellenbefreiung, im Kirchenstaat, wohin er von Bismarcks Preussen aus ins Exil ging, eine lateinische Zeitschrift redigierte. Ulrichs hätte an Zürichs Streetparade vor gut Wochenfrist kaum mehr Gesprächspartner auf seinem Niveau gefunden.

Kaffeesud
21. August 2018 11:59

Tja, da bin ich wieder, Vorsätze sind da, um gebrochen zu werden. Was schert mich ein Plural! Oder meine Beteuerungen, die ich vor einer halben Stunde in den Wind gesprochen hatte? Ich wurde bemerkt! Man hält mich gar für Augstein! O Wonne der Musen!

Eine Frage, vielleicht ein ganzer Fragenkomplex, liegt mir brennend auf der Zunge: Wie halten Sie's mit Luhmann, Verehrtester? Oder, lassen Sie mich anders, vielleicht direkter, intimer fragen, wollen Sie mir das verstatten? Ich fang's so an: Macht es Sie persönlich betroffen, daß mit der Einführung der ICD-11 keine Subtypen des F84-Spektrums mehr unterschieden werden? Oder, wieder anders: Wie hoch war Ihr höchstes Kartenhaus? Oder vielleicht, um Ihr Metier nicht zu verlassen: Wie viele Absätze haben die Gesammelten Werke in zehn Bänden von Reinhold Schneider insgesamt? (Aber nicht schummeln!)
Was den Meister Eckhart anbelangt: Ist der nicht seit Spinoza, spätestens seit Deleuze erledigt? Ich weiß hier auch Goethe auf meiner Seite!
Wie fest war Gramscis Händedruck?

Nah ist und schwer zu fassen der Gott, verzeihen Sie mir also meine naßforsche Neugierde, wo ich Sie doch endlich einmal am Zipfel (Rockzipfel!!) habe.

Herzlichst,
Ihr Jakob

Maiordomus
21. August 2018 12:54

@Alveradis. Sie kommen mit Ihren Ausführungen zur deutschen Mythologie in Abgrenzung zum Christlichen kaum über den 1946 hingerichteten Chefideologen Rosenberg hinaus, der wie die Linken und diejenigen, die ihn stellvertretend für den Ungeist an den Galgen brachten, über eine parteiliche Einstellung zur Geschichte verfügte. Habe Rosenbergs Ausführungen über deutsche Mythologie und Meister Eckhart erst vor kürzerem wieder gelesen. Der Kult des leidenden Christus stand zum Beispiel noch für Ravenna Felix im 1. Jahrtausend überhaupt nicht im Vordergrund. Es handelt sich massgeblich um eine Frucht der deutschen Mystik mit den Meistern Eckhart, Tauler und Seuse sowie der Frauenmystik von Birgitta von Schweden und Katarina von Siena, die ihre im übrigen höchst bedenkenswerten Briefe stets im Namen des Blutes unseres Herrn Jesus Christus eröffnete. Wie auch immer, Rosenberg hatte nun mal keine Zeit, sich etwas näher mit Meister Eckhart zu befassen. Als Ideologe wusste er ja ohnehin im voraus, worauf Eckhart angeblich hinaus wollte. Es bleibt aber dabei, dass nun mal Meister Eckhart, wenn schon, der deutsche und europäische Buddha ist, das heisst ein aristotelisch geschulter christlicher Intellektueller an der Schwelle vom Lesemeister zum Lebemeister, der, hätte er ihn noch erlebt, auch Kant verstanden hätte. Wenn Sie indes von der Betrachtung des leider ein bisschen brutal geratenen Isenheimer Altares überfordert sein sollten, so empfehle ich Ihnen, bei den Computerspielen und Weltraumschlachten der gegenwärtigen Kultur Erholung zu suchen. Aus dem freilich sehr spannungsvollen Zusammenstoss zwischen Germanischem und Christlichem ergab sich, wie am Vorabend des Spanischen Bürgerkrieges Miguel de Unamono ausführte, El sentimiento tragico de la vida, ohne welches beispielsweise der Volkscharakter der iberischen Völker schwerlich zu verstehen bleibt. Ein christlich mitgeprägtes Lebensgefühl, das sie keineswegs widerstandsunfähig gegen muslimische Invasoren machte. Ein vergleichbares Lebensgefühl ist auch im Einflussbereich der orthodoxen Ostkirchen auszumachen. Es war weder ein kastriertes noch ein entwaffnetes Christentum, wiewohl es sich gegenüber seinem Stifter, wie Dostojewskij in seiner Legende vom Grossinquisitor gezeigt hat, gegenüber seinem Stifter tausendfach blamiert hat.

Alveradis
21. August 2018 14:05

Maiordomus,

dass sich in der christlichen Kunst durchaus auch unser Geist zeigt, stelle ich nicht in Abrede. Bei vielen Altarbildern und Illustrationen sind es ja die Landschaften, Tiere und Pflanzen, hin und wieder die Menschendarstellungen, die sie überhaupt erst, unabhängig von der erwünschten Botschaft anziehend machen - für mich jedenfalls. Selbstverständlich gibt es Schönheit in der christlichen Kunst/ Musik aber nicht durch das Christentum, sondern durch unseren Geist.
Aber mein Thema war ja doch weniger die Kunstgeschichte, sondern eher der seltsame Vorschlag, der uns von rechter Seite gemacht wird, ein "christliches Abendland" zu verteidigen oder, wie Orban es wohl ausdrückt, eine christliche Demokratie zu errichten.

Aber das Christentum ist in seinem Kern nicht unsere Erzählung, egal wie viel europäischer Geist sie auch verändert hat und das Fremde bleibt fremd auch wenn es das scheinbar Vertraute ist und über einen Teil unserer Geschichte und bis heute das Prägende ist .

Kulturgeschichtliche Betrachtungen sind eine feine Sache und nicht zu verachten und ich bin stets offen für Anregungen aber Orban und Putin und Bennon machen Politik, erweitern ihren Einfluss und die Frage ist, wie sich das auf uns auswirkt und ob wir überhaupt sie selben Ziele haben. Wenn diese drei das Christentum nutzen, dann geht es doch dabei letztlich um ein Werkzeug von dem angenommen wird, dass es zur Erreichung gesetzter Ziele wirksam eingesetzt werden kann. Am polnischen Beispiel sehen Sie doch, wohin diese Betonung des Christlichen führen kann. Es gibt so etwa 2,3 Milliarden Christen auf der Erde. Sind die das neue rechte Wir? Was bringst das denn? Der christliche Chinese gehört zu "unserer" jüdischchristlichenabendländischen Kultur und der Deutsche, der kein Christ ist gehört wo hin?

