Sezession
21. August 2018

Der »Prozeß der Wiedergeburt« 1968 – Frühlingserwachen in Prag

Benedikt Kaiser / 15 Kommentare

Am 50. Jahrestag des Einmarschs der Sowjet-Truppen in Prag geben wir Kaisers Artikel aus der 84. Sezession wieder (hier als PDF downloaden).

Benedikt Kaiser

Benedikt Kaiser ist Politikwissenschaftler und arbeitet als Verlagslektor.

Am Morgen des 21. August 1968 notierte der deutsche Schriftsteller Erwin Strittmatter fassungslos in sein Tagebuch, daß die Tschechoslowakei in der Nacht von Truppen des Warschauer Paktes besetzt worden war. Er, der einstmals so viel Hoffnung in einen deutschen respektive osteuropäischen Weg zum Sozialismus setzte, befand sich inzwischen im Status politischer Niedergeschlagenheit.

War der Tyrann Stalin auch 1953 gestorben – sein Geist, das unterstrich der Einmarsch der Sowjet­truppen samt Verbündeter, lebte weiter in den Militär- und Parteibürokratien der Moskauer Einflußzone. Ein Grauen war dies für alle Gegner des Regimes, aber auch für alle einstigen Sympathisanten, denen die Aussicht auf ein besseres Morgen ausgerechnet von den ehemaligen Genossen und gerade nicht durch kapitalistische Antagonisten des Westens genommen wurde.

Strittmatter – zu diesem Zeitpunkt noch Sozialist und sich dem Mutterschiff des sowjetischen »Wir« zugehörig fühlend – zeigte sich konsterniert, »wie mittelalterlich der ganze Stalinismus ist«, der vor allem in Prag einem alternativ-sozialen Aufbruch ein Ende setzte: »Wir, die Glaubenden, sind die Engel, die Denkenden sind die Ketzer und die andere Ansichten haben als wir – sind die Teufel.«

Es war dies eine Feststellung, die auf jedes totalitäre System zutrifft – was man gewiß auch vor 1968 schon wissen konnte. Doch den Grad der Enttäuschung Strittmatters und vieler anderer Sozialisten versteht man nur, wenn man in die Stimmung der Aufbruchszeit um 1968 eintaucht, die unter dem Signum »Prager Frühling« firmiert. Der Wirkungsschwerpunkt dieser Stimmung war zwar explizit die tschechoslowakische Hauptstadt Prag, sie strahlte aber ebenso nach Ost-Berlin und Warschau, nach Budapest und Belgrad aus – und wurde gerade deshalb so rücksichtslos durch die russische Breschnew-Führung und ihre neostalinistischen Kader in der mittel- und osteuropäischen Staatenwelt bekämpft.

Dabei ist evident, daß Ereignisse, die sich vollziehen, vorher geistig bereits Form annehmen müssen. In modernen Gesellschaften wird, in Anlehnung an Antonio Gramscis Hegemonietheorie, ein Kampf um Begriffe und Deutungshoheiten ausgetragen. Für jede grundlegend argumentierende Gruppe ist es unverzichtbar, vor einem politischen Wechsel die Deutungsmacht über Begrifflichkeiten und inhaltliche Schwerpunktlegungen zu gewinnen.

Die »kulturelle Hegemonie« geht der »politischen Hegemonie« und realer politischer Gestaltungsmacht voraus, und ebendieser Wandel in der Mentalität des Volkes, zunächst über Akzentverschiebungen im vorpolitischen Raum, vollzog sich in der Tschechoslowakei zugunsten der später als Reformer bezeichneten Interessengruppen in den Jahren vor der Zäsur von 1968.

Ein Beispiel für die Prä-68-Umwälzung der politisch-ideologischen Vorstellungen ist Ján Kadárs Film Obžalovaný (Der Angeklagte, fertiggestellt 1964), in dem ein hoffnungsfroher Sozialist, der die Theorie der Gerechtigkeit und der freien Gesellschaft ernst nimmt, mit dem Systemapparat zusammenstößt und begreifen lernt, daß Parteimoral und Regimezynismus den »Verrat der Revolution«, nicht aber ihre Verwirklichung bedeuten.

Ein Skript, das einen an Erwin Strittmatters Roman Ole Bienkopp erinnern läßt, das interessanterweise zur selben Zeit wie Obžalovaný entstand und ebenfalls den Kampf eines an Ideale glaubenden Sozialisten gegen die Windmühlen des realen Bürokratenregimes plastisch darstellt.


Benedikt Kaiser

Benedikt Kaiser ist Politikwissenschaftler und arbeitet als Verlagslektor.

