Der »Prozeß der Wiedergeburt« 1968 – Frühlingserwachen in Prag

Am 50. Jahrestag des Einmarschs der Sowjet-Truppen in Prag geben wir Kaisers Artikel aus der 84. Sezession wieder (hier als PDF downloaden).

Benedikt Kaiser

Benedikt Kaiser ist Politikwissenschaftler und arbeitet als Verlagslektor.

Am Mor­gen des 21. August 1968 notier­te der deut­sche Schrift­stel­ler Erwin Stritt­mat­ter fas­sungs­los in sein Tage­buch, daß die Tsche­cho­slo­wa­kei in der Nacht von Trup­pen des War­schau­er Pak­tes besetzt wor­den war. Er, der einst­mals so viel Hoff­nung in einen deut­schen respek­ti­ve ost­eu­ro­päi­schen Weg zum Sozia­lis­mus setz­te, befand sich inzwi­schen im Sta­tus poli­ti­scher Niedergeschlagenheit.

War der Tyrann Sta­lin auch 1953 gestor­ben – sein Geist, das unter­strich der Ein­marsch der Sowjet­truppen samt Ver­bün­de­ter, leb­te wei­ter in den Mili­tär- und Par­tei­bü­ro­kra­tien der Mos­kau­er Ein­fluß­zo­ne. Ein Grau­en war dies für alle Geg­ner des Regimes, aber auch für alle eins­ti­gen Sym­pa­thi­san­ten, denen die Aus­sicht auf ein bes­se­res Mor­gen aus­ge­rech­net von den ehe­ma­li­gen Genos­sen und gera­de nicht durch kapi­ta­lis­ti­sche Ant­ago­nis­ten des Wes­tens genom­men wurde.

Stritt­mat­ter – zu die­sem Zeit­punkt noch Sozia­list und sich dem Mut­ter­schiff des sowje­ti­schen »Wir« zuge­hö­rig füh­lend – zeig­te sich kon­ster­niert, »wie mit­tel­al­ter­lich der gan­ze Sta­li­nis­mus ist«, der vor allem in Prag einem alter­na­tiv-sozia­len Auf­bruch ein Ende setz­te: »Wir, die Glau­ben­den, sind die Engel, die Den­ken­den sind die Ket­zer und die ande­re Ansich­ten haben als wir – sind die Teufel.«

Es war dies eine Fest­stel­lung, die auf jedes tota­li­tä­re Sys­tem zutrifft – was man gewiß auch vor 1968 schon wis­sen konn­te. Doch den Grad der Ent­täu­schung Stritt­mat­ters und vie­ler ande­rer Sozia­lis­ten ver­steht man nur, wenn man in die Stim­mung der Auf­bruchs­zeit um 1968 ein­taucht, die unter dem Signum »Pra­ger Früh­ling« fir­miert. Der Wir­kungs­schwer­punkt die­ser Stim­mung war zwar expli­zit die tsche­cho­slo­wa­ki­sche Haupt­stadt Prag, sie strahl­te aber eben­so nach Ost-Ber­lin und War­schau, nach Buda­pest und Bel­grad aus – und wur­de gera­de des­halb so rück­sichts­los durch die rus­si­sche Bre­schnew-Füh­rung und ihre neo­sta­li­nis­ti­schen Kader in der mit­tel- und ost­eu­ro­päi­schen Staa­ten­welt bekämpft.

Dabei ist evi­dent, daß Ereig­nis­se, die sich voll­zie­hen, vor­her geis­tig bereits Form anneh­men müs­sen. In moder­nen Gesell­schaf­ten wird, in Anleh­nung an Anto­nio Gram­scis Hege­mo­nie­theo­rie, ein Kampf um Begrif­fe und Deu­tungs­ho­hei­ten aus­ge­tra­gen. Für jede grund­le­gend argu­men­tie­ren­de Grup­pe ist es unver­zicht­bar, vor einem poli­ti­schen Wech­sel die Deu­tungs­macht über Begriff­lich­kei­ten und inhalt­li­che Schwer­punkt­le­gun­gen zu gewinnen.

Die »kul­tu­rel­le Hege­mo­nie« geht der »poli­ti­schen Hege­mo­nie« und rea­ler poli­ti­scher Gestal­tungs­macht vor­aus, und eben­die­ser Wan­del in der Men­ta­li­tät des Vol­kes, zunächst über Akzent­ver­schie­bun­gen im vor­po­li­ti­schen Raum, voll­zog sich in der Tsche­cho­slo­wa­kei zuguns­ten der spä­ter als Refor­mer bezeich­ne­ten Inter­es­sen­grup­pen in den Jah­ren vor der Zäsur von 1968.

Ein Bei­spiel für die Prä-68-Umwäl­zung der poli­tisch-ideo­lo­gi­schen Vor­stel­lun­gen ist Ján Kadárs Film Obžal­o­vaný (Der Ange­klag­te, fer­tig­ge­stellt 1964), in dem ein hoff­nungs­fro­her Sozia­list, der die Theo­rie der Gerech­tig­keit und der frei­en Gesell­schaft ernst nimmt, mit dem Sys­tem­ap­pa­rat zusam­men­stößt und begrei­fen lernt, daß Par­tei­mo­ral und Regi­me­zy­nis­mus den »Ver­rat der Revo­lu­ti­on«, nicht aber ihre Ver­wirk­li­chung bedeuten.

Ein Skript, das einen an Erwin Stritt­mat­ters Roman Ole Bien­kopp erin­nern läßt, das inter­es­san­ter­wei­se zur sel­ben Zeit wie Obžal­o­vaný ent­stand und eben­falls den Kampf eines an Idea­le glau­ben­den Sozia­lis­ten gegen die Wind­müh­len des rea­len Büro­kra­ten­re­gimes plas­tisch darstellt.

Ein wei­te­res Bei­spiel stellt die Franz-Kaf­ka-Kon­fe­renz im Mai 1963 in Lib­li­ce dar. In der Nähe von Prag kon­fe­rier­ten Lite­ra­tur­wis­sen­schaft­ler zum Werk des Pra­ger Schrift­stel­lers, der für die kom­mu­nis­ti­sche Nomen­kla­tu­ra bis dahin – und auch dar­über hin­aus – ein bour­geois-indi­vi­dua­lis­ti­sches rotes Tuch ver­kör­per­te. Edu­ard Gold­stü­cker beton­te einen den Ost-West-Gegen­satz über­win­den­den Geist, der Kaf­kas Werk innewohne.

Das war in Zei­ten des Antonín Novot­ný-Regimes eine expli­zi­te Pro­vo­ka­ti­on, die nur davon über­trof­fen wur­de, daß über Ent­frem­dung und die Gene­se des Selbst in der sozia­lis­ti­schen Gesell­schaft debat­tiert wur­de, ja daß von Gold­stü­cker Kaf­ka gegen illu­sio­nä­res Den­ken und »-ismus«-Ausrichtung in Stel­lung gebracht wur­de – eine unver­kenn­ba­re Kri­tik der real exis­tie­ren­den sozia­lis­ti­schen Depravation.

Dies wur­de inner- und außer­halb der Tsche­cho­slo­wa­kei durch­aus so wahr­ge­nom­men. Alfred Kurel­la, graue Emi­nenz der DDR-Kul­tur­funk­tio­nä­re, griff bei­spiels­wei­se die Pra­ger Intel­lek­tu­el­len im Ost­ber­li­ner Sonn­tag scharf an. Die Kon­fe­renz von Lib­li­ce sei »nicht die Schwal­be eines Früh­lings, son­dern eine Fle­der­maus« – die Wen­dung vom Früh­ling als Meta­pher für Auf­bruch und Neu­be­ginn im sozia­lis­ti­schen Osten war also damals schon in Grund­zü­gen bekannt.

Auch jen­seits der Lite­ra­tur­sphä­re war eini­ges in Bewe­gung. Um den Pra­ger Phi­lo­so­phen Rado­van Rich­ta ent­wi­ckel­te eine For­schungs­grup­pe ein reform­so­zia­lis­ti­sches Bild einer neu­en Gesell­schaft, deren Gene­se sich auf Basis einer wis­sen­schaft­lich-tech­ni­schen Revo­lu­ti­on voll­zie­hen wür­de. Mit Marx über Marx hin­aus – das führ­te Rich­ta zur The­se, daß die mate­ri­el­le Basis der Gesell­schaft sich auf­grund der rasant wan­deln­den Pro­duk­ti­ons­ver­hält­nis­se im Rah­men des tech­ni­schen Fort­schritts in bis­her unvor­stell­ba­rer Wei­se ver­än­dern würde.