"Wenn Sie indes von der Betrachtung des leider ein bisschen brutal geratenen Isenheimer Altares überfordert sein sollten, so empfehle ich Ihnen, bei den Computerspielen und Weltraumschlachten der gegenwärtigen Kultur Erholung zu suchen. " Überfordert - hä? Es gibt nur die Wahl zwischen Altar und Computerspiel? Danke, aber ich kaufe nicht. Weder mit Bargeld noch mit Karte.

Maiordomus
21. August 2018 15:40

@Klar, die Computerspiele sind der moderne Mythologieersatz, das ist sicher nicht Ihr Niveau, entschuldigen Sie. Als Erforscher des Kulturkampfes (Buchpublikation 2016) ist mir indes bekannt, dass Papst Gregor XVI., so reaktionär er war und wohl weil er reaktionär war, den Begriff "Christliche Demokratie" für Katholiken ausdrücklich und wie ich immer besser sehe mit gutem Grund verurteilte, weswegen sich dann die deutsche Partei bekanntlich "Zentrum" nennen musste. Der von Papst Pius XII. für Italien und Deutschland und Chile zugelassenen Ausdruck "christdemokratisch" ist mir spätestens seit der Epoche des Kanzlers Erhard widerwärtig geworden, und in diesem Punkt sehe ich mich auch nicht mit Orban übereinstimmend. Der Begriff "Christliches Abendland" bleibt weitere Reflexionen wert, eignet sich aber nicht für politische Schlagworte.

Durendal
21. August 2018 20:28

@Alveradi
Ich bin zwar nicht angesprochen, würde aber dennoch eine Antwort auf Ihre Frage geben, ob der chinesische Christ aus christlicher Sicht Teil des „Wir“ ist.

Die katholische Soziallehre geht davon aus, dass der Mensch Teil einer ganze Kette von aufeinander beruhenden Bindungen ist, die bei der Familie beginnen und sich über die Sippe und die Nation fortsetzen. Die jeweils übergeordnete und abstraktere Bindung hebt dabei die anderen Bindungen nicht auf, im Gegenteil. Bindungen sind umso wichtiger, je unmittelbarer sie sind, d.h. die Bindung an die eigene Familie gilt als der an die Nation überordnet etc.

Die Perspektive der katholischen Soziallehre unterscheidet sich dabei von der des Universalismus, der alle Bindungen unterhalb der Ebene der Menschheit leugnet. Sie unterscheidet sich aber auch von der des Ethnozentrismus, der nur die Bindung an die Nation als relevant betrachtet.
Mit dem chinesischen Christen teilen sie aus dieser Perspektive nur eine direkte Bindung, falls Sie auch Christ sind. In Ordensgemeinschaften kann man erleben, dass die durch den Glauben gestifteten Bindungen tatsächlich stärker sind als andere.

Die Ehrung der natürlichen Bindung an Vater und Mutter und in Erweiterung dessen aller natürlichen Bindungen hat im Christentum jedoch den Rang eines göttlichen Gebotes.

Schönheit in der Kunst erklärt sich nach christlicher Weltanschauung aber tatsächlich nicht in erster Linie dadurch, dass sie einen Volksgeist ausdrückt, sondern dadurch, dass sie Wahres und Gutes ausdrückt. Tatsächlich ist es ja so, dass Schönheitsempfinden nicht an ethnische Grenzen gebunden ist und z.B. die Werke der klassischen Musik ethnisch übergreifend als schön empfunden werdne können.

Und wenn Sie Deutscher sind, dann ist das Christentum auch Teil Ihrer Erzählung, denn es war das Christentum, auf dessen Grundlage sich die christlichen Führer ostfränkischer Stämme im neunten Jahrhundert zusammenschlossen und so die Grundlage Deutschlands schufen. Ohne Christentum kein Deutschland.

Nemesis
21. August 2018 23:01

@Durendal
"denn es war das Christentum, auf dessen Grundlage sich die christlichen Führer ostfränkischer Stämme im neunten Jahrhundert zusammenschlossen und so die Grundlage Deutschlands schufen. Ohne Christentum kein Deutschland."

Der Logik Ihrer Argumentation folgend müßten Sie dann aber, wenn das augenblicklich stattfindende Experiment erfolgreich durchgezogen werden sollte, dann im biblischen Alter von 150 Jahren retrospektiv genauso erklären, daß Multikulti die Grundlage des neu entstandenen Gebildes sei (was auch immer das sein mag) , nur weil sich in Brüssel die Führer europäischer Stämme getroffen haben und somit dessen Grundlage schufen. Ohne Multikulti dann kein (wasauchimmer) und es wäre somit Teil Ihrer Erzählung.
Wo wäre dann da die Unterscheidung zum Christentum?

Ihre Begründung ist für mich leider keine, da sie zwar etwas erklärt, aber nicht begründet.

Maiordomus
22. August 2018 07:54

@Nemesis/Durendal. Die Sache mit der Christianisierung, vgl. Irland/Bonifatius/Römerzeit/ Legende der heiligen Ursula/heiliger Pirmin und sein Missionsbüchlein usw., aber auch die komplexe Geschichte mit Konstantin und den antiken Mysterienreligionen Sol invictus und Mithras ist über die germanische Mythologie hinaus nun mal speziell komplex und eignet sich wenig für Blog-Debatten.

Durendal
22. August 2018 10:31

@Nemesis
Ich wollte letztlich nur sagen, dass man beim Streben danach, das Eigene zu bewahren, das Christentum nicht als Fremdkörper aus Europa oder aus Deutschland herausdefinieren kann.
Ob man den prägenden Beitrag des Christentums für die Identität Europas und Deutschlands positiv bewertet, wäre in der Tat noch eine andere Diskussion.
P.S. Heute erschien in der NZZ ein interessanter Beitrag darüber, wie das Christentum durch das Verbot von Verwandtenehen den europäischen Menschen auch im soziobiologischen Sinne prägte:
https://www.nzz.ch/feuilleton/wie-die-katholische-kirche-wider-willen-den-gesellschaftlichen-fortschritt-des-westens-beschleunigte-ld.1412848

Maiordomus
22. August 2018 11:57

Der wohl bedeutendste und unter Umständen am stärksten fruchtbringende Begriff ist der des "Eigenen". Darauf hat in letzter Zeit @Monika aufmerksam gemacht. Auch im Zusammenhang mit Antike und Christentum ging es und geht es in diesem Zusammenhang um "Aneignung", mit welchem Prozess zwar immer Distanzierungen verbunden sind. In diesem Sinn habe ich Verständnis für jene, die sich einen eigentlich sehr weiten Begriff wie "Christentum" nicht zu ihrem "Eigenen" zählen wollen. Wir führen insofern beidseits eine sinnvolle, sehr wohl motivierte Debatte.