Kommentare (15)

Der_Juergen
21. August 2018 10:50

Da es sich immer lohnt, sich in die Position des Widerparts zu versetzen, stelle ich die These auf, dass Moskau damals keine andere Wahl hatte, als seine Panzer rollen zu lassen. Da sich ein erst einmal in Gang gekommener Demokratisierungsprozess kaum gewaltlos stoppen lässt, hätte sich die CSSR rasch vollständig demokratisiert, und der Funke wäre bald auf Ungarn und Polen, und später auf die übrigen Ostblockstaaten, übergesprungen. Dies musste die Sowjetunion aus zwingenden geopolitischen Gründen vermeiden.

Ich hatte übrigens letzte Woche ein Gespräch mit einen früheren sowjetischen Offizier, der, obgleich kein Kommunist (mehr), das damalige Vorgehen seiner Führung für unumgänglich hielt. Ich kann ihn verstehen. Eine moralisierende Betrachtung der Geschehnisse ist abzulehnen; dies hat Benedikt Kaiser natürlich begriffen, denn in seinem dankenswert ausführlichen Beitrag findet sich kein Ansatz zu einer solchen.

Gustav Grambauer
21. August 2018 12:38

Der _Juergen hat völlig recht, wie kann man sich, wenn auch ohne moralisierende Betrachtung, von der kulturmarxistischen Begeisterung mitreißen kassen und den "Prager Frühling" gutheißen, und dies sogar noch nach der Lektüre von Gramsci. (Wobei wir beide, Gramsci und den "Prager Frühling", durchaus genau studieren und unsere - eigenen - Konsequenzen entwickeln sollten, da bin ich sehr d`accord.) In der DDR haben sie als Begleitmusik die Internationale gegrölt und dazu in Richtung Ulbricht "Hände weg vom Roten Prag" skandiert. (Wobei man das Mißverständnis, ja, das Geheimnis um die Farbe Rot bedenken sollte.) Es war eine klassische trotzkistische Farbenrevolution wie 1917 oder heute à la Soros, nach Methode und Zielrichtung.

Wenn Der_Juergen sagt, es lohne sich, sich in die Position des Widerparts zu versetzen, dann ist der beste Widerpart der, der zugleich die Größe hat, die Sache aus der Vogelperspektive anzuschauen:

https://anjamueller.livejournal.com/125374.html

Wir hätten 1968 bereits den entfesselten Globalismus wie nach 1990 erlebt (damals noch dazu bestens synergetisiert mit der Bugwelle der Gegenkultur mit all ihrer Musik usw., im Vergleich damit wäre der Scorpionsche "Wind of Change" von 1990 nur ein Pups gewesen), den Putin und Trump jetzt mühsam und mit unwägbaren Risiken domestizieren müssen. Wahrscheinlich hätte sogar durch die Schieflage in der globalen Machtbalance die US-Landeselite die Kissinger-Ebene ausmanövriert und selbst die Macht auf diesem Planeten übernommen. Kann man das gewollt haben?

Es gibt keine Neutralität und kann keine geben, kein Quadratmillimeter in der Mitte Europas kann neutral sein, das sind nur Parolen für Klein-Mäxchen und Klein-Lieschen, die Wahrheit sieht z. B. hier in der ach so "neutralen" Schweiz so aus:

https://www.eda.admin.ch/eda/de/home/aussenpolitik/internationale-organisationen/nato-partnerschaftfuerdenfrieden.html

Hatte es schon mal geschrieben: es wabert immer noch das Mißverständnis von der Beteiligung der NVA herum, es läßt sich schnell aufklären:

Die NVA durfte mit einer Mot.-Schützen-Division (Infanteriedivision) aus Halle / Saale auf Ukas von Gretschko lediglich (eben wegen der Symbolkraft aufgrund von `38) als Reserve für Notfälle im Erzgebirge biwakieren. Ulbricht hat dies sofort verstanden, aber für die notorisch von Minderwertigkeitskomplexen geplagten NVA-Rumpelstilzchens und die ebenso geplagte Hetzerfraktion im SED-Politbüro war das eine unfaßbare und kaum aushaltbare Demütigung, die wollten um jeden Preis auch mal das Blut spritzen lassen, soviel zu deren angeblicher "Friedensliebe". Diesen Minderwertigkeitskomplex konnte Sindermann, der zu der Zeit SED-Bezirkssekretär in Halle / Saale war, für die nur dadurch kompensieren, daß er anschließend - hinter dem Rücken von Ulbricht und deshalb in Halle - eine "Ehrenparade" abnahm, bei der der Öffentlichkeit suggeriert wurde, die "ruhmreiche" NVA wäre aus Prag wie Moltke aus Königgrätz zurückgekehrt. Typisch der bodenlose, gehässige NVA-Zynismus wie ihn jeder Wehrpflichtige rund um die Uhr ertragen mußte: als "Ehrengeschenk" wurde den Mannschaften bei dieser Parade je ein paar Gummistiefel (!!!) überreicht. Die DDR-Presse und die DDR-Sender haben eifrig berichtet; sie mögen vielleicht nicht ausdrücklich gelogen haben, aber die bewußt allgemein gehaltenen Schlagzeilen à la "Die NVA hat Seite an Seite mit den Waffenbrüdern der Sowjetarmee den Sozialismus verteidigt" sollten die Lüge in den Hirnen verankern und haben sie verankert, z. T. bis heute.