Die Fol­ge wäre die Selbst­er­mäch­ti­gung des Men­schen, eine Revo­lu­ti­on der Lebens­ver­hält­nis­se, vor allem aber der Arbeits­welt. Rich­ta for­mu­lier­te in sei­nem 1966 ver­öf­fent­lich­ten Rich­ta-Report (dt. 1971) die heu­te mehr denn je aktu­el­le The­se, daß Auto­ma­ti­sie­rung in Fol­ge des Wan­dels der Arbeits­welt nicht nur die Mehr­zahl der Arbeits­plät­ze über­flüs­sig wer­den, son­dern auch eine neue Schicht von Wis­sen­schaft­lern und Exper­ten ent­ste­hen lie­ße, die in ver­ant­wort­li­che Posi­ti­on gelang­te, weil sie über das nöti­ge Know-how ver­füg­te, den neu­ar­ti­gen Pro­duk­ti­ons­pro­zeß zu beherrschen.

Rich­ta hat in die­sem Kon­text sozia­lis­ti­sche, wis­sen­schaft­li­che und kyber­ne­ti­sche Ele­men­te mit­ein­an­der ver­wo­ben; er leg­te damit im »Bereich der Gesell­schafts­theo­rie« die »wich­tigs­te Pro­gramm­schrift des Pra­ger Früh­lings« (Mar­tin Schul­ze Wes­sel) vor.

Der »Sozia­lis­mus mit mensch­li­chem Ant­litz«, der zum geflü­gel­ten Wort wer­den soll­te, wur­de im übri­gen von eben­je­nem Rado­van Rich­ta kre­iert, der indes­sen nach 1968 zu den reak­tio­när-par­tei­kom­mu­nis­ti­schen Restau­ra­to­ren überlief.

Neben den lite­ra­ri­schen (Kadár), kul­tu­rel­len (Kaf­ka-Kon­fe­renz) und gesell­schafts­kri­ti­schen Ebe­nen (Rich­ta-Report) ist als vier­tes Fall­bei­spiel (unter vie­len wei­te­ren) für die meta­po­li­ti­sche Reso­nanz­raum­ver­schie­bung in der tsche­cho­slo­wa­ki­schen Hemi­sphä­re die For­schungs­leis­tung Ota Šiks anzu­füh­ren, der wirt­schafts­theo­re­tisch an einer hege­mo­nia­len Wen­de im sozia­lis­ti­schen Dis­kurs arbeitete.

Der ange­se­he­ne Öko­nom war Direk­tor des Aka­de­mie-Insti­tuts für Wirt­schafts­wis­sen­schaf­ten, aber auch Mit­glied des Zen­tral­ko­mi­tees der Kom­mu­nis­ti­schen Par­tei, so daß er selbst eine Schnitt­stel­le von Theo­rie und Pra­xis verkörperte.

Es war Šik, der nach dem Schei­tern des Pra­ger Früh­lings das Schlag­wort vom »Drit­ten Weg« (jen­seits von Kapi­ta­lis­mus und sowje­tisch-büro­kra­ti­schem Sozia­lis­mus) popu­la­ri­sier­te. Vor 1968 konn­te er eini­ge Jah­re lang umfas­send an Reform­plä­nen arbei­ten, weil Anto­nin Novot­ný, sein Freund aus Jugend­ta­gen, Par­tei- und Staats­chef gewor­den war und ihn zu Refor­men »von oben« animierte.

Šik ging dar­über hin­aus, wob Markt­me­cha­nis­men (»Ware-Geld-Bezie­hun­gen«) in die star­re Wirt­schafts­auf­fas­sung der KP-Krei­se ein, ver­such­te eine Erneue­rung des Sozia­lis­mus durch eine behut­sa­me Schritt-für-Schritt-Wen­de her­bei­zu­füh­ren – und wur­de von Arbei­tern wie Jour­na­lis­ten bei die­sem ambi­tio­nier­ten, geschichts­träch­ti­gen Vor­ha­ben eupho­risch beglei­tet. Im Juni 1966 erreich­te Šiks Bemü­hung einen Höhe­punkt, als er auf dem Par­tei­tag vor über 2000 Gäs­ten – der nomi­nel­len Eli­te der CSSR plus Bre­schnew – gegen Nivel­lie­rung und ideo­lo­gi­schen Ega­li­ta­ris­mus wet­ter­te und umfas­sen­de Refor­men einforderte.

Nach die­sem Par­tei­tag wur­den Šiks Arbei­ten kri­ti­scher gewer­tet: Novot­ný war der Weg, den Šik ein­for­der­te, poli­tisch unan­ge­nehm, und von Bre­schnew kamen deut­lich unzu­frie­de­ne Signa­le. Im Janu­ar 1968 muß­te Novot­ný dann zunächst als Par­tei­chef und im März auch als Staats­chef zurück­tre­ten: Selbst die Hard­li­ner sahen, daß er dem Volk nicht län­ger ver­mit­tel­bar war, und dem­entspre­chend senk­te auch Bre­schnew sei­nen Daumen.

Und so kam noch ein­mal, für die Span­ne des Pra­ger Früh­lings unter Dub­cˇeks Füh­rung, Šiks Stun­de: Sei­ne Ideen wur­den hege­mo­ni­al in Medi­en und Poli­tik – er tour­te mit Vor­trä­gen durch Fabri­ken und Betrie­be, das Akti­ons­pro­gramm vom April atme­te erkenn­bar Šiks Geist, und die dar­in gefor­der­te Erhö­hung der Pro­duk­ti­vi­tät der Wirt­schaft war fol­ge­rich­tig an eine Abkehr von ega­li­tä­ren Grund­sät­zen gekop­pelt, wobei die sozia­lis­ti­sche Ord­nung durch Mit­ar­bei­ter­be­tei­li­gung und markt­wirt­schaft­li­che Ele­men­te deut­lich ver­än­dert wer­den sollte.

Die Beset­zung der Tsche­cho­slo­wa­kei im August 1968 erleb­te Šik in Bel­grad, er wur­de in Abwe­sen­heit durch Par­tei-Ortho­do­xie sei­ner Ämter ent­ho­ben. Šik ging ins Schwei­zer Exil, wo er eine Pro­fes­sur erhielt. Einer der maß­geb­li­chen Wort­füh­rer des fun­da­men­ta­len Wan­dels war damit Ende 1968 poli­tisch unschäd­lich gemacht.

Die blei­ben­de und bei­spiel­haf­te Leis­tung war jedoch die Ver­än­de­rung der Grund­stim­mun­gen der Gesell­schaft von 1960 bis 1968; eine Kärr­ner­ar­beit meta­po­li­ti­schen Bemü­hens in Uni­ver­si­tät, Medi­en und Betrie­ben, die den Pra­ger Früh­ling über­haupt ermög­lich­te, indem sie Reso­nanz­räu­me schuf, erwei­ter­te, umdeu­te­te und damit das ideel­le Start­si­gnal zum Auf­bruch gab.

Das for­mel­le Start­si­gnal zum Dra­ma von 1968 – die kul­tu­rel­len, ideel­len und gesell­schaft­li­chen Stim­mun­gen stell­ten nur den sub­ku­ta­nen Vor­lauf des Wan­dels dar – gab die tsche­cho­slo­wa­ki­sche Par­tei­spit­ze in Gestalt des Zen­tral­ko­mi­tees, das Novot­ný im Janu­ar als Par­tei­füh­rer ent­fern­te. Es setz­te »eine alles hin­weg­rei­ßen­de Dyna­mik« ein, »von der die Archi­tek­ten des Pra­ger Früh­lings selbst über­rascht und auch über­for­dert waren«, wie der Ost­eu­ro­pa-His­to­ri­ker Mar­tin Schul­ze Wes­sel in sei­ner Mono­gra­phie Der Pra­ger Früh­ling fest­stellt.

Die Archi­tek­ten – das waren weni­ger Oppo­si­tio­nel­le und schon gar kei­ne Fun­da­men­tal­op­po­si­tio­nel­len; die Archi­tek­ten waren sozia­lis­ti­sche Intel­lek­tu­el­le und Refor­mer inner­halb der Kom­mu­nis­ti­schen Par­tei und ihres loya­len Orga­ni­sa­ti­ons­netz­werks. Sie woll­ten den Reso­nanz­raum nut­zen, um einen »Sozia­lis­mus mit mensch­li­chem Ant­litz« als Gegen­bild zum Sys­tem auf­zu­bau­en, das sich unter Novot­ný nicht von allen Über­bleib­seln der sta­li­nis­ti­schen Ära lösen wollte.

Anfang Janu­ar 1968 folg­te als »Ers­ter Sekre­tär« der Kom­mu­nis­ti­schen Par­tei Alex­an­der Dub­cˇek. Der slo­wa­ki­sche KP-Chef woll­te durch Refor­men das sozia­lis­ti­sche Mit­ein­an­der grund­le­gend wan­deln und natio­na­le Auto­no­mie von Mos­kau erlan­gen. Dies führ­te zu spon­tan-authen­ti­schen, nicht gelenk­ten Begeisterungswellen:

Die Bevöl­ke­rung stütz­te mehr­heit­lich den Kurs ihrer Füh­rung, die durch den neu­en Staats­prä­si­den­ten Lud­vík Svo­bo­da kom­plet­tiert wur­de, der sei­nen Ein­stand mit einer Amnes­tie für poli­ti­sche Gefan­ge­ne gab. Ein Erlaß, der für die von den »Sláns­ký-Pro­zes­sen« 1952 – vor allem jüdisch­stäm­mi­ge Kom­mu­nis­ten, die teils in NS-Lagern geses­sen hat­ten, waren damals für Schein­ver­bre­chen abge­straft und ermor­det wor­den – nach­hal­tig ver­stör­te Gesell­schaft ver­gan­gen­heits­po­li­tisch kurie­rend wirkte.