Es ist aber alles andere als leicht, sich zum Beispiel ein "germanisches" Erbe wieder zu eigen zu machen. Dafür sind die Bedingungen nicht gegeben, am allerwenigsten in der Schule. Noch interessant und im negativen Sinn lehrreich, wie man vor 80 Jahren versuchte, aus dem Weihnachtsfest ein "Julfest" zu machen, das blieb eine äusserst künstliche verzweifelte Angelegenheit. Las dieser Tage auch ein Buch über die Geschichte des zwar noch wenig mehr als 200 Jahre im Betrieb stehenden Weihnachtsbaums. Aufgezeigt wird, dass im Symbolbereich das Germanische und das Christliche kulturell längst eine Gemengelage bilden, die ein Auseinanderdividieren schwer macht: eben die genannte "verzweifelte" Angelegenheit. Das Weihnachtsfest gehört unterdessen nun mal zu unserem "Eigenen", wobei das schulinterne Verbot von Weihnachtsliedern, in denen Christus genannt wird, bei Schulrichtlinien an kulturelle Perversion grenzt. Dieses Verbot war meines Wissens nie ein Problem zugewanderter Muslime, sondern geht durchaus in Richtung Diktatur des Multi-Kulti-Kulturmarxismus mit Diskriminierung einzig noch des Christlichen, das im Verdacht steht, noch immer "Leitkultur" bleiben zu wollen.

Das "Eigene", das man verteidigen will, muss man sich aber zuerst "aneignen". Das wird immer schwieriger. Für diesen Vorgang sind die pädagogischen und schulorientierten Geschichten, die Ellen K. jeweils erzählt, auch wieder zum Datum des 22. August, immer wieder mal lehrreich.

Um nun aber endlich wieder auf Sellner zurückzukommen: Was er zu berichten hat über das Motto "Griechische Antike" ist nicht mehr und nicht weniger als jener Prozess der Aneignung, den man im Abendland seit unzähligen Generationen "humanistische Bildung" nennt. Zu deren unverzichtbaren Kanon gehört nun mal die Antike.

heinrichbrueck
22. August 2018 13:43

Das Germanische kann christlich sein, das Christliche muß nicht germanisch sein. Was ist dann das Eigene? Ohne die Grundvoraussetzung, das Germanische, wird der Kulturträger nicht mehr über den Ethnos definiert. Und ohne Religion, die als Kulturträger dem Denken keinen Schaden zufügt, ist die Grundvoraussetzung nicht zu erhalten.
Meine spirituelle Toleranz hört dort auf, wo die Grundvoraussetzung neudeutsch wird.

Nemesis
22. August 2018 14:06

@Maiordomus
"...hinaus nun mal speziell komplex und eignet sich wenig für Blog-Debatten."

Da haben Sie sicherlich recht, zumal ich kein Geisteswissenschaftler bin und mir viel an dem notwendigen Hintergrundwissen fehlt.

@Durendal
Ja, das verstehe ich und ohne die Wertediskussion an dieser Stelle lostreten zu wollen, sehe und anerkenne durchaus die positiven Aspekte die das Christentum in der Deutschen und europ. Geschichte ausgeübt hat (verbindende Werte, spirituelle Bedeutung im Hinblick auf lebensbestimmende Themen wie Leiden, Sterben, Tod etc.); genauso natürlich auch die negativen. Die gleiche Argumentation in meinem obigen Beitrag würde ich übrigens auch gegenüber Vertretern paganer Ideen geltend machen.

Ganz offensichtlich besitzen von außen aufgelegte Systeme, seien sie nun spiritueller oder politischer Natur, eine Zeitkonstante, nach deren Ablauf sich diese Klammer zu lösen beginnt.

Einige der Fragen die sich für mich dadurch direkt ergeben, sind, ob es grundsätzlich intrinsische (spirituelle) Motivationen geben kann, die in der Lange sein könnten auf Dauer:
a) Menschen in einem kollektiven Verband von unten heraus zu verbinden
b) es Grenzen dieses Kollektives gibt und wo diese verlaufen (was bedeutet dann Nation?)
c) ob dies zu einer politischen Organisationsstruktur führen kann (ich würde das dann mal als metareligiöses System bezeichnen, Islam scheint mir ein Beispiel dafür zu sein, auch die one-world Nummer scheint deshalb so erfolgreich, da es offenbar ein spirituelles Bedürfnis befriedigt (jedenfalls bis es auf die Realitäten trifft)
d) läßt sich dieses spirituelle Bedürfnis überhaupt externalisiern? Wenn ja, wie?

oder ob es
e) eben nur eine klare Trennung zwischen politischen und spirituellen Systemen geben kann (Laizistisches Modell).

Wenn dem so wäre, wäre für mich die Schlußfolgerung, daß, egal welches politische System gerade die politische Macht besitzt, der geschichtliche Ablauf lediglich eine Oszillation zwischen diesen unterschiedlichen Systemen darstellt, da es dann außer materiellen Motiven keine auf Dauer verbindende Klammer geben kann, außer eben der Macht. Der persönliche Einsatz für eines dieser Modelle, wäre dann lediglich aus persönlicher machtpolitischer Perspektive zu führen.

Die Schlußfolgerung die ich daraus ziehe: Angenommen es käme zu einem politischen Wechsel im jeweiligen System (bspw. AFD), die Folge davon eigentlich nur sein kann, daß dann das jeweils herrschende System über kurz oder lang, abhängig von der Systemzeitkonstanten, gezwungen sein wird, die gleichen (oder noch perversere) Repressionsmechanismen anzuwenden wie das vorherige System, um eben genau diese Oszillationsbewegungen zu dämpfen bzw. zu verhindern.
Offensichtlich ist das Ganze dann nur ein kreiskausaler Prozeß, der immer wieder zu den gleichen Mechanismen führt.