Wirtschaft: wie sehr die "Reformer" um Dubcek mit seiner Wirtschaftskoryophäe* ihrerseits nur nach den Insignien des Bonzentums gierten, zeigt sich z. B. daran, daß sie in der heißen Phase des "Prager Frühlings" nichts Besseres zu tun hatten, als bei einem Stardesigner in Italien ein neues Blechkleid

https://autond.net/test-drive/test-drive-tatra-613-3-and-in-the-trunk-of-the-v8.html

für ihre technisch schon damals hoffnungslos veraltete Bonzenschleuder in Auftrag zu geben, die - viel feineren - Entwürfe der slowakischen Konstrukteure

https://www.tatraworld.nl/2018/04/25/video-article-on-its-way-to-create-a-11-t-603x-coupe/

waren ihnen ja nicht fein genug. Allein die Geste dem Volk gegenüber, denn diese Automarke war beim Volk zutiefst verhaßt, und ganz zu schweigen von dem wirtschaftlichen Wahnsinn. Die Nachfolger unter Novotny haben dann wenigstens versucht, den Tatra im Westen und im Ostblock irgendwie zu verkaufen und darüber die jedem wirtschaftlichen Denken Hohn sprechenden Entwicklungskosten wieder reinzuholen, aber niemand wollte den versoffenen Dinosaurier in dieser Häßlichkeit haben.

*"Schon Achtundsechzig lud Herr Ota Schick
Den IWF in unsre Republik" - Hacks

"Jede Seite ist die Falsche" - Klonovsky

(Füge hier hinzu: jede Seite im Tandem des GP / Globalen Parasiten.)

- G. G.

Maiordomus
21. August 2018 14:55

Weit entfernt von angeblichem Moralismus, aber geplagt von einem schwerlich auslöschungsfähigen Gedächtnis erkenne ich sehr wohl, warum ich zwar nicht alles, aber einiges sehr anders sehe als die Herren weiter oben. Ich habe vermutlich im Gegensatz zu ihnen Ota Sik noch persönlich gekannt, war im Genuss einiger seiner Vorlesungen, die er nicht nur in St. Gallen, sondern auch in Zürich hielt und überdies tief befreundet mit dem tschechischen Widerständler Peter Lotar, der als Autor im linken Feuilleton so gut wie keine Chance hatte und den ich als einen meiner bedeutendsten Freunde und Förderer kennenlernen durfte. Lotar wurde vor etwas mehr als 30 Jahren Opfer eines Verkehrsunfalls mit dem Fahrrad. Aus rein geopolitischen Gründen, wenn das wirklich der jeweils einzige in Betracht fallende Aspekt wäre, hätte man, um Globalisierung und amerikanischen Einfluss zu bremsen, auch Deutschland den 2. Weltkrieg gewinnen lassen müssen oder diesen wenigstens ehrenvoll überstehen, was man wohl, wie wir untedessen wissen, auch Goerdeler und Stauffenberg nicht zugestanden hätte.

Es ist nun aber nicht so, dass etwa ein Ota Sik sich über die damalige geopolitische Lage Illusionen gemacht hätte. Darüber haben wir uns damals auch im Hörsaal unterhalten. Die Meinung jedoch, Osteuropa müsse noch um Generationen, vielleicht hundert Jahre, als Völkergefängnis erhalten bleiben, war aber politisch durchaus gesinnungslos und verantwortungslos. Das sahen ein Otto von Habsburg und ein Karl Theodor von und zu Guttenberg durchaus richtig, die hätten sich übrigens heute mit Putin sicher besser verstanden als Merkel.