Eben­falls kurie­rend wirk­te der Umstand, daß das auf zwei Jah­re aus­ge­leg­te »Akti­ons­pro­gramm« der KP, das am 5. April vom Ple­num des Zen­tral­ko­mi­tees ver­ab­schie­det wur­de, mit zen­tra­len Dog­men der real­so­zia­lis­ti­schen Staa­ten­welt bre­chen woll­te. Her­vor­zu­he­ben sind vor allem das Ende des Macht­mo­no­pols der KP in der Gesell­schaft und die Zulas­sung oppo­si­tio­nel­ler Frak­tio­nen, sogar orga­ni­sier­ter ehe­ma­li­ger poli­ti­scher Gefan­ge­ner im Klub »K‑231«, die Erlaub­nis von Pri­va­ti­sie­run­gen klei­ner und mitt­le­rer Betrie­be, Rede- und Ver­samm­lungs­frei­heit und die föde­ra­le Neu­glie­de­rung des Ver­hält­nis­ses zwi­schen Tsche­chen und Slowaken.

Mag dies für heu­ti­ge Maß­stä­be banal klin­gen, war es damals ein unver­hoh­le­ner Affront gegen die eige­nen restau­ra­ti­ven Kräf­te, gegen die »sozia­lis­ti­schen Bru­der­län­der«, gegen die Sowjet­uni­on. Und die­se Mäch­te nah­men das auch genau so wahr, zumal am 24. April sei­tens der tsche­cho­slo­wa­ki­schen Reform­füh­rung nach­ge­legt wur­de: In einer Regie­rungs­er­klä­rung erklär­te man eine Par­tei­re­form, ver­kün­de­te die Auf­he­bung der rigi­den Pres­se­zen­sur und ver­sprach die im Akti­ons­pro­gramm ent­hal­te­nen Reiseoptionen:

Tau­sen­de Tsche­chen und Slo­wa­ken besuch­ten west­eu­ro­päi­sche oder dis­si­dent-sozia­lis­ti­sche Län­der wie Jugo­sla­wi­en, im Gegen­zug kamen bei­spiels­wei­se sude­ten­deut­sche Ver­trie­be­ne für Visi­ten nach Karls­bad oder Mari­en­bad. Die Zustim­mungs­wer­te für die KP-Regie­rung – die Tsche­cho­slo­wa­kei die­ser Zeit war einer der Moto­ren der Demo­sko­pie – erklom­men unge­ahn­te Höhen.

Die »alles hin­weg­rei­ßen­de Dyna­mik« wur­de noch bestärkt durch das »Mani­fest der 2000 Wor­te« des Intel­lek­tu­el­len Lud­vík Vacu­lík und ihm nahe­ste­hen­der Publi­zis­ten. Wur­de bis­her von oben refor­miert, ohne aber essen­ti­el­le Grund­la­gen der sozia­lis­ti­schen Herr­schaft zu negie­ren, kamen nun For­de­run­gen auf, Ver­än­de­run­gen jen­seits der KP und ihrer For­ma­tio­nen zu wagen.

Bre­schnew reagier­te mit einem Anruf bei Dub­cˇek: Er for­der­te den Ein­satz par­tei­loya­ler Volks­mi­li­zen gegen die »Kon­ter­re­vo­lu­ti­on«, die zur Restau­ra­ti­on des Kapi­ta­lis­mus und zur Zer­split­te­rung des War­schau­er Pak­tes füh­ren müs­se, immer­hin war die Tsche­cho­slo­wa­kei neben der hyper­loya­len DDR sicher­heits­po­li­tisch von zen­tra­ler Bedeu­tung für das sozia­lis­ti­sche Mili­tär­bünd­nis. Doch die Ver­zü­ckung rele­van­ter Tei­le des Vol­kes und ihrer media­len Ver­stär­ker in den – für Ost­block-Ver­hält­nis­se – plu­ral anmu­ten­den TV-Sen­dun­gen und Zei­tun­gen trieb Dub­cˇek dazu, das Mani­fest und sei­ne Autoren nicht zu ver­dam­men, son­dern Zwi­schen­po­si­tio­nen jen­seits restau­ra­tiv-ortho­do­xer Kräf­te und dyna­mi­scher Refor­mis­ten zu suchen.

Der Pro­zeß war indes nicht auf­zu­hal­ten. Durch das Mani­fest der 2000 Wor­te erzürnt, ent­schlos­sen sich die Wider­sa­cher des Dub­cˇek-Kur­ses zum Han­deln. Die »Kon­ser­va­ti­ven« inner­halb der tsche­cho­slo­wa­ki­schen KP kun­gel­ten bereits seit März (dem »Dresd­ner Tref­fen«) mit den Par­tei­füh­run­gen aus der DDR (Wal­ter Ulb­richt), Polen (Wła­dysław Gomuł­ka), Ungarn (János Kádár), Bul­ga­ri­en (Todor Schiw­kow) und eben der Sowjet­uni­on, um Dub­cˇek und die ihn stüt­zen­den Strö­mun­gen zu stoppen.

Der »War­schau­er Brief« vom Juli, unter­zeich­net von den fünf Par­tei­chefs (Rumä­ni­en unter dem natio­nal­kom­mu­nis­ti­schen Dik­ta­tor Nico­lae Ceau­ses­cu ent­hielt sich), rief die KP-Füh­rung in Prag expli­zit zur umfas­sen­den Kurs­kor­rek­tur auf, wobei »äußers­te Maß­nah­men« ver­mie­den wer­den könn­ten, wenn umge­hen­des Ein­len­ken erfolgte.

Frei­lich lie­fen der­weil bereits seit vier Mona­ten hin­ter den Kulis­sen die Vor­be­rei­tun­gen für eine Inter­ven­ti­on, obwohl Ende Juli in Cierná nad Tis­ou (Schwarzau a.d. Theiß) an der slo­wa­kisch-ukrai­ni­schen Gren­ze vor­geb­lich ergeb­nis­of­fen zwi­schen den Par­tei­füh­run­gen der Tsche­cho­slo­wa­kei und der Sowjet­uni­on kon­fe­riert wur­de. Im Nach­gang traf man sich in Bra­tis­la­va, wo eine gemein­sa­me Erklä­rung unter­zeich­net wur­de, die letzt­lich das Ende des Pra­ger Früh­lings bedeutete.

Erschwe­rend kam hin­zu, daß die Par­tei-Sta­li­nis­ten um Vasil’ Bil’ak und Gustáv Husák, die sich als die »gesun­den Kräf­te« insze­nier­ten, im Hin­ter­grund um eine »kol­lek­ti­ve Hilfs­ak­ti­on« der Brü­der­län­der baten, um die Ver­hält­nis­se in Prag und Bra­tis­la­va wie­der gera­de­zu­rü­cken. Dub­cˇek unter­schrieb in Bra­tis­la­va zwar, schritt aber nicht zur Tat und beließ die Maß­nah­men des Akti­ons­pro­gramms vom April des Jah­res unan­ge­tas­tet; auch per­so­nel­le Kon­se­quen­zen in Par­tei, Rund­funk und Zei­tun­gen, die sowje­ti­scher­seits zur Bedin­gung gemacht wur­den, blie­ben aus.

Am 17. August wur­de in Mos­kau die Ent­schei­dung gesucht: Das Polit­bü­ro der sowje­ti­schen KPbe­schloß den Ein­marsch in die Tsche­cho­slo­wa­kei, der in der Nacht vom 20. auf den 21. August 1968 erfolg­te. Die »Ope­ra­ti­on Donau« erwisch­te das ZK der tsche­cho­slo­wa­ki­schen KP kalt (außer die Kol­la­bo­ra­teu­re); man befahl der Armee, den ein­mar­schie­ren­den Trup­pen des War­schau­er Pakts – nur die Natio­na­le Volks­ar­mee der DDR durf­te auf Bit­ten der Bil’ak-Fronde aus his­to­ri­schen Grün­den nicht mit­wir­ken – kei­nen Wider­stand zu leisten.