Was also sollte also eine konservative Bewegung auf lange Sicht hin wirklich verbessern (abgesehen von der Verhinderung des materiellen Ausverkaufs des Eigenen (was durchaus eine wichtige Funktion darstellt)), was sich dann aber lediglich als das herausstellen wird, was es eigentlich tatsächlich ist: lediglich das Mittel zum Erreichen eben genau dieser Macht?

quarz
22. August 2018 19:32

@Maiordomus

"Das "Eigene", das man verteidigen will, muss man sich aber zuerst "aneignen"."

"Was du ererbt von deinen Vätern hast, erwirb es, um es zu besitzen." In diesem Goethewort wird auf die oftmals vorhandene bedauerliche Kluft zwischen dem De-iure-Eigenen und dem De-facto-Eigenen hingewiesen und auf die Notwendigkeit der Aneignung, die erst das vorsortiert Vorhandene zum Eigenen macht. Insofern ist es durchaus zu begrüßen, dass im IB-Sommerlager nicht nur geboxt und gebechert, sondern auch das griechische Erbe ins explizite Bewusstsein gerufen wird.

links ist wo der daumen rechts ist
23. August 2018 06:27

Widersprüchliche Antikenrezeption (Taktik/Strategie oder: Kassandras Dilemmata)

Dazu muß ich spontan meist an Benns Essay „Dorische Welt“ denken, für seine 68er-Verehrer einerseits sein „faschistischster“ Text (Theweleit, der Benn aber forsch gegen Klaus Mann verteidigt), andererseits ein Text, „der zu etwa 80 Prozent aus Exzerpten“ besteht (Lethen, der ihn ebenso brav gegen Becher/Kisch verteidigt).
Stephan Schlak hat dazu übrigens Kluges gesagt:
https://www.cicero.de/kultur/ein-aufgetauter-kaelte-panzer/44621

Und damit gleich zum Kern des Problems.
Rezeption bedeutet immer auch Exzerpt/Montage (zuweilen Geschichtsklitterung, allerdings ästhetisch abgefedert) oder ideologische Zuspitzung.
Hier setzt mein erster Kritikpunkt ein:
Viele Vertreter des neurechten Diskurses (die Antikenrezeption als gefälliges Beispiel) scheinen sich nicht im Klaren darüber zu sein, ob man nun einer ästhetisch-taktischen (Montage/Geschichtsklitterung – die Suche nach Bundesgenossen, zuweilen tatsächlich „nützlichen Idioten“...) oder eben einer ideologisch-strategischen Position folgen solle. Klar, der politische Gegner hat immer Gefangener seiner politischen Agenda zu sein, während man selber natürlich (ad infinitum?) taktisch agieren muß, wie zuletzt von Sellners Landsmann Lichtmesz in seinem Amerika-Artikel exemplifiziert.

Betrachten wir den strategisch-ideologischen Aspekt.
Seit geraumer Zeit ist festzustellen, wie die Antikenrezeption sich v.a. den Formen der Selbsttechniken widmet, zentral natürlich in Anlehnung an die späten Arbeiten Foucaults.
Zwei Pole nenne ich: Pierre Hadots unaufgeregtes, aber geniales Büchlein „Philosophie als Lebensform“, in dem er – auch als posthume Reaktion auf Foucault – die von Sloterdijk später so bezeichnete „Vertikalspannung“ in einem zentralen Kapitel als den in erster Linie gelassen-stoischen „Blick von oben“ interpretiert (aber auch hier gibt es Beobachter und kynische „Aufpasser“). Der bereits Genannte erläutert dieses Sich-in-Form-Bringen als eine spezifische Anthropotechnik, wobei er – in Anlehnung an die Thesen Plessners zu den Abstufungen der Durchlässigkeit von Grenzen – die Umgebung als das eindeutig Böse festmacht; sprach er doch schon in seinem Bändchen „Luftbeben“ im Ausblick davon, „daß Leben nicht so sehr durch Teilhabe am Ganzen sich im Dasein hält, sondern sich mehr noch durch Selbstschließung und selektive Teilhabeverweigerung stabilisiert.“ Man habe sich „von einer phantasmatischen Ethik der universalen friedlichen Koexistenz auf eine Ethik der Interessenwahrung endlicher Einheiten umzustellen.“ Grenzen dicht? Hadot hingegen wußte noch von stoischen „Weltbürgern“ zu sprechen.

Taktischer Skeptizismus, strategischer Stoizismus?
Was bleibt, wenn nicht das „unglückliche Bewußtsein“, ohne wie zu Zeiten Kleists die katastrophisch-anekdotische Zuspitzung oder zu Zeiten Hebels die Auflösung in der langen geschichtlichen Dauer als mögliche Erlösung zu sehen? Eine knappe Generation später schien der „Sprung in den Glauben“ manchen noch die Rettung zu sein.
Und heute? Gut, Alexander Kluge und Heiner Müller mühten sich neben einigen anderen tapfer ab.

Auswege aus dem o.a. Dilemma erkenne ich nicht, zumal ich mich auch zwischen den politischen Lagern beheimatet sehe; durch Waldheim und Wackersdorf politisiert, sehe ich heute – entlang der Familienbiographien – einiges entschieden anders. Und den überzeugten Wienern Sellner und Lichtmesz sei gesagt: Hiddensee ist mir näher als Hütteldorf, Wien zudem keine Trutzburg des christlichen Abendlandes und der „unsterbliche Österreicher“ in Gestalt des weinerlich-aggressiven Wieners kein Kreuzritter.
Radikale Selbstkritik ist für mich immer noch die Tugend einer (marginalisierten) undogmatischen Linken.

Oder folgen wir – uns zum Ausgangspunkt der Antikenrezeption zurückwindend – wieder einmal dem Ansatz Franz Borkenaus, indem wir die historischen Schichten familiärer „Urverbrechen“ (wie der Salfranken/Merowinger für das Nibelungenlied oder eben des thebanischen Königshauses für den Ödipus-Mythos) freilegen?
Gründen läßt sich darauf nichts, aber intellektuell ist es vermutlich ersprießlicher als endzeitmäßig mit allem zu brechen.
Als Borkenaus nachgelassenes Werk „Ende und Anfang“ erstmals ediert wurde, man die sogenannte zweite Asylwelle breit diskutierte (und manche vom „Völkermord an den Deutschen“ glaubten raunen zu müsssen), erschien ein vielgelesener historischer Roman einer DDR-Autorin, der der Endzeitstimmung der ersten Hälfte der 80er geschuldet war und aus radikalfeministischer Sicht der Kontinuitätstheorie der „Aeneis“ (in Person des Flüchtlings Aeneas) eine strenge Abfuhr erteilte.
In ohnmächtiger Machtnähe ungehört recht behalten, ausharren und sterben oder flüchten...
K.s Dilemmata.

quarz
23. August 2018 07:42

@links ist ...