Der Kalte Krieg musste indes mit einer Siegperspektive geführt werden, was damals nicht die Meinung von Berkeley und Fulbright war, sondern die der europäischen und amerikanischen Rechten. Natürlich gab es aber auch noch die Perspektive der Neutralisierung Deutschlands um 1952, worauf sich aber Adenauer aufgrund der damaligen weltpolitischen Risiken nicht verständigen wollte. Sein deutscher Nationalismus hatte ohnehin Grenzen, so wie sein Philosemitismus hauptsächlich den damaligen Machtverhältnissen geschuldet war, wie er im deutschen Fernsehen sich erlauben konnte noch wörtlich zu erklären.

Der Prager Frühling war aus der Sicht der damaligen demokratischen Rechten in Westeuropa vor allem mal der Zusammenbruch des Kartenhauses der Illusionen betreffend "Entspannungspolitik" sowie "Wandel durch Annäherung".

Was Ota Sik und Gesinnungsgenossen in der Schweiz betraf, war die damalige Asylsituation eine radikal andere als heute. Trotzdem wollten sich damalige Vertreter der Schweizer nationalen Rechten, die ich gut kannte und deren Vordenker James Schwarzenbach ich als bedeutenden Intellektuellen respektierte, nicht entblöden, Sik und andere als 5. Kolonne des Ostblocks zu denunzieren, ein lächerlicher Vorwurf, insofern Agenten unter den Flüchtlingen hauptsächlich die Aufgabe hatten, diese selber auszuspionieren. Weitere kalte Krieger gingen in ihrem hysterischen Anti-Sowjetismus so weit, dass die Absetzung von Tolstoi-Filmen in Kinos und Fernsehen forderten, eine wirklich lächerliche russische Kollektivschuldthese bis zurück ins 19. Jahrhundert.

Selber hatte es Ota Sik nach meinem Wissen und meinen Kontakten absolut nicht mit den 68ern, war gewiss kein "Kulturmarxist" im heutigen Sinn. Seine Darlegungen der sozialistischen Wirtschaft waren auf eine Art vernichtend, wie es die Neue Zürcher Zeitung nie hingekriegt hätte. Ich erinnere mich noch, wie Sik einen Fünfjahresplan beschrieb, wo Helden der sozialistischen Arbeit mit Orwellschem Pferdefleiss den europäischen Bedarf an Stecknadeln für die nächsten 300 Jahre auf Vorrat zu befriedigen trachteten.

Es war damals nicht leicht, die richtige Strategie im Kalten Krieg zu finden. Aber es gab keine Alternative. Wenn es je in Ordnung war, Europa vom Nationalsozialismus zu befreien, so war das zwar leider sehr verschwommene Programm der Befreiung vom Kommunismus, welches zwar ohne genügende Überlegungen über das Nachher vonstatten ging, ohne Alternative und die politischen Überlegungen der Besten wert. Immer war aber klar, dass es dazu eines langen Atems bedurfte. Selber pflegte ich damals noch guten Kontakt mit christlich orientierten Kreisen in der DDR, Polen und in der Tschechoslowakei. Noch wichtiger als der Prager Frühling wurde die Wahl von Karol Woityla zum Papst Johannes Paul II.

Maiordomus
21. August 2018 15:21

PS, Nicht der Prager Frühling, sondern dessen Unterdrückung bedeuteten natürlich den Zusammenbruch des Kartenhauses der Illusionen im Herbst 1968. Die kalten Krieger waren es, "sie", welche lächerlicherweise die Absetzung von Tolstoi-Filmen forderten.

RMH
21. August 2018 18:30

Gramscis Thesen als Schablone für eine rechte "Revolution"?

Ich denke, damit macht man es sich doch etwas zu einfach, in einer Gesellschaft, die gerade durchgequirlt wird, wie keine andere und was Anfang des 20. Jhdts für durch die Bank eher "homogene" Nationalstaaten postuliert wurde (und bereits damals nicht verifiziert wurde), muss in einem 21 Jhdt., mit seiner Massenmigration von vollkommen unterschiedlichsten Kulturen, seinen neuen Informationstechnologien und Medien etc., noch lange nicht gelten bzw. nicht das letzte Wort sein. Überhaupt widerstrebt es mir, mich diesen idealistischen/ marxistischen Gesetzmäßigkeiten, wie sich was, wann, wo zu entwickeln habe, anzuschließen. Genau darin liegt doch der Murks bei Marx, dass er einen blendet mit seiner Kapitalismusanalyse und -kritik und dann quasi meint, aus Gegebenheiten die Zukunft vorhersagen zu können. Das ist alles bislang unbewiesene Esoterik - Esoterik in fast reiner Form, die ja auch meint, Mikrokosmos- Makrokosmos- Vorhersagen genau treffen zu können und mittels Magie beeinflussen zu können (ähnlich magisches Denken ist auch bei den Linken - unbewusst - vorhanden. Offenbar auch bei manchen Rechten).