So kon­trol­lier­ten die Besat­zer bald die Schlüs­sel­stel­len des Lan­des, inter­nier­ten die tsche­cho­slo­wa­ki­sche Par­tei­spit­ze in Ruß­land und berei­te­ten die Ein­set­zung einer loya­len Über­gangs­re­gie­rung vor. Doch der pas­si­ve Wider­stand des Vol­kes, das in den ver­gan­ge­nen Jah­ren »meta­po­li­tisch« auf den Wan­del vor­be­rei­tet wor­den war, und des­sen feh­len­de Bereit­schaft, die eige­ne Füh­rung zu ver­ra­ten, zahl­te sich aus: Bre­schnew emp­fing Svo­bo­da, den tsche­cho­slo­wa­ki­schen Staats­prä­si­den­ten, in Mos­kau. Die Situa­ti­on erlaub­te kei­ne Mario­net­ten­re­gie­rung, und ein Bür­ger­krieg wäre einem Fias­ko gleich­ge­kom­men. So hol­te man den inter­nier­ten Dub­cˇek her­an, um mit ihm in Ver­hand­lun­gen einzutreten.

Das Ergeb­nis in Form des »Mos­kau­er Pro­to­kolls« sah vor, daß Dub­cˇeks Grup­pe zwar einst­wei­len im Amt blie­be, aber alle Refor­men des Jah­res 1968 unter star­kem Ein­fluß des slo­wa­ki­schen Neo­sta­li­nis­ten Gustáv Husák (Par­tei­chef ab April 1969) revi­diert wür­den, was ins­be­son­de­re die Wie­der­ein­füh­rung der Zen­sur mit sich brach­te. Ver­hee­rend war zum einen die Klau­sel, daß sowje­ti­sche Trup­pen auf unbe­stimm­te Zeit für eine Nor­ma­li­sie­rung der Zustän­de in der Tsche­cho­slo­wa­kei sor­gen dürf­ten, und zum ande­ren die Roll-back-Ver­fas­sungs­re­form vom 28. Okto­ber 1968, die das Ende des Pra­ger Früh­lings zementierte.

Ein­zel­nes Auf­fla­ckern des tsche­cho­slo­wa­ki­schen Pro­tests gegen das repres­si­ve Regime von Mos­kaus Gna­den konn­te indes nicht ver­hin­dert wer­den: Legen­där ist die Selbst­ver­bren­nung des Stu­den­ten Jan Palachs vom Janu­ar 1969, die zu – wir­kungs­lo­sen – Mas­sen­pro­tes­ten führ­te. Auch die Selbst­tö­tun­gen von Jan Zajic (Febru­ar) und Evžen Plocek (April) konn­ten kei­ne Wen­de her­bei­füh­ren, son­dern blie­ben Fana­le des Wider­stands auf ver­lo­re­nem Posten.

Wie tief aber der Haß in Fol­ge der mili­tä­risch been­de­ten Pra­ger Früh­lings­ge­füh­le im tsche­chi­schen Volk saß, wur­de nicht zuletzt im Zuge der Eis­ho­ckey­welt­meis­ter­schaft in Schwe­den deut­lich: Nach­dem die Tsche­cho­slo­wa­kei den »gro­ßen Bru­der« UdSSR Ende März 1969 besiegt hat­te, kam es im gan­zen Land zu Mas­sen­aus­schrei­tun­gen gegen sowje­ti­sche Ein­rich­tun­gen. Das Resul­tat waren wei­te­re Repres­sa­li­en durch das Husák-Regime.

1970 und 1971 wur­den die letz­ten Ergeb­nis­se von 1968 rück­gän­gig gemacht: Par­tei­aus­schlüs­se, Berufs­ver­bo­te und Ver­eins­ver­bo­te straf­ten all jene, die sich aus der Deckung gewagt hat­ten, und eben­so all jene, die denen gehol­fen hat­ten, die in der ers­ten Rei­he stan­den. Die letz­te Chan­ce auf einen alter­na­tiv-sozia­lis­ti­schen Auf­bruch war end­gül­tig ver­spielt; das Regime ging in einem tris­ten All­tag sei­nem Unter­gang im Zuge der »Sam­te­nen Revo­lu­ti­on« von 1989 entgegen.

In die­ser spiel­ten aller­dings die Prot­ago­nis­ten von 1968, die von innen her­aus das Sys­tem sub­stan­ti­ell ändern woll­ten, kei­ne Rol­le, son­dern libe­ra­le, kon­ser­va­ti­ve und rech­te Sys­te­m­op­po­si­tio­nel­le waren am Zuge. Die­se Genera­ti­on um Václav Klaus und Václav Havel tat sich offen­kun­dig schwer mit den Reform­so­zia­lis­ten, die letzt­lich eben doch Sozia­lis­ten blie­ben, auch wenn sie dem Regime grund­le­gen­de Ver­än­de­run­gen in allen rele­van­ten Berei­chen – von Jus­tiz bis Öko­no­mie – auf­er­le­gen wollten.

Noch heu­te ver­läuft die Rezep­ti­on des Pra­ger Früh­lings in Tsche­chi­en weni­ger enthu­si­as­tisch als im Wes­ten im all­ge­mei­nen und in Deutsch­land im beson­de­ren, wo aus­ge­rech­net der eher »anti­na­tio­nal« und trans­atlantisch aus­ge­rich­te­te Flü­gel der Links­par­tei sein Peri­odi­kum Pra­ger Früh­ling nennt.

Die­ser blen­det dabei völ­lig aus, daß der eman­zi­pa­to­ri­sche Cha­rak­ter des tsche­cho­slo­wa­ki­schen 1968 in den Berei­chen tech­no­lo­gi­scher Wan­del, Zen­sur­geg­ner­schaft und nicht­to­ta­li­tä­rem Sozia­lis­mus untrenn­bar mit einem natio­nal­kul­tu­rell-patrio­ti­schen Bewußt­s­eins­wan­del wider impe­ria­le Besat­zungs­po­li­tik und geis­tig-theo­re­ti­sche sowie poli­tisch-prak­ti­sche Fremd­herr­schaft ver­knüpft war, ja daß der Pra­ger Früh­ling in sei­nem Ursprungs­land expli­zit als Pro­zeß der Wie­der­ge­burt (»obrod­ný pro­ces«) der bei­den Staats­völ­ker fir­mier­te – einer natio­na­len Wie­der­ge­burt, der man sich im Spek­trum um Kat­ja Kip­ping wohl kaum ver­pflich­tet weiß, und die in der Tsche­cho­slo­wa­kei 1968 eben­so schei­ter­te wie sie in Deutsch­land und Euro­pa 2018 noch nicht zu erwar­ten ist.

Es gilt, Leh­ren aus dem Früh­lings­er­wa­chen in Prag zu zie­hen, das kein plötz­li­cher Weck­ruf war, son­dern vie­ler Jah­re kul­tur- und ideen­po­li­ti­scher Vor­ar­beit bedurf­te. Denn der Pra­ger Früh­ling kann – weit­aus bes­ser und zeit­ge­mä­ßer als das im kon­ser­va­ti­ven Milieu gern genutz­te Bei­spiel der Fran­zö­si­schen Revo­lu­ti­on und theo­re­ti­schen Gegen­re­vo­lu­ti­on um Joseph de Maist­re – auf­zei­gen, welch unauf­heb­ba­re Ein­heit Meta­po­li­tik und Poli­tik im Zei­chen einer »revo­lu­tio­nä­ren Real­po­li­tik« (sie­he Sezes­si­on 81) bil­den, ja welch emi­nen­te Bedeu­tung im Gram­sci-Drei­schritt aus kul­tu­rel­ler Hege­mo­nie, poli­ti­scher Hege­mo­nie und Regierungsantritt/Regierungsmacht den ers­ten bei­den Fak­to­ren zwin­gend zukommt.

Der drit­te Fak­tor kam in der Tsche­cho­slo­wa­kei 1968 nicht zum Zuge, weil die objek­ti­ven geo­po­li­ti­schen Macht­ver­hält­nis­se es nicht zulie­ßen. Eben­die­ser drit­te Fak­tor kommt – um ein aktu­el­les Bei­spiel anzu­füh­ren – in Öster­reich 2018 für das rech­te Lager zu früh, weil kul­tu­rel­le und poli­ti­sche Hege­mo­nie nicht erlangt wur­den, bevor man glaub­te, in Regie­rungs­ver­ant­wor­tung zie­hen zu müs­sen. Statt Stu­di­en über die Pri­va­ti­sie­rung hät­ten Gram­scis Gefängnis­hef­te Ori­en­tie­rung geben können.

Für Deutsch­lands Rech­te ist indes einer­seits die Leh­re zu zie­hen, daß kein sub­stan­ti­el­ler Wan­del in der Gesell­schaft denk­bar ist, der die Rei­hen­fol­ge des Drei­schritts nicht beach­tet und die Tie­fen­struk­tur des Den­kens der Men­schen – die Men­ta­li­tät bzw. den »All­tags­ver­stand«, das »volks­tüm­li­che Ele­ment« (Gram­sci) – nicht zual­ler­erst in den Fokus nimmt. Ande­rer­seits gilt es dar­an fest­zu­hal­ten, daß Geschich­te in Sprün­gen und nie­mals line­ar verläuft.