Dazu muss ich spontan an Loriot denken: "Was ist los?!"
Wie wär's mit einer schlichten These (gerne auch ohne Namedropping) oder gar einem ebenso schlichten Argument? Ich zumindest könnte damit mehr anfangen als mit einem Jargongewebe von Anrissen und Andeutungen.

Maiordomus
23. August 2018 08:51

@links mit dem Daumen und an alle: Ja, es geht um das "Wiedererringen" (nicht Wiederringen, wie ich am 20. Aug. fehlformulierte) eines einmal erreichten zivilisatorischen Niveaus. Dabei muss man sich davor hüten, in Form "ästhetisch-taktischer Geschichtsklitterung" lediglich nach Bundesgenossen zu suchen, wie es einst der zwar sprachmächtige, aber wie der ebenfalls sehr gebildete Lenin rein selektiv recherchierende Alfred Rosenberg gehandhabt hat. So sollten wir es definitiv nicht machen. Die Herausforderung durch die Antike aber bleibt bestehen, wobei hier noch an den Namen Ernst Robert Curtius zu erinnern ist, vor gut 100 Jahren einer der wohl bedeutendsten Vermittler. Noch zu anerkennen bleibt der heute in der "Weltwoche" gelobte Kultur-Konservativismus einer Sarah Wagenknecht, die angeblich beide Teile des Faust auswendig kann, was ich bis zum Beweis des Gegenteils in Zweifel ziehe. Es bleibt wichtig, dass Bildung nicht zu einem Jahrmarkt der Eitelkeit verkommt, sondern dass man in der Tat zu den Grundlagen unserer Kultur zurückkehrt und von da aus erneuernd aufbaut. Dabei sind jedoch die Schulen derzeit, die Hochschulen inbegriffen, in einer seit Jahrhunderten nie gekannten Krise. Nie war die Gefahr, dümmer zu werden als man ist, grösser als heute, wozu freilich das Netz als vermeintlich oder faktisch wichtigste Informationsquelle beitragen kann: zu letzterem ist zu sagen, dass es denjenigen, der schon gutes Vorwissen hat, klüger machen kann, jedoch diejenigen ohne Vorwissen eher verdummt.

@Nemesis. Ich bin überzeugt, wir würden uns in einem persönlichen Austausch gut verstehen. Was etwa das stets problematische Verhältnis zwischen germanischem Erbe und Christentum betrifft, erinnerte ich an das über das von ihm gegründete Kloster Reichenau vermittelte Missionsbüchlein "Scarapsus" des Bischofs Pirmin (724), wo wir uns über die Unterdrückung des germanischen Erbes mit allerdings neuer Aneignung direkt schlau machen können. Darüber wurde ich übrigens 1975 als Philologe geprüft, hätte damals noch nicht gedacht, wie wichtig ein so entlegener Text für das Verständnis unserer Kultur noch im 21. Jahrhundert werden kann. Voraussetzung meiner Kenntnis war aber schon damals die Kundigkeit im Lateinischen, Gotischen und Althochdeutschen, was bei den Brüdern Grimm sowieso die Basis für einen Philologen war, sie kannten freilich auch die slawischen und anderen indogermanischen Sprachstufen. Im Sinne von Heidegger ist die Sprache selber stets die fundamentale Nachricht über das jeweilige "Seinsverständnis". Daran muss gearbeitet werden, damit wir nicht bloss in eine "ästhetisch-taktische Geschichtsklitterung" verfallen. Heideggers Tiefenanalyse, die Sprache betreffend, auch das tägliche Gerede und das "Man" ist und bleibt weit bedenkenswerter als seine jeweiligen Tagesmeinungen, auch diejenigen zu den Jahren 1933/34. Dabei ist zu respektieren, dass Heidegger seine Vorlesung über den Staat nicht mehr hielt, sondern sich als Professor ab 1934/35 konsequent auf Grundlagenarbeit zurückzog. zum Beispiel Hegels "Logik" betreffend sowie Nietzsche und Hölderlin. Für die mir noch persönlich bekannt gewesenen Gelehrten aus der Generation Heideggers und noch später (meist Schweizer, die kurzfristig mit der Nationalen Front sympathisierten) waren zumal die Ereignisse um den 30. Juni 1934, das faktische Ende der konservativen Revolution in Deutschland, traumatisch geworden. Eine Möglichkeit, sich in eine Nische zurückzuziehen, durchaus mit Substanzgewinn, war in Deutschland dann die Philologie und das Studium der älteren Literatur. Dies hat mir zum Beispiel der Kirchenhistoriker Kurt Goldammer bestätigt, so wie in der DDR mein verstorbener väterlicher Freund Siegfried Wolgast über Jahrzehnte auf bewundernswerte Weise eine geistige Position gehalten hat. Die Art, wie er für das damalige Publikum der DDR die Zeit der Reformation rezeptionsfähig gemacht hat, war trotz einiger wissenschaftlicher Schwächen (man warf ihm teilweise Plagiate vor), unter den damaligen Arbeitsbedingungen bewundernswert. (Selber störte es mich überhaupt nicht, dass vor etwa 35 Jahren ein polnischer Germanist unter Bedingungen des Kommunismus meine Dissertation mehr oder weniger abgeschrieben hat, schon fast im Gegenteil.)

Maiordomus
23. August 2018 09:23

@Nemesis und vor allem"links". Ihre letzten Ausführungen enthalten etwas viel raunende Andeutungen, was vielleicht Leser verwirrt. Noch konsequent und allgemeinverständlich finde ich die hier geführte Debatte, so weit es um die "Aneignung des Eigenen" geht, was eben Auseinandersetzung mit Germanischen, Christlichem, Reformation, den Klassikern bedeutet, bis hin zu Sarah Wagenknecht, welche angeblich den gesamten Faust I und II auswendig kann oder gekonnt hat. Letzteres verstehe ich freilich nicht primär unter "Aneignung".