Was am Prager Frühling für mich - und sicher für viele andere auch - bleibt ist, dass er die Dolchstoßlegende aller Sozialdemokraten und Sozialisten war und ist und dass er als Alibi für ihre pöbelhaften sozialistischen Umtriebe ("mit menschlichem Antlitz" - ein Widerspruch in sich!) dienen sollte, nachdem der Stalinismus den Kommunismus gehörig desavouiert hatte - dabei ist der Stalinismus nicht irgendeine Entartung einer reinen Lehre, wie es die Linken immer wieder glauben machen wollen, sondern recht logisch und ausnahmsweise auch einmal vorhersehbar, wenn man die Linien Marx, Engels, Lenin weiterentwickelt. Mit dem Prager Frühling hat man einen Mythos geschaffen - hätten die schon genannten geostrategischen Interessen nicht einen Strich durch die Rechnung gemacht, was wäre denn bei dem "Experiment" heraus gekommen?
Entweder ein roll-back von alleine oder aber vielleicht ein kleines, sozialdemokratisches Musterländle à la Schweden, welches letztlich aber doch kapitalistisch durch und durch ist und welches dem Globalismus völlig anheim gefallen wäre. Die Tschechen und Slowaken können im Nachhinein eigentlich fast froh sein, dass es damals nicht geklappt hat. Ihre heutige, restriktive Migrationspolitik wäre aus meiner Sicht undenkbar, wenn diese Sozialdemokratisierung damals weiter voran gegangen wäre.

Überhaupt kam und kommt es mir immer sehr verdächtig vor, dass der Prager Frühling von den Linken und Kulturmarxisten so sehr auf den Schild gehoben wurde und wird, aber die echten Volksaufstände in der DDR und Ungarn, ja auch der spätere polnische Widerstand in den 80er-Jahren, so gerne unter das Mäntelchen der Historie und des Vergessens geschoben werden. Evtl. liegt es auch daran, dass diese Revolten deutlichere nationale Charakterzüge aufzeigten und damit nicht so gut in den globalistischen Ansatz der Sozialisten passten, wie die Vorgänge in der ehem. CSSR.

"Sozialismus mit menschlichem Antlitz" - ist es nicht das, dieses Mantra des was-auch-immer "menschlichen Antlitzes", was uns heute von den One-World-Predigern verkauft werden soll? Alle Menschen werden Brüder und niemand hat die Absicht, einen Anderen auszubeuten ... (das ich nicht lache ...).

Benedikt Kaiser
22. August 2018 09:28

@RHM:

Evtl. liegt es auch daran, dass diese Revolten deutlichere nationale Charakterzüge aufzeigten und damit nicht so gut in den globalistischen Ansatz der Sozialisten passten, wie die Vorgänge in der ehem. CSSR.

Es verblüfft mich doch bisweilen, daß es hier Gäste gibt, die die Kommentarspalte für eigene Co-Texte nutzen, dabei jedoch am Ursprungstext, über den unterhalb diskutiert werden sollte, vollständig vorbei argumentieren. Hätten Sie den Aufsatz aufmerksam gelesen, so wäre just diese These von Ihnen gar nicht notwendig gewesen, denn das, was bei uns als »Prager Frühling« firmiert, wurde im damaligen Tschechien, und, jedenfalls zum Teil, auch in der Slowakei, als genuin nationales Phänomen verstanden, darauf bezog sich eben auch der Name im Volksmund: »obrodný proces«, d. h.: Prozeß der Wiedergeburt (einer Nation, in diesem Falle). Doch dazu weiteres im oben stehenden Artikel.

RMH
22. August 2018 10:00

@Bendikt Kaiser,

mein Kommentar bezog sich im Vergleich zu den bisher veröffentlichen m.M.n. noch mit am meisten auf den Text, den ich bereits im gedruckten Heft gelesen hatte und seine Stoßrichtigung. Da ich diese Stoßrichtigung (Gramsci) aber nicht teile, gibt es jetzt ihren Beitrag (ohne Rechtfertigung von Gramsci, dafür aber mit dem Vorwurf mangelnder Lektüre an mich?)?