Es ver­hält sich also so, daß ein »Mani­fest der 2000 Wor­te«, das man­chen Zeit­ge­nos­sen 1968 als rand­stän­di­ge Äuße­rung ent­täusch­ter, sys­tem­im­ma­nent argu­men­tie­ren­der Intel­lek­tu­el­ler erschei­nen muß­te, eben­so wie eine »Erklä­rung 2018« in der Gegen­wart noch kein Beleg für eine poli­ti­sche Wen­de dar­stel­len – daß aber gera­de sol­che Unmuts­äu­ße­run­gen sei­tens eines abge­spal­te­nen Teils des bis­he­ri­gen Estab­lish­ments ein Indiz für eine Kri­se des gesam­ten Estab­lish­ments darstellen.

Nach 1968 folg­te 1989 in der Tsche­cho­slo­wa­kei eine Wen­de mit ande­ren ideo­lo­gi­schen Kern­mar­kern und mit ande­ren ent­schei­den­den Akteu­ren als jenen, die ursprüng­lich prä­gend wirk­ten. Noch kann kei­ner sagen, ob auch in Deutsch­land auf das Kri­sen­jahr 2018 ein erfolg­rei­che­res Wen­de­jahr – fünf, zehn oder zwan­zig Jah­re spä­ter – fol­gen wird: mit ent­spre­chend neu gemisch­ten Kar­ten, mit ande­ren ideo­lo­gi­schen Kern­mar­kern, mit ande­ren ent­schei­den­den Akteuren.

Die Leh­ren der jün­ge­ren Geschich­te geben dabei durch­aus Anlaß zur Hoffnung.

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Die 84. Sezes­si­on (72 Sei­ten, Juni 2018) kön­nen Sie hier oder hier bestellen. 

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Lite­ra­tur­hin­wei­se:

Vasil Bilak: Wir rie­fen Mos­kau zu Hil­fe. Der »Pra­ger Früh­ling« aus der Sicht eines Betei­lig­ten,Ber­lin 2006;

Ange­li­ka Ebbing­haus: »Das Jahr 1968 in Ost und West«, in: dies.: (Hrsg.): Die letz­te Chan­ce? 1968 in Ost­eu­ro­pa,Ham­burg 2008, S. 9–26;

Jan Fojtik/Bernd Hartmann/Fred Schmid: Die CSSR 1968. Leh­ren der Kri­se,Frank­furt a.M. 1978;

Ste­fan Kar­ner: »Der kur­ze Traum des ›Pra­ger Früh­lings‹ und Mos­kaus Ent­scheid zu sei­nem Ende«, in: Ange­li­ka Ebbing­haus: (Hrsg.): Die letz­te Chan­ce? 1968 in Ost­eu­ro­pa, Ham­burg 2008, S. 28–44;

Pavel Kohout: Aus dem Tage­buch eines Kon­ter­re­vo­lu­tio­närs, Hamburg/München 1985;

Zde­nek Mlynár: Nacht­frost. Das Ende des Pra­ger Frühlings, Frank­furt a.M. 1988;

Jan Pau­er: »1968 in der Tsche­cho­slo­wa­kei«, in: Ost­eu­ro­pa 7/2008,
S. 31–46;

Jirí Peli­kán: Ein Früh­ling, der nie zu Ende geht. Erin­ne­run­gen eines Pra­ger Kom­mu­nis­ten, Frank­furt a.M. 1976;

Mar­tin Schul­ze Wes­sel:Der Pra­ger Früh­ling. Auf­bruch in eine neue Welt, Stutt­gart 2018;

Ota Šik: Pra­ger Früh­lings­er­wa­chen. Erin­ne­run­gen, Her­ford 1988;

Erwin Stritt­mat­ter: Nach­rich­ten aus mei­nem Leben. Aus den Tage­bü­chern 1954–1973, Ber­lin 2014.

Benedikt Kaiser

Benedikt Kaiser ist Politikwissenschaftler und arbeitet als Verlagslektor.

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Kommentare (15)

Der_Juergen

21. August 2018 10:50

Da es sich immer lohnt, sich in die Position des Widerparts zu versetzen, stelle ich die These auf, dass Moskau damals keine andere Wahl hatte, als seine Panzer rollen zu lassen. Da sich ein erst einmal in Gang gekommener Demokratisierungsprozess kaum gewaltlos stoppen lässt, hätte sich die CSSR rasch vollständig demokratisiert, und der Funke wäre bald auf Ungarn und Polen, und später auf die übrigen Ostblockstaaten, übergesprungen. Dies musste die Sowjetunion aus zwingenden geopolitischen Gründen vermeiden.

Ich hatte übrigens letzte Woche ein Gespräch mit einen früheren sowjetischen Offizier, der, obgleich kein Kommunist (mehr), das damalige Vorgehen seiner Führung für unumgänglich hielt. Ich kann ihn verstehen. Eine moralisierende Betrachtung der Geschehnisse ist abzulehnen; dies hat Benedikt Kaiser natürlich begriffen, denn in seinem dankenswert ausführlichen Beitrag findet sich kein Ansatz zu einer solchen.

Gustav Grambauer

21. August 2018 12:38

Der _Juergen hat völlig recht, wie kann man sich, wenn auch ohne moralisierende Betrachtung, von der kulturmarxistischen Begeisterung mitreißen kassen und den "Prager Frühling" gutheißen, und dies sogar noch nach der Lektüre von Gramsci. (Wobei wir beide, Gramsci und den "Prager Frühling", durchaus genau studieren und unsere - eigenen - Konsequenzen entwickeln sollten, da bin ich sehr d`accord.) In der DDR haben sie als Begleitmusik die Internationale gegrölt und dazu in Richtung Ulbricht "Hände weg vom Roten Prag" skandiert. (Wobei man das Mißverständnis, ja, das Geheimnis um die Farbe Rot bedenken sollte.) Es war eine klassische trotzkistische Farbenrevolution wie 1917 oder heute à la Soros, nach Methode und Zielrichtung.

Wenn Der_Juergen sagt, es lohne sich, sich in die Position des Widerparts zu versetzen, dann ist der beste Widerpart der, der zugleich die Größe hat, die Sache aus der Vogelperspektive anzuschauen:

https://anjamueller.livejournal.com/125374.html

Wir hätten 1968 bereits den entfesselten Globalismus wie nach 1990 erlebt (damals noch dazu bestens synergetisiert mit der Bugwelle der Gegenkultur mit all ihrer Musik usw., im Vergleich damit wäre der Scorpionsche "Wind of Change" von 1990 nur ein Pups gewesen), den Putin und Trump jetzt mühsam und mit unwägbaren Risiken domestizieren müssen. Wahrscheinlich hätte sogar durch die Schieflage in der globalen Machtbalance die US-Landeselite die Kissinger-Ebene ausmanövriert und selbst die Macht auf diesem Planeten übernommen. Kann man das gewollt haben?

Es gibt keine Neutralität und kann keine geben, kein Quadratmillimeter in der Mitte Europas kann neutral sein, das sind nur Parolen für Klein-Mäxchen und Klein-Lieschen, die Wahrheit sieht z. B. hier in der ach so "neutralen" Schweiz so aus:

https://www.eda.admin.ch/eda/de/home/aussenpolitik/internationale-organisationen/nato-partnerschaftfuerdenfrieden.html

Hatte es schon mal geschrieben: es wabert immer noch das Mißverständnis von der Beteiligung der NVA herum, es läßt sich schnell aufklären:

Die NVA durfte mit einer Mot.-Schützen-Division (Infanteriedivision) aus Halle / Saale auf Ukas von Gretschko lediglich (eben wegen der Symbolkraft aufgrund von `38) als Reserve für Notfälle im Erzgebirge biwakieren. Ulbricht hat dies sofort verstanden, aber für die notorisch von Minderwertigkeitskomplexen geplagten NVA-Rumpelstilzchens und die ebenso geplagte Hetzerfraktion im SED-Politbüro war das eine unfaßbare und kaum aushaltbare Demütigung, die wollten um jeden Preis auch mal das Blut spritzen lassen, soviel zu deren angeblicher "Friedensliebe". Diesen Minderwertigkeitskomplex konnte Sindermann, der zu der Zeit SED-Bezirkssekretär in Halle / Saale war, für die nur dadurch kompensieren, daß er anschließend - hinter dem Rücken von Ulbricht und deshalb in Halle - eine "Ehrenparade" abnahm, bei der der Öffentlichkeit suggeriert wurde, die "ruhmreiche" NVA wäre aus Prag wie Moltke aus Königgrätz zurückgekehrt. Typisch der bodenlose, gehässige NVA-Zynismus wie ihn jeder Wehrpflichtige rund um die Uhr ertragen mußte: als "Ehrengeschenk" wurde den Mannschaften bei dieser Parade je ein paar Gummistiefel (!!!) überreicht. Die DDR-Presse und die DDR-Sender haben eifrig berichtet; sie mögen vielleicht nicht ausdrücklich gelogen haben, aber die bewußt allgemein gehaltenen Schlagzeilen à la "Die NVA hat Seite an Seite mit den Waffenbrüdern der Sowjetarmee den Sozialismus verteidigt" sollten die Lüge in den Hirnen verankern und haben sie verankert, z. T. bis heute.