Ihre Hinweise, @links, auf Pierre Hadot, Plessner, Hiddensee und Hüttlerdorf überrumpeln den Leser wahrscheinlich noch stärker als mein kürzlicher Verweis auf das Missionsbüchlein des heiligen Pirmin von 724, dessen Bedeutung als Kampf gegen das Germanische und zugleich dessen Neuaneignung ich kurz zu erklären versuchte. Es bleibt dabei, dass Sellner hoffentlich nicht nur als Instrumentalisierung gemeinter Appell, bei den Griechen in die Lehre zu gehen, tiefer reicht als der Verweis auf Hiddensee, Hütteldorf und Borkenau. Wir müssen zum Elementaren zurück, was deutsches Geschichtsbewusstsein betrifft wohl auch zur Reformation: Bandbreite Luther - Thomas Müntzer - Sebastian Franck, die wir wohl nicht mit den Appellen von Bedford-Strohm oder wie er heisst verwechseln. Darum verwies ich auf den im Vorjahr verstorbenen Siegfried Wolgast aus Dresden. Vor 35 Jahren kaufte ich erstmals ein Buch von ihm in einer deutschen Buchhandlung in Budapest. Er verstand es wie wenige, das Gedankengut der deutschen Reformation auch für "Ungläubige" verständlich zu machen. Für mich ein Beispiel für modernen Humanismus, wie wir ihn heute pflegen sollten.

Maiordomus
23. August 2018 09:46

Es muss heissen: S e l l n e r s Appell, bei den Griechen in die Lehre zu gehen. Die Tagesgrössen veralten im Takt der Saison, die Griechen bleiben immer jung. Schon bei Lenin fand ich es nicht falsch, dass er in Zürichs Zentralbibliothek und in Berns Nationalbibliothek noch am Vorabend seiner Revolution, 1916/17, bei Heraklit, dem Dunklen von Ephesus, in die Lehre gegangen ist.

Nemesis
23. August 2018 12:14

@Maiordomus
Ganz herzlichen Dank für Ihre Anregungen und Lektürevorschläge.
Ich bin mir ebenfalls sicher, daß dies ein ein sehr interessanter und fruchtbarer Austausch sein würde.

Einen eminent wichtigen Punkt sprechen Sie aus meiner Sicht mit der Sprache an:
Die Bedeutung der Sprache ist mir erst richtig nach dem Lesen Victor Klemperers Lingua Tertii Imperii (LTI) klargeworden, in der er ja als Philologe die Veränderung der Sprache nicht in der Diktatur, sondern die Veränderung dieser als Vorbereitung zur Diktatur beschreibt. Ich vermute das dies Heidegger mit dem von Ihnen zitierten Satz gemeint hat, daß "Sprache selber stets die fundamentale Nachricht über das jeweilige "Seinsverständnis" sei (wie gesagt ich bin leider kein Geisteswissenschaftler).
Daraus ergibt sich für mich dann aber logischerweise auch der Schluß, das dies auch in Umkehrung gilt: Das Seinsverständnis wird dann über die Sprache bestimmt bzw. dann eben auch manipuliert.

Ein ernstes Problem ist, daß durch die Einpressung in dieses hochgetaktete technologische System immer weniger Freiraum gelassen wird, sich überhaupt mit solchen fundamentalen Fragen beschäftigen zu können: Erledigung durch Arbeit.
In meiner Umgebung erlebe ich es z.B. so, daß das Materielle zunehmend gegen das Geistige in Stellung gebracht wird.

Was das "raunen" anbelangt:
Gut, daß Sie mir diesbezüglich Rückmeldung geben. Nichts liegt mir ferner, als "raunen" zu erzeugen. Möglicherweise liegt es daran, daß ich als Ingenieur andere Beschreibungsebenen verwende, die Sie als Geisteswissenschaftler als unscharf empfinden.
Whitehead hat schon um 1900 auf die sich abzeichnende Zerstörung der Gesellschaft aufgrund einer immer weiter vorangetriebenen Spezialisierung der Berufsgruppen und der
sich daraus ergebenen Unfähigkeit der Verständigung aufmerksam gemacht.
Ich merke das auch bei mir selber: Manchmal muß ich etwas mehrmals lesen (oder Rückfragen), weil bestimmte Wörter für mich eine andere Bedeutung haben, als für jemand
der aus einem gänzlich anderen Bereich kommt.
Dem läßt sich aber abhelfen: Bei Interesse einfach Rückfragen.

Maiordomus
23. August 2018 13:58

@Nemesis. Ja, Whitehead könnte eine Schnittmenge bilden im Dialog zwischen Technikern und Geisteswissenschaftern, würde ihn in Übereinstimmung mit Popper höher einschätzen als die meisten sog. Existenzphilosophen seiner Generation. Dabei merkte Whitehead an: "Die Geschichte der Philosophie besteht aus Fussnoten zu Platon." Der letztere Satz passt wieder gut zum Gesamtthema dieser Gesprächskolonne.

links ist wo der daumen rechts ist
23. August 2018 14:33

@quarz
Ja, gut.

Was dem dogmatischen Linken die Faschismuskeule, ist halt dem durchschnittlichen deutschen Bildungsbürger wahlweise "sein Goethe" (Ihr Zitat) oder „sein Loriot“; kann man nicht ändern, aber der Beifall ist einem in letzterem Fall immer sicher. Und immer noch besser als Max Goldt.

Eine These habe ich, perdon, natürlich vertreten, im Gegensatz zu sehr vielen Kommentatoren hier, mag sie auch hanebüchen sein. Für Sie gern Loriot-gemäß wiederholt:
Manche Theoretiker im neurechten Lager scheinen vor lauter Taktik-Bäumen den Strategie-Wald nicht mehr zu sehen. Dem Gegner werden selbstverständlich schlüssige Strategien unterstellt (wirkt manchmal in personeller Zuspitzung wie eine Mischung aus Shylock und Blofeld), im eigenen Lager wirken abgerundete Strategien dann doch manchmal, tja, wie von Loriot ersonnen.
Oder man huldigt weiterhin der Halbprophetie eines Houellebecq (Taktik), sieht sich aber in der Rolle eines raunenden Propheten (Strategie).

Auswege aus dem von mir skizzierten Dilemma?
Gibt es nicht – oder Sie sind gezwungen Realpolitik zu machen, dazu studieren Sie bitte die Biographien von z.B. Helmut Schmidt oder F.J. Strauß. Uns Normalsterblichen würde man postwendend zumindest eine bipolare Störung attestieren.
Wie Nicht-Vollblutpolitiker agieren, können Sie an den Vertretern der gegenwärtigen österreichischen Regierung studieren.