Ich habe mich ergänzend auf die Rezeption im Westen bezogen (die Sie ja auch nicht unerwähnt lassen) und nicht darauf, wie die Slowaken und Tschechen die Vorgänge empfunden haben. Das diese das Thema national gesehen haben, ist unstreitig - global vermarktet wurde es aber von den Internationalisten unter der Marke für einen angeblich möglichen Sozialismus mit menschlichem Antlitz, was meiner Meinung nach eben ein Widerspruch in sich ist, da der Mensch ein soziales Wesen aber kein sozialistisches ist. Sie selber schreiben in Ihrem Beitrag ja auch, dass die Linke das Nationale am Prager Frühling quasi komplett ausblendet. Die Vorgänge in Prag halte ich aber für nicht rollenmodelltauglich, schon gar nicht für Deutschland im 21. Jhdt. - offenbar im Gegensatz zu Ihnen. So ist das eben, mit den Kommentaren, es sind immer auch welche dabei, die punktuell anderer Auffassung sind. Im Übrigen teile ich aber sehr oft ihre Meinungen und Ansätze, insbesondere das Aufgreifen von Themen wie der sozialen Frage.

Maiordomus
22. August 2018 10:31

@Kaiser. Ihre Analyse ist auf einem Niveau, das Ich Ihnen aufgrund Ihres Jahrgangs nicht ohne weiteres zugetraut hätte, vgl. auch Ihre Ausführungen über Ota Sik, der zum jüdischen Flügel der (ursprünglichen) tschechischen Kommunisten gehört hatte, wobei sein sog. 3. Weg natürlich von den real entwickelten Verhältnissen einer stark verstaatlichten kommunistischen Wirtschaft ausging, welche nicht allzu abrupt weder umgewendet werden durften noch entsprechend umgewendet werden konnten. Man muss ja auch sehen, wie das Beispiel Russland zeigt, dass die Abschaffung des Sozialismus ohne weiteres in ein System von Finanzoligarchen übergehen kann, davon scheint Ota Sik eine Ahnung gehabt zu haben.

Das Schwärmen aber vom Reformkommunismus u.a. auch nach dem sog. jugoslawischen Vorbild haben wir Konservative und Liberalkonservative von 1968 stets mit kritischen Argumenten zurückgewiesen. Der "Prager Frühling" war aber für die damals aufkommenden Kulturmarxisten eine Art Erlösungserlebnis, es war vielleicht der erste nichtschweinische und nichtkriminelle Kommunismus der neueren Geschichte. Für das eigene gute Gewissen also höchst wegweisend. Für dieses gute Gewissen der Linken hat der Prager Frühling noch heute eine ideologische Funktion, was die bei Kaiser erwähnte Verschlagwortung "Prager Frühling" bei den "transatlantischen" Linksparteilern zu illustrieren scheint.

Dass @Kaiser die obige Debatte, über die persönlichen Reminiszenzen an Ota Sik hinaus, die ich in Ihrem Sinn mir anzumerken getraute, zum Teil ausserhalb Ihrer analytisch hochstehenden Artikels verlief, ist anfänglichen Wortmeldungen geschuldet, die sich zum Teil wie Rechtfertigungen der Sowjetinvasion lasen. Auch sehen Sie, @Kaiser, richtig, dass dem Prager Frühling mehr in Tschechien als in der Slowakei eine Art Kulturrevolution vorausging, einerseits mit der berühmten Kafka-Konferenz, die 1968 auch im Westen von antikommunistischen Analytikern rege diskutiert wurde, andererseits gab es in Tschechien damals eine sehr bedeutende Erneuerung des Filmwesens, welche prinzipiell auf einen Einbruch der Zensurwesens angewiesen war bzw. ohne mehr geistige Freiheit nicht möglich geworden wäre. Man muss in diesem Sinn zugeben, dass Reformkommunismus 1968 in Tschechien mehr als ein Schlagwort war und zumal die Hoffnung der sogenannten Kulturschaffenden. Für das Volk war aber das Nationale zweifellos weit bedeutender, was nicht zuletzt über die Identifikation mit der tschechischen Eishockey-Nationalmannschaft seinen Ausdruck fand, mit entsprechenden Weiterungen in politischen Demonstrationen. Auch die mir bekannten tschechischen Oppositionellen von damals mit christlichem Hintergrund, auch die entsprechenden Slowaken, dachten weit mehr national als "reformkommunistisch", was ja faktisch nur ein Versuch war, siehe Sik, als sogenannten Dritten Weg einen nichtkatastrophischen Wandel zu einem mehr offenen Wirtschaftssystem zu bewerkstelligen.

Die Selbstmordaktionen von Ian Pallach und anderen haben wir Rechten von 1968 meistenteils nicht gutgeheissen. Das Opfer des Lebens sollte nicht für eine Propaganda durch die Tat geleistet werden, sondern für die langfristige Befreiungsarbeit, wobei allenfalls auch bewaffneter direkter Kampf gegen den Unterdrücker im Einzelfall und langfristig nicht ausgeschlossen war.