Wirtschaft: wie sehr die "Reformer" um Dubcek mit seiner Wirtschaftskoryophäe* ihrerseits nur nach den Insignien des Bonzentums gierten, zeigt sich z. B. daran, daß sie in der heißen Phase des "Prager Frühlings" nichts Besseres zu tun hatten, als bei einem Stardesigner in Italien ein neues Blechkleid

https://autond.net/test-drive/test-drive-tatra-613-3-and-in-the-trunk-of-the-v8.html

für ihre technisch schon damals hoffnungslos veraltete Bonzenschleuder in Auftrag zu geben, die - viel feineren - Entwürfe der slowakischen Konstrukteure

https://www.tatraworld.nl/2018/04/25/video-article-on-its-way-to-create-a-11-t-603x-coupe/

waren ihnen ja nicht fein genug. Allein die Geste dem Volk gegenüber, denn diese Automarke war beim Volk zutiefst verhaßt, und ganz zu schweigen von dem wirtschaftlichen Wahnsinn. Die Nachfolger unter Novotny haben dann wenigstens versucht, den Tatra im Westen und im Ostblock irgendwie zu verkaufen und darüber die jedem wirtschaftlichen Denken Hohn sprechenden Entwicklungskosten wieder reinzuholen, aber niemand wollte den versoffenen Dinosaurier in dieser Häßlichkeit haben.

*"Schon Achtundsechzig lud Herr Ota Schick
Den IWF in unsre Republik" - Hacks

"Jede Seite ist die Falsche" - Klonovsky

(Füge hier hinzu: jede Seite im Tandem des GP / Globalen Parasiten.)

- G. G.

Maiordomus

21. August 2018 14:55

Weit entfernt von angeblichem Moralismus, aber geplagt von einem schwerlich auslöschungsfähigen Gedächtnis erkenne ich sehr wohl, warum ich zwar nicht alles, aber einiges sehr anders sehe als die Herren weiter oben. Ich habe vermutlich im Gegensatz zu ihnen Ota Sik noch persönlich gekannt, war im Genuss einiger seiner Vorlesungen, die er nicht nur in St. Gallen, sondern auch in Zürich hielt und überdies tief befreundet mit dem tschechischen Widerständler Peter Lotar, der als Autor im linken Feuilleton so gut wie keine Chance hatte und den ich als einen meiner bedeutendsten Freunde und Förderer kennenlernen durfte. Lotar wurde vor etwas mehr als 30 Jahren Opfer eines Verkehrsunfalls mit dem Fahrrad. Aus rein geopolitischen Gründen, wenn das wirklich der jeweils einzige in Betracht fallende Aspekt wäre, hätte man, um Globalisierung und amerikanischen Einfluss zu bremsen, auch Deutschland den 2. Weltkrieg gewinnen lassen müssen oder diesen wenigstens ehrenvoll überstehen, was man wohl, wie wir untedessen wissen, auch Goerdeler und Stauffenberg nicht zugestanden hätte.

Es ist nun aber nicht so, dass etwa ein Ota Sik sich über die damalige geopolitische Lage Illusionen gemacht hätte. Darüber haben wir uns damals auch im Hörsaal unterhalten. Die Meinung jedoch, Osteuropa müsse noch um Generationen, vielleicht hundert Jahre, als Völkergefängnis erhalten bleiben, war aber politisch durchaus gesinnungslos und verantwortungslos. Das sahen ein Otto von Habsburg und ein Karl Theodor von und zu Guttenberg durchaus richtig, die hätten sich übrigens heute mit Putin sicher besser verstanden als Merkel.

Der Kalte Krieg musste indes mit einer Siegperspektive geführt werden, was damals nicht die Meinung von Berkeley und Fulbright war, sondern die der europäischen und amerikanischen Rechten. Natürlich gab es aber auch noch die Perspektive der Neutralisierung Deutschlands um 1952, worauf sich aber Adenauer aufgrund der damaligen weltpolitischen Risiken nicht verständigen wollte. Sein deutscher Nationalismus hatte ohnehin Grenzen, so wie sein Philosemitismus hauptsächlich den damaligen Machtverhältnissen geschuldet war, wie er im deutschen Fernsehen sich erlauben konnte noch wörtlich zu erklären.

Der Prager Frühling war aus der Sicht der damaligen demokratischen Rechten in Westeuropa vor allem mal der Zusammenbruch des Kartenhauses der Illusionen betreffend "Entspannungspolitik" sowie "Wandel durch Annäherung".

Was Ota Sik und Gesinnungsgenossen in der Schweiz betraf, war die damalige Asylsituation eine radikal andere als heute. Trotzdem wollten sich damalige Vertreter der Schweizer nationalen Rechten, die ich gut kannte und deren Vordenker James Schwarzenbach ich als bedeutenden Intellektuellen respektierte, nicht entblöden, Sik und andere als 5. Kolonne des Ostblocks zu denunzieren, ein lächerlicher Vorwurf, insofern Agenten unter den Flüchtlingen hauptsächlich die Aufgabe hatten, diese selber auszuspionieren. Weitere kalte Krieger gingen in ihrem hysterischen Anti-Sowjetismus so weit, dass die Absetzung von Tolstoi-Filmen in Kinos und Fernsehen forderten, eine wirklich lächerliche russische Kollektivschuldthese bis zurück ins 19. Jahrhundert.

Selber hatte es Ota Sik nach meinem Wissen und meinen Kontakten absolut nicht mit den 68ern, war gewiss kein "Kulturmarxist" im heutigen Sinn. Seine Darlegungen der sozialistischen Wirtschaft waren auf eine Art vernichtend, wie es die Neue Zürcher Zeitung nie hingekriegt hätte. Ich erinnere mich noch, wie Sik einen Fünfjahresplan beschrieb, wo Helden der sozialistischen Arbeit mit Orwellschem Pferdefleiss den europäischen Bedarf an Stecknadeln für die nächsten 300 Jahre auf Vorrat zu befriedigen trachteten.

Es war damals nicht leicht, die richtige Strategie im Kalten Krieg zu finden. Aber es gab keine Alternative. Wenn es je in Ordnung war, Europa vom Nationalsozialismus zu befreien, so war das zwar leider sehr verschwommene Programm der Befreiung vom Kommunismus, welches zwar ohne genügende Überlegungen über das Nachher vonstatten ging, ohne Alternative und die politischen Überlegungen der Besten wert. Immer war aber klar, dass es dazu eines langen Atems bedurfte. Selber pflegte ich damals noch guten Kontakt mit christlich orientierten Kreisen in der DDR, Polen und in der Tschechoslowakei. Noch wichtiger als der Prager Frühling wurde die Wahl von Karol Woityla zum Papst Johannes Paul II.

Maiordomus

21. August 2018 15:21

PS, Nicht der Prager Frühling, sondern dessen Unterdrückung bedeuteten natürlich den Zusammenbruch des Kartenhauses der Illusionen im Herbst 1968. Die kalten Krieger waren es, "sie", welche lächerlicherweise die Absetzung von Tolstoi-Filmen forderten.

RMH

21. August 2018 18:30

Gramscis Thesen als Schablone für eine rechte "Revolution"?

Ich denke, damit macht man es sich doch etwas zu einfach, in einer Gesellschaft, die gerade durchgequirlt wird, wie keine andere und was Anfang des 20. Jhdts für durch die Bank eher "homogene" Nationalstaaten postuliert wurde (und bereits damals nicht verifiziert wurde), muss in einem 21 Jhdt., mit seiner Massenmigration von vollkommen unterschiedlichsten Kulturen, seinen neuen Informationstechnologien und Medien etc., noch lange nicht gelten bzw. nicht das letzte Wort sein. Überhaupt widerstrebt es mir, mich diesen idealistischen/ marxistischen Gesetzmäßigkeiten, wie sich was, wann, wo zu entwickeln habe, anzuschließen. Genau darin liegt doch der Murks bei Marx, dass er einen blendet mit seiner Kapitalismusanalyse und -kritik und dann quasi meint, aus Gegebenheiten die Zukunft vorhersagen zu können. Das ist alles bislang unbewiesene Esoterik - Esoterik in fast reiner Form, die ja auch meint, Mikrokosmos- Makrokosmos- Vorhersagen genau treffen zu können und mittels Magie beeinflussen zu können (ähnlich magisches Denken ist auch bei den Linken - unbewusst - vorhanden. Offenbar auch bei manchen Rechten).