Und zum Namedropping:
Jo mei, im Kommentarteil muß man sich einschränken, da sollten die dezenten Namenshinweise oft genügen.
Wenn man allerdings die antiken Selbsttechniken thematisiert, setze ich die Kenntnis der Werke von Foucault, Hadot und meinetwegen Sloterdijk halbwegs voraus.
Plessner halte ich – im Gegensatz zum in die Debatte geworfenen Alfred Rosenberg – für kanonisch. Und Borkenau dürfen Sie gern unter Literaturtipp verbuchen.

Alles andere kann unser helvetischer Freund – v.a. auch in Kombination der an mich gerichteten Vorwürfe – um Klassen besser, wobei ich zerknirscht zugestehen muß, daß ich von einem Missionsbischof Gallus Bernhard Steiger noch nie etwas gehört habe.
Ich erdreiste mich zu zitieren:

Über diese Auffassungen hinaus gelangte dann aber im 20. Jahrhundert der Schweizer Missionsbischof Gallus Steiger (1880 - 1966), der auf höchst verdienstliche Weise und durchaus als Kritiker der britischen Kolonialmacht, übrigens als Nachfolger deutscher Missionsbischöfe in Daressalam eine Suaheli-Grammatik veröffentlichte, mit endlichem Respekt vor den afrikanischen Sprachen. In seinem Missionskonzept war die Verlegung der Afrikaner als Fachkräfte nach Europa nicht vorgesehen, eher umgekehrt, wenn schon. Im Allgemeinen herrscht bei der Analyse solcher Probleme nicht selten ein flächendeckender Mangel an Grundwissen. Bischof Gallus Bernhard Steiger war in der Schweiz ein wunderkindhafter Spitzenschüler in Latein und Griechisch gewesen, konnte schon mit 14 Jahren lateinische Aufsätze schreiben, die dann an der Landesausstellung 1894 in Genf präsentiert wurden. Dort lernte er auch ein sogenanntes "Negerdorf" mit "Völkerschau" kennen, was ihn dann veranlasste, Missionar zu werden in Deutsch-Ostafrika. Die dortigen Ureinwohner waren für ihn nicht im negativen Sinn Barbaren, wiewohl er mit der Einführung von Kirchenuhren das abendländische Verhältnis zu Zeit und Pünktlichkeit zu vermitteln versuchte, eine Basis für die jedoch unterdessen weitgehend stehen gebliebene Revolutionierung der dortigen Welt. Ausser Homer und Sophokles und Sappho lohnt es sich durchaus, afrikanische Lyrik kennenzulernen, so vor kurzem vom Schweizer Exmissionar Al Imfeld, gest. 2017, in einem übersetzten dickleibigen Prachtsband herausgegeben.

Maiordomus
23. August 2018 16:15

@links. Wenn Sie glauben, ich hielte den Rosenberg für kanonisch, haben Sie mich völlig missverstanden, er war von Anfang an als Negativbeispiel mehr als gekennzeichnet. Als Tendenzhistoriker etwa auf dem Niveau von Lenin. Borkenau ist wie der von mir gern noch gern zitierte William S. Schlamm ein für den damaligen Zeitgeist wichtiger exlinker Renegat des Kalten Krieges, vom CIA unterhalten, und der bedeutende Gelehrte Plessner unweit von Ernst Wiechert in Erlenbach bei Zürich beigesetzt, sicher wie etwa Wiechert ein angesehener Name, aber in Ihrer Aufzählung zusammen mit Hiddensee und Hüttlersdorf verwirrend wirkend, es gibt Leser, die hier zwischen Namen und Orten kaum mehr unterscheiden können und was alle diese Aufzählungen bedeuten. Selbst bei Michel Foucault müssen Sie bei einer durchaus gebildeten konservativen Leserschaft damit rechnen, dass er mit Charles Foucault verwechselt wird. Aber selbst von diesen Gelehrten sind die meisten weitgehend vergessen, wenigstens in unserem Sprachraum. Von den Aufgezählten wird man sich in 30 Jahren sicher noch an M. Foucault erinnern, was aber selbst bei Sloterdijk nicht mehr als sicher angenommen werden kann, kein Vergleich nun mal zu antiken Autoren und absolut unvergesslichen Klassikern der Politik wie Machiavelli. Dass Gallus Steiger ein überragender Missionar war, im Gegensatz zu dem 1934 von Indios im Matto Grosso ermordeten Salesianer Johannes Fuchs, der das sog. Martyrium nachgerade gesucht hat und deswegen nicht seliggesprochen werden sollte, ist noch ein anderes Thema. Bedenkenswert bleibt das Buch von Al Imfeld "Mission am Ende", ausser dass ich den Buchtitel mit Fragezeichen versehen hätte. Für den ermordeten Missionar aber, der als absolut Unerwünschter ins Territorium der Ureinwohner eindrang, habe ich bestenfalls so viel und so wenig Achtung wie für den linken Pseudohelden Ernesto Che Guevara de la Serna, vom Namen her immerhin Nachkomme einer Familie mit Grossinquisitoren.

quarz
23. August 2018 16:28

@links ist ...

Ist wirklich nicht bös gemeint, aber: das ist mir zu glitschig. Nichts, was hinreichend präzise ist, um mir ein dialogisches Andocken zu ermöglichen. Ein Gedankenfragment hier, ein Assoziationssplitter dort, garniert - einmal mehr - mit Lektüreverweisen, hinter denen sich, so die Verheißung, dem kanonisch Versierten die fehlenden Puzzleteile entbergen. So wird das nichts. Liegt wohl am jeweiligen Sozialisationsjargon (Ihrem wie meinem). Aber vielleicht haben Sie ja bei anderen Rezipienten mehr Erfolg. Glück auf!

HomoFaber
23. August 2018 16:57

„ ... oder Sie sind gezwungen Realpolitik zu machen, dazu studieren Sie bitte die Biographien von z.B. Helmut Schmidt oder F.J. Strauß.“

Oder die eines CDU-Urgesteins:
https://sezession.de/59010/neue-regeln-fuer-ueberlaeufer

Maiordomus
24. August 2018 10:39

@links. Bei allem Respekt vor den von Ihnen genannten Autoren, die meistenteils Achtung verdienen, beachten Sie im Strang des ausgezeichneten Artikels von Herrn Kaiser über den Prager Frühling die von diesem eröffnete Debatte nicht so sehr über Ota Sik als über die Kafka-Tagung von 1963 und die im Blog zuletzt weitergeführten Ausführungen über Franz Grillparzer und Adalbert Stifter auch als Analytiker des "Nationalen". Diese beiden Autoren und Landsmänner möchte ich auch Martin Sellner auf seinem Weg zu weiteren Fortschritten zurück zu den Quellen der Erkenntnis unbedingt nahe legen.

links ist wo der daumen rechts ist
25. August 2018 22:07

@quarz

Ich habe ja schon bemerkt, daß man sich im Kommentarteil, den ich als Prokrustesbett sehe, in das man sich freiwillig legt, immer zu beschränken habe.
Bei manchen werden kurze Anmerkungen oder Zitate zerdehnt und aufgebläht, für andere sind ihre schweren Herzens in die Welt entlassenen „Co-Referate“ immer schon Kurzfassungen (ganz ohne Koketterie); ob dann der Kopf oder ein Fuß fehlt...