Zu Kaisers Schlussfolgerungen, die heutige Rechte betreffend. Im Hinblick auf einen kulturellen Aufbruch in der Art desjenigen von Tschechien 1968 sind die rechten geistigen Bewegungen von heute, bei aller Anerkennung von fast nur in kleinen Kreisen wirksamen Nischenprodukten wie dem Antaios-Verlag oder dem Kopp-Verlag, nicht annähernd in der Lage, dem in der Tat beeindruckenden metapolitischen kulturellen Prager Frühling von ca. 1965 - 1969 Paroli zu bieten. Dabei hat jedoch vor und um 1989 Vaclav Havel in Sachen geistigem Format die früheren Repräsentanten des linkskulturellen Prager Frühlings jedoch noch weit übertroffen. Ein rechter Havel ist in Westeuropa aber weit und breit nicht in Sicht.

Der_Juergen
22. August 2018 13:33

@Maiordomus

Zu den "anfänglichen Wortmeldungen, die sich zum Teil wie eine Rechtfertigung der Sowjetinvasion lesen", zählen Sie sicherlich auch die meine. Ich halte fest, dass ich den sowjetischen Einmarsch weder "rechtfertige" noch "verurteile", weil das eine wie das andere Ausdruck einer moralisierenden Position wäre. Mir ging es darum, dass Moskau VON SEINEM STANDPUNKT AUS keine andere Wahl hatte, als einzugreifen, weil die CSSR sich sonst rasch demokratisiert hätte, der Funke auf andere Staaten des Ostblocks übergesprungen wäre und dem Warschauer Pakt hierdurch der Zerfall gedroht hätte. Natürlich wäre die Nato rasch in dieses Vakuum vorgestossen. Dies konnte die sowjetische Regierung unmöglich dulden.

Man sollte das Handeln einer Regierung danach beurteilen, ob es den Interessen des betreffenden Staates dient. Dies war von sowjetischer Warte 1968 zweifellos der Fall. Natürlich bescherte die Aggression den Russen enorme Scherereien auf internationalem Parkett und schadete ihrem Ansehen gewaltig, aber die Alternative wäre, immer noch aus Moskauer Sicht, sehr viel schlimmer gewesen.

Man muss den Sowjets auch zugute halten, dass sie, im Gegensatz zu Ungarn 1956, in der Tschechoslowakei keine blutige Repression veranstalten und niemanden aufhängen liessen. Das war bereits ein grosser zivilisatorischer Fortschritt.

nietzschikus
23. August 2018 13:55

Ein sehr guter Beitrag. Mir ist als Junger bei Gesprächen mit 68ern immer wieder aufgefallen, wie politisch unbefleckt, leichtgläubig/naiv und teils sogar desinteressiert in einem tieferen Sinn diese waren. Auch empfand ich die Schilderungen immer wieder dahingehend verblüffend, dass man zwar meinte es wäre alles ziemlich eng/spießig gewesen, aber bei sehr genauen nachfragen, löste sich das immer wieder faktisch auf. Klar die Eltern störten sich an Freunden mit langen Haaren, der Rektor lies einen vorladen wegen etwas ... aber letztlich ist es immer nur bei Ermahnungen geblieben, die eher etwas väterlich/fürsorgliches hatten. Letztlich haben diese 68er dann doch ihren eigenen Kram gemacht. Diese angebliche Enge war bedeutend freier, im Vergleich mit dem was man der heutigen jungen Generation zubilligt - zumindest wenn es nicht nur um konsumorientierten Individualismus (d.h. Hedonismus) geht. Die Kindheitsschilderungen waren objektiv größtenteils extrem idyllisch. Ich habe deswegen immer wieder die Frage gestellt, gegen was habt ihr eigentlich wirklich opponiert? Die Leute haben mich dann immer wieder erstaunt angeschaut. Die Antwort war eigentlich keine politische, sondern rein eine des "Lebensgefühls". Man fand die Musik und Kleidung klasse. That's it.

Neuerdings frage ich mich in diesem Zusammenhang auch, ob sich damals nicht schon der eigentliche Konsumismus der 68er zeigte: amerikanische Klamotten + Musik. Heute ist das Kaufspektrum einfach nur breiter aufgestellt & mit Ablasssiegeln gebüßt und geweiht.

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Wenn meine Diagnose stimmen sollte, hat dies allerdings auch weiterreichende Konsequenzen für unseren heutigen Weg. #1: insbesondere Musik müsste eine viel größere Rolle spielen, um emotional eine Neuorientierung zu initiieren. Da leider zu viele Mitbürger leider Schafe sind, ist das der Schlüssel zu einer größeren Massentauglichkeit. #2: diese Massentauglichkeit muss für den Erfolg zum Glück wenig politisch eingefärbt sein. Entscheidend ist ein heimatliches Lebensgefühl (siehe bspw.: Andreas Gabalier). #3: die Linken sind heute in der Regel total langweilig / schwunglos / konformistisch, d.h. für die Jugend wäre also die Anschlussfähigkeit gegenüber einer solchen Gegenkultur vielversprechend. Vielleicht könnte ja Musikwettbewerbe hier Schwung initiieren??