Was am Prager Frühling für mich - und sicher für viele andere auch - bleibt ist, dass er die Dolchstoßlegende aller Sozialdemokraten und Sozialisten war und ist und dass er als Alibi für ihre pöbelhaften sozialistischen Umtriebe ("mit menschlichem Antlitz" - ein Widerspruch in sich!) dienen sollte, nachdem der Stalinismus den Kommunismus gehörig desavouiert hatte - dabei ist der Stalinismus nicht irgendeine Entartung einer reinen Lehre, wie es die Linken immer wieder glauben machen wollen, sondern recht logisch und ausnahmsweise auch einmal vorhersehbar, wenn man die Linien Marx, Engels, Lenin weiterentwickelt. Mit dem Prager Frühling hat man einen Mythos geschaffen - hätten die schon genannten geostrategischen Interessen nicht einen Strich durch die Rechnung gemacht, was wäre denn bei dem "Experiment" heraus gekommen?
Entweder ein roll-back von alleine oder aber vielleicht ein kleines, sozialdemokratisches Musterländle à la Schweden, welches letztlich aber doch kapitalistisch durch und durch ist und welches dem Globalismus völlig anheim gefallen wäre. Die Tschechen und Slowaken können im Nachhinein eigentlich fast froh sein, dass es damals nicht geklappt hat. Ihre heutige, restriktive Migrationspolitik wäre aus meiner Sicht undenkbar, wenn diese Sozialdemokratisierung damals weiter voran gegangen wäre.

Überhaupt kam und kommt es mir immer sehr verdächtig vor, dass der Prager Frühling von den Linken und Kulturmarxisten so sehr auf den Schild gehoben wurde und wird, aber die echten Volksaufstände in der DDR und Ungarn, ja auch der spätere polnische Widerstand in den 80er-Jahren, so gerne unter das Mäntelchen der Historie und des Vergessens geschoben werden. Evtl. liegt es auch daran, dass diese Revolten deutlichere nationale Charakterzüge aufzeigten und damit nicht so gut in den globalistischen Ansatz der Sozialisten passten, wie die Vorgänge in der ehem. CSSR.

"Sozialismus mit menschlichem Antlitz" - ist es nicht das, dieses Mantra des was-auch-immer "menschlichen Antlitzes", was uns heute von den One-World-Predigern verkauft werden soll? Alle Menschen werden Brüder und niemand hat die Absicht, einen Anderen auszubeuten ... (das ich nicht lache ...).

Benedikt Kaiser

22. August 2018 09:28

@RHM:

Evtl. liegt es auch daran, dass diese Revolten deutlichere nationale Charakterzüge aufzeigten und damit nicht so gut in den globalistischen Ansatz der Sozialisten passten, wie die Vorgänge in der ehem. CSSR.

Es verblüfft mich doch bisweilen, daß es hier Gäste gibt, die die Kommentarspalte für eigene Co-Texte nutzen, dabei jedoch am Ursprungstext, über den unterhalb diskutiert werden sollte, vollständig vorbei argumentieren. Hätten Sie den Aufsatz aufmerksam gelesen, so wäre just diese These von Ihnen gar nicht notwendig gewesen, denn das, was bei uns als »Prager Frühling« firmiert, wurde im damaligen Tschechien, und, jedenfalls zum Teil, auch in der Slowakei, als genuin nationales Phänomen verstanden, darauf bezog sich eben auch der Name im Volksmund: »obrodný proces«, d. h.: Prozeß der Wiedergeburt (einer Nation, in diesem Falle). Doch dazu weiteres im oben stehenden Artikel.

RMH

22. August 2018 10:00

@Bendikt Kaiser,

mein Kommentar bezog sich im Vergleich zu den bisher veröffentlichen m.M.n. noch mit am meisten auf den Text, den ich bereits im gedruckten Heft gelesen hatte und seine Stoßrichtigung. Da ich diese Stoßrichtigung (Gramsci) aber nicht teile, gibt es jetzt ihren Beitrag (ohne Rechtfertigung von Gramsci, dafür aber mit dem Vorwurf mangelnder Lektüre an mich?)?

Ich habe mich ergänzend auf die Rezeption im Westen bezogen (die Sie ja auch nicht unerwähnt lassen) und nicht darauf, wie die Slowaken und Tschechen die Vorgänge empfunden haben. Das diese das Thema national gesehen haben, ist unstreitig - global vermarktet wurde es aber von den Internationalisten unter der Marke für einen angeblich möglichen Sozialismus mit menschlichem Antlitz, was meiner Meinung nach eben ein Widerspruch in sich ist, da der Mensch ein soziales Wesen aber kein sozialistisches ist. Sie selber schreiben in Ihrem Beitrag ja auch, dass die Linke das Nationale am Prager Frühling quasi komplett ausblendet. Die Vorgänge in Prag halte ich aber für nicht rollenmodelltauglich, schon gar nicht für Deutschland im 21. Jhdt. - offenbar im Gegensatz zu Ihnen. So ist das eben, mit den Kommentaren, es sind immer auch welche dabei, die punktuell anderer Auffassung sind. Im Übrigen teile ich aber sehr oft ihre Meinungen und Ansätze, insbesondere das Aufgreifen von Themen wie der sozialen Frage.

Maiordomus

22. August 2018 10:31

@Kaiser. Ihre Analyse ist auf einem Niveau, das Ich Ihnen aufgrund Ihres Jahrgangs nicht ohne weiteres zugetraut hätte, vgl. auch Ihre Ausführungen über Ota Sik, der zum jüdischen Flügel der (ursprünglichen) tschechischen Kommunisten gehört hatte, wobei sein sog. 3. Weg natürlich von den real entwickelten Verhältnissen einer stark verstaatlichten kommunistischen Wirtschaft ausging, welche nicht allzu abrupt weder umgewendet werden durften noch entsprechend umgewendet werden konnten. Man muss ja auch sehen, wie das Beispiel Russland zeigt, dass die Abschaffung des Sozialismus ohne weiteres in ein System von Finanzoligarchen übergehen kann, davon scheint Ota Sik eine Ahnung gehabt zu haben.

Das Schwärmen aber vom Reformkommunismus u.a. auch nach dem sog. jugoslawischen Vorbild haben wir Konservative und Liberalkonservative von 1968 stets mit kritischen Argumenten zurückgewiesen. Der "Prager Frühling" war aber für die damals aufkommenden Kulturmarxisten eine Art Erlösungserlebnis, es war vielleicht der erste nichtschweinische und nichtkriminelle Kommunismus der neueren Geschichte. Für das eigene gute Gewissen also höchst wegweisend. Für dieses gute Gewissen der Linken hat der Prager Frühling noch heute eine ideologische Funktion, was die bei Kaiser erwähnte Verschlagwortung "Prager Frühling" bei den "transatlantischen" Linksparteilern zu illustrieren scheint.

Dass @Kaiser die obige Debatte, über die persönlichen Reminiszenzen an Ota Sik hinaus, die ich in Ihrem Sinn mir anzumerken getraute, zum Teil ausserhalb Ihrer analytisch hochstehenden Artikels verlief, ist anfänglichen Wortmeldungen geschuldet, die sich zum Teil wie Rechtfertigungen der Sowjetinvasion lasen. Auch sehen Sie, @Kaiser, richtig, dass dem Prager Frühling mehr in Tschechien als in der Slowakei eine Art Kulturrevolution vorausging, einerseits mit der berühmten Kafka-Konferenz, die 1968 auch im Westen von antikommunistischen Analytikern rege diskutiert wurde, andererseits gab es in Tschechien damals eine sehr bedeutende Erneuerung des Filmwesens, welche prinzipiell auf einen Einbruch der Zensurwesens angewiesen war bzw. ohne mehr geistige Freiheit nicht möglich geworden wäre. Man muss in diesem Sinn zugeben, dass Reformkommunismus 1968 in Tschechien mehr als ein Schlagwort war und zumal die Hoffnung der sogenannten Kulturschaffenden. Für das Volk war aber das Nationale zweifellos weit bedeutender, was nicht zuletzt über die Identifikation mit der tschechischen Eishockey-Nationalmannschaft seinen Ausdruck fand, mit entsprechenden Weiterungen in politischen Demonstrationen. Auch die mir bekannten tschechischen Oppositionellen von damals mit christlichem Hintergrund, auch die entsprechenden Slowaken, dachten weit mehr national als "reformkommunistisch", was ja faktisch nur ein Versuch war, siehe Sik, als sogenannten Dritten Weg einen nichtkatastrophischen Wandel zu einem mehr offenen Wirtschaftssystem zu bewerkstelligen.

Die Selbstmordaktionen von Ian Pallach und anderen haben wir Rechten von 1968 meistenteils nicht gutgeheissen. Das Opfer des Lebens sollte nicht für eine Propaganda durch die Tat geleistet werden, sondern für die langfristige Befreiungsarbeit, wobei allenfalls auch bewaffneter direkter Kampf gegen den Unterdrücker im Einzelfall und langfristig nicht ausgeschlossen war.