Meine Ausführungen seien zu glitschig? Und ich hätte gehofft, daß sich doch ein paar Widerhaken in meinem Text fänden, oder besser: Enterhaken. Wollen Sie nicht, wenn Sie schon nicht „dialogisch andocken“(?) können, meine lahme Fregatte entern und unter Ihrer eigenen These segeln?
Nur zu, hier haben Sie es ja auch versucht – und auch eine Art von Dialog (in Ihrem Sinne?) schien zustandezukommen:
https://sezession.de/59290/ist-deutschland-zu-weiss-2#kommentare

Ich bin jetzt leider kein Evolutions-Experte in Sachen „Entweißung und damit IQ-Senkung“.
Und ehe Ihre Debatte zu glitschig, äh schlüpfrig wurde, gab Ihnen Kollege @Nemesis – zu seiner Ausgangsthese zurückkehrend - doch ein bißchen Kontra, ich zitiere:

Was den IQ angeht, würde ich mich nicht auf den Tanz um das goldene Kalb der Quantifizierbarkeit einlassen. Das ist aus meiner Sicht lediglich eine der typischen Kenngrößen, die die Obsession einer allumfassenden Kontrollillussion widerspiegelt. Sie sehens ja an der exorbitanten Zunahme dieser Parameter: Pisastudien, Evaluationen, Impactfaktoren,...
Sie dienen eher der Formatierung und Gleichschaltung, denn einer brauchbaren Aussage.

Im übrigen ganz meine Meinung.

Und mit unserem unterschiedlichen „Sozialisationsjargon“ haben Sie natürlich vollkommen recht.

links ist wo der daumen rechts ist
25. August 2018 23:10

@ Maiordomus

Ja, dank für den Hinweis im Nachbarthread auf die berühmte Kafka-Konferenz und den Schwenk zu Grillparzer. Aber wenn schon die beiden Stichworte genannt werden, dann muß einfach eine scharfe Flanke von links kommen; Sie wissen was gemeint ist: natürlich Ernst Fischers Grillparzer-Essay, hier in der Fassung von 1962:
https://www.grillparzer.at/materialien/fischer.shtml
Und Grillparzer, der „zwei Fremden und keine Heimat“ hatte, läßt sich – auch in seinem berühmtesten Zitat - von keiner Seite vereinnahmen.

links ist wo der daumen rechts ist
26. August 2018 01:19

@HomoFaber

Den von Ihnen verlinkten SiN-Artikel hatte ich damals aufmerksam gelesen.
Erstaunt war ich über den Selbstdynamisierungsschub von Metaphern (vergleiche den letzten Absatz) und verwundert darüber, daß subkutane Arbeit (eigentlich doch DAS rechte Projekt) sich zwingend in Parteipolitik und damit standardisierten Phrasen verlieren müsse. Tatsächlich?
Ein Hermann Lübbe (immerhin umstrittener und anerkannter Professor) z.B. hat den Vergangenheitsdiskurs mit Verzögerungsfaktor (empörte Ablehnung – selbstverständliche „immer-schon“-Akzeptanz) nachhaltiger verändert, als das ein Björn Höcke jemals zu tun vermöchte.
Nein, wirklich subkutane Arbeit bedeutet für mich ganz etwas anderes. Es sind doch gerade die „randständigen“ oder „anstößigen“ Publikationsplattformen, die mittels „Reiz des Verbotenen“ eine scheinbar festgefahrene Weltsicht zum Wanken bringen. Und das nicht erst, seit viele Linke heimlich die „Sezession“ oder Publikationen des Antaios-Verlages lesen; wie viele hatten denn nicht das komplette Programm des Matthes&Seitz- oder des Karolinger-Verlages usw. zuhause? Wer las denn nicht heimlich Jünger (beide Brüder) oder Drieu la Rochelle oder, etwas näher, mit Genuß Laszlo Földenyis Abrechnung mit Herrn Diederichsen?

Aber das prinzipielle Dilemma scheint mir natürlich ähnlich unauflösbar wie das von mir weiter oben beschriebene Strategie-Taktik-Spiel.

Zum Abschluß all dieser OT-Exkurse:

Mehr als etwaige Urgesteine (die dann als „lebende Fossile“, zumal in Österreich, bewundert werden?) interessieren mich die jeweiligen "Abweichler" in einer Partei, deshalb sei an einen von ihnen erinnert:
Paul Wilhelm Wenger, zeitweilig CDU-Parteimitglied, Mitbegründer des „Rheinischen Merkur“, v.a. aber berühmt-berüchtigt geworden durch seine „Rede von Tauberbischofsheim“ 1958, in der er eine preußisch-polnisches Föderation vorschlug, um zumindest einen Teil der deutschen Ostgebiete zu retten. Was schlug dem Mann für ein Haß entgegen, er galt in den eigenen Reihen als Landesverräter. Alle anderen hatten die Ostgebiete – allen volltönenden Phrasen zum Trotz - zwar längst abgeschrieben, was von Kohl dann 1990 nur noch kaltblütig exekutiert wurde, aber der Feind war benannt.
Dem „Spiegel“ war er damals – mit kaum gebändigter Schadenfreude – gleich ein Interview wert:
https://www.spiegel.de/spiegel/print/d-41761469.html

Gestossen bin ich auf Wenger als Autor eines Büchleins, in dem er sich mit Moltke dem Älteren befaßt, der bekanntlich darüber zerbrach, daß dem ersten Krieg gegen Frankreich kein zweiter folgte, um die deutsche Hegemonie über Europa endgültig zu sichern; wieviel wäre uns erspart geblieben...

Zwei hellsichtige, „realpolitische“ Köpfe, beide mit ihren Ansichten gescheitert.

Für diesen Beitrag ist die Diskussion geschlossen.