@Maiordomus: haben sich vor einiger Zeit nicht die Schweizer Sezessions-Leser in Aarau zuzusammengefunden? Wäre ein Wiederaufleben nicht sinnvoll?

@der_juergen: Widerspruch => ihre geopolitische Blickwinkel erscheint mir sehr verkürzt, weil ihre Diagnose der "Alternativlosigkeit" voraussetzt, dass es in der UDSSR nicht massive Verwerfungen und Reformbedarf gab. Ich glaube im Gegenteil, dass es geopolitisch für die Machthaber sehr attraktiv gewesen wäre, sich langfristiger zu orientieren und anzupassen.

Stil-Bluete
23. August 2018 17:16

@ nietzschikuss
(Ich häng Ihnen mal als Huldigung ein klitzekleines 's' an.)

Den Prager Frühling habe ich wirklich & wahrhaftig bis zum bitteren Ende, als man uns wegen verweigerterUnterschrift gegen den Einmarsch von der Humboldt-Uni jagte, miterlebt. Echt!

Dass Sie nun vorangehen und sagen, wir sollten weniger politisch werden - ich interpretiere einfach mal -, weil die Forderung der Linken die der Politisierung war -, freut mich.

Ich erinnre mich an endlose Diskussionen, Reflexionen Pragreisen - ohne Konequenzen.

Kritisch sehe ich heute auch die Rolle von Ota Shik. Die Rolle der Prager gegenüber Loyalitätsbekundungen aus deutschen Landen, fraglich In den Topf derNazis, der immer noch vor sich hinköchelte, wurden wir geworfen. Und was hatten wir für Sympathie, Empathie für sie. (Die Meisten werden es wissen: Die Tschechoslowakei wurde erst durch den Versailler Frieden geschaffen).

Maiordomus
23. August 2018 19:57

@Was wissen Sie wirklich von Sik? Wie die Tschechoslowakei zustande kam, erklärte er ungefähr gleich wie Sie. Noch wichtig bei den Erinnerungen an den sog. "Sozialismus mit menschlichem Gesicht". Das meistverwendete Symbol war die Flagge des Landes. Natürlich meinte Grillparzer aber auch jenes Land, als er vom Weg der neuen Bildung von der Humanität zur Nationalität zur Bestialität sprach. Der jüdischstämmige Sik war gewiss kein Nationalist. Umgekehrt habe ich die Zwangspolitisierung von Studenten, von Linken erzwängt, stets abgelehnt, hätte unter solchen Bedingungen auch nicht unterschrieben.

RMH
23. August 2018 22:19

@Maiordomus,
schön, dass Sie das Grillparzer-Zitat bringen, welches das Schicksal K.u.K. Österreichs vorhersagte. Die Linken haben diesen Spruch doch glatt in "Nationalität ohne Humanität ist Bestialität" verdreht und werben damit.

Maiordomus
24. August 2018 09:26

@RMH. Für mich war Grillparzer seit je auch einer der bedeutendsten und besonnensten politischen Denker in der Geschichte Europas. Ihn zu kennen und gelesen zu haben erspart Dutzende von Modephilosophen und Ideologen. In seiner Nähe ist auch Stifter anzusiedeln, notabene der deutsche Dichter des Böhmerwaldes, womit wir wieder nahe beim Thema wären. Sik war für seine Generation wichtig und bedeutsam, Grillparzer und Stifter für mehr als ein Jahrhundert, was man auf tschechisch-deutscher Seite auch Kafka zugestehen muss. Der Verweis auf die Kafka-Tagung von 1963 ist nicht nur ein Glanzpunkt von Kaisers Artikel, er gehörte auch in die Geschichtsbücher.

Max
25. August 2018 13:54

Im Unterschied zu den Tschechen war die Opposition in der DDR noch 1989 erstaunlich prosozialistisch. Ich war damals im Sommer durch die SU gereist, und hatte alles mögliche Samisdat-Zeug von dort mit nach Hause gebracht, und ging dann mit ein paar charakteristischen Übersetzungen davon zur Umweltbibliothek, ob sie die nicht veröffentlichen wollen. Lehnten sie ab, mit der Begründung, "sie suchen eigentlich nach neuen Sozialismus-Modellen". Nun, die suchen sie vermutlich auch heute noch.

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