Zu Kaisers Schlussfolgerungen, die heutige Rechte betreffend. Im Hinblick auf einen kulturellen Aufbruch in der Art desjenigen von Tschechien 1968 sind die rechten geistigen Bewegungen von heute, bei aller Anerkennung von fast nur in kleinen Kreisen wirksamen Nischenprodukten wie dem Antaios-Verlag oder dem Kopp-Verlag, nicht annähernd in der Lage, dem in der Tat beeindruckenden metapolitischen kulturellen Prager Frühling von ca. 1965 - 1969 Paroli zu bieten. Dabei hat jedoch vor und um 1989 Vaclav Havel in Sachen geistigem Format die früheren Repräsentanten des linkskulturellen Prager Frühlings jedoch noch weit übertroffen. Ein rechter Havel ist in Westeuropa aber weit und breit nicht in Sicht.

Der_Juergen

22. August 2018 13:33

@Maiordomus

Zu den "anfänglichen Wortmeldungen, die sich zum Teil wie eine Rechtfertigung der Sowjetinvasion lesen", zählen Sie sicherlich auch die meine. Ich halte fest, dass ich den sowjetischen Einmarsch weder "rechtfertige" noch "verurteile", weil das eine wie das andere Ausdruck einer moralisierenden Position wäre. Mir ging es darum, dass Moskau VON SEINEM STANDPUNKT AUS keine andere Wahl hatte, als einzugreifen, weil die CSSR sich sonst rasch demokratisiert hätte, der Funke auf andere Staaten des Ostblocks übergesprungen wäre und dem Warschauer Pakt hierdurch der Zerfall gedroht hätte. Natürlich wäre die Nato rasch in dieses Vakuum vorgestossen. Dies konnte die sowjetische Regierung unmöglich dulden.

Man sollte das Handeln einer Regierung danach beurteilen, ob es den Interessen des betreffenden Staates dient. Dies war von sowjetischer Warte 1968 zweifellos der Fall. Natürlich bescherte die Aggression den Russen enorme Scherereien auf internationalem Parkett und schadete ihrem Ansehen gewaltig, aber die Alternative wäre, immer noch aus Moskauer Sicht, sehr viel schlimmer gewesen.

Man muss den Sowjets auch zugute halten, dass sie, im Gegensatz zu Ungarn 1956, in der Tschechoslowakei keine blutige Repression veranstalten und niemanden aufhängen liessen. Das war bereits ein grosser zivilisatorischer Fortschritt.

nietzschikus

23. August 2018 13:55

Ein sehr guter Beitrag. Mir ist als Junger bei Gesprächen mit 68ern immer wieder aufgefallen, wie politisch unbefleckt, leichtgläubig/naiv und teils sogar desinteressiert in einem tieferen Sinn diese waren. Auch empfand ich die Schilderungen immer wieder dahingehend verblüffend, dass man zwar meinte es wäre alles ziemlich eng/spießig gewesen, aber bei sehr genauen nachfragen, löste sich das immer wieder faktisch auf. Klar die Eltern störten sich an Freunden mit langen Haaren, der Rektor lies einen vorladen wegen etwas ... aber letztlich ist es immer nur bei Ermahnungen geblieben, die eher etwas väterlich/fürsorgliches hatten. Letztlich haben diese 68er dann doch ihren eigenen Kram gemacht. Diese angebliche Enge war bedeutend freier, im Vergleich mit dem was man der heutigen jungen Generation zubilligt - zumindest wenn es nicht nur um konsumorientierten Individualismus (d.h. Hedonismus) geht. Die Kindheitsschilderungen waren objektiv größtenteils extrem idyllisch. Ich habe deswegen immer wieder die Frage gestellt, gegen was habt ihr eigentlich wirklich opponiert? Die Leute haben mich dann immer wieder erstaunt angeschaut. Die Antwort war eigentlich keine politische, sondern rein eine des "Lebensgefühls". Man fand die Musik und Kleidung klasse. That's it.

Neuerdings frage ich mich in diesem Zusammenhang auch, ob sich damals nicht schon der eigentliche Konsumismus der 68er zeigte: amerikanische Klamotten + Musik. Heute ist das Kaufspektrum einfach nur breiter aufgestellt & mit Ablasssiegeln gebüßt und geweiht.

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Wenn meine Diagnose stimmen sollte, hat dies allerdings auch weiterreichende Konsequenzen für unseren heutigen Weg. #1: insbesondere Musik müsste eine viel größere Rolle spielen, um emotional eine Neuorientierung zu initiieren. Da leider zu viele Mitbürger leider Schafe sind, ist das der Schlüssel zu einer größeren Massentauglichkeit. #2: diese Massentauglichkeit muss für den Erfolg zum Glück wenig politisch eingefärbt sein. Entscheidend ist ein heimatliches Lebensgefühl (siehe bspw.: Andreas Gabalier). #3: die Linken sind heute in der Regel total langweilig / schwunglos / konformistisch, d.h. für die Jugend wäre also die Anschlussfähigkeit gegenüber einer solchen Gegenkultur vielversprechend. Vielleicht könnte ja Musikwettbewerbe hier Schwung initiieren??

@Maiordomus: haben sich vor einiger Zeit nicht die Schweizer Sezessions-Leser in Aarau zuzusammengefunden? Wäre ein Wiederaufleben nicht sinnvoll?

@der_juergen: Widerspruch => ihre geopolitische Blickwinkel erscheint mir sehr verkürzt, weil ihre Diagnose der "Alternativlosigkeit" voraussetzt, dass es in der UDSSR nicht massive Verwerfungen und Reformbedarf gab. Ich glaube im Gegenteil, dass es geopolitisch für die Machthaber sehr attraktiv gewesen wäre, sich langfristiger zu orientieren und anzupassen.

Stil-Bluete

23. August 2018 17:16

@ nietzschikuss
(Ich häng Ihnen mal als Huldigung ein klitzekleines 's' an.)

Den Prager Frühling habe ich wirklich & wahrhaftig bis zum bitteren Ende, als man uns wegen verweigerterUnterschrift gegen den Einmarsch von der Humboldt-Uni jagte, miterlebt. Echt!

Dass Sie nun vorangehen und sagen, wir sollten weniger politisch werden - ich interpretiere einfach mal -, weil die Forderung der Linken die der Politisierung war -, freut mich.

Ich erinnre mich an endlose Diskussionen, Reflexionen Pragreisen - ohne Konequenzen.

Kritisch sehe ich heute auch die Rolle von Ota Shik. Die Rolle der Prager gegenüber Loyalitätsbekundungen aus deutschen Landen, fraglich In den Topf derNazis, der immer noch vor sich hinköchelte, wurden wir geworfen. Und was hatten wir für Sympathie, Empathie für sie. (Die Meisten werden es wissen: Die Tschechoslowakei wurde erst durch den Versailler Frieden geschaffen).

Maiordomus

23. August 2018 19:57

@Was wissen Sie wirklich von Sik? Wie die Tschechoslowakei zustande kam, erklärte er ungefähr gleich wie Sie. Noch wichtig bei den Erinnerungen an den sog. "Sozialismus mit menschlichem Gesicht". Das meistverwendete Symbol war die Flagge des Landes. Natürlich meinte Grillparzer aber auch jenes Land, als er vom Weg der neuen Bildung von der Humanität zur Nationalität zur Bestialität sprach. Der jüdischstämmige Sik war gewiss kein Nationalist. Umgekehrt habe ich die Zwangspolitisierung von Studenten, von Linken erzwängt, stets abgelehnt, hätte unter solchen Bedingungen auch nicht unterschrieben.

RMH

23. August 2018 22:19

@Maiordomus,
schön, dass Sie das Grillparzer-Zitat bringen, welches das Schicksal K.u.K. Österreichs vorhersagte. Die Linken haben diesen Spruch doch glatt in "Nationalität ohne Humanität ist Bestialität" verdreht und werben damit.

Maiordomus

24. August 2018 09:26

@RMH. Für mich war Grillparzer seit je auch einer der bedeutendsten und besonnensten politischen Denker in der Geschichte Europas. Ihn zu kennen und gelesen zu haben erspart Dutzende von Modephilosophen und Ideologen. In seiner Nähe ist auch Stifter anzusiedeln, notabene der deutsche Dichter des Böhmerwaldes, womit wir wieder nahe beim Thema wären. Sik war für seine Generation wichtig und bedeutsam, Grillparzer und Stifter für mehr als ein Jahrhundert, was man auf tschechisch-deutscher Seite auch Kafka zugestehen muss. Der Verweis auf die Kafka-Tagung von 1963 ist nicht nur ein Glanzpunkt von Kaisers Artikel, er gehörte auch in die Geschichtsbücher.

Max

25. August 2018 13:54

Im Unterschied zu den Tschechen war die Opposition in der DDR noch 1989 erstaunlich prosozialistisch. Ich war damals im Sommer durch die SU gereist, und hatte alles mögliche Samisdat-Zeug von dort mit nach Hause gebracht, und ging dann mit ein paar charakteristischen Übersetzungen davon zur Umweltbibliothek, ob sie die nicht veröffentlichen wollen. Lehnten sie ab, mit der Begründung, "sie suchen eigentlich nach neuen Sozialismus-Modellen". Nun, die suchen sie vermutlich auch heute noch.

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